Mittwoch, 25.04.2018
Das Leben der Anderen (Teil V)

Blond, Büsser, Vizediktator, Flake, und Acht Eimer Hühnerherzen

27. März 2018,

Was die anderen alles so machen. Man kann es schweigend bestaunen, es bei der Polizei anzeigen oder ein paar Worte verlieren. Ich habe mich für immer für Letzteres entschieden.

BLOND
aus Chemnitz
„Ich trage einen großen Namen“, das war mal eine Sendung in den dritten Programme, in der man Nachfahren von Beethoven, Aristoteles oder General Ludendorff angesichtig wurde und irgendwer raten musste, mit welcher Dynastie sie wohl verwandt waren. Im obrigkeits- und namenshörigen Deutschland ein großer Erfolg.
Die ganzen einfachen Figuren wie Müller, Meier, Schulz seufzen sehnsuchtsvoll. Aber ein großer Name stellt auch immer eine große Bürde dar. Ich weiß dies selbst, als Großneffe der verstorbenen Schauspielerin Elisabeth Volkmann.
Die Ost-Variante zu diesem Schicksal ist natürlich: Die kleinen Schwestern der beiden Kraftklub-Brüder (Tom & Jerry) zu sein. Das mag mitunter ein Sprungbrett darstellen – doch, wenn man es wirklich ernst meint, ist es vor allem ziemlich nervig. I feel you, Blond!
Die Band jedenfalls macht offensiven Post-Hipster-Electro. Ich finde glaubwürdig, manchmal ist es mir alles in Sound und Attitüde noch zu sehr Vodafone-Styler-Commercial-kompatibel. Verknallt habe ich mich allerdings ohne Einschränkung in das Lied über „Spinat zwischen den Zähnen“ und in diesen Übernerd-Jungen der Gruppe, der als einziger nicht den Namen Brummer/Kummer trägt.

ACHT EIMER HÜHNERHERZEN
aus Berlin

„SpiegelOnline, Rooibos Tee, die neue Foo-Fighters-CD – Ich steh auf Mittelmaß!“ („Mittelmaß“)

Der Reviewredakteur vom Musikexpress brachte mich auf diese unfassbar gute Band. Er selbst hatte allerdings nicht viel davon, sondern reichte es mir weiter, da er vom Namen folgerte, das könne vielleicht mir gefallen. Nicht bloß eine Unverschämtheit sondern auch komplett zutreffend.
Drei Leute, einer davon Johnny Bottrop (der Farin Urlaub der Punker), einer der Schlagzeuger und eine weibliche Stimme. Die Idee ist zudem irgendwie Dogma. Also keine E-Gitarre, nur Nylonsaiten auf der Akustischen.
Klingt lästig? Ist es aber nicht – sondern ein genialer Move, um sofort einen nicht nur starken sondern auch wunderschönen Wiedererkennungswert im Sound zu etablieren. Alles auf Punk gebürstet, nur der E-Gitarrenkick fehlt und macht das zu einer Mischung aus Rainald Grebe, Die Ärzte früher und „Die Reklamation“ von Wir Sind Helden. Texte und Stimme zählen zum Besten, was ich zuletzt gehört habe. So frisch, wach und trotzdem lässig, so abgeklärt und trotzdem voll die saufproof RomCom mit Beats.
Hatte mir allerdings gemerkt, die Band hieße Achtzehn Eimer Hühnerherzen. Große Sorge, dass ich das auch in meiner Musikexpress-Rezension geschrieben habe. Axel Springers Gespenst wird mich noch nachts heimsuchen!
Egal. Das muss man aushalten können. Merk dir einfach: Irgendwas mit Hühnerherzen unbedingt hören.

FLAKE
„Heute hat die Welt Geburtstag“
aus Berlin

„Jetzt freue ich mich auf mein Hotelzimmer. Wenn auch nur nach innen. Das habe ich von Oliver Kahn gelernt. Von außen sehe ich aus wie ein trauriger alter Mann, der vor einer hässlichen Wand steht.“ (S.271)

Wie beiläufig Bandbiographie auch gehen kann, beweist das zweite Buch von Flake. Flake? Das ist dieser hagere Riese von Rammstein.
Auf zwei Ebenen erzählt er. Einmal geht es um den Werdegang der Band (Past Tense) und einmal das Hinter-den-Kulissen eines einzigen Auftritts der Band (Präsenz).
Was sofort nicht zu überlesen ist, ist die unglaubliche Bescheidenheit unseres Erzählers. Immerhin Plattenmillionär und Teil des fast einzigen deutschen Pop-Exportschlagers. Das Stilmittel der Bescheidenheit reizt Flake dann auch aus bis ans Ende des Horizonts und wieder zurück.
Liest man „Heute hat die Welt Geburtstag“ (Fischer Verlag) hält man Flake nicht mehr für „humble“ sondern für einen kompletten Voll-Loser, der in seiner Band gerade mal als Maskottchen geduldet wird oder dort als integratives Projekt für Menschen mit Behinderungen fungiert. Dieses Understatement ist wie gesagt unterhaltsam, doch man hofft für diesen Mann, dass er diese Pose einfach völlig überrissen hat. Sonst müsse man denken, Flake kann weder wirklich sein Instrument spielen, noch geradeaus laufen, kapiert keinen Gag, kann seiner Körperhygiene nicht nachkommen und hat null Anteil an Rammsteins künstlerischer Arbeit.
Ich schwanke so ein bisschen, das Buch unterhält sehr gut und bietet gute Einblicke durch den (betont) naiven Blick. Aber dieser schwachsinnige Parzifal, dessen eigene Heldenreise ihn bloß immer weiter als Narren zementiert, macht mich mitunter echt aggressiv.

PS: Kennt jemand das erste Buch von ihm? „Tastenficker“? Wird dort denn auch wie hier komplett ausgespart, dass Rammstein in den 90er wegen ihrer Provo-Masche unter dem Verdacht standen, rechts zu sein? Dass er das mit keinem Wort hier erwähnt, lässt leider eine Lücke, die man sich eigentlich gerade von so einem glaubwürdigen Vogel gern hätte füllen lassen.

VIZEDIKTATOR
aus Berlin

Für das Album dieser Band aus Berlin habe ich das Info geschrieben. Peace out! Daher möchte ich an dieser Stelle jetzt gar nicht mehr groß noch was sagen. Trotzdem gehört es für mich in hier in meine Facebook-Sammlung „Das Leben der Anderen“. Schließlich horte ich hier alles, was mich begeistert. Irgendwann macht Gruner + Jahr daraus ein Coffetable-Magazin!
Also… Vizediktator: Aufgewühlter Rest-Punk zwischen Größenwahn und Schwermut. Genau mein Ding.
PS: In der taz wurde sich bei Vizediktator-Review schon einigermaßen negativ auf meine Band-Bio bezogen. Ey, vorsicht, ihr Berlin-Knechte! Nichts wird vergessen. Ich habe einen Hammer und ihr seid die Nägel.

Martin Büsser
„Für immer in Pop“

Man muss realistisch sein – selbst wenn Martin Büsser nicht vor sieben Jahren gestorben wäre, die Linke wäre trotzdem heute am Arsch.
Allerdings, da bin ich mir sicher, besser wäre es dennoch. Spürbar. In dem undurchdringlichen Gewirr von Stimmen, Meinungen und Blasen hat Martin tatsächlich eine besondere Position eingenommen. Er war ein Leuchtturm, weil er schlauer, verständlicher, kämpferischer und irgendwie empathischer war, als die regulären Actionfiguren des hiesigen Diskurs-Games.
Ohne sein Buch „Von Punk zu Hardcore und zurück“ hätte man für mich und ähnliche Heinis die Neunziger gleich schließen können. Ich habe von Martin Büssers Artikeln und Gedanken mehr gelernt als von allen Texten, Büchern und Professoren im kompletten Germanistikstudium. No talk.
In „Für immer in Pop“ sammeln sich viele Highlights aus ZAP, Stadtrevue, Intro bis hin zu Songtexten für seine zauberhafte Vogel-Band Pechsaftha, bei der in seinem so unbedrohlichen Rheinhessisch sprechsang.
Doch seine alten Texte haben es in sich: Sehr prominent natürlich der Diss-Text auf Nirvana zur Hochzeit von „Nevermind“ und das danach folgende Interview mit Dave Grohl, der sich übrigens ganz gut schlug.
Aber allen Einlassung im Buch gleich ist, dass sie nicht an Brisanz und Expertise verloren haben. Das behauptet sich leicht, ist aber 100% wahr – und ein Beweis für diesen Ausnahmenmenschen. Denn popjournalistische Artikel sind gemeinhin nach einem Monat bereits überholt und viertel vor Sperrmüll. Ich weiß es aus eigener Erfahrung. Bei Martin aber bringen Pop-Aufsätze von vor 10, 20, 25 Jahren sogar noch Erkenntnisse auf.
Der Verlust dieser Stimme ist auch jetzt noch schmerzhaft.
Martin Büsser 4ever.

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