Mittwoch, 13.12.2017
NTS

5 Jahre Radio Free London

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Floating Points, Aurelia Smith, Four Tet im NTS Booth (Photo by Alex Zalewska)

Die Londoner Online-Plattform NTS Radio hat sich in den letzten fünf Jahren in die Herzen der Fans Elektronischer Musik gespielt. Die Liste der Residents, zu denen unter anderem Eclair Fifi, Henry Rollins und die Labelcrew um Young Turks gehören, liest sich wie das Line Up eines erstklassigen Festivals – zumal noch jede Woche namhafte Gäste hinzu kommen, die vor ihren Londoner Bookings mal eben vorbeischauen.

Kaput Autorin Amira El-Kordy hat für zwei Monate bei NTS angeheuert und berichtet aus dem Epizentrum des aktuellen Internetradiobooms.

Kieran, Sam, Simon.
Montagnachmittag, East London. Am Gillett Square im Herzen von Dalston, Hackney, herrscht wie immer reges Treiben. Zwischen Männern, die sich die Frühlingssonne auf ihre Rastalocken scheinen lassen und Skatern, die ihre Bahnen ziehen, fallen die drei Gestalten, die sich gerade vor einem schwarzen, containerartigen Häuschen tummeln, kaum auf. Wer jedoch genauer hinsieht, der könnte in ihnen Kieran Hebden, Sam Shepherd und Simon Green a.k.a Four Tet, Floating Points und Bonobo erkennen, die für einen kurzen Plausch draußen verweilen. Das Häuschen ist genauer betrachtet ein kleines Studio und gehört zu NTS Radio. Floating Points hat dort gerade seine monatliche Show gehostet und spontan Four Tet und Kaitlyn Aurelia Smith als Gäste mitgebracht. Alex Zalewska, die offizielle NTS Photographin, macht noch schnell ein paar Bilder der vier, bevor Kieran und Sam im Taxi verschwinden und Bonobo im fliegenden Wechsel seine zweistündige Show beginnt.

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Moxie & Leon Vynehall im NTS Booth (Photo by Alex Zalewska)

Femi, Sean, Fergus, Tabitha, Shane.
Derartige Zusammentreffen sind keine Seltenheit bei NTS, die Radiostation hat sich mittlerweile weit über die Londoner Stadtgrenzen hinaus einen Namen gemacht und zieht magnetisch die wichtigsten Protagonisten elektronischer Musik an. Ich selbst bin derzeit für zwei Monate Teil des NTS-Teams und bekomme so die Möglichkeit, ins tägliche Geschehen zwischen Bürochaos und Studioproduktion einzutauchen. Das NTS-Office befindet sich im oberen Teil eines dreistöckigen Hauses, das ebenfalls direkt am Gillett Square liegt, gleich neben dem Studio. Hier stapeln sich Merchandise, Kabel und Kisten – und mittendrin sitzt eine handvoll junger Leute. Die „Heads“ sind gerade ein paar Meter weiter in einen studioartigen Raum mit Holzboden und Grünpflanzen umgezogen. Zu ihnen zählen neben Femi Adeyemi (CEO/ Founder von NTS) und Managing Director Sean McAuliffe auch Programm Director Fergus McDonald sowie Shane Conolly und Tabitha Thorlu- Bangura, die sich unter anderem um die Eventproduktionen kümmert. Trotz aller zuletzt stattgefundenen Wachstumsprozesse fühlen sich die internen Hierarchien noch immer ziemlich flach an, dementsprechend entspannt ist die Atmosphäre. Alle sind zwischen 20 und Mitte 30 und auch abseits von NTS miteinander befreundet. Im Mittelpunkt steht das gemeinsame Interesse an guter Musik, Partys und Konzerten. Ein paar Leute arbeiten fest bei NTS als Studio-, Grafik,- oder Produktionsverantwortliche, der Rest kommt und geht und kümmert sich um das, was gerade so anfällt. Sie sehen die sporadische, teils unentgeltliche Arbeit als Chance, wichtige Kontakte zu knüpfen und Erfahrungen zu sammeln.
Wie weit NTS mittlerweile über die Grenzen hinaus bekannt ist, zeigt sich auch, als ich kartonweise Merchandise, das gerade mit neuen Designs aufgestockt wurde, sortiere und versende: Die Päckchen gehen nach Japan, Kanada, Neuseeland, USA, Irland, Spanien und auch nach Berlin. Zwei Tage später ist so gut wie alles ausverkauft.

Ausgedacht hat sich NTS Femi vor fünf Jahren, als er etwas ziellos als DJ in der Londoner Musikszene unterwegs war. Nachdem er bei der Entstehung des Boiler Rooms beteiligt war, startete er mit minimalem Budget und der Hilfe eines anderen Freundes die Radiostation. Sean stieß kurz darauf dazu. Es folgte ein rasanter Aufstieg, der von der heutigen Perspektive zielstrebig wirkt, es aber gar nicht immer war – vielleicht der Schlüssel dazu, dass man nie vom Weg der persönlichen Prinzipien abgekommen ist: Man will unabhängig agieren, sich nicht dem Druck der Kommerzialität, der in der sehr teuren Metropole London entsprechend groß ist, beugen. Die Erfahrung hat gezeigt, wie schwer es ist, sich im Haifischbecken Musikbusiness zu behaupten, wo es stets um das Neue geht. So wie in fast allen Großstädten steht auch Londons (sub)kulturelle Szene unter Druck, Schließungen berühmter Clubs wie dem Plastic People sind ein deutliches Zeichen. Doch Sean sieht NTS als einen Einflussfaktor für positive Tendenzen in diesem schwierigen Szenario: „Es ist ja nicht so, dass dieser Druck auf die Subkultur etwas Neues wäre. Das war zumindest in London schon immer so. Der einzige Unterschied ist, dass man die Clubs heutzutage viel mehr in die Verantwortung zieht, für das, was in ihnen passiert – was es nicht leichter für sie macht. Dass zuletzt mehr und mehr Online-Radios entstehen, sehe ich als eine Folge unserer guten Arbeit. NTS empfinde ich als eine Plattform, die vielen tollen Künstlern einen Ort zur Verfügung stellt, an dem sie sich positionieren und gehört werden können, und welchen sie sonst womöglich vergeblich suchen würden.“ Aus der hierbei entstehenden Wechselwirkung profitiert am anderen Ende auch der Hörer, der mehr will als banale Dudelei zwischen Werbung und aufgezwungenem Moderatorentalk.

Young Turks, Moxie, Dark Sky.
Musikalisch gesehen gibt es keinen roten Faden, der sich durch das tägliche Programm bei NTS zieht. Es sind die einzelnen Hosts selbst, die Tag für Tag bestimmen, was sie in ihrer Show spielen. „Wir bekommen jede Woche hunderte Mails von Leuten, die gerne für uns eine Show produzieren möchten“, berichtet Sean. „Wir setzen uns mit diesen Anfragen sehr ernsthaft auseinander und wählen immer wieder neue Leute aus. Darüberhinaus sind wir aber vor allem selbst aktiv und sprechen KünstlerInnen, die wir sehr schätzen an, ob sie nicht einmalig oder regelmäßig eine NTS-Show haben wollen.“
Das Programm fühlt sich zwar eklektisch und international an, der Fokus liegt aber noch immer stark auf London und umfasst Labels wie Kit Records, Young Turks oder dessen Sub-Imprint Whities, DJs und Bands wie Dark Sky, Bradley Zero, Moxie, Joy Orbison oder Shanti Celeste und Record Stores wie Kristina Records – jeder, der die Szene belebt und bereichert, hat gute Chancen auf einen Slot.

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Robert (Erased Tapes Records) auf dem Weg ins Radio (Photo by Alex Zalewska)


Josh, Henry, Robert, Hannah, Gaika.

Ein Dienstag, einige Wochen später. Ich verbringe den Nachmittag in dem kleinen Studio mit Josh, der einmal wöchentlich aushilft. Nicht alle Shows sind live, Henry Rollins beispielsweise nimmt seine monatliche Sendung in Los Angeles von Zuhause aus auf. Diese Pre-Recordings verschaffen ein paar Verschnaufpausen im 24h-Scheduling. Ob es auch gute oder nicht so gute Slots für Shows gebe, frage ich? „Eigentlich nicht“, antwortet Sean. „Dadurch, dass wir global gehört werden, gibt es 24 Stunden am Tag ein Publikum für unsere Sendungen.“
An diesem Dienstag beginnt Robert, Founder von Erased Tapes Records, das Nachmittagsprogramm. Er hat ein paar Platten eingepackt, hauptsächlich von Künstlern des eigenen Labels, zu denen unter anderem Nils Frahm, Kiasmos und Ólafur Arnalds zählen. Zum Anlass des bevorstehenden Pianodays wird diese Sendung mit dem Schwerpunkt auf Klavierstücke entsprechend ruhig gehalten. Zwei Stunden später schaut Hannah Catherine Jones vorbei. Ihre „The Opera Show“ bietet neben dem Titel der Sendung gerecht werdender Musik von Mozart und Pavarotti, auch Soul- und Jazz-Raritäten. Am Ende drückt sie uns noch eine Einladung des Peckham Chamber Orchestras in die Hand, dem sie angehört, und das am Abend ein Performance-Konzert gibt. Mittlerweile ist Gaika eingetroffen. Der Londoner Newcomer ist in seiner Heimatstadt schon länger kein Geheimtipp mehr, man spricht von einer baldigen Veröffentlichung auf Warp. In seiner monatlichen Show zeigt er, wovon sein eigener Sound zwischen HipHop, Grime und Dancehall inspiriert ist.
Ich kümmere mich derweil um die Tracklists der heutigen Shows. Die sind wichtig, denn alle Sendungen eines Tages werden bereits am nächsten Tag zum Nachhören bereit gestellt – sowohl auf Mixcloud als auch auf der NTS Homepage. Das Backarchiv ist immens und eine unendliche Fundgrube für neue Musik.


Eclair, Trevor, Bill, ……

Über die Radioshows hinaus organisiert NTS auch regelmäßig Konzerte, Events und externe Live-Streamings. Die enge Zusammenarbeit mit ihren Lieblingsclubs, kleinen Festivals oder dem ICA (Institut for Contemporary Art) unterstreicht einmal mehr die Vielfältigkeit des Radios. Unter dem Motto „NTS IS 5“ zelebrierte man Anfang April gleich fünf Nächte lang die Geburtstagswoche in fünf verschiedenen Venues, darunter eine Warehouse Space Location und die dem Bloc. Festival zugehörigen Autumn St Studios. Das Line-Up setzte sich hauptsächlich aus befreundeten Künstlern und Show-Hosts wie Gigi Masin, Skinny Girl Diet oder Martelo zusammen. In einem Laden mit niedriger Decke und so düster und nebelig, dass man nur schemenhafte Gestalten wahrnehmen konnte, präsentierte Dean Blunt sein neues Projekt Babyfather. An einem anderen Abend finde ich mich unter einem Haufen Menschen wieder, die nach der Show von Warp-Neuling Lawfandah beim Auftritt des Neverland Clan in völlige Ekstase geraten.
Die Geburtstagswoche endet mit einer ausschweifenden Party in den Corsica Studios, wo die illustre Gästelisten-Schlange vor dem Club länger ist als jene der Ticketbesitzer. Noch so ein Großstadtphänomen. Auf den mit Luftschlangen und Ballons geschmückten Floors, geben sich NTS- Residents wie Eclair Fifi, FunkinEven, Trevor Jackson oder PAN-Labelboss Bill Kouligas die Plattennadel in die Hand. Es ist nicht nur ein Zusammenkommen der ganzen NTS Familie und denen, die in jeglicher Form das Radio zu dem machen, was es ist, sondern auch das Abbild dessen, was NTS schafft: die lebhafte und vibrierende Verbindung unterschiedlichster Musiken und Menschen, unabhängig von Herkunft und Identität.

Zum Abschluss frage ich Sean noch, wie er selbst das Kernwesen von NTS beschreiben würde: „Uns ist es super wichtig, dass wir als Team sehr menschlich miteinander umgehen. Was das Programm betrifft, so geht es um gute Musik und die Möglichkeit der Ausdrucksfreiheit.“ Eine Antwort, die zugleich meine Erfahrungen der vergangenen zwei Monate in London zusammenfasst.

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