Dienstag, 22.08.2017
Linus Volkmann

Schlimmer als Frei.Wild? Nieder mit SIDOs Heimat-Rap

Das ehemalige Aggro-Ferkelchen Paul Würdig alias SIDO dockte bei der GEZ an – und ließ sich buchen für einen Beitrag zur Heimat-Themenwoche auf der ARD. Auf Gebührendeckel. Statt in seinem Block chillt er jetzt scheinbar mit den Touris vor’m Reichstag, wie er einen wissen lässt. Aber das ist noch nicht alles.

„Du bist perfekt auf deine Art, fast genau wie ichs mag
Du bist die kleinen Gartenlauben und die Tauben im Park
Du bist der Kegelclub, der Dönermann, die wehenden Fahnen
Du bist die Banken und die Schranken, die verspätete Bahn
Du bist nie so ganz gerecht, trotzdem liebe ich dich echt“

Im Jahre 2015 und damit vor der Kulisse von Aufmärschen besorgter Bürger, Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte, der Verschärfung des Asylrechts ein erstaunliches mild- wie debiles Bild, das der ehemalige Gangster einem hier von Deutschland vermitteln möchte. SIDO macht mittlerweile so offensichtlich Musik, die beruhigen möchte statt zu agitieren, dass sich in den eigenen Widerwillen fast sogar ein bisschen Mitleid dazumischt. Fast! Denn gegen die affirmative Schlichtheit des bärtigen Clowns sind Schlagertexte ja noch Punk – und das, das ist einfach schon fahrlässig.„Die Wiese vor dem Reichstag“ – eine einzige Durchhalteparole, als hätte Heinz Rühmann wieder seinen Erbauungsstreifen “Quax, der Bruchpilot” am Start, als hätte Merkels Redenschreiber nach einer Lobotomie plötzlich, naja, „Rap“ entdeckt. Also wenn man dieses wohlfeile Gedudel allein musikalisch überhaupt noch dem armen Genre zuschieben kann.

Ach, SIDO. Warum werden Deine Konzerte eigentlich nicht geblockt von dem Anti-Frei-Wild-Konsens? Wenn der Patriotismus jener verfluchten Südtiroler sich mal so deutlich zeugen würde wie deiner, die hätten schon die Mistgabel im Arsch. Und zwar zu Recht. Doch es gibt so Leute, auf die kann man schlecht sauer sein. SIDO gehört dazu.
Sein Auftauchen markierte zudem einen Wendepunkt in deutschem HipHop, der nicht bloß szeneintern zur Maßgabe wurde. Viel mehr konnten es alle nicht fassen, wie Anfang der Nuller dieser gefährlich maskierte Typ da plötzlich gefährliche Lyrics über die Realitäten des Märkischen Viertels in Berlin raushaute. Lehrer begannen zu weinen und in Tateinheit mit Bushido war das ganze wohlfeile Gelaber von Massive Töne, Mr.Schnabel, Teflal & Jaleel, 5 Sterne Deluxe und der Fantas nichts mehr wert. Keinen Scheißdreck mehr. Alles out, alles aggro ab „Mein Block“. Punkt.
Mit diesem ersten Erfolg schmiegten sich die dann aber bereits die samtenen Tentakel der Vereinnahmung um SIDO. Erst noch vorsichtig, schließlich ging die Öffentlichkeit ja zu Anfang tatsächlich davon aus, dass dieser Typ möglicherweise geistesgestört sei und jeden Journalisten nach Gusto einfach erschießen würde –  und damit sogar durchkäme. Schließlich hatte er ja einen Hit UND war maskiert!

sdido

Breite Zustimmung aus auf YouTube

Doch dann geschah Triviales: Schnell allzu schnell gab SIDO die Maske auf, schien sie doch gar kein Ausdruck einer spektakulären Persönlichkeitsstörung sondern nur ein sichtbehinderndes Promo-Tool. Ein Promo-Tool, das seine Schuldigkeit getan hatte.
Der SIDO dahinter stellt einfach nur einen kiffender Rap-Comedian mit Rest-Charme dar.  So war SIDO im Kulturbetrieb nun ein gern gesehener Gast. Er verteilte reichlich Credibility an all die bedürftigen (noch viel uncooleren) TV-Promis. Dass er selbst gar keine mehr besaß, schien dabei niemand bemerken zu wollen.
Denn dass künstlerisch und vor allem textlich schon ganz lange kein Zug mehr von seinem Gleis geht, machte bereits der Pro-Familia-Song „Mama, macht die Augen auf“ mehr als deutlich.

SIDO war in kürzester Zeit nach „Mein Block“ bereit dazu gewesen, jegliche Subversion gegen Glasperlen zu tauschen. Ob als Juror bei „Popstars“ oder Grüß-August bei „TV Total“ oder nun als Deutschlands doofster Gartenzwerg in der ARD-Themenwoche … faszinierend ist eigentlich ausschließlich die Tatsache, dass es ihm gelingt, weiterhin als interessant, cool und deviant zu gelten. Nichts davon trifft zu. Er ist einfach ein C-Promi und Patriot mit Rap-Vergangenheit. Ein geläuterter Bürger, der weiß, dass das kulturelle Erbe der Deutschen nicht sein “Arschfick-Song” ist sondern irgendwas mit Goethe, Kaiser und Weltmeistertitel. Und der leider auch bereit ist, dieses Wissen und seine eigene Domestiziertheit in einem der schlimmsten Stücke des Jahres aufzuführen.
Es ist einfach nur traurig – und zwar „vom Bodensee bis aus den Deichrand“.

 

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