Dienstag, 25.07.2017
Jasper Nicolaisen

Wie ich einmal ein Barockkonzert besuchte – und was ich dabei erlebte

Jasper Nicolaisen ist ein sensibler Irrer mit viel Vorstellungskraft. Als Buchautor und Fantasy-Aktivist fällt er auch über die Nerd-Szene hinaus immer wieder auf. Nicht im Traum hätten wir kaput geahnt, dass dieser schillernd scheue Player mal bei uns einen Text veröffentlichen wollte. Und dann auch noch so einen erheiternden. Gern genommen, gern gelesen. Tut es uns gleich. Sein Thema: “Wie ich einmal ein Barockkonzert besuchte”. Na, dann!

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Die Ausgangslage
Wenn man wie ich ein gewisses Alter erreicht hat, sind die Freude und Freundinnen langsam irgendwo angekommen, und fristen zum Beispiel als hauptberufliche Barockpunk-Autoren und Schulleiterinnen ihr Auskommen. In diesem Fall leisteten sie sich geschmackvollen Luxus, zum Beispiel das Halten eines Konzertabonnements. Mehrmals im Jahr fahren sie in den Urlaub, dorthin, wo es warm und geschichtsträchtig ist, und können dann die schönen abonnierten Konzerte nicht besuchen. Was läge näher, als die Karten einem armen, aber rechtschaffenen Hausfreund zu überlassen, der auf diese Weise nicht allein in den Genuss der guten schwäbischen Küche und liebenswürdiger Fantasy-Orgien in der mit Kulturgütern vollgestopften „Klause“ der beiden kommt, wie die bescheidene Altbauwohnung in Neukölln auch schmunzelnd tituliert wird, sondern auch mal an Vivaldi, Telemann und Händel schnuppern darf?
Und so fing alles an.

Der Weg dorthin
Natürlich weiß ich, wo der Gendarmenmarkt ist. An einem schon nicht mehr kalten Frühlingsabend schleiche ich an der Uni vorbei, wo ich mal eine Dissertation nicht beendet habe. Seither Jobs, Schlafstörungen, Leben usw. Aber jetzt endlich Kultur. Leider ist der Gendarmenmarkt in Wahrheit der Bebelplatz. Und überhaupt, wo ist der Palast der Republik hin, „Ulbrichts Lampenladen“, wie der Berliner in seinem unvergleichlichen Kauderwelsch immer zu scherzen pflegte? Überall Baustellen, Absperrbänder, Kiesbetten, schweigende Denkmäler. Vorhänge fallen, als Geschäftsreisende ins Innere der Firmenwohnungen zurückweichen. Alles sieht gleich aus. Touristen drängen sich enger aneinander. Zwei Bullen essen Stullen vor dem auswärtigen Amt. Das kannte ich doch zuletzt 2004 in den USA, dass alles gleich aussah. Endlich: ein weitläufiger Platz, von weißen Gebäuden gesäumt, mondhelles Schimmern, Festlicht und eine unendlich schöne Musik. Hat man schon ohne mich begonnen? Wartet auf mich, ich fühle mich so romantisch verkracht in dieser Nacht, mir weht schon der Rock mit den Schößen.
Es ist aber nur ein Bettler mit Violine. Oder Bratsche? Ich weiß doch so was nicht!

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Das Konzerthaus
Vor der Tür werden Karten verhökert wie bei Genesis. Niemand scheint sie zu wollen. Wir sind schließlich Abonnenten!
„Ach, da ist ja wieder unser Johann“, freut sich eine Weißhaarige, die sich auf eine Grauhaarige stützt. Johann nimmt auch mir die Karte ab. Menschen wie ihn hätte ich, als ich noch Hoffnungen hatte, in die Kniekehlen getreten. FDP-Streber! Gelschwarte! Gymischwein!
Parkett, Loge, links, rechts, Reihe 17. Ich haste in eine kathedralenartige Schuhschachtel, in der alles ganz grade ist und nach vorne strebt. Weiß und gold, weiß und gold. Es ist ganz still. Ich setze mich wie im Traum. Niemand sieht mich an. Reihen identischer weißhaariger Hinterköpfe. Stärkeres Traumempfinden. Hinter mir Menschen in Rollstühlen. Ich lausche einer geflüsterten Unterhaltung: „Papa, da hast du doch aber nicht mehr Rechte dran als der Rest der Familie!“, „Katharina, das ist meine Beerdigung, und ich will nicht, dass da was ausgeblendet wird!“
Wie bitte?

Die Musik
Die Band oder Kapelle, wie es auch heißt, besteht aus ca. 15 Leuten. Ob hinter dem Cellisten noch jemand steht, finde ich das ganze Konzert über nicht heraus. Es kommen und gehen auch welche durch Seitentüren. Bandleader oder Kapellmeister ist ein Mensch mit einer Haartracht, die bei Fußballern „Schamhaarfrisur“ heißt. Sofort fällt der Kontrast auf, den diese Menschen zum traumhaft erstarrten Ambiente bilden. Sie betreten die Bühne schwungvoll und voller Freude, nicht mehr jung, aber im Herzen noch frisch. Sie tragen Schals und Stolen. Sie legen sich in ihre Instrumente und wackeln mit den Köpfen. Sie lachen. Es ist eine Freude, sie anzusehen. Gleich geht es mir besser.
Wenn man Popmusik oder höchstens noch Jazz gewohnt ist, klingt Barockmusik, zumal, wenn sie wie hier auf zeitgenössischen, also uralten Instrumenten dargeboten wird, einfach nur leise. Zwei Minuten geht die Musik schon und ich denke: O Gott ist das leise. Die ganzen alten Menschen hier verstehen das doch gar nicht. Es ist auch ungewohnt unkomprimiert, unaufgefettet, einfach nur da. Für meine versauten Ohren klingt alles wie durch den Teppich gespielt.
Dann geht es aber.

Foto 2Inhaltlich ist die Musik sehr kontrastreich. Die Stücke oder Tracks, wie es im Barock auch heißt, sind recht kurz, aber es passiert in ihnen so viel wie in einem durchschnittlichen Beach Boys- oder Beatlesstück. Es herrscht große Freude am Kontrast: Solostimme und Begleitung, laut und leise, tief und hoch, schnell und langsam … den Rest kann man sich denken. Ich ahne leise, dass im Spiel der verschiedenen Stimmen allerhand polyphone Schweinereien stattfinden, aber das genau aufzudröseln, dazu fehlt mir die Übung. Ich merke, aber, dass ich ganz gut fahre, wenn ich mich auf die Schichtung und Kontrastierung der verschiedenen Sounds konzentriere, da gibt es für einen Barockamateur wie mich schon genügend reizvolle Reibungen. Das Hörerlebnis wandelt sich auch sofort zu etwas in der näheren Verwandtschaft eines relativ komplexen Techno-Lieds.
Es ist schon ausgesprochen Musik zum Hinhören und Mitdenken. Es springt einem wenig direkt ins Gesicht mit nackten Schwänzen. Wenn nur immer wartet, wann endlich der Beat einsetzt, ist es nur ein Gefiedel und Geschrubbe.
Zusammen mit der Traumstrenge der Architektur und dem aus der Welt gefallenen Publikum versetzt mich dieses Barock aber in einen angenehmen Meditationsschwurbel. Möchte das öfter erleben!

5 Pausengedanken
01 In welchem Film echauffiert sich noch mal einer ständig über Merlot, Merlot, dass man niemals Merlot trinken darf?
02 Man kann das Konzerthaus fördern und kriegt für ein paar hundert Euro im Jahr irgendwelche Sonderführungen und Intendanten. Die Förderstufen gehen aber bis in absurde Höhen, 2000, 5000, 10 000 Euro im Jahr, wofür man dann Plaketten, Salutschüsse, Wichsen hinter der Bühne und im Alter einen sanften Tod durch Kissen aufs Gesicht bekommt. Über 10 000 Euro im Jahr heißt es schlicht „bitte sprechen Sie uns an“.
03 Überlege, die Direktion anzusprechen, ich wolle eine Million im Jahr spenden. Die Sonderleistungen!
04 Bin underdressed, aber nicht der am schlechtesten Angezogene. Am auffälligsten die vier Jungs, die sich eindeutig gedacht habe: „Shaped like a Schuhschachtel und grell belightet mit eine Snake dafür, musse die Berghain schon seine!“ Undercut, Nasenring und grelle Mottoshirts. Gut, dass alle Abonnenten außer mir schon halb blind sind.
05 Anders als in der Oper sind hier weit und breit keinerlei klassische Opernschwuchteln zu sehen. Konzertschwuchteln scheint es nicht zu geben. Oder die beiden da? Er ist Zahnarzt und er Shiatsu-Masseur? Seit Jahren nerven sie sich schon an. „Wenn er nur nicht so gut massieren könnte!“- „Wenn er mir nur nicht meinen Lebensstil als schlecht verdienender Shiatsu-Masseur ermöglichen würde!“ Doch, das müssen sie sein, die Konzertschwuchteln.

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Interlude
Im zweiten Teil treten zwei Klarinettistinnen auf. Sie blasen und pusten so angestrengt in ihre Instrumente, dass sie im Verlauf des Stückes immer röter werden. Da immer nur eine von beiden spielt, hat die andere genug Zeit, die Partnerin zu beobachten. Sie bemerken das Rotwerden selbst, und beginnen auf offener Bühne zu grinsen. Irgendwann muss die eine sich die Hand vor den Mund halten, donnert sich dabei aber auch die ganze Klarinette vors Gesicht. Da muss die andere lachen, noch während sie ihr Solo vollendet. Das sieht der Rest der Band , und muss auch lachen.
Warum habe ich damals nicht die Klarinettistin geheiratet? Gemeinsam solche Barockkonzerte besuchen, das muss der Himmel sein.

Heimweg
In einem sehr teuren Bekleidungsgeschäft hat heimlich jemand ins Schaufenster dekoriert: „We should all be feminists!“
„Das Schöne am Barock“, sagt eine weißhaarige Stimme hinter mir im Takt gemessener Schritte, die im Leben schon viel gesehen haben, „das Schöne am Barock ist doch diese Heiterkeit!“
Ja, so ist es wohl! Es will Frühling werden, Unterwäschemodels lächeln vom Kulturkaufhaus, ich schwebe unter bunten Werbeballons, von denen der Mond, diese spaßhafte Ersatzsonne, nicht der geringste ist, eine Freundin textet mir einen Traum, alle Bahnen kommen sofort.
So ist es! So ist es doch!

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