Dienstag, 25.04.2017
Linus Volkmann

Sommer! Sonne! Musik! Warum ich nicht gern auf Festivals gehe

Das Hurricane! Das Nature One! Das Haldern! Das Highfield! Das Fick am Bach!
Der Festivalsommer hat seinen absoluten Höhepunkt erreicht. Flunkyball, die Telekom-Stage, das Zelt, die Autobahn durch den Osten. Und alle müssen mit. Ja, sag mal, geht’s noch?

Die Kackfrage – Dixi ist keine Lösung
Einst schon von Max Goldt als wichtiger Parameter für jede Urlaubsreise aufgebracht, ist sie beim Festival noch zentraler. Kann sie irgendwo bei einem Raver-Auftrieb am Weiher nahe Zwönitz in Sachsen wirklich beherrscht werden? Nein! Ein Wahnsinn also, sich unter diesen Umständen überhaupt auf den Weg zu machen.
Sicherlich kann man zu Anfang der mehrtägigen Veranstaltungen mehrere Imodium-Akut-Tabletten nehmen – ich weiß, wie es läuft, ich habe das lange Zeit auch so gehandhabt – aber auch ohne eine offizielle ärztliche Ausbildung dürfte klar sein, das kann nicht gesundheitsfördernd sein.

Kurze Hosen
Männer, die im Sommer kurze Hosen tragen, haben keine Ehre.

Der Spaß-Imperativ
Gemeinhin gelten Zwangs-Ekstasen der Art „Mainz, wie es singt und lacht“ oder Club-Urlaub mit Animation als die letzten Auffangbecken für Idioten, bloß bei Festivals erträgt selbst die eigene Peer-Group dieses Instant-Gute-Laune-Verdikt: “Seid ihr alle gut drauf?!” Dagegen wirkt Massenhypnose noch individuell. Die Seifenblasenknarre zielt auf alle: “Hoch die Hände, es ist Festivalwochenende!”
“Die Open-Air-Saison ist einzig Werbung für die Welt, wie sie ist.“ (Adorno)

Sehnsuchtsort: Soziale Vereinsamung
Ist doch eigentlich super, wenn alle Deine Freunde damit beschäftigt sind, sich total verkeimt die Hipster-Rentner-Rockgruppe alt-J anzusehen. Da hat man mehr Zeit, um daheim zu lesen und/oder zu onanieren. Alle haben Eis (lies: Festivals) gern? Eben nicht!

Kommerz
Ja, das weiß jeder und das will eh keiner hören. In einen Rant gegen Festivals gehört aber dennoch hinein: Der Fundamental-Ekel vor der Vereinnahmung von Jugend- und Subkultur durch Marken, Sponsoren und deiner Mudder. Dieser omniproäsente Aspekt wird einem in jedem Magazin-Artikel zum Thema rausredigiert. Weil Converse, Jägermeister, Bench und die selbstverordnete Begeisterung, sobald irgendeiner nur das Wort “Festival” rülpst, es verbieten. Aber bei Kaput, der kommunistischen Plattform, kann ich es sagen: Es gibt keinen Künstler, der auf etwas spielt, das „die Samsung Stage“ oder dergleichen heißt, für den ich noch einen Funken Achtung aufbringen würde. Nichts hast Du für mich, Künstler der Samsung Stage. Dance the EZB. In Fußballstadien gab es wenigstens noch Katzenjammer, als das Volksparkstadion plötzlich AOL-Arena hieß oder das Waldstadion in Frankfurt nach der Commerzbank benannt wurde. 11 Freunde und andere einflussreiche Ewiggestrige haben gekotzt. Bei Festivals hingegen gibt es ja streng genommen gar nichts zu verteidigen. Es war schon immer so (scheiße).

Sheldon-Cooper-764x418Draußen
Allein bereits dieser Kult um Leute, die am liebsten (und das möglichst schon seit ihrer Kindheit) draußen sind. Grillen, Frisbee, auf dem Mäuerchen hocken – „und seht nur, der schnuckelige Italiener hat wieder seine zerschlissenen Gartentische vor seinen Laden direkt neben die parkenden Autos gestellt, wir können draußen essen!“
Euch kaputten Kunden sei gesagt: Jetzt mögt ihr in der Mitte der Gesellschaft am Lagerfeuer im Park sitzen und komische Dämpfe einatmen… Aber der neue Mensch, das ist der Nerd – Stichwort „Big Bang Theory“. Feinste Computerbräune und essen nur Bringdienst. Das wird alles irgendwann verpflichtend, wenn die Welt den Nerds komplett gehört. Mir ist es heute schon recht.
Lang lebe der Stubenhocker, die Stubenhockerin!

Terror
Einzig legitimer Grund, sich den mückenstichigen Outdoor-Scheiß anzutun: Als Symbol dafür, dass man sich nicht seine freie Welt kaputt machen lässt von unterfickten Testosteronbombern mit religiösem Hintergrund. Wer sich die Open-Air-Strapazen also deshalb gibt, hat meinen Segen. Aber wirklich auch nur dann!

Das Wetter
Zu heiß, zu kalt oder zu nass.

Der, der einmal früher vom Melt! abreiste
Zehn Jahre bin ich zum Melt nach Gräfenhainichen gependelt. Alle anderen hatten Burn-Outs, Unpässlichkeiten, Operationen, Geburten oder Tod vorzuschützen, um zumindest einmal, ein einziges Mal, auszusetzen. Ich habe es ohne Pause mitgemacht und stumpf das Toilettenpapier in meiner Tasche gestreichelt, um mich zu beruhigen – und um vor Ort unter den „Baggern“ nicht den Verstand zu verlieren.
Doch der Gott des Festivalbetriebs hat sehr wohl gemerkt, dass ich ihm zwar regelmäßig Opfer bringe, aber dass ich es nicht fühle. Daher hob es an, mich zu strafen einst. Und als ich mich einmal schon nach der ersten vernichtenden Nacht davonschlich wie ein Dieb, kündete er es der ganzen Besuchermeute. Mein Abzug nach Westen blieb daher nicht unbemerkt, im Gegenteil – und fortan galt ich bei Freunden, Feinden und Fremden nur noch als der, der einmal früher vom Melt abreiste. “Der, der mit dem Wolf tanzt” ist ein Dreck gegen diesen Spitznamen, den ich abbekam. Ich kann bis heute die Aufregung nicht verstehen. Es scheint mir eher bemerkenswert, wenn man ein ganzes Festival durchhält.

Hologramme
Die Irritation, dass live nun schon tote Künstler wie 2Pac als Hologramm in ein Live-Konzert projiziert werden können, war vor paar Jahren groß. Ich sehe darin eine Perspektive vor allem für die lebenden Besucher. Man selbst ist im Matsch beim Rock im Park – aber eben nur kurz per Hologramm und kann jederzeit wieder raus (zum Beispiel dann, wenn eine der vielen, vielen furchtbaren Bands spielt). Was das allein auch CO2 einspart!

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Zelten
Wenn man nicht mehr 10 ist, ist das Quatsch. Streng genommen auch schon davor.

Gebietsschutz und Scheißbands
Ich bin ja kein Idiot, natürlich hasse ich am meisten diese feisten Riesen-Events wie Rock am Ring. Ein sich wieder und wieder reproduzierendes Line-Up aus der Hölle und den Charts der 90er. Wie selbstverständlich stehen auch bei den allermeisten Festivals zu 90 Prozent Männer und Männerbands auf der Bühne. Das Ganze erfüllt sich als gigantomanische Schwanzparade -wer sich in diesem Angebot wiederfindet, hat mein vollstes Mitgefühl (lies: Verachtung).

Thomas Venker von Kaput
Eine seiner bekanntesten Lebensleistungen ist es, besonders oft auf die „geilsten“ Festivals eingeladen zu werden. Weltweit! Ja, klar. Aber frage dich: Wenn Thomas Venker vom Hochhaus springt, springst du dann hinterher? Na, also!

 

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