Samstag, 18.11.2017
Thomas Venker

Für den kollektiven Widerstand

Statt immer nur dagegen zu sein, heute mal eine Kolumne, die absolut dafür ist – und zwar für den kollektiven Widerstand.

Es geht um den vom Zentrum für politische Schönheit im Rahmen ihrer Aktion “Die Toten kommen” veranstalteten “Marsch der Entschlossenen”. Dieser führte, nachdem ein Protest vor dem Bundeskanzleramt verboten wurde, vor den Deutschen Bundestag.

Ich bin mir bis jetzt nicht so ganz sicher, was ich von der Kunst-Aktion des Zentrums halten soll, Tote zu exhumieren und vom Süden Europas nach Berlin zu transportieren – und ob man das dann wirklich Kunst nennen sollte. Was aber zählt, ist, dass es dem Zentrum für politische Schönheit damit gelungen ist, massiv Impulse der Nachdenklichkeit in der breiten Öffentlichkeit zu setzen. In einer Öffentlichkeit, die größtenteils noch immer negiert, dass das generelle Elend der Flüchtlinge, die unerträglichen Todesfälle und der Menschenunwürdige Umgang mit diesen Toten kein Problem der EU-Außengrenze und dortigen Bevölkerung ist, sondern ein zentral europäisches Problem.
Der “Marsch der Entschlossenen” war insofern ein Marsch in die Wohnzimmer der Deutschen (und anderen Europäer). Die mehr als 100 ausgehobenen Gräber ein deutliches Zeichen, dem sich niemand entziehen kann: Der Politische Betrieb muss sich endlich des Auftrags bewusst sein, die Flüchtlingspolitik der EU humanitär zu lösen.
Die Lektion, die das Zentrum für Politische Kunst hier erteilt, lautet aber auch: die europäischen Bürger müssen mitarbeiten, dass die Politik diese Dringlichkeit versteht. Ohne ihren immer wieder vehement zum Ausdruck gebrachten Auftrag geht es leider nicht.

Die Frage, ob das nun noch Kunst ist, interessiert mich ehrlich gesagt im Moment nicht wesentlich. Viel mehr ärgert es mich, dass dies scheinbar der einzige Weg ist, mit den notwendigen Mitteln Aufmerksamkeit zu generieren, ohne dass es juristisch als ziviler Widerstand abgelegt werden kann.

Nein, das war kein ziviler Widerstand, das war ein Akt kollektiver Artikulation im Geiste der Aufklärung, für den man dem Zentrum für Politische Kunst dankbar sein muss. Und wenn man sich die Bild-Schlagzeile danach anschaut, “TAUSENDE EURO SCHADEN – Demonstranten zerpflügen Reichstags-Wiese”, dann dürfte jedem klar sein, dass es noch ein langer Weg ist und es vieler solcher Aktionen bedarf, bis die aufgeklärte und humanitär einzig anerkennbare Position in der Flüchtlingspolitik Konsens sein wird.

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