Dienstag, 22.08.2017
Eine Nacht in...

… Nombe Yokocho & Golden Gai

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Willkommen in Nombe Yokocho!

Hinter Namen wie Nombe Yokocho und Golden Gai versteckt sich Tokyos geheimnisvolles Nachtleben. Thomas Venker hat sich für Kaput in die Rolle eines Gaijins fallen gelassen und mit den japanischen Stammgästen Karaoke gesungen.

Japan macht es seinen westlichen Besuchern nicht leicht. Das fängt bei der auf gleich zwei Alphabeten (Hiragana und Katagana) aufbauenden und zudem aus zigtausenden Kanji-Zeichen bestehenden Schriftsprache an, vom für uns fremdartigen Klang mal ganz abgesehen, und findet in einem auf Blöcken mit durchnummerierten Häusern bestehenden Stadtkartensystem seine Fortsetzung – mit dem Ergebnis, dass die Suche nach einer Adresse mehr einer Schnitzeljagd als zielgerichteter Orientierung ähnelt.

Einher mit den daraus resultierenden Unsicherheiten gehen zahlreiche Weisheiten, die das Land für Gaijins (Ausländer) bereithält. Zum Beispiel jene, dass die besten Restaurants immer in oberen Stockwerken der Häuser angesiedelt sind, da dort nun wirklich kein ungern gesehener Gast hinfindet. Genauso verhält es sich mit den reizvollsten Bars der Stadt, die man ohne lokalen Reiseführer kaum entdecken kann, deren Besuch aber jedem empfohlen sei. Hier eröffnet sich der ganz spezielle Charme der japanischen Trinkkultur.

So zum Beispiel in Nombe Yokocho, was übersetzt soviel wie die Straße der Betrunkenen bedeutet. Obwohl unmittelbar am Bahnhof Shibuya gelegen, also inmitten des ganzen Wahnsinn von Tokyos grellbunten Nachtleben, kann es Jahre und zahlreiche Aufenthalte in der Stadt dauern, bis man urplötzlich die bis dato unscheinbare kleine Seitenstraße wahrnimmt, die einen so einladend anlächelt.

Direkt neben den Bahngleisen der Yamanote Linie in Richtung Harajuku gelegen, erinnert diese Anhäufung von circa dreißig Bars, auf einer Länge von vielleicht 25 Metern in zwei Reihen doppelstöckig angelegt, an die Showa-Ära Japans und bietet somit der Jugend die Möglichkeit zur Zeitreise und den Alten eine Nacht in Nostalgie an. In diesen nur wenige Quadratmeter großen Bars, in denen kaum mehr als fünf Besucher gleichzeitig Platz finden, vergessen die Japaner den Stress, der ihren Alltag prägt, mit Sake (japanischer Wein), Shōchū (eine Art Wodka), Whisky (der es mit schottischen Single Malts aufnehmen kann) und natürlich Karaoke – wobei Gaijins hier gerne als Mitsingende gesehen sind.

Kaum sitzt man, wird einem das Mikrofon in die Hand gedrückt und bei der Auswahl der Songs geholfen. Wenn man dann mehr schief als recht zum Beispiel Madonnas „La Isla Bonita“ singt, hat man im Barkeeper und den japanischen Gästen schnell Freunde für eine Nacht gefunden. Karaoke kommt in der lokalen Kultur eine wichtige Kommunikationsfunktion zu – nicht nur zwischen den Japaner und uns Besuchern, sondern auch untereinander. Statt zu reden wird gesungen. Muss man nach einigen Songs und Drinks austreten, versteht man umgehend, warum die Nombe Yokocho ihren Beinahmen „Piss Alley“ trägt: Die Toiletten, die sich die Bars teilen, liegen am Ende der Straße und ihr Geruch ist, nun ja, wahrnehmbar.

Etwas verruchter geht es in Golden Gai zu, einem Block aus zweihundert in sechs Gassen angelegten Bars in der Nähe des Bahnhofs von Shinjuku, der mit mehr als zwei Millionen Durchreisenden pro Tag einer der größten des Landes ist. Shinjuku hat zwei Gesichter. Auf der einen Seite liegen die Hochhäuser mit Firmensitzen internationaler Unternehmen, die öffentlichen Ämter und die Luxushotels. Auf der anderen Kabuki-Cho, Japans größter und wildester Rotlichtbezirk, benannt in Anlehnung an das traditionelle japanische Kabuki Theater, mit seinen Stundenhotels, Striptease Bars und eben als Ausläufer dem Golden Gai, wo man am verruchten Nachtleben von Shinjuku schnüffeln kann, wenn man sich nicht ganz hineingetraut.

Betritt man den Golden Gai Block, der am Ende einer unscheinbaren Passage zwischen dem Shinjuku City Office und dem Hanazono Shrine liegt, so wähnt man sich mit einem Schlag in einer anderen Dekade. Die zerbrechlich wirkenden Holzbaracken und Häuser, ineinander gekeilt und charmant schief (sie haben jedoch bereits das große Erdbeben von 1923 überstanden), versprechen einem mit blinzelnden Auge, dass alles, was hier passiert auch hier bleibt.

Die meisten Bars in Golden Gai haben bis in die frühen Morgenstunden geöffnet, so dass man problemlos von der einen in die nächste stolpern kann – bis die ersten Bahnen wieder fahren. Am üblichen „Eintritt“ von 500 bis 1000 Yen (zwischen 4€ und 8€) sollte man sich nicht reiben, denn erstens gibt man in Japan kein andersartiges Trinkgeld, und zweitens bekommt man dafür auch in jeder Bar Kleinigkeiten zu essen, einen individuellen Designansatz und eine ganz eigene Stimmung geboten. Wesentlich für diese sind die Gastgeberinnen und Gastgeber, zumeist echte Charaktere, deren Gesichter von einem aufregenden Leben zeugen.

Zwar kann kaum einer von ihnen englisch, aber das braucht man sowieso nicht: was es hier zu sagen gilt, das wird mit Händen und Augen und Karaoke transportiert. Viele Bars hier leben vor allem von ihren Stammgästen (einem illustren Auffangbecken an gefallenen Prinzessinnen, in die Jahre gekommenen Kleingangstern und klassischen japanische Salaryman), die Abend für Abend nach der Arbeit wiederkommen und ihre eigene Flasche im Regal stehen haben – man zahlt am Anfang und trinkt sie dann ab. Aber auch als Nichtstammgast wird man mit offenen Armen empfangen. Die Nächte von Shinjuku, sie kennen eben keine falsche Distanz, sondern nur das gemeinsame Treibenlassen.

  • Nombe Yokocho: Shibuya, Shibuya-Ku, 1-25
  • Golden Gai: Shinjuku, Kabuki-Cho, 1 Chome 1−7

 

 

 

 

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