Mittwoch, 28.06.2017
Streaming als Lebensleistung

Frohes Fest: 11 Highlights auf Netflix, die du nicht auf dem Schirm hast

Weihnachten! Zwischen den Jahren! Neujahr! Diese Reihung setzt in christlich sozialisierten Gesellschaften auch ohne kirchliche Anbindung Emotionen frei: Endlich in Ruhe fernsehen. Also sofern es die Bahn zulässt (#Driving-Home-For-Christmas) und die Kinder, Eltern oder Partner irgendwann dann doch mal beschäftigt oder ohnmächtig sind. Dieser Artikel hier sei daher nun allen Netflix-Abonnenten eine Hilfe. Dort steht viel Kram rum, aber am Ende bleibt man doch wieder nur an denselben drei Serien und paar halbguten Filmen hängen. Im Sommer hatten wir so schon mal eine Liste gemacht von Empfehlungen im Netflix-Programm, auf die man nicht sofort stößt – hier folgt nun unsere Winter-Edition. Denn das Angebot ist im Wandel und die meisten Filme von vor sechs Monaten nicht mehr verfügbar. Versucht es mit diesen, es wird euer Schade nicht sein. Schöne freie Tage! Von Linus Volkmann

„Metalhead“
Ein Mädchen sieht ihren Bruder sterben bei einem Unfall mit dem Traktor. Die Familie verfällt in eine Starre, die über Jahre anhält und besonders in der Korrelation zu der spröden isländischen Landschaft so unüberwindbar wirkt. Hera, so heißt das Mädchen, findet selbst kaum Worte, doch lehnt sich auf gegen diese allumfassende Stille. Black Metal ergreift sie dafür, die Dorfgemeinschaft will ihr das nicht zugestehen, Hera flieht – und macht sich auf die Reise.
Kein Film für nebenbei, gewaltig in Bild und Emotion.

„Clueless“
Wer für diesen Comedy-Coming-Of-Age-Knaller in den 90ern vielleicht zu jung oder zu bekifft war, der hat hier noch etwas Großartiges vor sich. Aber auch ein Kandidat fürs (immer) Wiedersehen. Die Reichen haben es auch nicht leicht, verzickt und selbstbezogen suchen sie nach Bedeutung und Party. Alicia Silverstone spielt Cher, eine Tochter aus gutem Hause, deren Vater ein erfolgreicher Anwalt ist – und die ihre Mutter allerdings bei einer Schönheitsoperation verlor. Allein die Szenen, in denen Cher Auto fahren lernt, beweisen, dass dieser Film seine Zeit blendend überdauert hat.
Die perfekte Teenie-Feelgood-Rom-Com der Epoche – niemals seicht, mitunter sogar richtig hellsichtig.

„Cabin In The Woods“
Der Reiz von Horrorfilmen ist immer auch das Hermetische. Also dass die Abläufe sehr standardisiert sind und man sich fragt, wie löst der jeweilige Film trotzdem das Korsett. „Cabin in the woods“ fällt das bestürzend leicht. Was mit routinierten Genre-Standards beginnt, erweist sich bald als bewusst gelegte falsche Fährte, denn die wirkliche Handlung, die der Erfinder der Buffy-TV-Serie Joss Whedon im Sinn hat, holt aus der Vorstellungskraft des Zuschauers so einiges heraus.
Schweißtreibende Höllenfahrt mit einem der legendärsten Enden im Horrorgenre überhaupt.

 

„The One I Love“
Wenn Beziehungen mit einem Knall oder sonstwie glaubwürdig implodiert sind, ist das zwar traurig, aber zumindest eindeutig. „The One I Love“ schaut allerdings auf all die großen Lieben, die vom Fade-Out ergriffen werden – und denen sich irgendwann trotz aller Harmonie die Frage stellt: Wann ist das gute, ereignislose Zusammenleben nicht mehr genug? Einfühlsam und bedrückend – aber auch erhellend. Ein Paar versucht sich neu zu erfinden.
Der Kampf um die große Liebe komplett anders inszeniert. 

„Kill the Boss“
Dass aus der deformierten Welt rund um das Thema „Büro, Büro“ mitunter Mordphantasien rauswuchern, dürfte den meisten bekannt sein. Aus erster Hand. Daraus hat „Kill the Boss“ aber auch einen wirklich schönen Film gemacht. Sehr gute Figuren, diverse Stars (bestürzend: Jennifer Aniston als Zahnärztin Schrägstrich Sex-Predator) halten die Screwball-Komödie mit einigen Slapstick-Elementen souverän auf Kurs. Das Thema packt einen sofort und man wird bunt und beseelt durch die Story gefahren.
Eine wache Komödie mit sehr gutem Humor.

“Moon”
Regisseur des Films ist Duncan Jones, der 45-jährige Sohn David Bowies. Auch wenn dieses Detail eigentlich nichts über dessen Kunst und diesen Film sagt, handelt es sich einfach um Trivia, die man schlecht ausblenden kann. Immerhin besitzt dieser Film auch etwas sehr, sagen wir, Klassisches, es ist keine High-Tech-Sci-Fi-Utopie sondern eher ein Kammerspiel in space. Wobei diese Aussage niemanden vergraulen möge. Denn „Moon“ hat nichts mit dem Elends-Genre verlaberter Weltraumfilme gemeinsam („Event Horizon“, „Contact“, „Interstellar“ etc.). Die beklemmende Einsamkeit der Raumstation, das Ausgeliefertsein des Protagonisten, die Kälte der Künstlichen Intelligenz – all das macht diesen düsteren Thriller zwischen Sci-Fi und Trip extrem sehenswert.
Stück für Stück baut dieser Film Gewissheiten ab, bis man völlig blank ist.

 

„Tremors – Im Land der Raketenwürmer“
Wer kennt es nicht? Man arbeitet irgendwo auf einer Farm und im Hinterland und plötzlich graben sich riesigen Monster von unten an einen heran, bis man ins Loch fällt und dann Gute Nacht. Im Schatten von markig- wie humorigen Creature-Actionfilmen wie „Gremlins“ oder „Critters“ blieb „Im Land der Raketenwürmer“ nur Trash-Fans im Gedächtnis. Dabei besitzt der Film viel mehr Qualitäten – und damit meine ich nicht ausschließlich Kevin Bacon als schießwütiger Hillbilly ohne Hemd oder dass eine Hauptdarstellerin 1990 noch unrasierte Beine haben durfte.
Comic-hafte Action mit monsterhaften Fabelwesen, von der “Sharknado” nur träumt.

„Prisoners“
Eine Kindesentführung zerstört eine biedere und einfache Suburb-Welt. Aus Vater (Hugh Jackman) bricht auf der ratlosen Suche der getriebene Racheengel hinaus, der Ermittler (Jake Gyllenhaal) versucht den Schutz des Verdächtigen zu gewährleisten. Die Story seziert mitunter die Punkte, an denen Moral und Rechtstaatlichkeit nicht mehr kongruent erscheinen, vermutlich es auch einfach nicht mehr sind.
Aufgeheiztes Drama mit naturalistischen bis unterkühlten Bildern.

„Auf der Jagd nach dem grünen Diamanten“
Indiana Jones wird man wohl auf ewig auf dem Schirm haben, selbst wenn in der Erinnerung alles zu einem Film verschmolzen ist. Ein bisschen Abwechslung bringt da die mit Michael Douglas und Kathleen Turner sehr gut besetzte „Jagd nach dem grünen Diamanten“ von 1984. Achterbahn-Gaudi und ein sich dauerzankendes Paar, das die sexuelle Spannung kaum noch aushält – was für Mel Gibson und Danny Glover in „Lethal Weapon“ gut war, ist auch hier Programm. Kolumbien, Smaragde und Krokodile.
Mit dieser atemlosen Revue kommt man locker durch die Depression nach dem Weihnachtssuff.

 

SERIEN
Auch hier sind die naheliegenden Dinge schon unzählige Male gepostet, angeschaut oder zumindest getestet worden. Daher hier kein Abklatschen von Vordergründigem wie „House Of Cards“, „The Walking Dead“, Stranger Things“ oder „Friends“. Stattdessen lieber mal auf das hier verweisen:

„Die 72  gefährlichsten Tiere: Australien“
Freddie Krueger, Jason aus „Freitag der 13.“ oder auch Frauke Petry von der AfD – so gruselig diese Horrorfiguren sein mögen, so sehr verblassen sie hinter der Vorstellung, in Australien beim Schwimmen in eine der tödlichen Quallen (Spanische Galeere) zu geraten und bei der bereits halbgelähmten Flucht noch auf Nervengift absondernde Wasserspinnen zu treten. Willkommen auf dem fünften Kontinent! Ähnlich einem Kartenspiel bietet diese Serie 72 der gefährlichsten Tiere Australiens auf – und setzt sie in Konkurrenz zueinander. Am Ende steht eine kurzweilige Bubblegum-Tier-Doku, die nicht nur das Fürchten lehrt, sondern auch einiges über Dingos, boxende Kängurus und ähnliche Krawallmacher im Tierreich.

„Please like me“
Selbst wenn ihr mir nichts aus dieser Liste hier geglaubt habt bis jetzt – an dieser Stelle schwöre ich auf die Gebeine eurer Vorfahren: Der Hype (gibt’s überhaupt schon einen?) hat recht!
Eine tatsächlich noch schönere Serie als „LOVE“ von Judd Apatow steht auf Netflix, ist komplett hinreißend, camp und schwul und spielt in Australien. Coming Out vs. Coming Of Age. Die Charaktere und ihre Verzweiflung sind wirken echt, man möchte bei dem verschmitzten Hauptdarsteller Josh Thomas sofort eigentlich die ganze Zeit mitlachen. Wenn die eigene Problemwelt doch auch mal so niedlich und warmherzig sein könnte…

 

(Vielen Dank an dieser Stelle allen, die mir in der TV-Gruppe hierfür Input beigesteuert haben sowie dem Australien-Prof)

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