Donnerstag, 19.10.2017
Thomas Venker

Gegen zu viele Djs und für die Unendlichkeit des Pops

Ich bin nun schon seit einigen Tagen vom Primavera Festival zurück, und wie das so ist, wenn man an drei Tagen verdichtet Musik wahrgenommen hat, man sucht viele dieser Momente noch mal auf, gräbt sich tiefer in Musiken ein und reflektiert dabei das Erlebte.

Keine neue Erkennntnis dabei, aber wieder als extrem störend empfunden, waren die viel zu kurzen (wenn guten) DJ Sets. Und man fragt sich schon, warum dem so sein muss. All die Festivals in dieser Größenordnung sind doch sowieso schon eine herrliche Überforderung mit den vielen Bühnen und den hunderten von Künstlern. Dagegen will ich mich auch gar nicht gegen ereifern, nein, absolut nicht, diese rauschhafte Überforderung ist irgendwie sogar toll.

Was mich aber extrem stört, ist, dass man angesichts von so vielen Bühnen auch noch meint, dass die Djs Sets an sich tight gehalten werden müssen. Warum noch mal? Weil ein Dj am besten ist, wenn er nur 60 oder 90 Minuten auflegt?

Nein, dem ist nun wirklich nicht so. Gerade für weiße, europäische Djs, deren Auflegskills in der Regel – ich bin bereit für den großen Aufschrei – nicht wirklich mehr als Fade-rein-Fade-raus-Auflegen zulassen, bedeutet das ja rein rechnerisch, dass sie gerade mal zwischen 10 und 15 Platten auflegen können. Nicht genug für den großen Bogen und das, wo es spannend wird, egal ob man nun relativ konventionell auflegt oder eben manisch, gewagt, eigenwillig… Und bei jenen, die zu jener Spezies gehören, die zu verweben vermögen, was anderen nur widerborstig erscheint, da kommt man just dann eben im ersehnten Rausch der Musik an, wenn es abrupt auch schon wieder vorbei sind muss.

Djs wie Andrew Weatherhall, John Talabot oder Christian S will man doch nicht bei einem Boxen-Stopp beobachten, von ihnen will man durch die Nacht geführt werden oder zumindest durch ein paar Stunden. Das muss doch bei der Menge an Bühnen und Künstlern, die so schon über das Festival getrieben werden, auch drin sein – ist ja auch billiger für die Festivalmacher, aber pssssttttt.

Normalerweise wäre die Kolumne hier für heute zu Ende, aber da mir im Sportstudio die Samstagsausgabe der unerträglichen Die Welt umsonst zugesteckt wurde, und deswegen jetzt beim Schreiben deren Feuilleton vor mir liegt und somit die Frage, die der Autor und Schriftsteller Burkhard Spinnen sich angesichts des Auftrages, das Fleetwood Mac Konzert in Köln zu besprechen, stellte, geht es noch ein bisschen weiter.

Also, die Frage, die sich Spinnen stellte, lautete: „Darf man im Alter zu einem Konzert, das Jugenderinnerungen stören könnte?“ Dazu muss dann doch noch was gesagt werden, auch wenn der Text nicht so schlimm wurde, wie ich es befürchtet hatte. Man durfte eher teilhaben an der Traurigkeit eines Menschen, der sein Leben tatsächlich sehr früh in die Jahre „emotionaler Empfänglichkeit für populäre Musik“ und jene des „kritischen Konsumenten“ unterteilt hat, der das alte und geliebte in sich unberührt aufbewahren möchte, inklusive dass doch bitte Stevie Nicks weiterhin „einem Jugenstilgemälde entstiegen“ sein soll und nicht gealtert sein Bild von ihr zerstört.

Wow, da steckt soviel Tristesse drin, dass ich kaum weiß, wo ich anfangen soll – und er selbst macht es kaum besser, wenn er dann doch milde gestimmt von den Anderen um sich herum das Konzert abzusegnen vermag. Mal davon abgesehen, dass in der Wahrnehmung von allen Künsten doch Emotion und Kritik zugleich existieren sollten, wie kann man sich selbst denn nur so die Essenz des Lebens abtrennen. Nein, dieser Habitus, der hier spricht, ist keine Frage einer zeitlich begrenzten Beziehung zur und mit der Popmusik, es ist eine grundliegende Frage der Lebensführung.
Akzeptiere ich, da es einem Gesellschaft und Natur ja gerne auch so nahelegen, dass es für alles gewisse Phasen gibt und ich mich eben in diese Einzureihen habe, oder wage ich es, die Dramaturgie meines Lebens selbst zu bestimmen.Alles andere als Letzteres ist eine Verschwendung der Möglichkeiten, eine nicht hinnehmbare Desillusionierung der eigenen Existenz.

 

 

 

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