Mittwoch, 22.11.2017
Linus Volkmann

“Zuviel Hetze gegen Nazis!” Wie der Fake einer Band Kommentartrottel und den Bayrischen Rundfunk vorführt

Die Allgäuer Band Rainer Von Vielen wird von der ARD ausgeladen, bei der Eröffnungsbegegnung der deutschen Nationalmannschaft gegen die Ukraine zu spielen. Begründung: Sie würden zu offensichtlich gegen Nazis, Rassismus und Intoleranz hetzen. Dabei besitzen sie die Unterstützung von Herbert Grönemeyer, dem ihr Song sehr viel besser als seinen eigener vorkommt. Dass das Ganze ein offensichtlicher Fake war, geht in dem Shitstorm gegen öffentlich-rechtliche Zwangsabgabe beziehungsweise linksgrüne Arschlecker komplett unter. Diese Geschichte beweist, 2016 ist die Nachricht selbst nichts mehr wert, die einzige gültige Währung bloß noch: Empörung.

Backgroundinfos und anderer Kitsch
Was du brauchst im Showgeschäft, ist ein guter Name. Klar, wenn man es drauf und einen langen Atem hat, kann man auch mit der letzten Quatsch-Bezeichnung reüssieren. Beste Beispiele: Die Ärzte, Die Toten Hosen. Die haben es offensichtlich nicht wegen sondern trotz ihrer Bandnamen geschafft. Rainer Von Vielen indes – das kann man sich merken, das besitzt angenehmes Schmunzelpotenzial.
Mich persönlich begleitet diese Band mit jenem heiteren Namen schon ziemlich lange. Eine meiner allerfrühsten Rezensionen, die ich für Intro schreiben durfte, handelte über eben jene Rainer Von Vielen. Das war – nicht erschrecken – noch in den Neunzigern!
Danach tauchte die Band sporadisch in meiner Welt auf. Die Typen dazu stammen aus dem Allgäu und machen so funky Sprechgesang-Pop, der mir persönlich immer ein wenig zu „gut gemeint“ ist. Also nice guys, aber eben auch (vermutlich) kiffende Weltverbesserer. Eine stilistische Mischung aus Hans Söllner, Rage Against The Machine und Blumentopf. Wen das abholt, der bekommt einiges geboten. Für mich ist es eher nix.
Doch obwohl ich die Band also nicht aktiv verfolge, drängte sich Rainer Von Vielen diese Woche nachhaltig in meine Wahrnehmung. Sie haben den dauererregten Shitstorm-Mob auf Social-Media kongenial genutzt, um eine die Meldung ihres neuen Clips zu verbreiten.
Gut für Rainer Von Vielen, dass das geklappt hat. Jetzt haben signifikant mehr Leute mitbekommen, dass Ende des Monats ihr Song „Der größte Tag“ erscheinen wird. Mission accomplished. Doch ziemlich erschreckend, wenn man sich anschaut, warum ihr Posting so eine Reichweite erzielte.

vonvielenZur Sache, Schätzchen
Rainer Von Vielen haben kurz nach der Eröffnung der EM ein Posting auf Facebook gestellt. Auf jener Plattform besitzen die Musiker aus der Nähe von Kempten 16.000 Follower – und leiden dennoch wie alle anderen Bands darunter, dass sich Ankündigungen zu eigenen Produkten, Konzerten oder eben Songs nur mäßig verbreiten. Durchgedrehte Bilder (Rainer Von Vielen spielen Akkordeon im Regionalexpress) werden schon mal mit über hundert Likes honoriert, ansonsten bleibt die Interaktion oft im unteren Zweistelligen kleben. Nun ja, das ist eben Social-Media-Realität abseits von Cat Content oder Sponsored Posts.
Anders aber nun ihr Beitrag von diesem Wochenende: 265 Mal wurde es geteilt, dazu über 400 Likes und unzählige Kommentare.
Wie haben Sie das gemacht? Nun, der Aufhänger ist einfach ein Fake. Die Band berichtet im Text, wie die ARD ihr übel mitspielte und ihnen ein Konzert absagte, das die Band hätte auffahren sollen beim ersten Spiel der deutschen Nationalmannschaft in Frankreich. Die ebenfalls ausgedachte Begründung der Absage durch den Sender klingt genauso holprig wie bekloppt:

„Rainer Von Vielen wurde vorgeworfen, in Liedern zu deutlich gegen Nazis, Rassismus und Intoleranz zu hetzen.“

Das Gefühl, dass sich zu wenig gegen rechte Meinungsmache tut, kennt jeder, hier bekommt man (mal wieder) einen Schuldigen präsentiert. Die öffentlich rechtlichen Medien, alter Bekannter auf der virtuellen Strafbank. Hatte man es nicht immer geahnt! Das will man gern glauben, statt sich zu fragen, was für eine Veranstaltung das denn überhaupt sein sollte, von der Rainer Von Vielen ausgeladen wurden. Und mit Verlaub, ist nicht eher jemand wie Grönemeyer damit betraut, „Die Mannschaft“ zu besingen? Natürlich. Daher taucht auch jener in dieser Pressemeldungssatire auf. Und er schont dabei sein minderwertiges Musikwerk nicht. Im Gegenteil, ungewohnt selbstkritische Töne entgleiten dem Bochumer Artisten:

„Ich verstehe die ARD nicht. Der Song von Rainer von Vielen ist umso vieles besser als mein misslungenes ‚Jeder für Jeden‘. [Grönemeyers EM-Song]. Ich hätte es den Jungs gegönnt in Frankreich aufzutreten.“

Ach, wie viel besser wäre die Welt, wenn Herbert Grönemeyer so über seine scheintoten, bratwurstigen Auftragssongs spräche? Insofern stahlt aus dem ganzen Gag nicht weniger als auch ein kleines Stückchen Utopia. Dennoch (oder auch gerade deswegen) hält der Fake keiner näheren Betrachtung stand. Zu durchschaubar, zu abgedreht – und die Webadresse der Sportschau ist nun wirklich auch nicht www.vonvielen.de. Das alles kann so niemand ernst nehmen.
Möchte man meinen. Doch Netz-Community schert sich einen Dreck um die lästige Fliege der Realität. Sie möchte lieber ihre reaktionären Schmetterlinge steigen lassen – und so wird der Post einfach für echt gehalten und als Vehikel für diese Empörung 2.0 genutzt, die sich nie lange bitten lässt:

0-o 0-oo 0-ooi 0-ooij 0-ooiu

- „Zwangsabgabe!!!11“

-„links grüner arsch geleckt!“

-„Ich habe gar kein Fernseher, ich lehse lieber!!!“

0-ooiuzSo kennt man den sich stets erneuernden digitalen Mob, etwas verstörender ist allerdings, dass „Puls“, eine Jugendmarke des Bayrischen Rundfunks, die Meldung aufgreift und darüber selbst berichtet. Erst später fällt es ihnen auf und im „edit“ verlinkt man einen Artikel, der vor Fakes im Internet bewahren soll. Selbsttherapie, oder was? Als ergänzender Tipp jedenfalls sei noch genannt: Einfach mal alles durchlesen und nachdenken. Wirkt Wunder, liebe friends bei Puls.
Doch auch im Jahr zwei seit dem Durchbruch des Prinzip Postillion scheint immer noch wenig Misstrauen gegenüber seltsamen Schlagzeilen und fragwürdigen Quellen zu herrschen. Vermutlich geht es auch gar nicht mehr um die die Meldung als solche, sondern es geht darum, virtuell an einen Ort gebracht zu werden, an dem man seine missgünstige Meinung hinkotzen kann. Die Klick-Algorithmen forcieren dieses Spiel, reflexhafte Empörung als Interaktion ist mittlerweile ein probater Multiplikator im Netz.

Dass die daraus resultierende Kultur ein ziemlicher Alptraum ist, erlebt man tagtäglich auf den Sozialen Medien. News ohne Krawallfaktor besitzen keine Chance in der Aufmerksamkeitsökonomie, gehen komplett unter oder verbreiten sich einfach erst gar nicht.
Vielleicht sollten es wirklich andere Bands Rainer Von Vielen gleich tun. Einfach auch nur noch über phantasievolle Skandale mit ihren Anhängern kommunizieren. In der Hoffnung, dass dieses System durch Überbeanspruchung kollabiert. Allerdings geht diese Idee davon aus, dass auch die dauerfickerigen Profi-Empörten in den Kommentarspalten irgendwann genug davon haben, immer wieder ihre gleichen drei bis fünf unfreundlichen Gedanken in Diskussionen abzuladen.

Das zu denken, ist aber vermutlich noch naiver, als zu glauben, dass Herbert Grönemeyer öffentlich seine aktuelle Single als „misslungen“ bezeichnen würde.

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