Montag, 26.06.2017
Albrecht Schrader

Akkorde & Harmonien

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Albrecht Schrader (Photo: Christian Faustus)

Meine erste Begegnung mit Albrecht Schrader fand vor circa zwei Jahren im Rahmen eines Lesezirkels statt, an dem wir beide teilnahmen. Damals wusste ich nicht, dass er Musik macht. Im Laufe der Zeit sickerte diese Information auf den verschlungenen Wegen von Partygesprächen durch, ohne dass ich etwas Konkretes damit verband.

Auf einer Geburtstagsfeier vor sechs Wochen hörte ich dann mit, dass der gebürtige Hamburger mit Wohnsitz in Köln kurz davor stand, seine erste EP zu veröffentlichen, und zwar auf keinem geringeren Label als Staatsakt – eine Firma, die durchaus mit einer gewissen Ehrfurcht besetzt ist. Kurze Zeit später tauchte ein Video zum Stück „Leben in der Großstadt“ auf. Darin setzt sich ein als Taube verkleideter Typ vor dem Hintergrund komplex-eingängiger Musik diversen großstadttypischen Situationen und Kontexten aus und scheint dabei zu versuchen, seine Würde zu bewahren. Ernst und Lockerheit verschränken sich hier zu etwas, das größer ist als seine Teile (wie gesagt wird).

Mittlerweile ist die EP „Leben in der Großstadt“ erschienen. Die vier Stücke variieren Albrecht Schraders Konzept einer durchdachten Popmusik mit elektronischem Einschlag auf ungemein einnehmende Weise. Im April wird die EP auf einer Konzertreise durch ausgewählte Städte vorgestellt, bei der der Künstler zum ersten Mal von einer Band begleitet wird (Tourdaten: siehe unten).

Lass‘ uns doch mal über Tauben reden. Auf dem Cover der EP ist eine Taube abgebildet, und im Video zu „Leben in der Großstadt“ spielt eine Taube (oder ein Mensch mit Taubenmaske!) die Hauptrolle. Wofür steht die Taube in deiner Wahrnehmung?
Das mit dem Cover war eher Zufall. Ich habe ein Motiv gesucht und wusste nur, was ich nicht wollte: Keine Skyline, die man mit einer bestimmten Stadt in Verbindung bringt. Keine abgerockte Industriekulisse, die den Zeigfinger hebt. Ich wollte auch keine coole Subkultur abbilden. Ich habe nach etwas gesucht, das generell für Großstadt steht, ohne dabei schon eindeutig besetzt zu sein – etwas Universelles eben. Dann habe ich das Foto von der Taube auf der Webseite eines Freundes entdeckt, der das Foto gerade an dem Tag hochgeladen hatte, und ich fand es sofort gut. Mir gefällt, dass die Taube den Eindruck erweckt, als würde sie bewusst posieren. Außerdem ist mir aufgefallen, dass das Motiv sehr gut passt, weil es Tauben einfach überall gibt. Sie sind verhasst, können sich aber trotzdem irgendwie in der Großstadt halten, auch durch Anpassung. Das fand ich als Symbol genau richtig.

Kann man die Taube denn auch im Zusammenhang sehen mit dem Text von „Leben in der Großstadt“?
Dadurch, dass der Text schon deutlich älter ist als das Taubenmotiv, ist der Zusammenhang zumindest nicht gewollt.

Was meinst du, warum Tauben so verhasst sind? Ich habe in letzter Zeit ein bisschen meinen Frieden mit ihnen gemacht, vielleicht auch weil auf meinem Balkon Taubeneier ausgebrütet wurden.
Ach, interessant. Wie groß sind Taubeneier denn eigentlich? Bei mir ist das auch so seit mir dieses Foto untergekommen ist, das jetzt das Covermotiv darstellt. Ich finde Vögel mit zunehmendem Alter sowieso immer interessanter. Wenn man von Tauben nicht angeschissen wird, stören sie ja auch nicht großartig. Es ist faszinierend, dass sie es schaffen, in der Stadt zu überleben. Ich weiß auch nicht genau, warum Tauben so gehasst werden, vielleicht weil die Leute sich durch sie daran erinnert fühlen, dass die Natur zurückgedrängt wird. Damit möchten die Menschen in der Stadt womöglich nicht gern konfrontiert werden.

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Albrecht Schrader (Photo: Christian Faustus)

Albrecht, ich habe den Eindruck, dass es dir wichtig ist, dass die Wörter, die du in deinen Texten benutzt, gut klingen. Kann man sagen, dass das für dich ein zentraler Aspekt ist? Es gibt ja in „Leben in der Großstadt“ diesen Gleichklang, etwa in Bezug auf „Stadt / statt“.
Ja, das ist schon eine Freude an Sprache, die über Bedeutung hinausgeht. Mir ist irgendwann aufgefallen, dass dieses Prinzip viel häufiger in Popsongs anzutreffen ist, als man denkt. Gerade im Bereich der Popmusik geht es wahrscheinlich weniger darum, Bedeutungen zu interpretieren, sondern um Klang. Natürlich gibt es hier auch die Möglichkeit, Wörter in ihrer Bedeutung umzudeuten und zu erforschen, was noch in ihnen angelegt ist, etwa indem man die Silben anders betont oder einzelne Silben hervorhebt – so etwas fällt mir ständig auf. Das ist eine leicht psychedelische Freude an Sprache. Beim Songschreiben passiert es mir recht häufig, dass ich bei einer Zeile denke: „ damit kann man erst mal etwas machen“ – so entsteht dann das, was du ansprichst.

Dieser Ansatz hat ja vielleicht auch etwas damit zu tun, dass die Sprache – wenn man weiß, dass man einen Text singt – rhythmisiert ist, so dass das Musikalische in den Vordergrund dringt.
Genau. Und es ist auch auf einer bewussten Ebene eine Anti-These zu diesem Mysterium, dass deutsche Sprache gesungen blöd klingt. Ich weiß, was damit gemeint ist, aber ich finde, man kann viel damit machen.

Weißt du selbst immer genau, was deine Texte bedeuten? Was sind etwa „die Inseln, die untergehen“ in dem Song „Leben in der Großstadt“?
Interessant, dass du das fragst. Häufig weiß ich es tatsächlich nicht. Das gilt für den dritten Song auf der E.P. „Mit Theorie Mit Phantasie“. Der Text ist offenbar unbewusst entstanden, und daraus hat sich ein Schema ergeben, aber was das im Einzelnen soll, kann ich nicht genau sagen. Ich habe das dann auch nicht hinterfragt. Ich wusste nur, dass es mir gefällt. Bei „Leben in der Großstadt“ habe ich schon den Versuch unternommen, einen politischen Song zu schreiben. Ich habe aber gemerkt, dass ich zu wenig mit Punk sozialisiert bin, um eine eindeutige Pose einzunehmen. Das liegt auch daran, dass ich die Vielfältigkeit der verschiedenen Lebensentwürfe und Interessen, die in einer Großstadt herrschen, zu wichtig fand, als dass ich eindeutig Position beziehen will. Das ist mir einfach nicht gelungen, und so ist das daraus geworden, was jetzt auf der Platte gelandet ist. Die Inseln, die du ansprichst, sollen dann wirklich recht eindeutig auf Menschen, Geschäfte oder Häuser verweisen, die von Gentrifizierungsprozessen betroffen sind.

Würdest du Köln noch als Großstadt betrachten? Viele bezweifeln das ja mittlerweile, obwohl es im Grunde doch eine Großstadt ist.
Ja, finde ich schon. Ich habe das Gefühl, dass Köln von den Angeboten und dem Lebensgefühl eine Großstadt ist. Es ist nur flächenmäßig und in vielen Quantitäten relativ klein. Mir passt das ganz gut, weil mir etwa Berlin eine Stufe zu groß ist. Ich komme ja aus Hamburg, und da finde ich die Größe auch gut.

Als Hamburg-Fan frage ich mich natürlich, warum du hier her gekommen bist!
Ich habe hier studiert, wollte auch schon ein- bis anderthalb mal zurückziehen, und es ist auch immer noch ein diffuser Plan. Ich bin ohnehin viel in Hamburg, mache da Musik. Es ist ein Leben in zwei Städten. Wenn ich da bin, denke ich, ich müsste unbedingt wieder zurück. Aber bin ich in Köln, denke ich, dass es hier auch gut ist.

„Pathos im Alltag“ ist ein Sprech-Text. Wie kamst du auf die Idee? Ist ja nicht so gewöhnlich in der Popmusik.
Mir ist aufgefallen, dass es das häufiger gibt als man sich bewusst macht. Bei Blumfeld kommt es oft vor. Wer diesen Sprechgesang auf fantastische Weise kultiviert hat, ist Serge Gainsbourg, von dem ich großer Fan bin. Der konnte ja durchaus singen, aber hat diesen Sprechgesang einfach als Stilmittel eingesetzt. Bei meinem Song hat die Idee des Sprechgesangs auch damit zu tun, dass ein Teil des Textes ursprünglich ein Gedicht war und ich keine Lust hatte, das in eine Melodie zu pressen. Das Stück war mir als Text so präsent, dass ich mir gesagt habe: Ich sprech‘ das. Und ich wollte es auch gerne mal ausprobieren. Es hat total Spaß gemacht, weil man nicht so an eine Melodie gebunden ist. Dadurch trägt der Song Züge von Improvisiertem.

Ist es nicht schwierig oder komisch, so ein Sprechstück live zu präsentieren?
Ich habe es jetzt ein paarmal solo gespielt, und das ging eigentlich. Weil die Leute, selbst wenn es ein Laberpublikum ist, dann alle zuhören. Offensichtlich traut man sich nicht zu reden, weil Sprechen im Rahmen von Musik vielleicht sakral besetzt ist.

Es hat ja auch was von einer Ansprache.
Ja, genau. Und der Text soll dieses Gefühl verkörpern, dass man mittags im totalen Alltagsgefühl durch die Stadt läuft während man einen pathetischen, sehr großen Gedanken hat. Das ist ja manchmal so. Und wie das jetzt im April mit Band wird: mal gucken.

Wie kam es eigentlich zum EP-Format? Das ist ja ein Format, das zwischen Single und LP liegt.
Es ist eben meine erste Veröffentlichung, hinter der ein Label steht. Das erste Mal, dass ich Promotion mache. Ich hatte diese vier Songs komplett ohne jeden Hintergedanken aufgenommen, um es endlich mal richtig zu machen, also ganz nach meinen Vorstellungen. Weil ich noch so viele andere Sachen mache, hat es ein dreiviertel Jahr gedauert, bis diese Songs fertig waren. Dann habe ich damit bei Labels angefragt und Staatsakt hat Interesse gezeigt. Die haben mir gleich angeboten, ein Album zu machen. Ich wollte aber erst mal, dass diese vier Lieder endlich rauskommen.

Ich finde ja, dass Staatsakt so ein Super-Label ist. Schon eine Auszeichnung, auf dem Label zu veröffentlichen, kann ich mir vorstellen.
Ja, das war der größte Ritterschlag, den ich mir in der deutschen Labelszene hätte wünschen können. Das hat mich schon sehr glücklich gemacht. Soweit ich es überblicke, kann ich künstlerisch machen, was ich will. Maurice Summen ist einfach ein wahnsinniger Musikliebhaber, der auch versteht, was man macht. Wirklich ein schönes Gefühl.

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Albrecht Schrader (Photo: Christian Faustus)

Wie würdest du dich musikalisch „verorten“? Es ist doch, etwas grob formuliert, Popmusik, oder?
Ein klares Ja mit Ausrufezeichen. Das hat sich über die Jahre herauskristallisiert, vor allem durchs eigene Musikhören. Es hat ja immer schon Leute im Bereich der Popmusik gegeben, die mit dem Songformat gearbeitet haben, aber auf eine Weise, die man im Englischen „sophisticated“ nennt. Das Format wird durch Harmonien, Melodiebögen oder Rhythmen erweitert, die anspruchsvoll und komplex sind, und trotzdem kann jeder mitsingen. Das gilt etwa für Burt Bacharach. „I Say A Little Prayer“, ein unglaubliches komplex aufgebautes Stück, das man aber dennoch auf einer Hochzeit auflegen kann, und dazu tanzen die Leute dann. So etwas hat mich immer gereizt. Was mich in den letzten Jahren langweilt, ist Rockmusik. Ich habe häufig das Gefühl, dass Rockmusik in einer Sackgasse steckt. Deswegen wollte ich auf meiner Platte auch kaum Gitarren haben. Ich mag einfach etwas ausgeklügeltere Harmonien – das ist mein Innovationsanspruch. Mein größter Anspruch ist es, Songs zu schreiben, die das harmonische Ausdruckspotenzial in den Mittelpunkt stellen. Man kann so viel machen, wenn man sich ein bisschen mit Musik beschäftigt. Wobei ich auch Songs mit drei Akkorden oder Blues mag…

Man muss sich ja auch nicht verstellen, wenn man gewisse handwerkliche Fähigkeiten entwickelt hat.
Seit meiner Kindheit sind Akkorde und Harmonien das, was mich an Musik am meisten interessiert. Ich habe natürlich am Anfang Blockflöte gelernt und bin dann irgendwann zum Klavier gewechselt. Zunächst ging es nur um klassische Musik. Und ich glaube auch, dass der klassische Hintergrund nicht zu unterschätzen ist. Ich bin ja mit Bach aufgewachsen, und das ist schon sehr stark in mir verankert. Beim Songschreiben erwische ich mich oft dabei zu denken, dass ich an einer bestimmten Stelle den Kontrapunkt richtig setzen muss. Dadurch entstehen Momente, die es ansonsten nicht gäbe. Ich denke nicht, dass man so arbeiten muss, aber ich selbst finde es toll, wenn bestimmte Regeln eingehalten werden, die eigentlich seit dreihundert Jahren keinen mehr interessieren.

Man kann sich von Regeln vielleicht auch nicht völlig lösen. Wenn heute Gedichte geschrieben werden, basieren sie auch auf denselben Prinzipien, die die antike Rhetorik begründet hat.
Ich ärgere mich nur manchmal, weil ich es doch schön fände, unbedarfter ans Songschreiben heranzugehen. Aber es gibt Dinge, die ich mir selbst nicht erlaube, etwa „falsche“ Auflösungen von Akkorden. Dann höre ich das bei David Bowie und denke: „das ist aber auch toll.“ Ich bin aber noch nicht soweit. Aus diesem Regeldenken entstehen dann Ideen wie in „Leben in der Großstadt“, wo ich mir überlegt habe, wie ich in einer Strophe die Melodie auf einem Ton singen und darunter möglichst verschiedene Akkorde platzieren kann, die auch noch relativ ungewöhnlich klingen. Das ist so ein grundtheoretischer Ansatz, der sich manchmal verselbständigt.

Wobei das, was sich jetzt kompliziert anhört, musikalisch ganz anders wirkt, nämlich eingängig und poppig. Mit einem Twist natürlich. Ist die Theorie dann eine Art Bonus für Leute, die sich damit auskennen?
Wenn jemand zu mir sagt „geil, wie du da die Septime in die verminderte Fünf aufgelöst hat“, dann freu‘ ich mich natürlich, aber eigentlich ist es nicht wichtig, weil ja das Tolle an Popmusik ist, dass sie einfach und direkt wirken kann.

Als ich den Rekorder ausgestellt hatte, haben wir uns noch über musikalische Helden unterhalten. Nach dem, was Albrecht Schrader im Interview erzählt hat, verwundert es kaum, dass er die elegante Ambitioniertheit von Steely Dan und Prefab Sprout über alles schätzt. Aber auch Leonard Cohen und Scott Walker haben es ihm angetan. Ein weiter Weg, wenn man, wie Albrecht Schrader zugibt, in seiner Jugend durch die Zeitschrift Visions sozialisiert wurde. Aber man entwickelt sich eben weiter. Albrecht Schrader sagt, er müsse sich oft verkneifen, nicht zu sehr in Popmusikzitaten zu reden, weil die Leute davon genervt seien. Er gehört zu den Menschen, die Popmusik so sehr verinnerlicht haben, dass sie ein fester Bestandteil ihrer Realität ist. Seine ernsthafte Auseinandersetzung mit Musik kann dabei auch in unterhaltsame Albernheit umkippen, die ihn dazu verleitet, sich über gewisse Gepflogenheiten der institutionalisierten Popkulturverwaltung lustig zu machen: Stichwort „Jahrescharts“. Ende letzten Jahres kürte er auf youtube so im vollen Bewusstsein des Umstands, dass es sich um musikalisch grottige und zudem völlig unaktuelle Platten handelt, eine Richard-Clayderman-Compilation und den Soundtrack zu dem offenbar indiskutablen Patrick-Swayze-Film „Road House“ zu seinen Platten des Jahres 2015. Schon ziemlich lustig.

Albrecht Schrader Tourdaten:
12.4. Köln: Studio 672
13.4. Hamburg: Kleiner Donner
14.4. Berlin: Monarch

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