Montag, 26.06.2017
Linus Volkmann

Welche Bands Punk kaputt gemacht haben. Teil 6: Broilers, Beatsteaks, Dimple Minds, Lulu

An dieser Stelle hier werden regelmäßig Verantwortliche vorgestellt, die Punk zu dem untoten Zombie gemacht haben, der er heute ist. Aus technischen Gründen kann dabei auf niemand Rücksicht genommen werden. Die Redaktion bittet dies zu entschuldigen. Folge 6. Von Linus Volkmann

Beatsteaks
Ja ja, die kessen Berliner, die irgendwann mal dieses Video hatten mit dem einen Schauspieler, dem Dings… Heinz Rühmann? Theo Lingen? Ach nee, Jürgen Vogel! Beatsteaks, oder wie wir hier bei Kaput sagen: Kraftklub für die Generation 50+.

Broilers
Nun, ich möchte wirklich nichts beschönigen, die Broilers haben unendlich viel zerstört: Zum Beispiel den Glauben an gute Bandnamen, oder an die Überzeugung, aus Düsseldorf käme letztlich doch immer wieder hörbare Musik. Der Arena-Rock der Broilers ist über all das vernichtend hinweggefegt wie Aliens über eine Raumschiffbesatzung. Dennoch konnten sie bei alledem Punk nichts anhaben. Schließlich hat ihre Musik nichts mit jenem Genre zu tun. Es handelt sich viel eher um pathetische Wirtshaus-Mucke für halbtätowierte Familienväter. Und bei jenen gibt es streng genommen ja eh nichts mehr zu zerstören.

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Dimple Minds
Kurz darüber nachgedacht, ob man die Vokuhila-Fickspechte aus Bremen nicht doch irgendwie abfeiern könnte. Einfach um zu provozieren. Aber dieser Coup ging selbst mir nicht über die Tastatur. Hoffentlich sitzen mittlerweile alle Mitglieder der schlimmsten Gruppe im Punk-Game in einem Erdloch – oder zumindest im Gefängnis.

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Lulu & Die Einhornfarm
An dieser Stelle möchte ich den geneigten Leser auf eine kleine Reise in die Vergangenheit mitnehmen. Es begab sich 2010. Damals arbeitete ich noch als Redakteur bei einem auflagenstarken Musikmagazin – was zur Folge hatte, dass ich zu Jahresanfang immer wieder Meetings mit den großen Plattenfirmen bestreiten musste. Dort verkünden deren Mitarbeiter, was sie fürs Jahr an Veröffentlichungen planen. Man selbst macht sich dabei Notizen – und denkt an Selbstmord. Doch auch für die Labelangestellten ist das alles nicht immer leicht. Einige fühlen noch was und es ist ihnen sichtbar peinlich, das ein oder andere zum Scheitern verurteilte Me-Too-Produkt aus der A&R-Hölle anpreisen zu müssen.
Ich erinnere mich noch gut, wie ein zurechnungsfähiger Medienpartner bei diesem Meeting stetig stärker schwitzte. Ich wusste sofort, der muss scheinbar noch was ganz Komisches präsentieren. So war es auch. Doch dann traf er meinen Blick und Hoffnung keimte in ihm auf. „Ah, da sitzt mir ja Linus Volkmann gegenüber. Dieser verkaterte Trash-Uhu könnte doch vielleicht wirklich auf diese Band abgehen, deren Namen ich kaum aussprechen kann vor Scham…“
So lernte ich The Toten Crackhuren Im Kofferraum in einem Meetingraum bei Universal Music in Berlin kennen. Und, was soll ich sagen? Ich war natürlich begeistert. Das freute auch den Plattenfirmenmann, der scheinbar nicht wusste, dass alles, was ich für einen Hit halte, am Markt unweigerlich floppen wird. So geschah es dann auch mit den Crackhuren. Mittlerweile betreibt die Sängerin, die bürgerlich Luise Fuckface heißt, unter dem Namen Lulu & Die Einhornfarm eine Punkband. Das kann man ihr eigentlich nicht vorwerfen.

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Affenmesserkampf
Im Tennislehrer-Look (siehe Foto) ist diese Gruppe aus Kiel eine Macht – allerdings habe ich sie dann doch mal in echt gesehen. Das sind ja doch bloß tätowierte Wilde mit kurzen Hosen und einem VW-Bus. Bittere Enttäuschung.

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John Lydon
Unlängst gab John Lydon alias Johnny Rotten von den Sex Pistols im englischen Frühstücksfernsehen ein Interview, man kann es auf Youtube schauen. Den Brexit sähe er, sagte er unter anderem darin, als eine Quittung der Working Class und derer fühle er sich eben zugehörig. Donald Trump nannte er eine sehr komplizierte Figur, die aber mitunter für das Falsche angeprangert würde. So far, so egal. Doch diverse Medien machten daraus Schlagzeilen, die Lydon als Trump-Supporter und Brexit-Aktivisten ausstellten. Das damit einhergehende Bashing schaffte es bis nach Deutschland. Aufgrund diverser Artikel-Überschriften wurden die Sozialen Medien aktiv. Das gemeinsame Credo: Lydon sei ohnehin das Allerletzte und überhaupt kein Punk. Wer nicht komplett minderbemittelt ist, konnte hierbei allerdings viel mehr sehen, wie hart auch das eigene Milieu auf Fake-News und aufs Ankläffen von Pappkameraden abgeilt. Ja, genau. Wegen dir, dir und dir da hinten geht nicht nur Punk unter – sondern bald die ganze Welt. Ich hoffe, du bist dann endlich zufrieden!

Diese Kolumne erscheint in abgewandelter Form auch in Plastic Bomb #99

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