Sonntag, 28.05.2017
Kaputte Orthographie und die 1

“Mit vier Facebook-Kommentaren Leute zur Weißglut treiben”

Sprachverhunzung, das ist kein Kavaliersdelikt wie etwa Trunkenheit am Steuer. Denn der Deutschlehrer in den Menschen will und muss immer korrigieren. Zuletzt allerdings wurde es wohl selbst jenem zu bunt. Anstatt weiter empört irgendwem im Internet vorzuwerfen, er kenne nicht den Unterschied zwischen seid/seit, sieht er sich aktuelle vor einem debilen Scherbenhaufen.

Wer Humor besitzt, benutzt in Sozialen Netzwerken bewusst falsche Orthographie, verdreht Buchstaben und schreibt eine 1, wenn er “ein” oder “eine” sagen möchte. Der Gag wurde befeuert von Facebook-Seiten wie “Nachdenkliche Sprüche mit Bilder” oder “Was ist das für 1 Life?” – und nun allerdings wieder ausgepinkelt von dem heißen Urin von affirmativen Sparkassen-, Playstation- oder Flux-FM-Kampagnen. Falsch zu schreiben ist jetzt hip und wurde dabei tatsächlich kommerziell nutzbar. Linus Volkmann sprach mit einem Protagonisten dieses Szenerios. Er lebt in Berlin und unterhält mit einem Freund eine der lustigsten Facebook-Seiten zum Thema. Seine Bedingung für ein Interview allerdings: Er möchte anonym bleiben. So sei es.

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Das Aufgreifen von falscher Orthografie als Stilmittel habe ich zuerst bei dir und dem Typen gesehen, mit dem Du auch deine eigene Facebook-Seite zusammen macht. Wie erinnerst du denn deine ersten Berührungspunkte mit der Nummer. Was hat dich drauf gebracht?
Zuerst muss ich klarstellen, dass es völlig verkehrt wäre, zu glauben, dass ich ein “Early Adopter” wäre. Mein Brudi und ich haben allerdings vergleichsweise früh auf Facebook damit angefangen. An dieser Stelle muss aber gesagt sein, dass wenn solche Trends sich bis ins größte Soziale Netzwerk gequält haben, sie in ihren Entstehungskontexten schon wieder völlig out sind. Diese Verballhornung von Sprache hat ihren Ursprung im Netzuntergrund, auf diversen Message-Boards und Meme-Seiten. Ich verweise da stellvertretend mal auf die “Dolan”-Reihe.
Meinen Erstkontakt mit dieser Sprachverhunzung würde ich zeitlich allerdings noch etwas früher verorten. Heinz Strunk spielt für mich persönlich da eine große Rolle, in Bezug auf Sprachspielerein besonders seine Hörspiele. Die absichtlich grammatikalischen Verkümmerungen, falsche Pluralbildungen etc. hat Heinz Strunk bereits zu “Fleischmann-TV”-Zeiten verwendet. Zum Beispiel im Klassiker “Teilebahn”, wo es heißt “alles in der Teilbahn ist aus viele Teil”.

Was ist der spezielle Reiz für dich an dieser „Sprache“?
Kommt auf die Situation an. Wenn du es in einem Umfeld verwendest, das sehr trendunbewusst ist und dementsprechend völlig irritiert auf sowas reagiert, ist das für sich schon ein riesen Spaß, der nochmal extra gewinnt, weil du ja im Grunde kaum Aufwand betreiben musst. Besonders schön ist es, wenn die Mongo-Lingo dann mit Aggression quittiert wird, die sich aus dem Nicht-Verstehen und der daraus resultierenden Verunsicherung des Gegenübers speist. Je wertkonservativer das Milieu, desto leichter ist es übrigens, mit solch billigen Mitteln das Publikum zu triggern. In der Punk-Szene zum Beispiel war das am Anfang wirklich ein Selbstläufer, wenn du die Leute da mit vier Facebook-Kommentaren zur kompletten Weißglut treiben konntest. Es ist also schon die Lust an der Provokation, die diese “Sprache” für mich interessant gemacht hat.

Kann man sich das Phänomen eigentlich auch als eine Art von phantasievollem Vulgär-Wiki vorstellen? Denn es handelt sich hierbei ja nicht um etwas Feststehendes, sondern es wird von seinen Benutzern gefühlt immer weiter fortgeschrieben – vong Verveinderung her.
Diese “Sprache”, wie jede andere Form von Sprache, existiert nicht als in sich geschlossenes Ding. Es gibt viele Varianten, die parallel existieren, wobei es auch hier ganz klar Güte-Unterschiede gibt. Cool ist, wenn Leute was Eigenes beifügen. Dabei geht es ja nicht nur darum, Wörter falsch zu schreiben. Das ist ja überhaupt nicht der Punkt eigentlich. Das Gesamtpaket muss stimmen. Die Schreibe muss zum Inhalt passen. Nur diese Kreativität geht ja den meisten ab. Da kommt dann halt etwas sehr bemüht immer wieder “vong … her”, aber es fehlt ein Anschluss-Gag aus eigenem Antrieb. Im Grunde sind die meisten, die jetzt versuchen, auf den Lingo-Train zu hoppen, die Leute, die vor fünf Monate noch dagegen geschossen haben.
Dass auch diese “Sprache” Sprachwandlungsprozessen unterliegt, lässt sich übrigens gut am Beispiel Money Boy verdeutlichen, der 2013 ein Big Player im Lingo-Game war. Er hat viele Begriffe geprägt, die zeitweise stark rezipiert wurden, und auch am massivsten diesen Denglisch-Turn durchgezogen, dieses “Es ist dieser Boy am been”-Ding. Diese Sprachvariante spielt aber heute überhaupt keine Rolle mehr und wird von den coolen Forenkids als “pures Aids” abgetan. Es ist also durchaus möglich, dass eine ganze Vokabel-Gruppe wieder verschwindet.

Welche Rolle spielt das Internet für diesen speziellen Humor-Hype? Wäre er ohne jenes auch nur im Entferntesten denkbar?
Damit es zum Hype wird, ist sicherlich das Internet nötig. Dass sich so ein Humor entwickelt, geht aber natürlich ohne, solange es witzige, kreative Leute gibt, die miteinander in Kontakt kommen.

Was kannst du zu „Nachdenkliche Sprüche mit Bilder“ sagen?
Fand ich erstmal sehr witzig. Der Macher hat da gerade zu Beginn sehr gut vorgelegt. Ich erinnere mich noch an das erste “Special”, das über die Indianer. Ab da war für mich klar, dass das ‘ne richtig gute Zeit mit der Seite werden könnte. “Nachdenkliche Sprüche” transportiert diese gespielte Naivität ganz hervorragend und der dort verbreitete Content untermauert auch das, was ich vorhin gesagt habe: Nämlich, dass es auch auf das Gesagte ankommt, nicht nur darauf, wie es von der Lingo getragen wird. Beispiel von “Nachdenkliche Sprüche”: “Indiander Jones war kein Indianer, hat aber trotzdem gegen die Nazis gekämpft”. Mit ‘nem kitschigen Federschmuck-Bild funktioniert das sogar fast ohne Typo-Fehler. Diese gespielte Blödheit ist aber natürlich auch kein “Original” von “Nachdenkliche Sprüche”. An der Stelle kann man vergleichend abermals Mbeezy bemühen. Dessen Physik-Lektionen von 2013 nehmen den Move der aufgesetzten Ungebildetheit schon ein wenig vorweg, wenn er hier über Darwin “den Physiker” fabuliert.

Zurück zu “Nachdenkliche Sprüche”: Da der Gag auf so vielen Ebenen funktioniert, dass er ein größeres Publikum anzieht, tummeln sich in den Kommentarspalten jetzt auch viele humorlose Leute, denen das große Ganze des Jokes verschlossen bleibt, aber die auf irgendeiner Ebene trotzdem partizipieren können/wollen. Das muss aber zwangsläufig passieren, wenn etwas so viel Potential birgt, dass es über Insider-Grenzen bekannt wird. Mich stört das nicht allzu sehr, ich finde es auch albern, sich darüber aufzuregen. Wenn es einem nichts mehr bringt, zieht man halt weiter. Mittlerweile ist definitiv ein Punkt erreicht, wo das Sterben des Witzes einsetzt. Mich nervt das weniger im Internet, sondern viel mehr im direkten Kontakt. Gerade mein Freund und ich haben ab ‘nem gewissen Punkt so geredet, dass jeder Außenstehende dachte, da reden zwei geistig minderbemittelte. War total geil, allerdings wird man jetzt schneller durchschaut. Aber sich aufregen, weil sich jemand den eigenen Witz zu Eigen macht – den man selbst im Grunde nur aus diversen Einflüssen zusammengeklaut hat? Nicht meine Sache. Einmal drüber ärgern – und mein Gott! Das ist doch im Grunde auch alles scheißegal.

Wie stehst du zu dem Vorwurf des Klassismus? Also dass es diskriminierend sei, wenn jemand mit einwandfreier Schreibweise den Wortsalat-Trash aneignet – der im Original viel auch gerade von Nicht-Muttersprachlern bzw. weniger Privilegierten geschrieben wird?
Das ist ja ein Fass ohne Boden. Den Vorwurf kann man auch Seiten wie “Rhetorische Perlen von AFD-Anhängern” etc. pp. machen. Oder den Leuten, die einen Jogginghosen-Tag machen und in die Loser-Kneipe um die Ecke gehen und da ironisch mit dem arbeitslosen Malocher Bernd am Brett sitzen. Sie können jederzeit wieder gehen – Bernd nicht. Der Gedanke, dass es sich bei dem Game um Unterschichts-Bashing handeln würde, ist mir übrigens selbst überhaupt nicht gekommen und war auch für mich nicht Teil des Witzes. Das ist erst später da rein interpretiert worden, als der ganze Quatsch an Aufmerksamkeit gewann. Die Ursprünge, also zurück zu dem Meme-Kram aus den frühen 2010ern, haben auch nicht so eine Intention gehabt. Das war ja alles viel zu dadaistisch, als dass man da eine “Linie” hätte hineininterpretieren können. Der Klassismus-Vorwurf mag trotzdem mittlerweile zutreffen und es mag auch Akteure geben, die ihren Groll gegen den Bullshit des “Kleinen Mannes” damit ausleben. Selbst wenn – gibt Schlimmeres.

Anlass für dieses Interview ist allerdings die Kommerzialisierung des Phänomens, Sparkasse und so. Hättest du dir das noch vor einem Jahr träumen lassen, dass jetzt multinationale Konzerne mit Nerd-Scheiß ihr Image aufpolieren würden?
Sie tun das ja erst, seit es kein Nerd-Scheiß mehr ist. Und es ist überhaupt nicht verwunderlich, sondern entspricht exakt der flexiblen kapitalistischen Verwertungslogik, sich alles einzuverleiben, womit man Aufmerksamkeit erzielen und Gewinn machen kann, der multinationale Konzerne eben folgen. Natürlich ist die Sparkasse aber viel zu spät dran damit, so dass es komplett uncool rüberkommt. Ich glaube nicht, dass sie sich damit einen großen Gefallen getan hat.

Ist das alles einfach „Lauf der Dinge“? Grunge und Aggro Berlin waren ja seinerzeit auch zu stark, um bloß der eigenen Szene zu gehören, sondern wurden stattdessen populär und ausgeweidet. Wie empfindest du die Übernahme? Ein Ärger, ein Erfolg, eine Chance?
Das Lingo-Game ist ja im eigentlichen Sinne keine Szene, deren Akteure irgendwelche Werte teilen. Ich lehne jeden Szene-Gedanken in dieser Sache ab. Sprache gehört niemandem, sondern wirklich allen. Schönerweise ist sie ja so frei ausgestaltbar, dass vielleicht was Neues kommt. Für mich ist das alles weder ein Ärger, noch ein Erfolg, noch gar eine Chance. Ich werde einfach weiter meinen Bullshit abziehen, in welcher Ausgestaltung auch immer.

Wie geht es weiter? Wird es bald wieder ein Zurück geben oder werden jene Falschschreibung und die 1 einfach Teil der allgemeinen Popkultur?
Die 1 kriegst du nicht mehr tot. Alle Phänomene im Bereich des Sprachwandels gehen auf Vereinfachung zurück. Was sich als praktikabel erweist, setzt sich durch. Ob das nun die althochdeutsche Lautverschiebung ist, das Verschwinden der Nebensatz-Stellung im Weil-Satz oder eben die 1 ist, ist egal. Was die Mehrheit annimmt, bleibt. Die 1 hat deswegen gute Chancen, weil sie in einer schnelllebigen Chat-Kultur eine enorme Zeitersparnis darstellt und deshalb ohne jede Humor-Bindung funktional ist.

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Die 1 ist mittlerweile überall. “Witzig” oder “geil” denkt man dabei nur noch selten.

Wie hältst du es für dich persönlich? Wann kann oder will man die Nummer nicht mehr bringen?
Jenen Teil des Vokabulars, der aktuell ausgeschlachtet wird, legt man wieder ab – sehr unangenehm zurzeit: “Was ist das für 1 life?”, alles andere macht in passenden Kontexten immer noch Spaß. Nicht mehr so viel wie früher, aber da, wo die Verweigerung eines ernsthaften Dialogs angebracht ist, kann man auch das Lingo-Game weiter durchziehen. So lange es für ein paar Lacher und das eigene Entertainment noch taugt. Wenn das nicht mehr zutrifft, ist das Ding halt durch. Ich finde das nicht schlimm und hoffe, dass ich bald sowas wie eine Arbeit habe, so dass ich für den ganzen Scheiß hoffentlich eh keine Zeit mehr habe.

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