Donnerstag, 14.12.2017
Die Mehrheit als Sekte – Die Bundestagswahl

Wie ich einmal Chris Dercon beinahe ein Angebot gemacht hätte

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»Die Sekte, das ist der soziale Boden, auf dem Reinheitsgebote und Orthodoxie erblühen – bei der Mehrheit der Bevölkerung nur zu fühlbar als die Unduldsamkeit, die keinerlei Einwände gegen den status quo aushält (…); die ›intolerance of ambiguity‹, die den eigenen Zweifel so fürchten kann, dass sie den Anlass für Zweifel ausspeit und sich selbst borniert macht, sich alltäglich dogmatisiert.«

Diese Sätze des politischen Psychologen und radikalen Gesellschaftskritikers Peter Brückner (1922-1982) markierten den Ausgangspunkt für diese Kolumne, die vor etwas mehr als einem Jahr startete. Brücker entwickelte in den 1970er Jahren das Paradox der »Mehrheit als Sekte«.
Bekanntlich sind Sekten Minderheiten. Was aber, wenn sich eine ganze Gesellschaft so aufführt und konstituiert als wäre sie eine Sekte? Abgekapselt gegen die Wirklichkeit, unduldsam gegen Abweichler, zwanghaft auf Angstbilder fixiert, um ihre eigenen Ängste im Zaum zu halten? Brückner beschrieb den Zustand der bürgerlichen Gesellschaft, in der das Gemeinsame immer auch das Trennende ist, was nichts anderes ist als der sinnbildliche Ausdruck für Konkurrenz. Je umfassender diese Gesellschaft voranschreitet, desto unglücklicher ist sie mit sich selbst. Fortschritt und Zerfall fallen in eins. Brückners Überlegungen sind vierzig Jahre alt, aber sie dienten dieser Kolumne als Leitfaden:

Kolumne_02»Wer die Gründe fürs Zerbröseln (des politischen Koordinatensystems) sucht, darf nicht da suchen, wo sich lautstark darüber beklagt wird – im Politikbetrieb. Wer dessen Getöse ausblendet, wird darauf stoßen, dass sich hinter dem politischen Wirrwarr keine zerfallende, sondern vielmehr eine über-integrierte Gesellschaft abzeichnet« – das war der Anspruch dieser Kolumne.
Mit der Bundestagswahl endet sie. »Neues vom Dauerzustand« (Wolfgang Pohrt) wird es aber auch in Zukunft zu berichten geben.

Kurz vor der Sommerpause war es soweit: Ich war drauf und dran, Chris Dercon, dem unbeliebtesten Volksbühnen-Chef aller Zeiten, ein Angebot zu unterbreiten. Kontrazyklisch. Wo alle, die irgendwas »mit Theater machen« auf Dercon draufschlugen, wo die Castorf-Nostalgie noch mal hysterisch aufloderte, wo klar war, auf welcher Seite man zu stehen hat, ergaben sich für die künstlerische Avantgarde plötzlich ganz neue Perspektiven: Nämlich die, schon jetzt auf Dercon zu setzen und all die Theorie-als-Kunst- und Lecture-Performance-Flausen, die man so im Kopf hat, zusammenzukehren und sie ihm anbieten, denn was Besseres würde Dercon derzeit nicht bekommen.

Kolumne_04Dann würde ich absahnen. Der Rest der Meute käme ja sowieso, wenn Dercon erstmal etabliert wäre, ich wäre dann schon oben.

Aber wie das so ist mit den guten Ideen: Man hat sie nie alleine. Als ich meine teuflische Strategie einem Kollegen auseinandersetzte, stieg der gar nicht auf den Spaß ein, sondern nickte bloß ernst: Daran habe er auch schon gedacht, um ein Haar hätte er Dercon auf einem »Event«, auf dem dieser mutterseelenallein herumstand, angesprochen. Schiere Schüchternheit verhinderte den Karrieresprung.
Als ich einem anderen Freund von meinem Plan erzählte, kam sogar nur ein augenzwinkerndes Abwinken: Wenn Du wüsstest, wer sich bei Dercon schon beworben hat … Es folgte eine stattliche Aufzählung von Glücksrittern des Kulturbetriebs. Vielleicht bestand der harte Kern der Volksbühnen-Besetzer einfach aus den Leuten, die zu spät dran waren, sich bei Dercon zu bewerben?

Viel, sehr viel ist über die Volksbühnen-Besetzung geschrieben worden. Viele, sehr viele namhafte Leute haben sich dazu geäußert. Man muss sich, zumal als Außenstehender, da nicht einreihen. Die Presse war bigott – wie immer (Tenor: Kampf gegen Gentrifizierung ist ja schön und gut, aber doch nicht in einem Theater … als würden eben diese Journalisten die Besetzung eines, sagen wir, Neubaukomplexes kurz vor dem Bezug als mutige und richtige Aktion gegen Gentrifizierung bejubeln); die linksliberale/sozialdemokratische Stadtverwaltung lavierte herum – wie immer, wenn das Praktische in die Politik einbricht. Und die Besetzer schienen spätestens nach dem Besetzungswochenende vom 23./24.9. in ihren Verlautbarungen immer demütiger und vorsichtiger zu werden. Das war für eine Hausbesetzung, de facto wohl eher die Beschlagnahme des Foyers, dann doch ein ganz neuer Stil.

Was hat die Volksbühnen-Besetzung mit der Bundestagswahl zu tun? Augenscheinlich nur dies: Die Besetzer schafften es, einen Tag vor der Wahl, also in buchstäblich letzter Minute etwas ganz anderes auf die Agenda zu setzen: die Konfrontation der Berliner Republik mit hartem Aktionismus; die Identität von künstlerischer und politischer Praxis; die Außerkraftsetzung von demokratischen Spielregeln (nach Meinung aller so ziemlich das Schlimmste, was derzeit in Deutschland passieren kann) … aber in emanzipatorischer Absicht.
Nur zur Erinnerung: »Eine Revolution ist gewiß das autoritärste Ding, das es gibt; sie ist der Akt, durch den ein Teil der Bevölkerung dem anderen Teil seinen Willen vermittels Gewehren, Bajonetten und Kanonen, also mit denkbar autoritärsten Mitteln aufzwingt; und die siegreiche Partei muß, wenn sie nicht umsonst gekämpft haben will, dieser Herrschaft Dauer verleihen durch den Schrecken, den ihre Waffen den Reaktionären einflößen«, schrieb Friedrich Engels 1872.

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Eine Revolution war diese Besetzung natürlich nicht, noch nicht mal ein Probehandeln in revolutionärer Absicht, aber doch zumindest ein Akt der offensiven Unfreundlichkeit gegenüber gewissen Zuständen, der ziemlichen vielen ein ziemlich breites Grinsen ins Gesicht zauberte. An dieser prinzipiellen Intervention ändert auch nichts, dass die Besetzer offensichtlich alles daran setzten, niemandem unfreundlich gegenüber zu treten, auch Chris Dercon nicht.
Die Besetzung war also ein Tag vor der Wahl eine Erinnerung daran, dass reale Konflikte sich nicht in den Bahnen bewegen, die die Rituale der Wahlen, Parlamente und Interessensausgleichssysteme vorsehen. Daran ist festzuhalten. Denn viel sprach schon im Wahlkampf und noch mehr spricht nach dem Einzug der AfD ins Parlament, der bei den anderen Parteien einen Rechtsruck bewirken wird, dafür, dass der sogenannte Linksradikalismus zu einem neuen Feindbild aufgestiegen ist. Damit ist zwar auch die Szene selbst gemeint, die aber in den letzten 20, 25 Jahren insgesamt deutlich geschrumpft und außerhalb von einigen Vierteln in Leipzig, Hamburg und Berlin kaum noch aktionsfähig ist (hinter vorgehaltener Hand wird Ihnen das jeder Verfassungsschützer bestätigen). Aber vor allem sollen durch die staatlich-mediale Drohkulisse potentielle Fliehkräfte gar nicht erst zur Entfaltung kommen. Solche Fliehkräfte setzte die Volksbühnen-Besetzung frei, vielleicht nur für ein verlängertes Wochenende, aber immerhin.

Kolumne_06Um es klar zu sagen: Es gilt, sich vom Fetisch (oder doch eher Popanz) »AfD« nicht kirre machen zu lassen. Eine Verschärfung innenpolitischer Zustände, die für die Leiharbeiter, die Prekären, die Mini-Jobber, die Illegalen und Zwangsarbeiter (selbstverständlich gibt es Zwangsarbeitsverhältnisse auch in Deutschland!) schon lange spürbar sind, geht nicht von der AfD aus, auch wenn sie diese Verschärfung, wenn sie könnte, ungebrochen und mit eindeutiger völkischer Komponente selber betreiben würde, sondern von den Parteien, die sich gegen die AfD zu einer ganz großen antifaschistischen Koalition zusammengeschlossen haben. Das soll niemanden abhalten, weiterhin fleißig gegen die AfD und ihre identitären Ableger zu protestieren, aber es dringend geboten, darauf zu achten, mit welchen Schweinereien die anderen Parteien im Windschatten der Anti-AfD-Stimmung ungeschoren davonkommen. Die AfD verkörpert jedenfalls keine neue Norm deutscher Politik.

Gegen diese Angstlust, auf die AfD zu starren, behauptete die Volksbühnen-Besetzung die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit einer realen sozialen Kraft – und sei es bloß für einen Tag.

Behaupten ist allerdings in der doppelten Bedeutung des Wortes zu verstehen: im Sinne von Selbstbehauptung, aber auch als ungedeckte Aussage, sogar als Vorspiegelung nicht ganz richtiger Tatsachen. Das Misstrauen, das den Kulturlinken (gerade) auch innerhalb des gesamten linken Spektrums entgegenschlägt, äußert sich ja in dieser Frage:
Ist eure Radikalität nur eine Behauptung?
Wie verbindlich seid ihr?
Wir langfristig denkt ihr?
Wie umfassend ist eure Strategie zur Veränderung der Gesellschaft?
Wollt ihr überhaupt etwas ändern oder alle einfach nur zum Quatschen und Kinderschminken einladen?
Was ist, wenn mitten in euer Autonomie-Spektakel das Angebot der Gegenseite einschlägt: ein Stipendium hier; eine kuratorische Assistenz dort … Wer würde da nicht schwach?

Der Zorn, den Dercon auf sich gezogen hat, besteht nicht nur darin, dass er die Vaporisierung politischer Konflikte und gesellschaftlicher Gegensätze, wie sie sich eben auch im Kulturbetrieb reproduzieren, in ein Geflecht (Netzwerk!) aus Posten und Pöstchen, aus Gastspielen und globalen Kooperationen betreibt; der Zorn ist vor allem Abwehrzauber. Denn was Dercon – angeblich! – besonders konsequent betreibt, ist letztlich nur der Arbeitsmodus jedes Kulturbetriebs.

Zum Abschluss noch ein Blick auf die Wahlergebnisse: Das interessanteste erzielte die Linkspartei. Sie verlor nämlich sehr viele Stimmen – im Osten, ihrem Stammland, das sie an die AfD verliert. Gleichzeitig konnte sie diesen Verlust durch Stimmgewinne im Westen mehr als nur kompensieren, sie erzielte im Vergleich zu den Wahlen von 2013 eine halbe Millionen Stimmen mehr und zwar kaum in den dortigen Arbeiter- und Armenquartieren, sondern vor allem in den dynamischen, aufstrebenden Interkulti-Vierteln der Studenten, Hipster und jüngeren Bildungsbürger. Überspitzt könnte man sagen: Die Besetzer der Volksbühne waren die Avantgarde eines Milieus, das seine Bewährungsprobe noch vor sich hat: Wie werden wir mit dem Druck umgehen, der im Zuge des Rechtsrucks in den nächsten Jahren auf Linke ausgeübt wird? Sind wir bereit, auf Konfrontation umzuschalten und Kämpfe um kollektiv geteilte (Stadt-)Räume länger als eine Woche durchzustehen? Und wer geht ans Telefon, wenn Chris Dercon doch noch anruft?

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