Dienstag, 19.09.2017
Thomas Venker

Rocket rocket USA

USA_Los-Angeles-Demo

Demonstration vor den LAPD Headquarters in Downtown Los Angeles.

Früher bedeutete Sommer, dass die Zeitungen die langweiligsten Geschichten zu Coverstories aufbliesen und man diese bei 35 Grad Celcius im Freibad kopfschüttelnd zum Zudecken benutze. Heute hingegen sitzt man fröstelnd vor dem Computer und verfolgt ungläubig in Echtzeit auf Facebook die neusten Weltuntergangsmomente.

Man hat sich ja schon daran gewöhnt, dass sich die Zeiten immer schneller ändern und die materielle und soziopolitische Sicherheit der 70er und 80er Jahre (angesichts aller damaliger Brennpunkte nur relativ und lediglich von einigen wenigen Priviligierten so gefühlt, klar) sich auch in unserer westlichen Komfortzone zu einem permanenten Zustand der Unsicherheit hin wandelt wie ihn die meisten Menschen gar nicht anders kennen. Aber die Frequenz der letzten Wochen ist dann doch zuviel, um es noch adäquat verarbeiten zu können. Man will nur noch die weiße Fahne hießen und ein bisschen Pause gegönnt bekommen.

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle einfach mal eine Kolumne über die ausgiebige USA-Kanada-Reise schreiben, die ich mit Lena Willikens im Rahmen ihrer Nordamerika-Tournee in den letzten zwei Wochen unternommen habe. Also darüber, wie es sich gerade anfühlt in diesem für meine kulturelle Sozialisation (US-Punk, Detroit-Techno, New Hollywood) so wichtigen Land kurz vor dem Ende der Obama-Zeit und dem finalen Clinton-Trump-Battle. Aber die Ummantelung aus Brexit und anhängigem #PostRedRacism, den Attentaten von Nizza und dem Putschversuch in der Türkei mit radikal-diktatorischen Backclash sowie die Serie brutaler Attentate, Polizeiübergriffe und Gegenangriffe auf die Polizei in den USA machen dies zu einem Ding der Unmöglichkeit.

Zu präsent sind diese Ereignisse in unserer aller Leben und an allen Orten: Kein Konzert, bei dem die Besucher nicht schauen, wo die potentiellen Fluchtwege sind, keine Party, auf der man nicht zumindest diskutiert hätte, ob das denn überhaupt noch geht, dass man jetzt hier einfach so auflegt und feiert, wo doch gerade mal wieder die Welt ein Stückchen mehr kaputt geht. Dass man trotzdem ausgeht und sich mit anderen gemeinsam mit und zur Musik dem Eskapismus hingibt, das ist zum einen natürlich die einzig richtige Antwort auf das Klima der Angst, und zum anderen eben schon lange nicht mehr purer Eskapismus, sondern viel mehr ein Akt der gemeinsamen kulturellen Praxis, in dem Loslassen und sich Verschwenden eins geworden ist mit dem steten sozio-politischen Austausch über diese World in Motion.

Und so habe ich die Reise trotz all der dunklen Wolken um uns herum doch als sehr positiv empfunden. Zu verdanken ist dies vor allem den vielen Menschen, die mit so viel Engagement (und oft genug ohne finanzielles Interesse, da eingebracht in ehrenamtliche Zusammenschlüsse) in ihren Communities Veranstaltungen durchführen. Egal ob in Toronto, Montreal, New York, Los Angeles, Portland oder Seattle – an all diesen Orten begegneten mir Musikbegeisterte, denen es aber nicht nur um Musik geht, sondern vor allem um den Austausch mit anderen, das Miteinander im Rahmen dessen, was sie selbst als ihre Community bezeichnen: sei es ein eher klassisches subkulturelle Biotop aus MusikerInnen und Musikfans oder darüberhinausgehend um LGBT Communities mit explizit politischer Agenda der Aufklärung, des Widerstands und der Unterstützung. Im Allerschönsten Fall, in Seattle, ging das gar so weit, dass jeder Besucher sein Ticket im Vorfeld persönlich bei den Veranstaltern bestellt und abgeholt hat – und es ist sicherlich kein Zufall, dass gerade auf dieser Party sämtliche sogenannte Minderheiten ausgelassen miteinander feierten.

Dass das soziopolitische Interesse und Engagement in solchen Communities nicht am Ende der Nacht endet, liegt nahe. Es wurde extrem viel diskutiert – und glücklicherweise abseits noch vor kurzem viel drastisch-klarer Zuweisungslinien von gut und böse. Man spürte, dass ein Umdenken insofern stattfindet, als dass es nicht um Strategien der Konfrontation, sondern um solche der Annäherung und der Vermittlung ging.

Ein Freund nahm mich gen Ende der Reise in Los Angeles auf eine Demonstration vor dem Los Angeles Police Departmant in Downtown mit, deren Menge man sich so auch gut im Club des eigenen Vertrauens vorstellen hätte können. Es fühlte sich gut an, zu erleben, wie hier Weiße und Schwarze gemeinsam konstruktiv auf die schrecklichen Ereignisse der Vortage von Minnesota und Dallas reagierten – und es war interessant zu beobachten, dass die Cops nicht nur negativ auf die Kritik an ihnen reagierten. Im Gegenteil, die meisten von ihnen schienen zu verstehen, dass nur ein Miteinander zu einer Situation führen kann, an der beiden Seiten gelegen sein sollte, ganz so, wie es das Motto der Demonstration auf den Punkt brachte: No Justice, no Peace.

Noch ist man davon jedoch weit enfernt. Kaum ein Anwesender, der sich nicht während der Demonstration dauernd umgeschaut hätte, ob nicht irgendwas komisch wirkt, ein steter Akt des Scannens der Gesichter von Demonstranten wie Polizisten gleichermaßen.

Wenn man sich aber weder von der eigenen Hypersensibilität zu nervös machen noch von dem Strom der aktuell nicht abnehmenden schlechten Nachrichten runterziehen lässt, sondern in die Zwischenzone einzutauchen bereit zeigt, dann lassen sich dort genug Mut stiftende Ansätze erkennen und inspirierende Leute vorfinden, die sich den anstehenden Aufgaben stellen statt in Resignation zu erstarren. Denn sich nach den Sommerlöchern und den künstlich aufgeblasenen Geschichten der Vergangenheit zurück zu sehnen, das kann nicht die Option sein.

Wie viel man gemeinsam erreichen kann, davon zeugt die gute Nachricht, die während des Schreibens der Kolumne hereingekommen ist: Der Golden Pudel Club hat sich aus den Klauen des Aggressors befreit und bleibt bestehen. Ein kleines, kämpferisches gallisches Dorf, das einem Mut machen sollte.

Während der Reise hörte ich viel Suicide, die Band von Alan Vega und Martin Rev. Der perfekte Soundtrack zu einem Amerika der vom Staub bedeckten Sonne. Tja, und dann stirbt Alan Vega, dieser so unglaublich tolle Poet des Postpunks am Ende dieser seltsamen 3,5 Wochen auch noch.

Rocket rocket USA
Shooting on down the Highway
TV star riding aorund
Riding around in a killer’s car
It’s 1977
Whole country’s doing a fix
It’s doomsday doomsday

Riding around, riding high
Riding around with my babe
Speeding on down the skyway
Speeding on down the skyway

Rocket rocket USA
Shooting on down
On my way
TV star riding around
Ridign around in a killer’s car
It’s doomsday doomsday
Speeding on down the skyway
100 miles per hour
Gonna crash
Gonna die
And I don’t care

Rocket rocket USA
Shooting on down the skyway
Speeding on down the skyway
Rocket rocket USA

Thomas Venker

Verlagssitz
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop Aquinostrasse 1 | Zweites Hinterhaus, 50670 Köln | Germany
Team
Herausgeber & Chefredaktion:
Thomas Venker & Linus Volkmann
Autoren, Fotografen, Kontakt
Advertising
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop
marketing@kaput-mag.com
Impressum – Legal Disclosure
Urheberrecht /
Inhaltliche Verantwortung / Rechtswirksamkeit
Kaput
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop ist eine Publikation des Verlagshauses Kaput.