Dienstag, 12.12.2017
Linus Volkmann

“Häng dich auf!”, “Erschieß Dich!” Eine Postkarte aus dem Scheißesturm

Es begab sich rund um die Weihnachtszeit. Heimgereist backte ich mit Mutti Plätzchen und hörte festliche Lieder. Vor lauter Winterwonne (okay, es waren 10 Grad Plus) hatte ich vergessen, dass ich kurz davor noch meinen Text zur letzten Sendung “TV Total” an die vice übermittelt hatte. Doch das sollte mir bald wieder einfallen. Spätestens als sich die Push-Nachrichten von Unbekannten auf meinem Handy häuften. Ihr Credo: “Erhäng dich!” Oops, was war denn da geschehen?

Wir aßen Abendbrot – eine Mahlzeit, bei der man sofort weiß, dass man sich bei den Eltern befindet, weil man sie sonst nie an einem Tisch einnehmen würde. Unter jenem hielt ich das Handy. Second Screen ist natürlich daheim nicht erlaubt, aber wenn’s keiner merkt… So kam ich in den Genuss, mir oberhalb via Mutter die Krankengeschichten von alten Freunden und Verwandten abzuholen und mich unterhalb des Tischs von wildfremden Leuten in Textform anbrüllen zu lassen. Christmas extreme!
Doch ich bereue nichts. Es war meine freie Entscheidung und fester Wille, über das Ende von “TV Total” zu berichten. Als Raab-Follower verstehe ich mich seit dessen frühsten Anarcho-Aufwallungen bei VIVA – warum also nicht eine Einschätzung zu dem – meiner Meinung nach – um fünf Jahre zu spät kommenden Abgang aufstellen? Okay, in jenem Text gibt es für den Pro7-Metzger neben Respekt fürs Gesamtkunstwerk auch einiges einzustecken. Sein depressiv wirkender Sidekick Elton muss sich sogar folgende Zeile gefallen lassen:

„Ein Failed C-Promi, bei dem Tavor nicht anschlägt. Doch nun… nun ist er frei. Wie ein Hamster, den man im Wald aussetzt. Er wird seinen Weg finden – und mindestens einen sättigenden Kadaver für andere abgeben.“

Whatever
Die endgültige und vermutlich für alles spätere verantwortliche Zuspitzung erhält der Artikel allerdings durch die Überschrift:
„Aufhören, wenn’s allen zum Hals raushängt. Oder halt Jahre später. #raabschied“
Der Artikel läuft gut, wird geklickt und geteilt. Schließlich ist jener Raabschied Thema der Stunde. So erreicht er nun aber auch Raab Ultras, eine mir vorher nicht wirklich als solche erschienene Gruppierung. Seltsamerweise scheint ihr Hauptmerkmal dabei Humorlosigkeit zu sein. Als dann auch noch Elton den Artikel bei sich auf Facebook postet und über jenen klagt, ist es ganz aus. Die Pro7-Fans schwingen Fackeln und Mistgabeln und suchen einen Schuldigen. Einen Schuldigen dafür, dass ihr Lieblingsmoderator nach all den Jahren nun verschwindet und mit ihm ein großer Teil ihrer (lustigen?) Jugend – und einen Schuldigen dafür, dass Elton weint. Der sanfte Riese hat doch nun wirklich niemanden etwas getan und wenn er einsteckt, dann bitte nur durch seinen Stefan.
Die Masse findet also mich.
Was soll ich sagen… strange! Seit Jahren schreibe ich Artikel oder drehe Mini-Youtube-Filme, die teilweise für die Gemeinten viel ärgere Provokationen, ja, Ehrabschneidungen aufbieten als der jetzt losgerollte. Egal, das Faszinierende wie Erschreckende ist, dass ein Shitstorm bar jeder Relativierung oder gar Diskussion verläuft. Was in dem Text eigentlich steht, wird von Mail zu Mail egaler. Die Wut und die Chance, diese rauszulassen, sind das Thema eines solchen Movements. Es handelt sich also um eine Art selbstgerechte Aggressionstherapie. Die meisten schreiben sich dabei auf Facebook und unter dem Text bei vice in Rage. Dennoch versuchen auch sehr viele Leute via Facebook „Kontakt“ mit mir aufzunehmen. In der Nachrichten-Sektion mit der verdächtigen Bezeichnung „Gefiltert“ stapeln sie sich dann.

Die Trottel des Zorns
En bloc ist es erstmal erheiternd und unwirklich, soviel „gerechten Zorn“ über sich ausgegossen zu bekommen. In der Menge besitzt es allerdings auch etwas Unangenehmes, vermutlich weil alles so humorlos agiert. „Häng dich auf!“, „Erschieß dich!“ und das ganze Blabla drum herum.
Zum Glück ereilte dieser Scheißesturm einen Text, zu dem ich stehen kann und der sich durch die Empörung natürlich verbreitet wie Schnupfen. Schöner Effekt. Aber ich bekomme auf jeden Fall eine Ahnung, wie krass es sein muss, wenn man plötzlich in so einem Aggro-Deppen-Fokus steht und es nicht um einen provokanten Text geht, der seine Wirkung erzielt hat. Sondern weil man zum Beispiel versehentlich was Dummes oder Falsches geschrieben hat, für irgendwas in Sippenhaft genommen wird. Da wird‘s gruselig und richtig ungut. Bei dem zeitlich limitierten Ereignis (Raab dankt ab) indes ist klar, das hat keine Folgen und interessiert in einer Woche eh keinen mehr.
Dennoch möchte ich den bad vibe der Leute noch mal nutzen, um meine Kaput-Kolumne zu bestreiten. Exemplarisch seien dafür fünf Nachrichten angeführt. Bei dreien habe ich die Verfasser geschwärzt, bei den anderen beiden waren mir selbst die 30 Sekunden bei Paint zu schade. Wer solche Nachrichten schreibt, dessen Privacy muss ich jetzt nicht extra schützen.

 

gggMöchtergernautor ist natürlich bisschen lame, wenn es offensichtlich darum geht, dass einem der Inhalt nicht passt. Aber “hirnberaubt”, “abartig” und vor allem “Teufelsbrut Ihrer Eltern” versöhnt mich. Dieser Drift ins krankhaft Dämonische, der mir unterstellt wird, ist ja fast schon wieder schmeichelhaft.

 

gg3Ja, Blabla … zuviel Text … Das entzogene Like ist im Internet übrigens die offizielle (und noch zahnlosere) Entsprechung zur Floskel “Ich kündige mein Abo!”, die vor allem die Leserbriefseiten der Printmagazine kennen.

 

ggAbseits der unangenehmen Ansprache wundert hier natürlich der Vorwurf, ich würde Vice kaputt machen. Immerhin sechs Ausrufezeichen!!!!!! Raab und Elton, das hatte ich auf dem Zettel, aber da überschätzt AntiAlles UndJeden irgendwie die Macht eines einzige Beitrags einer Plattform, die täglich Dutzende hochschiebt.

 

gg1Hurensohn, Hipster, Schwuchtel, Erhäng dich. Hier ist alles drin, was in eine Hate-Mail muss. Kompakt, klar, asozial.

 

ggggAuch zuviel Text natürlich, als gäbe es wirklich etwas auszutauschen. Shitstorm ist Krieg und kein Kaffeekränzchen. Aber ich mag hier so gern, dass er konkret wird und sich mokiert, dass ein “TV Gigant mit einer Oma” verglichen wurde. Doch trotz dieser immensen Übertretung aller Grenzen verlangt der neue Brieffreund nicht die Abschaffung der Pressefreiheit. Es gibt auch noch schöne Momente in der Scheiße…

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