Mittwoch, 23.05.2018
Linus Volkmann

PODCAST – Geil oder bloß Walter Freiwald 2.0?

Gefühlt hat sich 2018 die Zahl derer, die (meist) zu zweit ihre lockeren Gespräche für die Nachwelt bzw das Datennirwana mitschneiden mehr als verdoppelt. Joko und dieser Fotograf, alle bei dem Unternehmen “Mit Vergnügen“, Casper, Drangsal, der Goldige von Jennifer Rostock, Rockstah, Rocket Beans, Bokelberg etc. Ich versuche wirklich, überall mal reinzuhören. Wer unterhält, wer nervt mich? Doch während man einen Podcast gehört hat, sind schon wieder drei neue gegründet worden. #hydra.

Eine Sache aber mal angemerkt – gerade wenn es um das Thema geht, mit seinem Podcast auch Geld zu verdienen. Fair enough.
Patreon, Flattr, eingespielte Werbejingles, Bannerwerbung – kann man machen.

Allerdings hat etwas anderes ziemlich Boden gut gemacht: Der Host erzählt einem bemüht lässig von seinem geilen Sponsor. Eine kleine awkward Ansprache über die Firma, die dafür Sachleistungen oder paar bestenfalls paar hundert Euro in das Podcast-Projekt reinwirft. Diese Vertreter-Werdung des Erzählers kann der Hörer heutzutage schon ab, mag der Gastgeber hoffen. Ist aber nicht so. Ich sag’s einfach mal … Wenn im Auftakt gleich irgendein Produkt hofiert wird, ekelt man sich ganz ganz schlimm vor euch. Punkt.

Ernsthaft, jede Kunst – auch die des Laberns – besitzt keinen Wert oder Ehre mehr, wenn tatsächlich Promo-Anliegen noch mit eigenen Worten versehen werden. Diese ganze Pseudo-Selbstverständlichkeit, mit der kurz darauf die persönlichen Storys geteilt werden, die ganze Indie-Influencer-von-Nebenan-Glaubwürdigkeit… alles weg.

Gerade auf so einem persönlichen Kanal wie Podcast wirkt es hässlich, wenn sich die Leute so willfährig zum schlecht bezahlten Testimonial ihrer Selbst machen lassen.

Richtig lauchmäßig wird es, wenn dabei auch noch selbsthypnotische Beteuerungen aufgefahren werden:
Der Internet-Versand sei nun mal wirklich toll, jenes Webshop-Package benutze man auch so gern privat, dieses Matcha-Teepulver würde man auch seiner Mutter schenken.

Alles erinnert daran, wie man als Kind Werbung aufgeschnappt hat und den salbungsvollen Duktus aus Scheiß nachplapperte. Nur hier halt komplett ohne Witz und total ernst gemeint.

Ich bestreite nicht, es hat einen Paradigmenwechsel im Marketing selbst gegeben: Anzeigenkunden möchten nicht mehr mit ihrer Anzeige neben der redaktionellen Story stehen, sondern am liebsten selbst die Story sein. Sonderwerbeformen sind die Folge. Sonderwerbeformen, denen es immer darum geht, die Grenze zwischen Inhalt und Anzeige zu verwischen.

Dass sich der geschäftige Freizeit-Talker ein paar Jahre nach dieser Umwälzung darum reißt, irgendwas in solche schwammigen Kackkontexte zu setzen, hätte ich mir allerdings dereinst in den finstersten Marketing-Meetings nicht ausgemalt.

Fazit: Podcasts mit beflissenem Werbeständchen vom Gastgeber als Entree sind peinlich. Die Leute, die das machen, sind Walter Freiwald 2.0. Man sollte das nicht hören. Es geht auch anders.

PS: Und da ich schon mal dabei bin… Wenn der Podcast von Stefan Niggemeier und Sarah Kuttner weiterhin seine Folgen mit der abgehalfterten Neo-Floskel „Wir müssen reden“ etikettiert, raste ich aus!

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