Sonntag, 19.11.2017
Mein peinlichstes Sommererlebnis

Wie ich einmal fast den Hausmeister gekillt hätte

29. Juni 2017,

Extreme Peinlichkeiten sind immer auch schöne Anekdoten, ja sogar Attraktionen. Zumindest sofern man sie übersteht – denn der Terminus “vor Scham sterben” ist nicht bloß eine Floskel, sondern manchmal auch ein echter Befund. Die Autorin Meike Molch ist diesem Schicksal gerade noch mal von der Schippe gesprungen und hat als Therapie nun ihr peinlichstes Erlebnis für kaput niedergeschrieben. Es fängt dabei alles ganz harmlos an – mit einer Hummel …

20170629_114700_resizedEs gibt peinliche Erlebnisse, die so intensiv sind, dass sie körperlich weh tun, auch nach Jahren noch. Heute ereignete sich so eines, in dessen Verlauf ich beinah den Hausmeister umgebracht hätte.
Während draußen noch diskutiert wird, ob dies der heißeste Junitag seit Beginn der Wetteraufzeichnungen ist, verirrt sich eine Hummel in mein Treppenhaus. Sie ist groß und sympathisch wie ein fliegender Hamster. Leider droht sie nun den Hitzetod zu sterben. Meine Fangversuche mit Glas und Postkarte beeindrucken das Tier nur wenig; es tobt sich lieber am Dachfenster aus. Glücklicherweise besitzt das Fenster einen elektrischen Öffner. Der ist zwar an einem Kästchen angebracht, auf dem „Rauchabzug“ steht und ich habe ihn noch nie ausprobiert, aber hey, die liebe Hummel!

Ich drücke also den Knopf, auf dem ein grüner Pfeil nach oben zeigt. Ein kurzer Triumph, als das Fenster tatsächlich aufgeht und die Hummel begeistert in den Himmel stößt. Dann geht das Piepen los. Der scheiß Knopf hat den Feueralarm ausgelöst. Beim zweiten Knopf, der das Fenster wieder schließen soll (grüner Pfeil nach unten) handelte es sich offenbar um eine Attrappe. Kein Problem, es piept zwar der Alarm, aber auf dem Kästchen steht ja die Servicenummer der Firma, die die Rauchmelder-Fenster-Kombination wartet. Panischer Anruf. Es meldet sich ein sichtlich genervter Rentner „Nee, jute Frau, de Firma Borde sitzt in Österreisch, da müssense schon de Vorwahl für Österreisch wählen“. Panischer Anruf in Österreich. Nach Minuten in der Warteschleife erfahre ich, dass dort keiner zuständig ist, das Kästchen muss von meiner Hausverwaltung geöffnet und ein darin befindlicher Hebel umgelegt werden, um den Alarm zum Verstummen zu bringen. Anruf bei meinem Hausverwalter, der wissen will, warum ich mich am Brandschutzfenster zu schaffen mache. Nach einigem Hin und Her willigt er immerhin ein, die Vermieterin herbeizurufen (sie wohnt in einer anderen Stadt).

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Zweieinhalb Stunden später – der piepsende Alarm ist inzwischen in ein konstantes Schrillen übergegangen – höre ich, wie im Treppenhaus jemand am Kästchen kratzt und finde meinen Nachbarn, der mit einem riesigen Schlüsselbund daran herumschraubt. Jaja, die Vermieterin sei schon angekommen, erfahre ich, wollte aber nicht die Treppen zum Dachfenster (fünfter Stock Altbau) hinaufsteigen. Kein Problem, ich schleiche schuldbewusst nach unten und bin dann doch ziemlich überrascht, statt der Vermieterin einen deutlich über 200kg wiegenden älteren Herren im Treppenhaus zu finden: der bis dato noch nie in Erscheinung getretene Hausmeister. Nun gut, die Anwesenheit von kompetentem Fachpersonal ist ja immer sehr beruhigend. Wieder sage ich betreten meinen Text auf, wie ich versucht hatte, das Fenster per Knopfdruck zu öffnen. Jetzt kommt auch der Nachbar von oben herunter – das Kästchen aber bleibt verschlossen. Erneuter Anruf bei der Hausverwaltung. Wir erfahren, dass entweder der Elektriker oder der Dachdecker oder die Firma Borde oder niemand davon zuständig sei, aber egal, Nummern liegen dem Hausverwalter leider ohnehin keine vor. „Wat het de Frau Molch auch am Fenster zu suchen? Dat is ene Brandschutzfenster!“ höre ich durch das Handy am Ohr des schwitzenden Hausmeisters. Die Haustür geht auf, die Vermieterin kommt hinzu, bestückt mit einem dicken Leitzordner. Nach weiterem Suchen kann sie bestätigen, dass es keine passende Servicenummer und auch keinen Schlüssel zum Kästchen gibt. Inzwischen ist es fast fünf, und alle Betriebe haben Feierabend. Wir müssen die Sache wohl selbst in die Hand nehmen. „Ich kann da nicht hoch, ich bin herzkrank und wurde grade am Herzen operiert!“ sagt der Hausmeister und zeigt anklagend nach oben, während ich immer tiefer im Boden versinken möchte und mir bereits vorstelle, wie der arme Mann tot im Treppenhaus zusammenbricht, weil – die blöde Hummel…

Kurze Beratung über vorhandenes Werkzeug, dann bricht der Tross nach oben auf. Ängstlich beobachte ich den herzkranken Hausmeister, der sich das Treppenhaus hinaufwuchtet. Oben angekommen, ist das Kästchen immer noch verschlossen, der Alarm gellt, das Fenster steht sperrangelweit offen, und erste Unwetterwarnungen gehen ein. Kurzerhand zertrümmert der Hausmeister die Kästchentür mit einem Hammer. Endlich, der Alarm verstummt! Bleibt allerdings noch das weiterhin geöffnete Dachfenster.
Eine Leiter wird herbeigeschafft, und der Hausmeister steigt das am Schlund des Treppenhauses wankende Gestell hinauf. In einem Balanceakt in drei Meter Höhe versucht er vergeblich, das Fenster zuzuziehen. Es hilft nichts, jetzt muss die Vermieterin aufs Dach steigen und von außen mitarbeiten. Meine Scham ist inzwischen ins Unermessliche gestiegen. Natürlich lässt sich das Fenster nicht einfach schließen, die Hydraulik ist verklemmt. Um die Geschichte zum Ende zu bringen: auch das Fenster gibt erst nach, als sein elektrischer Hebemechanismus mit einem kräftigen Ruck herausgebrochen wird.

Die Bilanz: ein zerstörter Rauchabzug, ein zerstörtes Dachfenster, Kosten für Handwerker und Reparatur. Aber hey, die Hummel ist gerettet!

PS: Liebe Frau Vermieterin, falls Sie das hier lesen: Ich bin Ihnen sehr, sehr dankbar für das beherzte Eingreifen und wollte wirklich nur kurz lüften!

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