Freitag, 22.06.2018
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Jede Woche ein Rant. Heute… Romantisierte Gewalt

13. Juni 2018,

Wer in Bezug auf Internet-Humor nicht aufpasst, bleibt irgendwann vielleicht doch bei Willy Nachdenklich, oder Tattoofrei oder – WLAN, bewahre – bei dem moralischen Postkarten-Opa Barbara hängen. Um möglichst vielen dieses Schicksal zu ersparen, haben wir bei kaput keine Mühen gescheut und das Autorinnen-Kollektiv des geilsten Facebook-Portal überzeugt, uns regelmäßig Content zu überweisen. Es geht um den Feelgood-Hass, der unter dem Banner “Jeden Tag ein Rant” steht. Bei uns nun eben einmal die Woche, für mehr sind wir zu alt. Thema diesmal: Romantisierte Gewalt? Geht’s noch!

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Ich habe neulich aus Versehen einen Film geschaut, der ging in etwa so: In abgelegenen Dorf wohnt junge Frau mit körperlicher Behinderung, die sich von ihrer Familie emanzipieren will und deshalb als Haushaltshilfe bei übellaunigem alleinstehendem Fischer einzieht. Der Film (und das Leben der beiden) besteht dann weiter hauptsächlich aus Szenen, in denen er sie mies behandelt, ach nee, misshandelt: Chronisch aggressiv beschimpft er sie, macht sie klein, schlägt sie, vergewaltigt sie, nimmt ihr das verdiente Geld ab und sie als Person generell nicht für voll.
Er sagt Sätze wie „Erst komme hier ich, dann die Hunde, dann die Hühner und dann du“ oder, wenn sie sich nach dem Sex (lies: Vergewaltigung) an ihn kuscheln will: „Mit sowas fangen wir hier nicht an, sonst steck ich ihn lieber in einen Baum.“ (Kinopublikum lacht)
Ein unnormal stabiles Arschloch also. Normal ist dann aber leider wieder ihre Reaktion: Er meint das nicht so, das war eine Ausnahme, er ist doch *eigentlich* ein Guter, ich brauche ihn ja auch, also bleibt sie bei ihm, erduldet alles, sagt nichts – so weit, so normal, so scheiße.
Offenbar ist in diesem Film pro Protagonist ein lichter Moment vorgesehen: *SIE* hat diesen, als sie ihn nach 20 Jahren verlässt und bei einer Freundin einzieht. (@Regisseur: Wenn du einen guten Film gemacht hättest, wäre sie bei der Freundin wohnen geblieben, hätte sich mit guten Menschen umgeben, viel Wein gesoffen, geraucht, gelesen, geliebt und gefickt und wäre irgendwann gestorben. Da du aber leider einen schlechten Film gedreht hast, lässt sie sich nach 2 Tagen von ihm breit schlagen, wieder zurück zu kommen, weil, er braucht sie ja, erklärt er ihr und schaut ihr tief in die Augen und ist mindestens 20 Minuten nicht grausam und zack, da merkt sie, dass sie ihn ja auch braucht, er braucht sie und sie braucht ihn, der Kinosaal seufzt und weint vor Zufriedenheit auf und ich möchte Wein saufen und sterben.)
*ER* hat den lichten Moment dann an ihrem Sterbebett, da bemerkt er dann, huuuuuch, dass er sein ganzes Leben lang ein ganz schönes Arschloch war, upsi, und guckt ganz traurig und na klar, spätestens da verzeiht sie ihm alles weil jetzt ist er ja, wie er ~wirklich~ ist, ein richtig guter Typ, das wusste sie ja eh die ganze Zeit irgendwie so. Nein diggi, man ist nicht irgendwie wirklich in seinem Kern soundso blablabla, sondern so, wie du dich meistens verhältst, bist du ziemlich sicher auch.
Wenn dieser Film ein Einzelfall und das Ergebnis einer durchkoksten Nacht eines alternden Mackers mit ersten Erektionsproblemen wäre: Geschenkt. Es ist aber leider, ihr ahnt es schon, ein strukturelles Problem. Von Geschichten dieser Art gibt es Tausende, sie reproduzieren ein Narrativ, das uns spätestens im Kindergarten erreicht: „Der ärgert dich, weil er dich mag.“ „Ja, der kleine Nils hat dir gerade einen Stein an den Kopf geworfen und das tut sicher weh, aber guck mal, eigentlich macht er das, weil er dich super findet.“ Äh, HÄ? THX erstmal für das Beleidigen meines logischen Denkvermögens und THX fürs Weg ebnen von struktureller, misogyner und romantisierter Gewalt.
Es ist nicht romantisch, dass zwei Personen sich brauchen und nicht ohne einander können. Es ist nicht romantisch, dass eine Person eine andere fertig macht. Dass sich Personen gegenseitig fertig machen. Das ist keine Liebe ihr Luschen, das ist emotionale und leider oft auch materielle Abhängigkeit.
Romantisieren ist letztlich eine coping Strategie, die man einsetzt, wenn die vorgefundene Realität nicht mit den Erwartungen an die Welt übereinstimmt UND man kein Gefühl der Selbstwirksamkeit hat, also die Aussicht, an den Zuständen etwas ändern zu können. Das haben Frauen und andere marginalisierte Gruppen oft nicht, weil es ihnen systematisch genommen wird und weil sie es tatsächlich schwerer haben. Es ist aber möglich, davon handeln nur leider bislang zu wenig Geschichten. So wie Liebe sollte Romantik also nur dann stattfinden, wenn sie möglich aber nicht nötig ist: Ich brauche dich nicht, aber ich will mit dir zusammen sein. Eine hinreichende Bedingung, keine notwendige.
Zum Schluss noch das was Zugezogen Maskulin sagen: „Was bringt mir dein scheiß Ärztelied, wenn ich im Dreck liege und auf meine Fresse krieg? Schreie nach Liebe, ja geil, du bist schlau. Ich schrei zurück, denn Liebe will ich auch.“
Auf die Fresse zurück geht übrigens ganz unromantisch auch.

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