Dienstag, 12.12.2017
Linus Volkmann

Welche Bands Punk kaputt gemacht haben. Teil 7: Frei.Wild, Die Ärzte, Die Shitlers, Brieftauben, Chefdenker

An dieser Stelle hier werden regelmäßig Verantwortliche vorgestellt, die Punk zu dem madigen Zombie gemacht haben, der er heute ist. Aus technischen Gründen kann dabei auf niemand Rücksicht genommen werden. Die Redaktion bittet dies zu entschuldigen. Folge 7. Von Linus Volkmann.

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Abstürzende Brieftauben
Wer denkt, Punk würde immer auch irgendwie ein bisschen cool sein, der kennt nicht den Entwurf der Abstürzenden Brieftauben. Bereits in den Achtzigern in Hannover gestartet, verkörpert das Duo alles, was vermeintlich minderwertig ist am Genre: Eingeschränkte Musikalität, peinliches Endreimmassaker, dumme Kinderlied-Melodien und daueraufgeregte Bunthaarige an der Grenze zur Karnevalsparty.
Ich persönlich habe in dieser Klimax des Uncoolen allerdings immer viel für mich gefunden. Diese Band war eine Absage an den anstrengenden Imperativ, sich selbst durch seinen Musikgeschmack geil aussehen zu lassen. Wer Brieftauben hört, ist nämlich eh verloren, den kann man vergessen, genau wie Leute, die zum Beispiel die Pest haben oder CDU wählen – ein Außenseiterstatus, der einem auch Freiräume öffnet. Die Abstürzenden Brieftauben stellen für mich immer auch ein Lob der Albernheit dar und ein Auffangbecken für Witze, die aus Faulheit nicht wirklich durchpointiert werden.
Vorwerfen kann man der Band natürlich dennoch einiges. Konrad Kittner zum Beispiel seinen frühen Tod.
Und seinem Witwer Micro Bogumil, dass er zuletzt die Wiedervereinigung ausrief.
Obwohl… sich an seine Seite Olli Bockmist, den Willi Herren der Punkszene, zu holen, ist schon ein ernstlich guter Coup.
Fun (Punk) Fact: Vor weniger Zeit wurde Brieftauben Micro in einem Interview mit dem Plastic Bomb damit konfrontiert, dass das Cover ihres Anti-AfD-Songs eine einzige Gewaltphantasie gegen Frauen ist. Seine Antworten darauf waren entwaffnend doof. Wie man es sich von der ultimativen Fips-Assmussen-Band halt vorstellt. Sexisten wider Willen – wie so einige andere in der Punkszene auch. Den Ruf der Band konnte dies indes nicht ankratzen. Denn der befindet sich ja seit Menschengedenken bereits unter der Grasnarbe. Glück gehabt!

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Chefdenker
In der DVD „Jeder der uns sieht findet uns total geil“ sieht man sehr oft Penisse der Band rund um den zuckerkranken Köln-Porz-Philosoph Claus Lüer. Dennoch hätten es einfach noch mehr sein können.

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Die Ärzte
Ein übertrieben großgewachsener und bestürzend gut gelaunter, blonder Animateur, der ringreiche Verkäufer eines Gothic-Shops und ihr chilenischer Musiklehrer… Man hat Die Ärzte gleich vor Augen, wenn man das liest – und natürlich schwingt sofort Wohlwollen mit. Ach, Die Ärzte… Was haben die einem nicht schon für Melodien und hübsche Zeilen in den Kopf gesetzt? Fast möchte man ihnen verzeihen, dass sie seit zehn Jahren, also seit „Junge“ von 2007, keinen guten Song mehr geschrieben haben und dass sich die mediokren wie inflationären Solo-Platten wirklich nur noch bereits verstorbene Fans schönhören können.
Doch der Circle of life ist unerbittlich: Wenn Rentner dauernd gegen das Gartentor oder die Leitplanken knallen, weil sie am Steuer einschlafen, dann muss irgendwann schweren Herzens halt der Führerschein abgegeben werden. Der nächste Lebensabschnitt hat doch auch noch viel Schönes zu bieten (Zwangsernährung, Demenz, Tod). Die sexy Anmaßung, die „beste Band der Welt“ zu sein, hat jedenfalls ihre Mindesthaltbarkeit längst überschritten.
Die Ärzte verdienen es, dass man sie ausstopft und sich neben die Couch stellt – dafür müssen bloß endlich mal die Stadien räumen.
Und wenn sie der Verlust der Zuschreibung „Beste Band der Welt“ arg treffen sollte, sei ihnen gesagt, einen Claim werden sie ja doch für immer behalten dürfen: „Die Ärzte – deren größte Leistung es war, nicht die Toten Hosen gewesen zu sein.“ 

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Die Shitlers
Sicherlich bin ich nicht der einzige Musikfreund, der sich fragt, mit welchem der drei Shitlers würde man wohl am liebsten rummachen. Für Sänger und Gitarrist Martin Shitler spricht: Übertrieben geiler Silberblick, gänsehauttreibende Seltsamkeit, Soziologie-Professor im Osten. Für Sänger und Bassist Frank Shitler: Abwegiger BWLer-Look, ultimative Kenntnisse bezüglich Deutschrap, väterliche Ausstrahlung zwischen bierig und abgründig. Die Argumente für Schlagzeuger Tristan Shitler: Mega-niedlich, besitzt Zauberkasten, das dauermasturbierende Küken halt.
Was ein Angebot! So müssen sich einst die Take-That-Fans gefühlt haben. Immer an der Schwelle zwischen Ekstase, Hysterie und Selbstmord. Danke, Shitlers. Bezeichnenderweise heißt ein aktuelles Stück der Gruppe rund um Bochum: „Nur wegen Shitlers ist Punk wieder interessant“. Hier stimmt einfach alles. Das müssen sogar Adam Angst einsehen!

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Frei.Wild
Wer sich an dieser Stelle hier in meiner Kolumnen allen Ernstes schon wieder vergewissern möchte, dass die Südtiroler Patrioten supermadige Müllgesichter sind, der ist für mich langsam selbst Teil des Problems. Geht aus der Sonne, ihr Schaulustigen, die ihr nicht genug davon hören könnt, wie verwahrlost diese untertourigen Vogelmenschen und ihre Fans sind. Ja, ja, das ist doch jetzt einfach mal klar. Und ohne die ritualisierte Empörung wird sich das Thema Frei.Wild ohnehin viel schneller lösen lassen. Denn mangels Skandalisierung und empörter Gegner wird die Band (vergleiche AfD) nämlich endlich auf ihre Musik zurückgeworfen – und die ist in ihrer abenteuerlichen Beschissenheit ein weit effektiverer Totengräber als jeder Shitstorm.

Diese Kolumne erscheint in abgewandelter Form auch in der Jubiläumsausgabe des Punk- und Odachlosen-Magazins Plastic Bomb – #100.

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