Freitag, 24.11.2017
Meakusma-Festival 2016

“Die Leute haben zu viel Angst vor Fehlern.“

Salatbeete, Subbässe, Genre-Clashes, Experimente – und brünftige Hirsche. Nicht nur in Sachen Soundvielfalt und Erholungsfaktor hat das  Meakusma Festival ein denkwürdiges Debüt hingelegt. Ein Line-Up von Welt traf auf eine Welt, die sich nicht sofort erschließt.

 

mea016_el-authorIch kann nicht mehr.
Auf dem großen Floor spielt DJ Nigga Fox aus Lissabon, während nebenan die Berlinerin rRoxymore das Kesselhaus mit einem schroffen Set bekocht. Wir haben Samstag Nacht, beide Dancefloors sind voll, doch ich bekomme das mit dem Raven nicht mehr hin, wechsle die Räume planlos im Minutentakt. Die Beine schwer wie ein Subwoofer, der Kopf sprunghaft wie auf 25-Tabs-Parallel-Browsing, schlurfe ich in den Kühlraum, einen der vier Indoor-Spielorte im Alten Schlachthof Eupen. Mir weht heftiger Gitarrenkrach entgegen. Le Cercle des Mallissimalistes spielen die schönste, verzerrteste, teuflischste Late-Night-Kakophonie seit langem. Zwar bekomme ich nur noch das letzte Stück mit, doch dieses kurze Zwischenspiel gewinnt im Nachhinein an symbolischer Bedeutung, bringt es das erste Meakusma Festival doch auf den Punkt:

Meakusma steht für den Clash von Genres und Bewusstseinszuständen, für Überraschungen, und für die beruhigende Gewissenheit, dass es zu jeder Stunde etwas zu erleben und erfahren gibt, das gerade zur persönlichen Stimmung passt – und sei es Gitarrenlärm zur eigentlich besten Party-Zeit.

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Tropa Macaca (Photo by Phil Struck)

 

Beruhigend ist ohnehin ein treffliches Attribut für dieses Festival, das das belgische Label- und Veranstalterkollektiv Meakusma am vergangenen  Wochenende zum ersten Mal aufgezogen hat. Der Campingplatz, direkt hinter der Festival-Venue „Alter Schlachthof“ gelegen, ist eigentlich ein Garten. Zieht man morgens den Zeltreißverschluss herunter, fällt der erste Blick auf Salat- und Gemüsebeete. Daraus stammen auch die Zutaten für die Speisen am Essenshäuschen, an dem abends ein Lagerfeuer lodert. Die Wege auf dem Gelände sind denkbar kurz, das Publikum tiefenentspannt und in der Anzahl intim, statt der Dixie-Hölle locken die Sanitäranlagen des Kulturzentrums Alter Schlachthof.

Auf Audio-Trip in den Feldern
Meakusma operiert aus Eupen heraus, einem Städtchen in der deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, nicht weit von Aachen. Auch wenn man die Region als Neuling nach einem Wochenende Festival nicht wirklich erfasst hat, fühlt sie sich kurios an. Deutsch und gleichzeitig nicht, verborgen und doch so nah.
David Helbich nimmt das Publikum auf eine Exkursion in den natürlichen Lebensraum von Meakusma mit. Sein Audioguide führt via MP3-Player, Kopfhörer und Karte durch ein Wohngebiet, vor allem aber raus ins Grüne. „Ich bin im Vorfeld ganz Eupen abgelaufen, habe mich dann aber doch für eine Route hauptsächlich durch die Landschaft entschieden. Das passt besser zum Festival. Ich wollte die Leute entführen und auf einen Trip mitnehmen“, berichtet der deutsche Künstler, der seit Jahren in Brüssel lebt und zuvor mit der Deutschsprachigen Gemeinschaft – wie so viele andere Belgier – wenig zu tun hatte. „Der Trick sind binaurale Aufnahmen und offene Kopfhörer: So vermischt sich der Umgebungssound mit dem Guide und ich kann den Hörer manipulieren.“
Helbichs Guide funktioniert selbst-performativ, wir bekommen nämlich ein paar „Aufgaben“ auf unserem Trip gestellt. Auf einer Wiese verwandeln wir uns in Vögel, die Flügel, äh Arme, in der Hocke weit ausgebreitet, den Blick umherschweifend. Wir musizieren mit einem Drehtor und entlocken einem Brückengeländer mit verschiedenen Klopf- und Kratztechniken Obertöne. Zur Belohnung gibt es acht Minuten Erholung auf einer Bank, eine Fieldrecording-Komposition in den Ohren und den Sonnenuntergang am Horizont. Die letzten zwei Stunden, die an diesem Tag danach noch draußen vor dem Schlachthof getanzt wird, fühlen sich nach dieser Landpartie anders an. Die Erfahrungen in der Natur, das Bewusstsein um das Umland, reiten auf jeder Basswelle aus dem Set von Berghain-Resident Fiedel mit.

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Toresch (Photo by Phil Struck)

 

Fern und nah
Auch das Line-Up bezieht die Umgebung stark mit ein. So sind neben internationalen Größen wie Ben UFO, Babyfather (ohne Dean Blunt angereist) oder Karen Gwyer viele Acts aus Belgien gebucht: Von DJ soFa über die Live-Acts Ssaliva und DSR Lines (mit einer spacig-faszinierenden Exkursion am Modularsynth), bis zum Komponisten Leo Kupper, der am Sonntag elektronische Stücke quer aus seinem Schaffen am Mischpult spielte, reicht das Spektrum. Auch die lokale Szene rund um Eupen mischt mit: Daniel(i) stammt aus der belgischen Eifel, lebt jetzt in Aachen, und pflegt den Kontakt zu Ostbelgien und Meakusma. Vor seinem Techno-Set schätzt der DJ und Produzent im Gespräch mit mir die regionale Szene wie folgt ein: „Zwischen Publikum und Machern gibt es hier viel Austausch, gerade auch, wenn’s musikalisch etwas subtiler wird. Vieles läuft hier unterhalb eines gewissen Radars, das macht die ganze Sache langlebiger.“

Auch Galleur, DJ, Plattenverkäuferin und Veranstalterin, ist aus Aachen zum Auflegen angereist, bemängelt aber, dass ihr nicht viele Kaiserstädter gefolgt sind. „Dabei gibt die Venue hier so viel her, und das Programm ist sehr außergewöhnlich.“

Insbesondere das nahe Rheinland ist stark vertreten: Der Kölner Plattenladen a-Musik hat einen Pop-Up-Store eingerichtet. „Wir vertreiben das Label Meakusma schon lange und lassen regelmäßig belgische Künstler bei unseren Veranstaltungen auftreten“, erläutert Laden-Mitbetreiber Frank Dommert die kölsch-belgischen Beziehungen. Zum a-Musik-Dunstkreis gehört auch die (Veranstaltungs-)Reihe M, die zum Meakusma-Festival ein ganzes Showcase beisteuert, unter anderem mit Live-Sets von Thomas Brinkmann und Marcus Schmickler.

Wie ein Hafen, den man immer wieder getrost ansteuern kann, fungiert der dublab-Floor. Der Kölner Ableger des internationalen Onlineradio-Projekts nistet sich für das gesamte Wochenende auf dem Heuboden ein – einem kleinen Raum im ersten Stock, mit Fensterfront auf jeder Seite. DJs aus dem Rheinland (zum Beispiel Joscha Creutzfeld, Phillip Jondo, Tolouse Low Trax) und BeNeLux (unter anderem Robert Bergman, Noisedrip, Sensu) drücken sich die Kopfhörer in die Hand. Zwischendurch gibt’s auch mal Live-Sets, und nachts lassen sich hier Ambient-Experimente goutieren. Aufgelegt und konsumiert wird vornehmlich im Sitzen. Alle ein bis zwei Stunden wechselt das Line-Up – Live-Podcasts zum Anfassen quasi, ein schönes Format.

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Phillip Jondo (Photo by Phil Struck)

 

„I’m not anti Gluten-free Muffins“
Auf dem Heuboden finden auch Lectures statt. So spricht Roger Robinson, Mitglied und Stimme von King Midas Sound, mit dem Verleger Markus Hablizel über Gentrifizierung in London („I’m not anti Gluten free Muffins! I just criticize when nobody is talking to the people and districts lose their identity.“), Facebook („I know people posting on Facebook at 4 pm because most people are online then – well, just relax! Make your art, send it out and the people who need it will find it!“) und Bass („When bass is playing, you don’t have time to think about your trouble. A body in motion is occupied with dancing, and if the bass is strong, you cannot feel depressed.“).

À propos Bass: Der Samstag Nachmittag gehört dem Killasan Soundsystem. Bei strahlender Altweibersommersonne reihen sich die zwölf Bass Bins mitsamt Hochtönern im Hügelpanorama auf. Mit Mark Ernestus, Mark Ainley, Roger Robinson, Fiedel & Co. geht die Reise von Reggae und Dub über Dubstep und was danach so kam bis zu basslastigem Techno. Die Nacht zuvor hat Ben UFO bereits Killasan indoor bespielt. „Ich habe extra Platten für das Soundsystem ausgesucht. Vor ein paar Jahren habe ich schon mal darüber aufgelegt. Es ist wie mit einem Partner zusammen zu spielen“, erklärt der Londoner sein Set, das mit einer Jungle-Strecke zu Ende gegangen ist. „Eigentlich hatte ich noch mehr Techno dabei, aber die basslastigeren Sachen machen auf der Anlage viel mehr Sinn.“

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Don’t DJ (Photo by Phil Struck)

 

Es war das erste mal überhaupt, dass die Wax Treatment Crew das Killasan Soundsystem für eine Fahrt außerhalb Berlins verlud. Eupen verlockt eben und Meakusma connectet. „Das hier ist unser erster Gig in Europa – in Eupen!“, lacht Justin vom New Yorker Duo Georgia, eine der Festival-Entdeckungen schlechthin. Aus einem Sammelsurium kleiner, bunter Klangerzeuger, inklusive Tablet- und Smartphone-Apps, zwirbeln Georgia eine verrückt-verspielte Musik, exakt zwischen total kaputt und vollendeter Form, und wirken dabei wie die zwei lockersten Dudes auf Erden. „Wir sind nie nervös, wenn wir spielen, wir müssen einfach nur anfangen. In New York improvisieren wir die ganze Zeit zusammen, mit und ohne Publikum“, plaudert Georgia-Brian. „Und wenn nichts funktioniert bis auf das Mikrophon, dann reicht das auch. Die Leute haben zu viel Angst vor Fehlern.“ Nach dem Live-Set von Freitag nacht legen Georgia am Sonntag mittag gleich nochmal mit einem um Live-Elemente angereicherten DJ-Set nach.

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DSR Lines (Photo by Phil Struck)

 

Es sind solche Entdeckungen, die das Meakusma-Festival auszeichnen – und seine Vielfalt: Von Dub und Psychedelia über Techno und Ambient bis zu elektronischen Experimenten, zeitgenössischer Instrumentalkomposition und Exkursionen zu den Brunftschreien des Damwilds blieben keine Wünsche offen. Das ganze Wochenende über schön zu beobachten ist auch, wie sich Artists und Publikum vermischen: Die New Yorkerin Eartheater tanzt nach ihrem Gig in der ersten Reihe zu Ben UFO, der war zuvor bei Don’t DJ auf dem selben Floor zu sehen, und Don’t DJ feiert zu DJ Nigga Fox, der wiederum sitzt tags drauf im Konzert von Leo Kupper. Viele der geladenen Acts bleiben einen ganzen Tag oder gleich das ganze Wochenende, sind neugierig auf das, was noch so alles geboten ist.

2017 geht das Meakusma in Festival-Runde 2.

 

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