Donnerstag, 25.05.2017
Die (Anti-)Deutschlandreise

Vulgäre Buttons und Hurensöhne – mit der Familie auf dem Kosmonaut 2015

Jan Apel gilt als der am besten gekleidetste Mann Hamburgs, zärtlicher Liebhaber, Weißweinultra, Fanzine-Autor für “Mind The Gap” – und regiert zusammen mit anderen Punkkaufleuten zudem noch das alternative Musikgeschäft mit der Firma Broken Silence. Auf dem Kosmonaut erlebten ihn Tausende angetrunkener Jugendlicher in einer weiteren Paraderolle: Vater beziehungsweise Aufsichtspflichtiger von drei Teenagerinnen. Eine Konstellation wie aus einer amerikanischen Sitcom. Welche Abenteuer dieses ungleiche Team auf dem diesjährigen Kosmonaut erlebte, sieht man hier. Und erfährt dabei auch einiges über “Stars” wie “Kraftklub” oder”Haftbefehl”. Von “Marteria” ganz zu schweigen…

 

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Endlich Freitag morgen! Unsere Reisegruppe räkelt sich entspannt im Flixbus, nichtsahnend, dass sie erst gut acht Stunden später im schönen Leipzig wieder aussteigen wird. Akku und Stimmung noch bei komfortablen 95 Prozent.

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Yooo Biiiitches! Der Nightliner von Haftbefehl überholt uns gerade, echt jetzt! Oder ist es vielleicht doch nur die allerletzte Lieferung nach Griechenland? Nur zwei Stunden später trägt uns der RE durch urwüchsig-verwunschene sächsische Hügellandschaften Richtung Chemitz aka KMS.

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Anreise und Zeltaufbau haben gerade ärgerliche zwölf Stunden verschlungen. Schnell noch die Hälfte vom Egotronic-Set einatmen, die Berliner um den antinationalen Chefschluffi mit Anglerhut werden zwar immer zahlreicher und langhaariger, kommen dafür musikalisch umso knapper und schroffer auf den Punkt. Sehr gelungen!

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Der 15-jährige Teil unserer Reisegruppe ergötzt sich lange an der Tatsache, dass der “geheime Headliner” Marten Laciny gold- und platinverdächtige Publikumsmassen vor die Hauptbühne zieht. Bei Hafti hingegen wird schon der Soundcheck extrem ausgelassen und im kleinen Checkerkreis gefeiert. Mit DJ, Schlagzeuger und Backup-Rapper legt er dann ein herrliches Set hin, bei dem sogar das Bewerben der Brudiletten aus der hauseigenen Chabos-Klamottenlinie zur charmanten Fußnote gerät. Der Typ hat Herz und Humor!

 

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Und danke auch, Tochter. Ich freue mich schon sehr auf meine missratenen Enkel und darauf, mit ihnen und Vater Tarek von K.I.Z. unterm Weihnachtsbaum zu sitzen. Wird bestimmt genau so toll, wie jetzt in dieser Bruchbude von Zelt zu “schlafen”, das komischerweise ganz oben ein großes Loch hat.

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Ja, Chemnitz, ich weiß. Ich komm ja schon. Liverpool des Ostens, Du hast mich am Haken – auch wenn es viel regnet und ich Weißwein aus Tetrapacks trinken muss. Mein junges Business pflanze ich doch gerne in Deine Gründerkultur mit Erfindergeist!

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K.I.Z. nutzen derweil das Festival, um das ganze Street-Promotion-Budget für “Hurra Die Welt Geht Unter” in Form von orangenem Absperrband, Winkelementen und vulgären Buttons an die Massen zu verschleudern. Meine Begleiterinnen freuen sich sehr doll und sammeln systematisch gleich mehrfach ab.

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Doch jetzt erst mal Musik! Turbostaatstragend und Uhlmannesk wirkt Sänger Max Richard Leßmann von Vierkanttretlager, einer Band, die ich auf Platte okay bis recht gut finde. Live bringt Leßmann das Schiff heute so richtig zum schaukeln. Als exaltierter Entertainer, der gleichzeitig gegen seine nordische Knurrigkeit anzukämpfen scheint, gewinnt er die Zuneigung des Publikums ohne Schwierigkeiten.

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Und wie hieß noch gleich das Schiff von Pippis Vater Ephraim Langstrumpf? Danger Dan hat sich jedenfalls dessen Ausguck als Keyboardständer umbauen lassen. Die Antilopen Gang versaut ihren Auftritt mit enorm schlechtem mumpfigem Sound. Jede andere Band würde schon das komplett killen. Diese hier ist trotzdem spitze und gibt zudem ihre Erlebnisse von der Anreise über das um die Ecke liegende Freital sehr eindringlich weiter.

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Den Rest ihres Promo-Budgets haben K.I.Z. in die vier Meter hohen nordkoreanischen Statuen gesteckt, die jetzt die sehr orangene Hauptbühne zieren. Starker Regen und großer Zulauf prägen den späten Nachmittag. Der Auftritt der Hurensöhne lässt sich einfach nicht kleinreden, das ganze Festival scheint da und auf Zack zu sein, nicht nur, um sich einen guten Platz für den Gastgeber und Headliner zu sichern.

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Kraftklub haben den Rest der Nacht dann komplett im gnadenlosen Würgegriff. Wer noch nicht Fan war, kann jetzt eh nicht mehr weglaufen. Sie weisen ihr unbedarftes Publikum sogar im ordnungsgemäßen Gebrauch von Bengalos ein. Und spielen eine unglaublich gute Show, zu deren Ende die gesamte Backstage-Area auf der Bühne aufläuft.

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Juhuu, wir haben es fast geschafft! Jetzt noch schnell die WhatsApp-Postkarten aufnehmen für die Lieben daheim. Arschknapp noch im vollgequetschten Shuttlebus weggekarrt werden. Aber warum ist das Wetter am Abreisetag das beste des ganzen Wochenendes? Ich komme dann spätestens in fünf Jahren wieder her, wenn die zweite Tochter alt genug für Haftbefehl ist.

 

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