Dienstag, 25.04.2017
Das Leben der Anderen (II)

Belastbarkeit von Popkultur testen – Mit NoFX, Sleater-Kinney, Brutale Gruppe 5000, Pictures

Was die anderen alles so machen. Man kann es schweigend bestaunen, es bei der Polizei anzeigen oder ein paar Worte verlieren. Etwas davon geschehe nun hier.

NoFX
aus Boston
Verlangt man von seinem Gegenüber die Nennung musikalischer Errungenschaften der Neunziger, wird als allererstes immer gemault – und dann irgendwann zähneknirschend zugestanden, dass doch einiges da seinen Anfang (bzw Fortgang) nahm: Techno, (deutscher) HipHop, Drum’n’Bass, Post-Rock, nicht zu vergessen natürlich Grunge.
Was allerdings in der Retrospektive quasi nie Erwähnung findet, ist Melodic-HC. Warum eigentlich? Besser wurde es nie mehr. NOFX und Bad Religion stellen dabei die Pepsi und Cola des Genres dar. Bad Religion in ihren Klassiker-Alben sicherlich unübertroffen – dennoch haben für mich den long run NOFX gewonnen. Nichts gegen die bürgerlichen HC-Streber mit wissenschaftlichem Degree um Greg Graffin, aber ein Buch oder eine Doku möchte zumindest ich mir 1000 Mal lieber von Fat Mike und seinen Irren anschauen. Das gilt dabei auch fürs Anhören der Musik, die von beiden Bands nach den frühen 90ern erschien.
Für die Kollegen vom Musikexpress hatte ich jetzt die Möglichkeit, eine ganze Seite über NOFX zu schreiben. Wann hat Trude Springer das denn durchgewunken? Egal, mich hat’s gefreut! Und es gelang auch, meine Lieblingsgeschichte zur Band unterzubringen. Eine, die man in der Doku „Backstage Passport“ nachschauen kann: Fat Mike zieht unbekanntes grünes Pulver in Singapur auf dem Hotelzimmer. Wer verdrogte, sympatische Rockstars mag, kann das nur lieben! Die Bandbiographie gerade per Post erhalten, noch nicht gelesen. Erwartungen groß.
Das aktuelle Album heißt “First Ditch Effort” und so klingt’s:

Carrie Brownstein bzw. Sleater-Kinney
aus Olympia
Als ich die Band Sleater-Kinney für mich entdeckte, war kurz mal alles gut. So eine atemlose, energetische Musik, kein Wunder dass einem das gefiel. Allerdings war die Erzählperspektive nicht wie sonst immer die eines Typen mit Gitarre oder halt die von fünf Typen. Was allein schon für eine Befreiung! Wenn einem in einer Ausgabe vom Ox-Magazin oder dem Visions mal wieder seitenweise nur aufmerksamkeitshungrige Macker von vor der Backsteinmauer entgegenblicken, wünsche ich mir echt einen Hinweis der Redaktion – also nicht mal eine Entschuldigung, nur ein Zeichen des Erkennens („Ja, wir sehen es auch. Ist halt mal wieder so gekommen, Grüße die Red.“), damit man nicht denken muss, man selbst ist verrückt. Da man aber in den allermeisten Rockkreisen auf solche Signale für immer vergebens wird warten müssen, sollte man nach aufwühlender Musik eben woanders suchen.
Zu einer der wichtigsten Bands überhaupt (keine gendermäßige Spezifikation an dieser Stelle) erschien nun das Buch: „Modern Girl – Mein Leben mit Sleater-Kinney“ von Sängerin Carrie Brownstein.
Sorgfältig aber pointiert bewegt man sich hier durch eine Mädchenjugend in Amerika, die ihren Rock erst finden muss – denn der tut ja immer so, als wäre er erstmal nur für Männer da. Aber Carrie hat kein Interesse an der Rolle des anschmachtenden Fan-Girls, prägt viel lieber das Riot-Grrrl-Movement mit und bekommt als es alles die ganz normale geschlechterübergreifende Rockhölle geworden ist, eine Gürtelrose und fühlt sich furchtbar, doch das nur am Rande. Humorvoll und (extrem wichtig für Biographien:) schonungslos gegen sich und die Welt schreibt sie jedenfalls die Geschichte ihrer Band hier auf.
Lachen, lernen, staunen, lesen.

Brutale Gruppe 5000
aus Hamburg
Hier habe ich nur mal ein Lied auf einem Sampler gehört: „Verrückte Viecher aus dem Weltall greifen an“. Trotz Weltraum-Thematik nur angenehme 35 Sekunden (!) – in der Zeit atmen Pink Floyd noch mal in eine Mülltüte und greifen dann umständlich den ersten Akkord. Aus Bock jetzt die Platte gekauft, erinnert mich an Antitainment, die sich leider schon vor einiger Zeit einfach ausgeschlichen haben. Verkürzter Punk-Black-Metal mit zuckersüßen Keyboard-Figuren als Schleifchen.

Pictures
aus Berlin und darüber hinaus
Noch in den Neunzigern hatten Jan Müller und Don Holz für uns sensible Kleinstadtpunker eine Band entdeckt. Sie trug den schlichten Namen Jonas und stammte aus einem Unort namens Bad Bentheim. Überjunge haarige Typen, deren Sänger unfassbar großartig klang. Auf der ersten schrammeligen Maxi hören sich die Balladen ähnlich intensiv an wie „Polly“ von Nirvana – nicht einfach so dahingesagt. Die Band fokussierte sich damals dann aber zusehends auf den Breitwand-Aspekt von Grunge, löste sich auf, fand mit veränderter Besetzung als Union Youth ihren Fortgang, der führte über Amerika bis zu Heroin und dann kam erstmal lange nichts mehr. Dass sich Sänger Maze wieder so weltlichen Dingen wie Musik zuwandte, war nicht mehr zu erwarten. Dennoch geschah es. Mit alten Weggefährten wie neuen Musikern heißt das jetzt (erneut schlicht): Pictures.
Zeitlose Rockmusik, die sich unablässig von Melancholie nach Euphorie streckt – die Stimme von Maze hat nichts verloren von ihrer Faszination. Weiß einfach kaum einen deutschen Sänger, der besser klingt als er.

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