Samstag, 25.02.2017
Thomas Venker

„Nennt uns nicht Flüchtlinge!“

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Weiter weg von Deutschland kann man nicht mehr sein. Ich stehe auf einem Hügel im Nordwesten der Insel Vanua Levu , die zum Staatsterritorium von Fidschi gehört. Als Kind und Mickey Mouse Leser wurde ich früh aufgeklärt, dass, wenn man denn nur tief genug graben würde, man auf der anderen Seite der Welt herauskäme. Von Deutschland aus wäre das in Australien. Aber vielleicht schauffelt man ja auch leicht schief, und dann könnte man hier landen.

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Sade Marika

Vanua Levu liegt friedlich vor, neben und hinter mir, das Meer ist am Horizont ebenfalls zu sehen, und die Natur zirpt in der Abendsonne vor sich hin. Doch die Idylle, wenn sie denn je existierte, sie hat zuletzt Risse bekommen. Und Sade Marika, Dorfältester der Gemeinde Naviavia, vergrößert sie mit seiner Rede mit jeder Silbe. Sein Dorf sei schwer verunsichert, berichtet er mir. Denn die Kiribati, eine jener Inselnationen im Südpazifik, die vom Meeresanstieg bedroht sind, haben hier vor einiger Zeit von der Church of England (wie diese einst zu dem Land gekommen ist, gehört zu den düsteren Kapiteln der Missionarischen Welteroberung) Land gekauft. Offiziell um hier Landwirtschaft zu betreiben, inoffiziell ist aber bereits von Umsiedlung die Rede. Zwar haben sie bei einem Treffen betont, die Bewohner von Naviavia hätten nichts zu befürchten und könnten ohne Bedingungen ihr Land behalten. Aber die Angst im Kopf, sie breitet sich trotzdem aus. Die Ironie dabei: die Naviavia sind selbst hier erst vor einigen Generationen von den Salomonen hingekommen, als Sklaven der Kolonialmacht United Kingdom, die sich die Fidschis und weitere Teile des Südpazifik angeeignet hat.

Tja, und so stehe ich kaum eine Woche nach den Berliner Wahlen und dem zweiten großen AFD Erfolg in Deutschland binnen kurzer Zeit also am anderen Ende der Welt und erlebe hier den gleichen Scheiß aus Ängsten, Vorurteilen und Aggressionen zwischen den Menschen:
Mein Land, dein Land – und ganz sicher nicht unser gemeinsames Land.

Es ist der Anfang einer Reise durch den Südpazifik, auf der ich viele Menschen treffen werde, deren gewohnte Existenz vom Klimawandel bedroht ist und die sich, ob sie wollen oder nicht mit Umsiedlungsgedanken beschäftigen müssen. In der Regel, das eint sie alle, bedeutet das primär ein kategorisches: „Wir wollen unser Land nicht verlassen!“
So betonen alle, egal ob Vertreter der Politik, der Kirche oder normale Bevölkerung, dass man nicht bereit sei, die Heimat aufzugeben wegen eines Prozesses, den nicht sie verursacht hätten, sondern die westlichen Industrienationen und ihre auf Raubbau und kapitalistische Maximierung basierende Lebensweise. An jedem Tisch, an dem ich währen der drei Reisewochen sitze, wird mit großen Augen das Einhalten der in Paris bei der COP21 getroffenen Vereinbahrung eingeklagt, ganz so, als ob die Reduzierung der Erderwärmung auf 1,5 Grad wirklich mit absoluter Sicherheit nochmals das Rad der Naturgeschichte zurück drehen könnte. Aber so ist das mit Hoffnung im Reich der Hoffnungslosen – und mit jedem Recht der Welt natürlich, denn es nicht zu versuchen, würde einer Kapitulation gleichkommen.

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Tafue Lusama

Der Satz, der mich am meisten beeindruckt hat, kam dabei von Reverend Tafue Lusama von der Church of Tuvalu: „Nennt uns nicht Klimaflüchtlinge! Wir sind keine Flüchtlinge. Wir bevorzugen den Begriff klimabedingte Migranten!“
Natürlich versteht man sofort, was er damit meint. Es geht um die Betonung der eigenen Unschuld. Was, wenn man es mal sacken lässt, umgehend die Frage aufwirft, was denn dann Syrier zu Flüchtlingen macht und nicht Kriegbedingten Migranten. Es sind setzende Worte und damit verbundenen Gefühle und deshalb muss man das gar nicht groß vergleichend analysieren, sondern einfach nur respektieren und seine darauf aufbauenden Ableitungen für den Umgang mit jeglichen Flüchtlingen ziehen:

Wer sind wir, dass wir uns anmaßen können, diese Leute zu klassifizieren, egal woher sie kommen und was den Ausschlag dafür gibt?

Woher nehmen wir unsere kultivierte Arroganz im Miteinander mit ihnen, die sich ja allein schon in einer Begriffzuschreibung wie Flüchtling oder in einem Prozessdefinition wie Integration ausdrückt, wo es doch idealweise darum gehen müsste, Zuschreibung zu finden, die wirklich den Gedanken des gemeinsam definierten neuen sozialen Raumes betonen würden und des auf Augenhöhe miteinander zu stehens dabei?

Wir wissen zwar alle, wie schrecklich es aktuell in Syrien aussieht, doch wer zeigt uns die Bilder, wie diese Menschen davor gelebt haben, damit wir endlich verstehen, dass sie etwas aufgeben mussten – und eben nicht, wie wir es in unserer westlichen Großkotzigkeit und mit der weltmeisterlichen Fähigkeit uns als den Nabel der Welt zu fühlen annehmen, als Flucht hin in unser gelobtes Land.

Im Südpazifik habe ich gelernt, dass der Westen für die Bewohner der Inselstaaten keinesweges ein gelobtes Land ist. Er liegt dort im Süden und Südosten und trägt die Namen Australien und Neuseeland und behandelt die Migranten aus Staaten wie Tuvalu wie Aussässige; nachdem sie zuvor gnadenlos auf Gesundheitswerte und Lebensperspektive untersucht wurden und – trotz einer jährlichen Aufnahmegarantie, die anderes im Sinne hatte – nur die vielversprechendsten genommen wurden. In Neuseeland, so berichtet mir Sailosi Ramatu , der Dorfälteste von Vunidogoloa, dem ersten weltweit aufgrund des Klimawandels umgesiedelten Dorfes, würden sie hinter dem Flughafen in Wellington in einer Siedlung abseits der normalen Wohngebiete der Einheimischen untergebracht. Von „Migration auf Augenhöhe“, die sich Tafue Lusama erträumt, ist keine Spur.

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Fialupe Solomona, Velma O´Brien und Raijeli Isala

 

Wohin das führt, erlebe ich in einer Schule in Tuvalu, wo wir ins Gespräch mit den drei zwischen 13 und 14 Jahren alten Schülerinnen Fialupe Solomona, Velma O´Brien und Raijeli Isala kommen. Zwei davon mit Migrationsbedingten Familienerfahrungen in Neuseeland – die die Familien wieder zurück in das schwer vom Klimawandel bedrohte Tuvalu geführt haben, dessen höchster Inselpunkt gerade mal 4 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Aber fehlende Communityeinbindung, die Absenz von der für sie so wichtigen natürlichen Umgebung und vor allem die Art und Weise, mit denen ihnen begegnet wurde, hat sie zu diesem dramastischen Schritt bewogen. Und so erzählen die Kids – nicht ohne zu grinsen und die Worte ironisch zu brechen, denn warum sollen die Teenager hier nicht wie die Teenager überall auf der Welt verhalten dürfen? –, was ihnen die Eltern eingetrichtert haben:

„Wir verlassen unseere Heimat nicht!“
„Wir sind stolz auf Tuvalu!“
„ Wir sterben lieber hier, als dass wir in Neuseeland wie minderwertige Menschen behandelt werden!“

Da steht einiges zum Nachdenken im Raum. Und dann plötzlich auch ein sehr krasser kleiner Satz: „Bitte nicht falsch verstehen, aber wir sind ja nicht wie die Afrikaner Flüchtlinge ohne Hab und Gut. Wir haben eine Heimat, ein Zuhause.“

So funktioniert das hierarchische Spiel eben: einer fühlt sich immer besser als die anderen.

Womit wir wieder auf dem Berg in Savusazu stehen bei Sade Marika. Die Sonne ist mittlerweile fast ganz untergegangen. Von den positiven Stimmen aus seinem Dorf, eingebracht von jenen Bewohnern, die eine Chance in der Annäherung zwischen ihrem Dorf Naviavia und den potentiell neuen Nachbarn aus Kiribati sehen und die sogar bereits soweit gehen, von gemischten Beziehungen zu sprechen, will er nichts hören. Angst ist eben ein schlechter Ratgeber.

Mit die ersten Bilder nach meiner Rückkehr wurden in Dresden produziert und zeigten, was sich die AFD so am Tag der Deutschen Einheit für Gedanken macht. Wie man es von ihr erwarten kann: keine besonders schönen.
Man wünscht sich, sie würden auch mal ein Loch in die Erde bohren, so tief, dass auch sie sie auf der anderen Seite der Welt rauskommen. Statt permanent in ihren Kleinhirnen seltsame Projektionen der Welt zu erschaffen, würde es ihnen gut tun, den Dialog mit den Menschen auf den Fidschis, auf Tuvalu und in Syrien zu suchen – und so peu a peu ein bisschen mehr verstehen zu lernen, wie sich deren Leben anfühlen und wie sie sich an deren Stelle verhalten würden.
Denn wenn Menschen aus dem Südpazifik oder aus Syrien oder woher auch sonst sie sich auf eine so dramatische, lebensveränderte Reise begegeben müssen, wenn also diese Menschen sich am Ende dazu entschließen, sich auf den Weg zu begeben, dann dürfen wir alle nie vergessen: sie kommen nicht, um uns etwas zu nehmen, sondern da sie Zuhause alles verlieren.

 

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