Mittwoch, 13.12.2017
Danielle de Picciotto - Insolvenz & Pop

Auf der Suche nach dem verlorenen Zuhause

Bushaltestelle in Tacoma, 2014 (Photo: Alexander Hacke)

Bushaltestelle in Tacoma, 2014 (Photo: Alexander Hacke)

Es muss sich hart anfühlen, wenn man endlich den perfekten Ort auf der Welt gefunden hat und er einem dann ganz langsam wieder weggenommen wird. Natürlich gibt es nie und auf nichts eine Garantie im Leben, aber die Sehnsucht schaukelt sie uns doch gerne vor.

Danielle de Picciotto hatte schon sehr viele Umzüge hinter sich, als sie 1987 in Berlin ankam. Als Tochter eines Arztes der Us-Armee war sie seit ihrer Geburt von Kaff zu Kaff gezogen, Unstetigkeit war ihre einzige Konstanz. Und plötzlich war sie in dieser Stadt, die von einer Mauer umgeben war, und deren totale Eingeschlossenheit ihr das größtmögliche Freiheitsgefühl im Sinne von angekommen sein schenkte. Hier konnte sie nach zwei Dekaden der Ruhelosigkeit erstmals ein Heimatgefühl entwickeln und sich als Künstlerin definieren.

So ruhelos ihr Leben bis dato verlaufen war, so vielseitig sieht auch der künstlerische Katalog von de Picciotto aus und reicht von Musik über Film und Literatur bis zu den bildenden Künsten.
Zwar fiel die Mauer bekanntermaßen bereits zwei Jahre nach ihrer Ankunft in Berlin, aber das was hinter ihr lag, war zunächst das absolute Paradies für jede experimentierfreudige Künstlerin – Berlin wurde noch günstiger und bot noch mehr Freiräume. De Picciotto nutze sie intensiv, dachte sich mit ihrem ehemaligen Partner Dr. Motte die Love Parade aus, bespielte mit Gudrun Gut den Ocean Club und kehrte mit Dimitri Hegemann den Staub aus einem alten Tresorraum, der zum berüchtigsten Technoclub einer Welt werden sollte, die vom Berghain noch nichts ahnte. Sie gründete ihre eigene Galerie Das Institut und spielte in Bands wie Space Cowboys, Crime and the City Solution und Ministry of Wolves.

Ich könnte hier noch ewig so weiterschreiben. Die Liste ist noch nicht zu Ende, aber das Gefühl, dass Berlin der richtige Ort für ihren Ehemann Alexander Hacke, den man von den Einstürzenden Neubauten kennen kann, zu deren Gründungsmitglieder er gehört, und sie sei, das verließ de Picciotto irgendwann im kalten Schatten der neuen Berliner Mitte. Bis vor fünf Jahren die Gentrifizierung und die damit einhergehenden, immer schwierigeren n für Künstlerinnen einfach nicht mehr hinnehmbar waren für die beiden und sie sich auf die Suche nach einem neuen Zuhause machten. Das utopische Leitmotiv dabei: es sollte ein Ort sein, der jene Möglichkeitsräume bietet, wie sie einst Berlin auszeichneten.

Hacke und de Picciotto hatten bestimmt eine kürzere Reise intendiert als sie die Koffer packten, aber bis heute haben sie diesen Ort nicht gefunden. Dafür machten sie viele Erfahrungen, gaben viele Konzerte und de Picciotto produzierte mit “Tacoma”, das nach dem Us-Amerikanischen Städten benannt ist, in dem sie geboren wurde, den Soundtrack zu ihrer Reise und schrieb mit „We Are Gypsies- Der Weg ins Unbekannte“ auch ein Buch darüber.

Thomas Venker sprach für Kaput mit ihr über die Ängste und Hoffnungen, die sich auf so einer Reise die Waage halten und die wichtige Rolle, die Berlin noch immer in ihren Gedanken spielt.

 

Videodreh in der Mojave Wüste 2013 (Photo:  Keven o`Sullivan)

Videodreh in der Mojave Wüste 2013 (Photo: Keven o`Sullivan)

Danielle, du lebst nun schon einige Zeit nicht mehr in Berlin, sondern on the road mit deinem Ehemann Alexander Hacke. Seit wann genau und was gab den Ausschlag?
Wir sind seit 2010 Nomaden. Es war an der Zeit mal wieder den Horizont zu erweitern. Da es im gentrifizierten Berlin mittlerweile schwer ist, als Künstlerin/Musikerin Geld zu verdienen, wollten wir sehen, wie es damit in anderen Städten, Länder, Kontinente steht.
Ich bin 1987 von New York nach Berlin gezogen wegen der wunderbaren “Unkommerzialität”  der Deutschen Mauerstadt. Es ging nicht um Trends, Mode oder Konsum, sondern um Ideale, Kunst, Musik und Existentialismus. Es war eine wahr gewordene Utopie! Heutzutage hat es sich umgestülpt: Berlin ist die Stadt der Hipster, der Trends und der Mode geworden und bietet viel austauschbare Kunst und Musik. Die Stadt ist zwar immer noch billiger als andere Großstädte und es gibt viele Clubs und Ausgehmöglichkeiten, aber meiner Meinung nach hat das ganze ziemlich an Qualität verloren.

Wie sieht das denn in den anderen Städten aus, in denen ihr seit dem Verlassen von Berlin schon gelebt habt?
Das schroffe, unmoderne, individualistische ist heutzutage grundsätzlich schwer zu finden. Das wurde uns sehr schnell auf unserer Pilgerfahrt nach diesen Werten klar. Gentrifizierung ist zu einem generellen Problem geworden und alle Metropolen haben darunter zu leiden. Wenn ich in Los Angeles, New York, Hong Kong oder Prag auf einen Kunstmarkt gehe, sieht es überall gleich aus: das Essen ist vegan (ich lebe übrigens auch vegan) und die Kunst und Musik sind austauschbar.

Am Bielefelder Bahnhof.

Am Bielefelder Bahnhof.

Los Angeles, New York, Hong Kong, Prag, sind wohl einige der Städte, in die es euch bislang verschlagen hat. Vielleicht kannst du mal an dieser Stelle etwas zu der Narration eurer Reise sagen und zu den jeweiligen Erfahrungen vor Ort.
Unsere Reise fing in Wien an – dort waren wir zunächst für zwei Monate, bevor wir mit unserem Projekt Hitmans Heel und den Einstürzenden Neubauten auf lange Europatournee gingen. Danach lebten wir jeweils drei Monate in Mexico, Hamburg, Prag und schließlich New York, bevor wir wieder auf eine lange Europatournee gingen. Es folgten kürzere Aufenthalte in Moskau und St. Petersburg, vier Monate in Detroit und danach wieder ein paar Monate in New York sowie jeweils zwei Monate in Charleston, South Carolina und Nashville sowie Austin, Eugene, Oregon und Los Angeles. Nach dieser Amerikaphase lebten wir einen Monate in Berlin, das war bevor ich mit meinem Buch „We Are Gypsies Now“ anlässlich der deutschen Übersetzung auf Lesetour durch Deutschland ging. Danach zog es uns nach Bukarest, Hudson Valley, für ein paar Monate nach Los Angeles sowie Seattle und Budapest. Zuletzt sind wir immer öfter und länger in der Mojave Wüste.
Jede Stadt und die Erlebnisse einzeln zu beschreiben, würde zu lange dauern. Bis zu einem gewissen Zeitpunkt kann man das gut in meinem Buch nachlesen. Grundsätzlich ist aber der allgemeine Eindruck, dass sehr viel von der Individualität, die es mal gab, immer mehr verloren geht. Die ärmeren Orte sind immer die interessantesten – denn sie sind noch unberührt, sympathisch, menschlich und billig.

Was läuft denn konkret falsch?
Grundsätzlich finde ich Fortschritt nicht schlecht, aber dadurch dass es meistens um finanziellen Gewinn geht und nicht unbedingt um wirklichen Fortschritt, bewegt sich unsere Kultur in vielerlei Hinsicht in eine Sackgasse. Das sieht man zum Beispiel daran, dass Björk im Museum of Modern Art ausstellt und Marina Abramović  mit aufgepolsterten Lippen mit Jay-Z tanzt. In den 80er Jahren hätte sich Berlin heftig davon abgesetzt, heutzutage ist die Stadt Teil von diesem Ausverkauf.
Unser Nomadendasein sucht die Alternative. Natürlich sind dies alles Verallgemeinerungen und es gibt in Berlin so wie in jeder anderen Stadt die kleine Gruppe Gallier, die sich heftig wehren und Widerstand leisten. Mit denen versuchen wir uns international zu vernetzen. Sobald aber ein Ort von diesen Galliern entdeckt wird, der hübsch, preiswert, inspirierend und lebbar ist, kommen die Werbeheinis, Konzerne und Industrievertreter sofort nach, kaufen es auf, glätten es und töten jede Art von Esprit. Sie wollen Geld verdienen und, man kennt das aus Berlin, ein kreatives Umfeld ist dafür sehr attraktiv.

Mojave Wüste (Photo: Alexander Hacke)

Mojave Wüste (Photo: Alexander Hacke)

Bislang haben wir eher über Erfahrungen und Verhältnisse auf der Makroebene gesprochen. Wie fühlte sich das Verlassen Berlins denn ganz individuell gesprochen für dich persönlich an? Kann man einer so langen Reise denn noch positives Abgewinnen oder ist die Erschöpfung dann doch langsam alles bestimmend?
Berlin war lange Zeit mein Lebensmittelpunkt, das heißt ich habe dort viele gute Freunde, Vernetzungen und Erinnerungen.
Andererseits reise ich sehr gerne – dadurch, dass ich als Kind mit andauerndem Umziehen groß geworden bin, kann ich mich sehr schnell an einen neuen Ort anpassen. Mich macht das geradezu lebendiger und aufmerksamer. Es bereitet mir grundsätzlich großen Spaß und ich vermisse bisher nichts, da ich weiterhin mit Freunden und Bekannten in Berlin Kontakt aufrechterhalte und wir ja auch immer wieder wegen der Einstürzenden Neubauten kurz in Berlin sind. Ich glaube man hat im Leben immer wieder Momente, wo man aufgefordert ist etwas Bestimmtes zu tun. Das ist bei mir gerade das Reisen. Da geht es nicht wirklich darum etwas zu verlassen, sondern etwas Neues zu lernen.

Die Reise hat also vor allem bestehendes betont oder hat sie dich auch neues über dich gelehrt?
Während dieser Reise ist mir klar geworden, dass ich seit meiner Geburt Nomadin bin. Berlin war die einzige Stadt, in der ich jemals länger als drei Jahre gelebt habe. Deswegen ist sie mir so wichtig und deswegen hat Ihre Veränderung mich am stärksten getroffen.
Ich bin im Us-Amerikanischen Tacoma, im Bundesstaat Washington geboren. Mein Vater war Zahnchirurg in der US-Armee und wir wurden kurz nach meiner Geburt nach Denver versetzt. Mit zwölf war ich dann schon zwölfmal umgezogen. Bis ich Berlin 1987 entdeckte  dann schon doppelt so oft.
Meinen Geburtsort sah ich bis 2014 nie wieder und so wurde “Tacoma” für mich der Begriff einer mystischen Heimat.

Lesung in Eugene, Oregon, USA.

Lesung in Eugene, Oregon, USA.

Was führte denn genau zu dem Entschluss nach Tacoma zu gehen und wurde daraus der Anstoß zum Album?
Nomade zu sein und sich die ganze Zeit mit den Begriffen “Heimat” , “Zuhause” , “Vaterland” oder “Mutterland” zu beschäftigen, trug mit sich, meinen Geburtsort endlich kennenzulernen. Entschlossen habe ich mich dann 2014 dazu. Es wurde zu einen einschneidendem Erlebnis. Die Stadt ist sehr arm und halb leer. Sie ist sehr klein, sehr industriell, aber umgeben von wunderschöner Natur. Eine ehemalige Goldgräberstadt mit Indianername, überwacht von einem ehemaligen Vulkan mit Schneekuppe. Wir kutschierten zwei Tage lang in leeren Linienbussen herum  und schauten uns schweigend die leeren Straßen an und hatten das Gefühl in einem Jim Jarmusch Film zu agieren. Ich war die ganze Zeit kurz vorm heulen und fühlte mich unendlich glücklich. Es macht tatsächlich einen Unterschied zu wissen, wo man her kommt. Weswegen muss ich noch herausfinden. Ich habe aber seitdem ein anderes Selbstwertgefühl, es existiert nun eine Verbindung zu einem Ort, an den ich nie hinziehen würde und in dem ich nur sehr kurz gelebt habe.

Eine Verbindung, die dich dazu brachte ein Album über die Reise aufzunehmen.
In den Texten von meinem Album geht es um all diese Themen. Das mystische “Zuhause”, ob im Herzen, in einem Menschen, einem Gott oder einer Stadt, Land, Kontinent. Die Unfähigkeit es wirklich zu benennen, beschreiben oder festzulegen. Deswegen sind viele Stücke instrumental.
Als wir Nomaden wurden, dachten wir es wäre einfach, sich für einen anderen Ort zu entscheiden, vor allem wenn man keinen zwingenden Grund wie Job oder neue Liebe hat. Das war falsch. Es ist sehr schwer. Es schwingen neben “wir wollen schöne Natur, gute Jobmöglichkeiten, interessante Menschen, gute Wirtschaft, integre Politik, Umweltbewusstsein” auch noch ganz andere unsichtbare, unbekannte Geister und Fragen herum, die einem die Entscheidungen schwieriger machen. Sie sind völlig unbeeinflussbar und man verrennt sich in sie wie in einen Nebel oder einer Betonwand. Ursprünglich hatten wir vor nicht länger als 18 Monate Nomaden zu sein – inzwischen sind es fünf Jahre geworden und ein Ende ist noch nicht in Sicht. Wir haben viele wunderschöne Plätze besucht, tolle Menschen und beeindruckende Künstler kennengelernt, aber den magischen Klick wie damals bei meiner Ankunft in Berlin gab es noch nicht.
Wir haben uns währenddessen aber um 180° verändert. Eine Pilgerfahrt ist wie ein konzentriertes Leben – alles ist extrem und alle grundlegenden Fragen und Daseinsängste werden größer und drängender. Man wird mit seinen ureigenen Schwächen und Stärken dermaßen konfrontiert, dass eine Therapie dagegen pipifax ist. Alleine deswegen hat es sich schon gelohnt.

Republik der Wölfe Aufführung in Dortmund, 2014 - im Bild von links nach rechts: Alexander Hacke, Mick Harvey und Danielle de Picciotto.

Republik der Wölfe Aufführung in Dortmund, 2014 – im Bild von links nach rechts: Alexander Hacke, Mick Harvey und Danielle de Picciotto.

Aber denkt ihr, ihr werdet diesen einen Ort noch finden, wo ihr dann wieder sesshaft werdet? Oder läuft es am Ende auf eine Rückkehr nach Berlin hinaus?
Was passieren wird, weiß ich immer noch nicht, aber ich spüre, dass das Abenteuer bald vorbei sein wird – es dauert eventuell noch ein Jahr, aber dann möchte ich wieder etwas Festes haben. Ich merke, dass es für meine Arbeit gut war neues zu entdecken – es sind nun aber so viele neue Themen und Gedanken entstanden, die ich in meiner Kunst bearbeiten und ausdrücken möchte, dass ich dafür dringend wieder ein festes Atelier brauche.

Du bist ja eine sehr vielfältig interessierte Künstlerin. Wie wirkt sich das denn gegenseitig aus?
Ich bin von Anfang an eine interdisziplinäre Künstlerin gewesen. Ich habe mit fünf Klavier und mit zehn Geige gelernt, während dessen aber schon ununterbrochen gemalt und Geschichten geschrieben. Ich fühle mich so, als ob meine Kunst ein Körper mit unterschiedlichen Gliedmaßen ist – eins davon ist die Musik, eins die Kunst und eins die Sprache. Ich rotiere gleichmäßig von einem zum anderen, manchmal benutze ich alle zusammen so wie beim Rudern, das ist dann ein Film oder eine Installation. Ich liebe sie alle gleich, kann sie aber meistens nur einzeln, nacheinander ausführlich bearbeiten. Das heißt während meinen Musikarbeiten male ich nicht und beim Schreiben mach ich keine Musik. Ich muss mich sehr konzentrieren. Wenn man mit so vielen unterschiedlichen Medien umgeht, kann es schnell beliebig werden, wenn man nicht genügend Zeit in jedes einzelne Medium investiert.

Inwieweit spielen denn andere Künstler, die einem auf der Reise begegnen oder die man besucht eine Rolle?
Interessanten Künstler auf der Reise zu begegnen, ist wunderbar aber die innere Entwicklung ist die wesentliche Inspiration und der Wegweiser. Wir haben zum Beispiel in New York in dem neuen Film von Matthew Barney als Musiker mitgemacht. Das ist natürlich toll und kam nur wegen unserem Aufenthalt dort zustande, aber das ist eigentlich nur eine schöne Erinnerung – die Fragen, die sich wegen der Heimatlosigkeit und Rastlosigkeit stellen, sind aber viel stärkere Katalysatoren, die die Weiterentwicklung nachhaltig beeinflussen.

Aufführung der Republik der Wölfe an der Volksbühne, Berlin,  2013

Aufführung der Republik der Wölfe an der Volksbühne, Berlin, 2013

Ihr sprecht ja sicherlich mit diesen auch viel über eure Beweggründe für das nomadenhafte künstlerische Leben und über ihre sozioökonomischen Bedingungen. Stecken diese denn in ähnlichen Dilemmas? Ist das ein Bild, das sich für euch weltweit und bei allen zeigt: ist es generell schwieriger als Künstlerin 2015 als noch 1989?
Als Künstlerin war es schon immer schwer und sehr viel hat sich daran nicht verändert. Das konnte ich in Berlin wie auch international beobachten und erlebe es selber tagtäglich. Frauen werden nachwievor sehr wenig beachtet oder ernstgenommen – nicht nur von Männern, auch Frauen selbst nehmen sich gegenseitig leider sehr oft nicht ernst. Ich versuche aus diesem Grund seit Jahren andere Künstlerinnen zu hypen und sie zu Projekten einzuladen, aber es ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Ich erfahre dieses “Ignorieren” schon so lange, dass ich mich kaum noch darüber aufrege, sondern es in meiner Kunst verarbeite, und schaue, wo ich anderen Künstlerinnen unter den Armen greifen kann. Aber grundsätzlich ist es schon sehr deprimierend wie wenig man wahrgenommen wird.
Dazu kommt die Tatsache, dass sowohl ich – trotz der unzähligen von mir mitiniziierten Kultur-Projekte in Berlin wie beispielsweise die Love Parade – und auch Alexander als Gründungsmitglied der Neubauten in Berlin keine Aufträge bekommen. In anderen Städten bekommen Künstler wie wir Professorenstellen oder werden eingeladen Vorträge oder Workshops zu halten, um Ihre Erfahrung teilen zu können. Die Städte sind stolz auf Ihre Künstler und fördern sie. Wir bekommen solche Aufträge in anderen Ländern aber nicht in Deutschland. Ich weiß nicht, ob es ein Berlinproblem ist wegen dem großen Andrang und dass grundsätzlich jüngere internationale Künstler gehypt werden. Oder ob es ein deutsches Problem ist, dass man im eigenen Land vernachlässigt wird… Über diese Themen sprechen und denken wir natürlich oft nach.

Du hast es angesprochen, man würde denken, dass ihr durchaus noch privilegiert seid im Vergleich mit der großen Menge gänzlich unbekannter Künstlerinnen da draußen: Alexander ist Mitglied der Einstürzenden Neubauten und ihr beide seid extrem gut vernetzt und habt somit Zugang zu Plattformen und Möglichkeitsräumen, die doch halbwegs noch ein funktionierendes künstlerisches Leben ermöglichen sollten.
Wir sind in der Hinsicht privilegiert, dass wir seit 30 Jahren ununterbrochen an unserer Kunst arbeiten und dadurch viele Menschen kennen. Das bedeutet aber nicht, dass wir dadurch viel verdienen. Es gibt sowohl in der Kunst wie auch in der Musik einen Altersknick so um 27 und dann wieder so um 45, wo plötzlich Aufträge und das Interesse einer bestimmten Zielgruppe nachlassen. Wenn man bis dahin nicht im Mainstream angekommen ist und dadurch anständige Löhne bekommt, wird es plötzlich wieder eng. Wir sind nachwievor in unsere Inhalten und Geschmack Underground-Künstler und so hält sich das Einkommen in Grenzen. Wir arbeiten deswegen eigentlich immer, haben keinen Urlaub und kein Wochenende. Nur so können wir uns über Wasser halten. Dadurch haben wir natürlich die Freiheit unkommerziell sein zu können aber es ist Knochenarbeit.

Wie finanziert ihr die Reise?
Wir finanzieren die Reise ausschließlich über unser Einkommen und müssen alles ein Jahr im vorraus planen, damit uns keine Löcher entstehen. Ohne Zuhause kann man sich Nichtstun nicht leisten, da es dann sehr teuer wird.

Konzert in Belgien.

Konzert in Belgien.

Denkt man sich nach all dem Gesagten manchmal: warum habe ich das Album eigentlich nicht früher gemacht, zu einer Zeit, als sich damit noch eher was verdienen ließ?
Ich wollte eigentlich schon 1995 eine Soloplatte herauszubringen, nach meinem Ausstieg aus meiner damaligen Band Space Cowboys, hatte aber bei jedem Ansatz Pech – entweder starb jemand, mein Produzent zog mich ab, Gastmusiker verschwanden oder es gab kein Geld. Da mein grundsätzliches Wesen sehr auf Symbolik achtet und ich meistens instinktiv statt rational  auf Umstände reagiere, entschloss ich mich irgendwann erst wieder mit meinem Solo-Album anzufangen, wenn es die Götter und Umstände bewilligten. So arbeitete ich in den nächsten 20 Jahren mit unterschiedlichen Bands, fantastischen Musiker und Projekten oder an meiner Kunst. – bis im Juli 2014 dann plötzlich der Gedanke wie ein Befehl aufstieg: “jetzt ist der Moment!”. Und so war es, obwohl ich mich auf einer unendlichen Reise befand und immer nur in Gästezimmern aufnehmen konnte, entstand meine Solo-Platte wie von alleine, sehr einfach, sehr schnell.

Filmvorführung von Danielle de Picciotto Film "Not Junk Yet - The Art of Lary 7"  im Januar 2015 in New York City,  (Danielle de Picciotto und Alexander Hacke  sind ganz hinten links im Bild) (Photo: Gray Ray)

Filmvorführung von Danielle de Picciotto Film “Not Junk Yet – The Art of Lary 7″ im Januar 2015 in New York City, (Danielle de Picciotto und Alexander Hacke sind ganz hinten links im Bild) (Photo: Gray Ray)

Es ist wahrscheinlich unmöglich diesen gedanklichen Bogen zu machen, aber steckt in dem Album von jetzt noch etwas von dem von 1995 drin?
1995 kam gerade TripHop auf, eine Musikrichtung, die ich bis heute super finde. Die Stücke, die ich damals geschrieben hatte, gingen in diese Richtung und das mystisch-träumerische meiner Musik auf „Tacoma“ ist davon sicherlich davon beeinflusst.

In eurem Aufbruch steckte ja eine gewisse Resignation und Ermüdung mit dem Status Quo in Berlin und ein Hadern mit der Existenz als Künstlerin in diesem Umfeld. Hat die Reise euch da wieder mehr Energie und Mut geschenkt? Hat sie auch optimistisches gemacht für das, was da noch alles kommt?
Ich bin seitdem ich Nomadin bin glücklicher als ich es seit 1995 war. 1995 war für mich der Moment, an dem Berlin anfing kommerziell zu werden. Die Reise ist das Beste, was mir passieren konnte und ich fühle mich wie ein neuer Mensch. Künstler arbeiten bekanntlich bis zu Ihrem Tod ,da es von der Kreativität keine Pensionierung gibt – müde Künstler machen müde Kunst oder hören auf, von daher bin ich sehr glücklich durch dieses Abenteuer neue Impulse und Energie bekommen zu haben.
Es ist übrigens in der Geschichte auch oft üblich gewesen, dass Künstler immer wieder große Umzüge oder Reisen machen sogar bis in die dritte Lebensphase. Berlin ist zwar toll, aber ich reduziere mich ungern.

Wie geht es weiter?
Dieses Jahr im August kommt mein Graphik Diary „We Are Gypsies“ auf Englisch heraus. Ich werde dieses Produkt zusammen mit meinem Soloalbum „Tacoma“ international auf diversen Lesungen und Konzerten vorstellen. Was danach passiert wissen nur die Sterne – Frank Spilker ist ein guter Freund von mir.

Danielle, vielen Dank für dieses sehr persönliche Gespräch.

 

 

 

Verlagssitz
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop Aquinostrasse 1 | Zweites Hinterhaus, 50670 Köln | Germany
Team
Herausgeber & Chefredaktion:
Thomas Venker & Linus Volkmann
Autoren, Fotografen, Kontakt
Advertising
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop
marketing@kaput-mag.com
Impressum – Legal Disclosure
Urheberrecht /
Inhaltliche Verantwortung / Rechtswirksamkeit
Kaput
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop ist eine Publikation des Verlagshauses Kaput.