Freitag, 15.12.2017
"Dare the im_possible" - Die Konferenz

„Wenn ihr jetzt nicht Bundeskanzlerin werdet, seid ihr selbst schuld“

Diesen Oktober fand in Berlin eine hochkarätig besetzte wie breit gefächerte Konferenz statt: “Dare the im_possible / Wage das Un_mögliche. Das 21. Jahrhundert feministisch gestalten. Shaping a feminist 21st Century”. Aufgestellt von einem Team-Up aus dem Bündnis 90/Die Grünen nahen Gunda Werner Institut und dem feministischen Missy Magazine für Pop-Kultur. Nadine Schildhauer ist hingeradelt und hat nun für uns die Geschehnisse und auch die unterschiedlichen Positionen vor Ort zusammengefasst.

Am Donnerstag Abend, den 15.10, zieht es mich Richtung Friedrichstraße. Schräg gegenüber vom ehemaligen Kunst-Luftschutzbunker, die Sammlung Boros, befindet sich der leuchtende Quader der Heinrich Böll Stiftung. Wer schon einmal im 90er Jahre Gedenk-Klotz der Friedrich-Ebert-Stiftung war oder die piefigen Hallen der Konrad Adenauer Stiftung kennt, weiß diesen modernen Raum zu schätzen.
Nur kurz husche ich durch die Ausstellung “Wer braucht Feminismus?”, dann geht es auch schon zur Einführung mit Barbara Unmüßig (Vorstandsmitglied der Heinrich Böll Stiftung) und Stefanie Lohhaus (Redakteurin des Missy Magazines).

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Foto: Stefanie Kulisch

Die beiden Organisatorinnen möchten sich nicht für die Konferenz rechtfertigen, machen es dann aber trotzdem, denn heute sind „feministische Zugänge rar: Krise, Pegida, all das kommt meist ohne feministische Perspektiven in den klassischen Medien aus. Dabei bedeutet Feminismus Kritik am gesellschaftlichen System. Es ist der Zugang, der uns hilft, Diskriminierung zu verstehen, mit Ausgrenzung umzugehen und nicht zuletzt zeigen uns feministische Theorien und Praxen gesellschaftliche Alternativen auf“, heißt es bei Unmüßig. Lohaus bekräftigt ihre Aussage und ergänzt, dass besonders die Generation der 90er mit dem Bewusstsein aufgewachsen ist, dass alle gleichberechtigt seien. Heute gilt: „Wenn ihr jetzt nicht Bundeskanzlerin werdet, seid ihr selbst schuld“, sagt Lohaus. Spricht man von Feminismus, wird von links wie rechts gegen #Aufschrei, Quotenforderungen, Mädchenmannschaft und HU Gender Studies Student_innen gebasht. Es sind Zeiten des feministischen Backlashs aus allen politischen Couleurs, deshalb wurden (fast) alle an einen Ort geholt, um intergenerativ und multiperspektivisch den feministischen Status Quo gemeinsam auf den Prüfstand zu stellen und nach möglichen Allianzen zu suchen.

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Foto: Stefanie Kulisch

Crack in the feminist wall
Doch der Diskurs, von dem noch so oft in den nächsten drei Tagen gesprochen wird, ist ein akademischer, der feministische Headliner an diesem Abend ist die Soziologieprofessorin vom Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung (ZIFG) der TU Berlin Sabine Hark. Die angekündigte Autorin des Buch Buch Top Girls Angela McRobbie musste krankheitsbedingt absagen. Hark referiert – sehr nah an McRobbies Thesen – über Feminismen zwischen “Lean in” und Kapitalismuskritik: Vom Erfolg überholt, feministische Ambivalenzen der Gegenwart.
Ich muss zugeben, ohne meine Abschlussarbeit in Politik, die sich teilweise mit diesem Thema auseinandergesetzt hat, hätte ich vielleicht 20% des Vortrags verstanden. Und hier zeigt sich schon die erste kleine crack in the feminist wall, wer wird hier eigentlich adressiert? Hark hält fest, dass es in die BRD keine Generation vorher gab, deren Rechte auf Selbstbestimmung für so viele Menschen so weitreichend verwirklicht wurden wie diese, zumindest auf dem Papier. „Es sind gerade die jungen, bildungsaffinen, wirtschaftlich prosperierenden, mit allen Staatsbürgerrechten ausgestatteten, mehrheitlich noch weißen Mittelschichten, aus den Ländern des globalen Nordens einschließlich einiger weniger Eliten aus den Ländern des globalen Südens“, so Hark, die aktiv adressiert werden, teilzuhaben. Teilhabe wird nach Hark heute aber immer weniger als eine politische Einmischung verstanden, sondern vielmehr als das Recht auf Arbeit und Konsum, sowie der Pflicht zur Selbstoptimierung, Individualisierung und zum strategischen Handeln in Fragen der Reproduktion und Karriere verstanden. Befeuert wird diese Entwicklung von medial präsenten Frauen wie Marissa Mayer, CEO Yahoo, und Sheryl Sandberg, CEO Facebook und Autorin des Buches “Lean in”, das zum Bestseller-Manifest eines neoliberalen Feminismus emporstieg. In Form des Gender Mainstreamings sind feministische Forderungen ebenso „Teil staatlicher Regulierung und Verordnungen geworden und damit Teil dessen, wie wir regiert werden“. Diese neoliberalen Überformungen lassen die Bezüge zum Feminismus verschwimmen: Lang erkämpfte Gesetze werden als gegeben und die Kämpfe des Feminismus als ausgetragen angesehen. Der neoliberale „Elite-Feminismus“ ist der neutrale Boden, auf den man sich einigen kann, die verschiedenen, widersprüchlichen und radikalen Ansätze werden verworfen – diese gesellschaftliche Konstellation des Unsichtbar-machens von Feminismen nennen sowohl Hark als auch McRobbie: „die Desartikulation des Feminismus“. Der Preis, den wir zahlen, für die staatlichen Standards des neoliberalen Feminismus ist hoch, denn wir verlieren die Infragestellung, die Reflexion und das demokratische Nebeneinanderstehen der vielen Feminismen. Hark beendet ihren Vortrag mit einem Plädoyer die Herausforderung des Feminismus des 21. Jahrhunderts anzutreten und damit „immer wieder zu hinterfragen, wen und welchen Kämpfen Feminismus Rechnung trägt, wer wie ein- und ausgeschlossen wird, wessen und welches Handeln ermöglicht und verunmöglicht wird; und schließlich zu fragen, welche Allianzen über das Geschlecht hinweg ermöglicht und welche sabotiert werden und dabei das Bündnis mit anderen Macht- und Herrschaftskritischen Bewegungen zu suchen“. Mit anderen Worten: Weitermachen!
Sabine Hark versuchte viele Feminismen in ihren Vortrag mitzudenken und einen Ausblick auf die Konferenz zu geben, was ohne Frage mehr als gelungen ist. In den Pausendiskussionen äußerten Teilnehmerinnen die Kritik, dass Hark gerade mit ihrem Vortrag, Feministinnen aufgrund der gehäuften Fachbegriffe schlicht ausgelassen habe und ihrem eigenen Plädoyer so nicht gerecht werden konnte.

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Foto: Stefanie Kulisch

Zurechtgewiesen in der Pause
Danach ging es weiter mit der Talkrunde “Dare the im_possible / Wage das Unmögliche”, die ich als unausgewogen grün empfand. Von Anke Domscheit-Berg wurde ordentlich rumgeopfert: Die armen Männer können kein rosa tragen und gegenderte Produkte findet sie blöd. Ich frage mich, hat sie überhaupt mitbekommen, dass es eine Kontroverse um „Pink-Stinks“ gab? Sie hat nicht unrecht, das gesellschaftliche Klima ist feindlich gegenüber Normverstößen, aber angesprochen wird nur das Offensichtliche und das nur sehr oberflächlich debattiert. Am Ende leiden Männer am meisten unter den gesellschaftlichen Normierungen. In der Pausendiskussion werde ich zurechtgewiesen: Wollen wir feministische Forderungen durchsetzen, müssten wir Männer ins Boot holen. Ich bleibe auch nach diversen Gläsern Bio-Prosecco und –Grauburgunder standhaft, dass mich das echt nicht interessiert. Die Diskussion ist am Ende des Abends lebhaft, aber das Podium hat niemanden etwas gebracht – finde ich.

Am ersten Tag war das Missy Magazin zwar physisch präsent, aber die Impulsverträge und Diskussionen blieben größtenteils politischer Natur und stellten nur wenige popkulturelle Bezüge her. Den meisten TeilnehmerInnen schien das aber nur Recht zu sein, denn die Rückfragen aus dem Publikum (besonders nach der Einführung) waren gegenüber popkulturellen Themen eher skeptisch. Während es mir zu wenig Pop war, schienen andere Angst zu haben, dass die Missy die harten, politischen Inhalte verwässere. Ein Standpunkt, der für mich absolut nicht nachvollziehbar ist. Das sollte aber nicht die einzige Kontroverse zwischen Publikum und Sprecher_innen oder sehr jungen und älteren Feministinnen aller Denkrichtungen bleiben. Auch an Tag zwei wurde weiterdiskutiert. [Fortsetzung folgt…]

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