Dienstag, 17.07.2018
Fußball bizarr

Alptraum Fanmeile (Bzw. warum bin ich Idiot überhaupt hier?!)

17. Juni 2018,

Im Freien trinken, sich dumm kostümieren, fremden Leuten um den Hals fallen – Die Fanmeile vereint die Anmut von Junggesellenabschieden mit dem Komfort des Rumsitzens.
Hier zehn Aspekte zum Thema Open-Air-Fußball-Gucken. Ist es wirklich so schlimm, wie man denkt (ja!) und wie verhalte ich mich, wenn ich tatsächlich selbst in ein Public Viewing reingeraten bin?

deutschhh

01 Amore vs. Hooligan
Sport ist Völkerverständigung – dennoch sollte Vorsicht gewahrt werden. Wenn einen zum Beispiel der nette Nebenmann mit dem andersfarbigen Trikot nach dem Spiel noch zur „Dritten Halbzeit“ einlädt, lieber dankend ablehnen. Denn das dürfte nicht auf ein Date sondern auf eine Schlägerei verweisen. Schade! Er hatte so schöne Augen!

02 Freihalten
Bierbänke mögen sicher nicht das Sitzmöbel der Könige sein, doch beim Public Viewing ist ein Din4-Blatt Platz darauf mehr wert als die Stange Zigaretten im Knast. Wenn also Freunde sich bereit erklären, so eine Ecke freizuhalten, sollte man diese auf keinen Fall lange warten lassen. Wer schön zur Mitte der ersten Halbzeit herbeiflaniert, während sein Buddy diesen Sitz bis aufs Blut verteidigen musste, der findet seinen freigehaltenen Platz beim nächsten Mal vermutlich hinter einer Säule verortet wieder.

03 Freihalten II
Gemeinsames Fußballschauen definiert Hierarchien: Wer in der Clique kennt sich aus, wer hat die besten Sprüche drauf? Und sollte es damit nicht weit her sein, kann man aber auch ganz praktisch punkten. Zur Abwechslung selbst mal seinen Leuten alle nötigen Plätze freihalten! Sollte man beim Spitzenspiel sieben Sitze nebeneinander mit nur einer Jacke wirklich bis nach Anpfiff bewahren können, wissen die friends, man hat jetzt bereits mehr geleistet als Thomas Müller im gesamten Turnier.

04 Nichts zu ausgelutscht für die Fanmeile
„Mannschaft vor! Schießt ein Tor!“, „Das Runde muss ins Eckige!“ Nicht mit den Augen rollen – einstimmen! Denn man darf sich nichts vormachen, Public Viewing stellt einen einzigen Fußballamateur-Flashmob dar. Kein Gesang ist zu ausgelutscht für die Fanmeile. Nun, das macht die Sache zumindest leicht. Einfach immer völlig zufällig reinrufen „Komm, Du bist doch schnell!“ oder „Mach ihn nass!“ und schon wirkt man in diesem Umfeld hier wie ein weisungsbefugter Dauerkarten-Profi.

05 Fußballsongs
Wen es wirklich hart trifft, der wird nicht nur mit IQ-zersetzender Animations-Ballermannmusik beschallt, sondern irgendeine Band in Deutschland-Trikots spielt auch noch live ihren Beitrag zur kollektiven Verspackung. Elton, Micaela Schäfer, Revolverheld, Oli Pocher … das Land der Trottel und Henker beweist gern, dass es eigentlich auch gern Musik auslöschen würde…

06 Pinkeln wollen beim Public Viewing
Ein ganzes Fußballspiel kann ziemlich lang werden. Die viele leere Zeit zwischen den wirklich spannenden Momenten überbrückt sich traditionell am ehesten mit Bier. Doch bei Massenveranstaltungen immer im Auge habe, dass Flüssigkeit auch wieder losgeworden sein will. Den Ort fürs Public Viewing also nicht nach der Größe des Beamerbilds auswählen sondern nach der Zumutbarkeit seines Klo-Szenarios.

07 Groß müssen beim Public Viewing
Und wer beim Public Viewing groß muss, der hat definitiv die Kontrolle über sein Verdauungssystem verloren. Außerdem wenn nicht gerade Elfmeterschießen ist, stehen die Türen zu den Toiletten bei solchen Großveranstaltungen niemals still. Statt sich den dazugehörigen Stress anzutun, sich lieber mal für eine Stunde nach Hause verabschieden: „Muss noch kurz was wegen Abseits nachlesen!“ Dafür hat jeder Verständnis.

08 Kartoffelsalat
Unter freiem Himmel entfaltet das kollektive Fußballschauen ja erst seinen vollen Reiz. Was aber auch gleichsam bedeutet, man sieht sich dem launigen Faktor Wetter ausgeliefert.
Vorbereitung ist daher alles: Regenschirm, Sonnencreme, Klamotten zum Wechseln, eine Decke und ähnliches einpacken. Ein Rollkoffer oder ein Camping-Rucksack sollten zum Transport genügen. Nicht irritieren lassen von irritierten Blicken, die werden den anderen spätestens vergehen, wenn man selbst bei Verlängerung schön ein Kissen und eingetupperten Kartoffelsalat aus seinem Gepäck zieht.

09 Lothar Matthäus
„Schweini!“ „Poldi!“ „Klose!“ „Der Neuer!“ Ja, wo sind sie denn nur unsere liebgewonnenen WM-Helden aus den vergangenen Folgen? Na, an einem besseren Ort – oder zumindest nicht mehr im Kader. Das Erstaunen darüber bitte vorab ausagieren. So spart man sich später auf der Bierbank Nachfragen an die Nachbarn, durch die man nicht gerade versierter wirkt. Und nein, liebe älteren kaput-Leser und Gelegenheitsgucker, Lothar Matthäus spielt auch nicht mehr.

10 “Ich hab eine Fahne!”
Public Viewing das ist der hässliche Herd des Party-Patriotismus. Wenn kleine Splitter-Länder, die man nicht mal aus Geographie kennt, auf ihre seltsame Folklore abfeiern, besitzt das durchaus Charme. Der schwarzrotgold-geschminkte Fahnenschwenker hingegen, der unablässig „Sieg“ skandiert, sollte sich indes immer fragen: Unterscheiden sich mein Look und Verhalten wirklich noch signifikant von dem eines PEGIDA-Demonstranten?

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