Mittwoch, 28.06.2017
Alex Solman "Die Welt Ist Eine Pudel“

Halt die Schnauze! Du machst das jetzt! Du kannst nix falsch machen!

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Alex Solman by Alex Solman

Der Golden Pudel Club mag temporär in Asche liegen, am Ende ist das sich am Hamburger Hafen befindende Gallische Dorf für subkulturelle Freiheiten noch lange nicht. Einer, der besonders wehmütig auf die Wiedereröffnung des Pudels wartet, ist Alex Solman, der Künstler, der hinter all den großartigen Plakaten für die MFOC-Abende im Pudel steckt. Um für ihn und uns die Wartezeit zu verkürzen, erscheint nun auf Monkeytown Music, dem Label der bekennenden Solman-Fans Modeselektor ein Bildband mit seinen gesammelten Pudel-Arbeiten. 

Alex, wie fühlte es sich an, an einem Buch zu arbeiten, das deine Arbeiten für einen Laden bündelt, den es derzeit nicht mehr gibt? Ich stelle mir den Prozess als sehr emotional vor.
Alex Solman: Verwirrend. Hochgradig verwirrend war das, und das ist es auch nach wie vor, aber es wird langsam besser. Die Zeit vor dem Brand war ja schon überschattet von diversen Sorgen die weitere Zukunft des Ladens betreffend. Nach dem Feuer dann die bange Frage, wann, wie und ob es überhaupt dort weitergehen kann. Das Feuer hat ein großes Loch in das Herzen vieler gebrannt, aber leider auch in den Geldbeutel aller Pudel Mitarbeiter – und so auch in den meinen. Es ist schon bizarr vormittags ein schickes, handgeschöpftes und sündhaft teures Leinenpapier für die Sonderedition auszuwählen und abends mit Pfandflaschen statt mit Bargeld zum Einkaufen zu gehen. Andererseits hat die Arbeit an dem Buch mich ob der Pudel-Situation nicht völlig verzweifeln lassen. Wechselbäder für die Seele nach der Dr. Kneipe.
Glücklicherweise ist das Fortbestehen des Pudel inzwischen ja gesichert und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis man dort wieder eine bombige Zeit haben wird, an die man sich am nächsten Tag nur noch schemenhaft zurückerinnern kann. In der sich immer weiter ausdehnenden Zeitspanne ohne das goldene Bermudadreieck hat sich bei mir auch eine schleichende Entfremdung breitgemacht. Nicht richtig greifbar. Eher nebulös. Trotzdem da. Bedrückend. Der Pudel ist gerade wie ein Traum, den man sich in’s Gedächtnis zurückzurufen sucht, aber man erwischt immer nur noch den blassen Rockzipfel einer Erinnerung und die gleitet einem auch noch durch die Pfoten. Da war es für mich schon ganz gut noch mal Schwarz auf Weiß und manchmal auch in Farbe zu sehen, was da alles Tolles passiert ist in den letzten Jahren. Das hat viele Zweifel rückstandslos beseitigt.

Shinichiro Yokota by Alex Solman

Emotional ist auch eine Zuschreibung, die auf alle Leute zutrifft, die ich aus dem Pudel Umfeld kenne – an der Idee Pudel – auf welche Art auch immer (Bar, DJ, Organisator, Resident-Trinker) – mitzuwirken, ist vor allem eine Entscheidung für einen Lebensentwurf, der noch an linke Werte und die Idee einer gemeinsamen kulturellen Identität glaubt. Wie kamst du nach deinem Umzug von Heidelberg nach Hamburg denn mit dem Pudel in Berührung und wie kam es zur Zusammenarbeit für das Artwork?
Nach einem eher bescheiden erfolgreichem Gastspiel in der Werbebranche  in Frankfurt am Main, zog es meine damalige Partnerin und mich nach Hamburg. Wie ich das erste Mal im Pudel gelandet bin vermag ich gar nicht mehr genau zu sagen. Vermutlich bin ich von Bierdurst geplagt und von einem inneren Kompass geleitet in das Gravitationsfeld des Pudels geraten. Der erste Kontakt zu Pudelianern entstand durch Marco Haas (T.Raumschmiere), mit dem ich mich gemeinsam in Heidelberg vor der Schulbank drückte. Für sein Label Shitkatapult habe ich meine ersten grafischen Gehversuche gemacht. Seinerzeit war Gerd Ribbeck für die Pressetexte des Golden Pudel Clubs zuständig und desweitern schrieb er auch famose Zeilen für Kumpel Marco. Jener Gerd erkannte in mir den verzweifelt Suchenden, der ich zu dem damaligen Zeitpunkt auch war, und nahm mich sofort voller Liebe in den Schwitzkasten und in die Pflicht. Der damalige Betreiber Dr. Norbert Karl war gerade verstorben und so war der ganze Pudel im Umbruch und Aufgaben wurden neu verteilt. Nach meiner blitzgescheiterten Karriere als Gebrauchsgrafiker in einer Werbeagentur und nach diversen Absagen von Hochschulen, an denen ich mich beworben hatte, war mir gar nicht so recht nach zeichnen zumute. Da sagte Gerd mir die wohl wichtigsten Worte meines Lebens: “Halt die Schnauze! Du machst das jetzt! Du kannst nix falsch machen!” Dem hatte ich nichts entgegenzusetzen. Weniger weil ich seinen Worten Vertrauen schenkte, sondern weil ich eingeschüchtert war. Und so kritzelte ich zum Januar 2004 meinen ersten MFOC Flyer.

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Moderat by Alex Solman

Dein Stil zitiert ja von Bauhaus über Kubismus bis hin zu Konstruktivismus diverse hochkulturell aufgeladene Künstlergruppierungen, dir gelingt aber auf sehr überraschende Weise diese Einflüsse humorvoll-comichaft zu brechen – kannst du was zum Prozess der Stilfindung sagen? Empfindest du die Serie als Work-in-Progress insofern, als dass sich das Spiel, das du da mit den Charakteren und Stilen vornimmst, bei aller Trademarkhaftigkeit auch ständig wandelt?
So überraschend ist das eigentlich nicht. Von Kunst verstehe ich nicht besonders viel und ich muss gestehen, dass ich mich auch nicht besonders viel damit beschäftige. Da sind lediglich ein paar Grundkenntnisse aus dem Kunst-LK noch nicht komplett verschütt gegangen. Irgendwie habe ich mich schon immer für Bauhaus- und Kubismus-Ästhetik begeistern können, habe mich aber nie großartig damit auseinandergesetzt. Ich bin ein schwammiger Typ und sauge Einflüsse beim darüberwischen auf. Irgendwo schnappe ich etwas auf und versuche etwas ähnliches zu machen. Stosse aber Dank schlechtem Konzentrationsvermögen und mangelnden Fähigkeiten schnell an meine Grenzen. Das Ergebnis ist also mehr Faulheit und Unvermögen als einem Masterplan oder einer Vision geschuldet.
Einer meiner frühesten und stärksten Einflüsse sind die Zeichnungen von Peter Puck (Rudi Comics) und so prägen seine Zeichnungen die ganzen frühen MFOC Flyer. Um das Jahr 2010 herum kam dann die Reduktion. Es gab schon vorher eine Menge gescheiterter Versuche in dieser Richtung, da war ich noch nicht soweit. Als es dann auf einmal besser funktionierte, verfiel ich in einen regelrechten Rausch und musste alles zerlegen. Bis zur Unkenntlichkeit und noch viel weiter. Inzwischen sind die Zeichnungen wieder voller und detaillierter  – oder auch nicht. Da ich meistens unzufrieden bin und mich schnell langweile morpht das Ganze so vor sich hin.

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Ben UFO by Alex Solman

 

Kann man als Künstler Lieblingsbilder aus der Serie nennen?
Jein

Gab es eine Künstler_in, die dir besonders leicht gefallen ist und eine, die dir besonders schwer fiel?
Das hängt größtenteils von der Tages- und der Gesichtsform ab. Es gibt definitiv Gesichter, die einem das Leben leichter machen und welche, die einen in den Wahnsinn treiben. Mit Frauen tue ich mich grundsätzlich schwerer als mit Männern, weil man mit einem Männergesicht einfach viel rücksichtsloser umgehen kann. Eine Linie zu viel im Gesicht einer Frau und sie sieht aus wie ihre eigene Großmutter. Hauchdünnes Eis.

Ich gehe mal davon aus, dass du Stammgast bei den MFOC-Abenden bist. Inwieweit wirkt sich denn ein Abend mit einem Gast auf den nächsten aus? Finden die realen Erlebnisse und Eindrücke sich im Storytelling wieder?
Es ist eher die jeweilige Gesamtsituation des Pudels, die sich auf die Zeichnungen auswirkt als ein Abend mit einem Gast.

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Lazer Sword by Alex Solman


Kannst du deine beste Nacht im Pudel erinnern und was sie so besonders machte?
Eine bestimmte Nacht herauszupicken, ist kaum bis gar nicht möglich. Es gab so viele schöne Nächte und an die besten kann man sich sowieso nur noch vage erinnern. Wenn überhaupt. Und bevor ich an dieser Stelle eine Nacht zur Besten erkläre und einer anderen, vielleicht noch viel tolleren Nacht damit Unrecht tue, äußere ich mich lieber nicht dazu.

Und dann würde ich mich noch für die Reaktionen der portraitierten interessieren. Gibt es da Anekdoten, die du mit uns teilen willst?
Da kann ich leider nicht mit lustigen Anekdoten dienen. Alle taten gleichermaßen so, als wären sie begeistert von den Portraits. Vermutlich aus Angst, nicht wieder gebucht zu werden.

Ralf Köster, der Granddaddy des Pudels, hat zum Buch eine Playlist auf Spotify zusammengestellt, in der von Momus über Kyle Hall, Holger Hiller und Mark Fell bis hin zu Koze, Yello und Sleaford Mods ein großes Spektrum an Musik vorkommt. Definiert das für dich den Pudel Sound ganz gut? Und was ist der Pudel Sound für dich, wenn du ihn in einem Satz zusammenfassen müsstest.
Jupp, das definiert den Sound ganz gut. Der Pudel ist kein Wunschkonzert. Alles kann – nix muss!

Der Sonntag war ja Pudeltag – wie fühlt sich das derzeit an?
Phantomschmerzen

Alex, vielen Dank für deine Zeit.  

“Die Welt Ist Eine Pudel“ von Alex Solman ist auf Monkeytown Music erschienen. 

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