Dienstag, 12.12.2017
Babette Kirchner über die soziale Ordnung des Fusion Festivals

Kommst du mit raus aus dem Alltag?

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Im Februar dieses Jahres fand in Dortmund der von Jonas Eickhoff initiierte eintägige Kongress “Electronic Body Music. Ordnung in und als Bewegung” statt, bei dem in zahlreichen Vorträgen und anschließenden Diskussionsrunden soziologische sowie kultur- und sozialanthropologische Perspektivnahmen auf die Subkultur beziehungsweise Szene elektronischer Tanzmusik öffentlich zur Diskussion gestellt wurden.

Mit “Electronic Body Music” ging es Eickhoff darum, “Korridore zwischen Sozialwissenschaftlern, die das Feld der elektronischen Musikszene beforschen, und der untersuchten Szene selbst auszuleuchten, auszuloten und auszuhandeln.” Ziel war es dabei nicht Grenzen aufzulösen, sondern vielmehr ging es darum diese “explizit zu thematisieren, um sich dadurch selbst jeweils (anders) zu reflektieren.”

Das heute hier veröffentlichte Interview mit Dr. Babette Kirchner knüpft an unser bereits veröffentlichtes Gespräch zwischen Christine Preiser und Dr. Jan-Michael Kühn sowie an die bereits veröffentlichten Interviews mit Prof. Heiner Blum, Dr. Nora Hoffmann, Prof. Dr. Gunnar Otte, Dr. Thomas Burkhalter, Prof. Dr. Gabriele Klein sowie Dr. Rosa Reitsamer an – in den kommenden Wochen werden weitere Interviews folgen, sodass am Ende eine umfassende Dokumentation von “Electronic Body Music” vorliegt.

Jonas Eickhoff: Können Sie sich kurz selbst vorstellen?
Babette Kirchner: Ich bin seit 2010 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie an der TU Dortmund und befasse mich seit ungefähr acht Jahren mit der Erforschung von Events. Angefangen habe ich mit der Forschung in der Technoszene; später habe ich dann speziell zu dem Fusion Festival geforscht. Über die Jahre habe ich den Fokus auf Vergleiche von musik- und sportzentrierten Szenen erweitert – zum Teil verbunden mit Perspektiven der Körper- und Geschlechtersoziologie. Ich analysiere zum Beispiel wie sich Menschen in unterschiedlichen Szenen positionieren, wie sie sich darstellen, wie sie andere darstellen und wie sie Zugehörigkeit zu diversen Gemeinschaften anzeigen. Zudem bin ich Teil der Redaktionsleitung von www.jugendszenen.com; eine Webseite, auf der Steckbriefe verschiedener Szenen zu finden sind. Die bereits bestehenden Steckbriefe aktualisieren wir regelmäßig und laden auch immer wieder neue Steckbriefe zu noch nicht erwähnten Szenen hoch.

Zentraler Ausgangspunkt unseres Gespräches soll Ihre 2011 erschienene Publikation „Eventgemeinschaften – Das Fusion Festival und seine Besucher“ sein, in welcher Sie die Festivalpraxis der Fusion Festival-Besucher analysierend beschreiben. Können Sie Ihren Feldzugang zu dem Fusion Festival explizierend rekonstruieren?
Bevor ich überhaupt mit der Forschung gedanklich begonnen habe, hatte ich das Fusion Festival sowie mehrere andere Festivals der Technoszene aus reinem freizeitlichem Vergnügen besucht. Irgendwann hat sich daraus mein Forschungsinteresse entwickelt, weil ich besonders im Vergleich von vielen verschiedenen Festivals festgestellt habe, dass das Fusion Festival in vielerlei Hinsicht besonders ist. Ich habe mich zunächst in Bezug auf Festivals gefragt, ob es permanent um Selbstdarstellung, um Selbstinszenierung geht, also um individualisierte Teilnehmende. Das war jedoch auf dem Fusion Festival nicht der Fall. Dem wollte ich auf den Grund gehen.
Ich fragte mich, wie es funktioniert, dass auf einem solchen Festival soziale Ordnung hergestellt wird, wie es funktioniert, dass die Menschen sich in einer gewissen Weise einander zugehörig fühlen und wie sie dies anderen verständlich machen. Meine Ausgangsfrage für die Forschung war dann: Was passiert hier eigentlich vor Ort, was geht auf dem Fusion Festival vor sich? Wie interagieren Menschen, worum geht es ihnen? Und da es sich abzeichnete, dass es immer wieder um Gemeinschaft, um Zugehörigkeit ging, wollte ich vor allem das Vergemeinschaftungshandeln erforschen. Also wie wird Gemeinschaft hergestellt? Um welchen Typus oder um welche Typen von Gemeinschaft handelt es sich auf dem Festival? Worin unterscheiden sich die Gemeinschaftstypen?

Wie haben Sie vor Ort geforscht?
Ich habe beobachtende Teilnahmen durchgeführt – das heißt ich habe teilgenommen und dabei beobachtet und später dann meine Beobachtungen protokolliert. Zum Teil habe ich auch mehr beobachtet, habe versucht mich weitgehend aus der Teilnahme herauszuziehen. Außerdem habe ich vor Ort sowie im Anschluss an das Festival Interviews geführt – jeweils mit Festivalbesucherinnen und -besuchern. Die Festivalteilnehmenden, die ich im Nachhinein interviewt habe, hatten mir Bekannte als typische Teilnehmende empfohlen. Ich habe zudem Felddokumente wie Festivalankündigungen oder Festivalnachbesprechungen analysiert: Welche Themen werden besprochen und wie werden diese textlich und bildhaft dargestellt?

Kirchner_01In Ihrer Analyse der popkulturellen Festivalpraxis der Fusion Festival-Besucher formulieren Sie verschiedene Bedeutungen dieser Praxis für die Festivalbesucher – zum Beispiel psychische Existenzbewältigung durch das Festivalleben. Hiermit implizieren Sie eine Gegenüberstellung von Alltag und Nicht-Alltag bzw. Festivalleben. In Ihrer Publikation findet man eine Differenzierung dieser Gegenüberstellung, anhand von verschiedenen Kategorien. Können Sie diese Gegenüberstellung hier skizzenhaft (re-)formulieren?
Bei der Auswertung meiner Daten habe ich ja unter anderem die Frage gestellt: Was tun die Menschen, die an dem Fusion Festival teilnehmen, die einheitlich als „Fusionisten“ bezeichnet werden? Und was wollen sie damit bezwecken? Es war auffällig, dass alle meine Interviewten auch immer den Alltag thematisiert haben, obwohl wir uns meistens auf dem Festival befanden. In den Interviews wurde immer wieder darauf hingedeutet, dass „Fusionisten“ bestimmte Aspekte des Alltagslebens absichtlich temporär hinter sich lassen wollen, dass sie aus diesen „ausbrechen“ wollen, um dadurch ihre eigene Existenz psychisch bewältigen zu können – unter anderem durch ein Sich-Befreien von alltäglichen Normen, von alltäglichen Zwängen und rationalem Handeln.
Vieles von dem, was die „Fusionisten“ tun, ist hochgradig irrational – wie stundenlanges Tanzen, stundenlanges Ausruhen –, zumindest wenn man die rationalen Kriterien des Alltags anlegen würde. Die „Fusionisten“ setzen das bewusst so – das heißt zum Beispiel, dass man sich nicht nur eine Stunde ausruht bis man sich wieder fit genug fühlt, um weiter auf dem Festivalgelände umherzulaufen, um sich Attraktionen anzuschauen, um weiter zu tanzen et cetera. Stattdessen befindet man sich mitunter eben auch den ganzen Tag an einer Stelle, um sich dort auszuruhen – obwohl ja die Festivalteilnehmenden dem Event ein ganzes Jahr entgegen gefiebert haben. Ein anderer Aspekt ist die Verweigerung von Leistungsdruck, von diversen Pflichten, wie zum Beispiel Verabredungen einzuhalten, ernsthafte Gespräche zu führen. All dies wird abgelehnt. Es werden keine ernsthaften Gespräche geführt; und wenn das Gespräch ernsthaft wird, wird es schnell abgebrochen. Es wird nicht über die Erwerbstätigkeit gesprochen oder über diverse Probleme des jeweiligen Alltagslebens. Man konzentriert sich auf das Festival und ermahnt sich: „Es ist gerade Fusion“ – also eine Ermahnung in die Richtung, dass man auf dem Fusion Festival ist, um Spaß zu haben und nicht um die Ernsthaftigkeit der eigenen Existenz zu betrachten. In diesem Zusammenhang kann man das Festival als anderen Raum verstehen – beziehungsweise in der Sprache der Raumsoziologie lässt es sich als „Heterotopie“ bezeichnen.

Können Sie das kurz ausführen?
Das meint in dem Zusammenhang eben genau diesen angeführten Punkt – es geht darum, sich einen temporär sozial-anderen Raum zu schaffen, in welchem man den Alltag hinter sich lässt, die alltäglichen Zwänge, Erwartungen, Normen torpediert, indem man absichtlich das tut, was man im Alltag eigentlich nicht tun darf, wofür keine Zeit ist, was andere als nicht relevant, was andere als unangemessen erachten. Genau dazu dient das Fusion Festival – um temporär in einem anderen Raum zu leben. Das heißt aber nicht, dass das Festival ein Fluchtpunkt ist, welchen Festivalbesucher das ganze Jahr über leben wollen. Keiner meiner Befragten hat es ernst gemeint, wenn er oder sie sagte: „Das Fusion Festival könnte doch das ganze Jahr über sein“. Alle zelebrieren die Rückkehr in den Alltag – das heißt, wenn sie wieder zurückkommen, lieben sie auch den geregelten Tagesrhythmus und die Ordnung, dass alles nicht mehr derartig umständlich ist – beispielsweise in Bezug auf stundenlanges Warten vor sanitären Einrichtungen. Denn niemand der „Fusionisten“ möchte tatsächlich den Alltag dauerhaft hinter sich lassen, sondern sich einfach nur zeitweise davon befreien können – und dafür ist das Festival ideal.

Kirchner_03Diese Frage haben Sie bereits eben selbst formuliert, jedoch noch nicht explizit beantworten können: Um welchen Typus beziehungsweise um welche Typen von Gemeinschaft handelt es sich auf dem Fusion Festival, in dieser Heterotopie?
In der Soziologie gibt es verschiedene Konzepte zum Thema „Gemeinschaft“. Es gibt die traditionellen Gemeinschaften, zum Beispiel die Gemeinschaft der Familie, in welcher man qua Geburt Mitglied ist, oder auch andere Formen, welche formal(-er) geregelt sind – da wären wir bei einer klassischen Gegenüberstellung von Gemeinschaft und Gesellschaft im Sinne von Ferdinand Tönnies – dem Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Soziologie.
Interessant fand ich in dem hier besprochenen Forschungskontext, dass auch sogenannte „posttraditionale Gemeinschaften“, wie sie Ronald Hitzler ausführlich beschrieben hat, zu finden sind. Posttraditionale Gemeinschaften bestehen meist lediglich für die Dauer des Festivals. Alle die, die vor Ort sind, gehören dieser Gemeinschaft an. Das heißt im Prinzip auch, dass dieser Typus von Gemeinschaft hochgradig exklusiv ist – alle die nicht da sind, gehören nicht dazu. Posttraditionale Gemeinschaften sind ferner dadurch gekennzeichnet, dass es darum geht hedonistische Ziele zu verfolgen. Menschen gehen diesen Typus von Gemeinschaft ein, um individuell Spaß zu haben. Wenn die Gemeinschaft keinen hedonistischen Gewinn mehr bringt, verlassen Menschen diese Gemeinschaft auch wieder. Es gab noch einen weiteren Typus auf dem Festival, die sogenannten „Neo-Tribes“, die Michel Maffesoli in der Art zuerst beschrieben hat.

Können Sie ausführen, wie sich diese Gemeinschaftstypen in Ihrer Forschung wiederfinden lassen sowie warum Sie diese Typen in dem Rahmen Ihrer Forschung interessant gefunden haben?
Ich konnte in meiner Forschung nachweisen, dass es zum einen posttraditionale Gemeinschaften gibt, die über das gesamte Festival existieren, sowie dass es zum anderen ebenfalls Neo-Tribes gibt, die nur für bestimmte Momente existieren, also hochgradig situativ sind. Letztere habe ich in Anlehnung an Maffesoli als „ephemer“ bezeichnet, weil sie so flüchtig sind, dass sie auch sehr rasch „zerfallen“ können.
Im Unterschied zu den posttraditionalen Gemeinschaften geht es bei den Neo-Tribes darum, dass sich das Individuum zurückstellt. Die individuellen Bedürfnisse, die individuellen Ziele werden zugunsten der Gemeinschaft zurückgestellt. Das ist zum Beispiel auf einer Tanzfläche der Fall, wenn Menschen ein besonders gutes Live-Set von einem DJ hören. In dem Moment, wenn die Musik genau auf die anwesenden Tanzenden abgestimmt ist, dann kommt es – wie Maffesoli es auch bezeichnet – zu efferveszenten, orgiastischen Kollektiverfahrungen, in welchen die Personen vor Ort vor Freude außer sich sind – durch die Anwesenheit der Anderen, durch das Set, durch das Setting. Es passt alles zusammen und das einzelne Individuum lässt sich auf den sozialen Kontext ebendieser Tanzfläche ein. In dem Moment, wenn die Musik abrupt abbricht oder wechselt und die Atmosphäre nicht mehr aufrechterhalten werden kann, zerfällt diese Gemeinschaft. Dieser Typus von Gemeinschaft hat eben auch nur für diejenigen existiert, die genau an diesem Ort zu diesem Moment anwesend waren, sich in diesem Moment auf die Anderen eingelassen haben und sozusagen in diesem Moment „aufgegangen“ sind. Und meine Interviewten berichteten, dass in diesen Momenten andere Bedürfnisse vergessen werden – ebenso andere Menschen, die auf dem Festivalgelände irgendwo anders sind.

Wer nicht da ist, ist auch nicht Teil der Gemeinschaft – lassen sich auch andere In- sowie Exklusionsmechanismen ausmachen? Muss das Wir-Gefühl einer posttraditionalen Gemeinschaft fortwährend aktualisiert werden? Wo sehen Sie Momente der Verstetigung einer solchen Gemeinschaftsform?
Der wichtigste Punkt ist der bereits erwähnte – wer in der Face-to-Face-Situation nicht anwesend ist, der gehört auch nicht dazu. Aber das bloße Vor-Ort-Sein reicht auch nicht aus, um wirklich dazu zu gehören. Ein wichtiges Charakteristikum einer posttraditionalen Gemeinschaft ist, dass Menschen ihre Zugehörigkeit anderen glaubhaft anzeigen und sie sich auf diesen speziellen sozialen Kontext, auf die Regeln von diesem einlassen. Denn auch auf dem Festivalareal herrschen soziale Normen. Wenn sie diese berücksichtigen, sie bereit sind, sich ein Stück weit mehr auf die Gemeinschaft einzulassen, dann gehören sie zu der Gemeinschaft. Wenn sie sich hingegen weigern in und an dieser Gemeinschaft mitzutun, mitzutanzen, mit Spaß zu haben, den anderen eine Freude zu bereiten, auf Gesprächsangebote einzugehen, dann bauen sie eine Barriere zu der jeweiligen Gemeinschaft auf. Distinktion ist also ein Schritt in Richtung Exklusion, hier: Selbstexklusion. Das funktioniert jedoch auch in die andere Richtung – denn auch die anderen Menschen stellen rasch fest, wer mitmachen möchte und wer nicht. Und diejenigen, die sich nicht an die Festivalregeln halten, die ja im Allgemeinen als relativ spaßig verstanden werden, weshalb es auch so einfach ist mitzumachen, bzw. diejenigen, die gehemmt sind, werden von der Gemeinschaft – mehr oder weniger – ausgeschlossen. Kurz: Es hat Konsequenzen auf die Intensität der Zugehörigkeit, wie mitgetan wird.

Kirchner_02Es gibt also soziale Normen, die in einer solchen posttraditionalen Gemeinschaft wirksam sind, diese prägen – wenn vielleicht auch „andere“, welche, die anders verstanden werden. Kann denn in einer solchen Gemeinschaft „jeder mit jedem tanzen“? Inwieweit erodieren klassische Strukturierungsmomente?
In sämtlichen sozialen Kontexten gibt es sozial gesetzte Normen, weil wir Menschen uns auch immer um soziale Ordnung bemühen, welche nur über Normen funktioniert, über Regulierungen. Aber die sozialen Normen auf dem Festival sind welche, die die Menschen kaum als restriktiv wahrnehmen. Das ist das Spannende daran. Sie haben sogar den Eindruck, dass es auch Spaß macht die ungeschriebenen Festivalregeln zu befolgen. Oder es sind teilweise schlichtweg Regeln, die sie aus dem Alltag kennen, bei welchen es ihnen nicht sehr schwer fällt diese zu befolgen – wie zum Beispiel in einer Schlange anstehen – Höflichkeitsregeln also. Das findet auf dem Festivalgelände genauso statt. Es wird nicht alles an sozialen Normen negiert. Was definitiv auch eine auf dem Festivalgelände sehr wirksame Norm ist, ist die gegenseitige Rücksichtnahme.

Das heißt?
Die gegenseitige Rücksichtnahme auf dem Festival ist wichtiger als im Alltag. Die von mir Interviewten haben immer wieder argumentiert, dass im Alltagsleben jede und jeder vereinzelt lebt und nach dem eigenen, individuellen Nutzen strebt, dass es dann dadurch auch passiert, dass andere Mitmenschen gar nicht wahrgenommen, gar nicht berücksichtigt werden. Und das ist auf dem Festival anders – beziehungsweise zumindest wird es so proklamiert; man übt und fordert gegenseitige Rücksichtnahme – auf eine Art, die die Menschen als höflich und angenehm verstehen. Wenn es Menschen zum Beispiel sichtlich schlecht geht, gibt es immer andere, die schnell zu Hilfe eilen, Wasser oder freundliche Gespräche anbieten.
Bezüglich anderer sozialer Normen: Auch auf dem Festivalgelände haben wir hierarchische Verhältnisse, insofern, als dass die Festivalorganisierenden die einzuhaltenden Regeln aufstellen. Das geht dann auch so weit, dass Personen, die sich nicht an die Regeln halten, des Festivalgeländes verwiesen werden – und dies auch nicht besonders höflich; dafür gibt es, wie bei anderen Veranstaltungen auch, Sicherheitspersonal. Ansonsten wird untereinander reguliert – ohne dass es explizite Regeln gibt, was wie getan werden soll. Eben deshalb nehmen viele Menschen Festivals als einen Freiraum beziehungsweise als einen anderen Raum wahr. Es ergibt sich im Prinzip über die Festivaldauer, was man darf und nicht darf – auch Neulinge lernen schnell, wie man mit den anderen Festivalgästen umgeht.

Ist die Szenegemeinschaft beziehungsweise die Festivalgemeinschaft denn eine sozial heterogene Gruppe – in Bezug auf sozialstrukturelle Merkmale?
Ich verstehe es so, dass die Gemeinschaft des Fusion Festivals nicht deckungsgleich ist mit der Techno-Szene. Nicht alle, die auf das Fusion Festival gehen, hören immer und ausschließlich Techno – manche sogar nie. Es gibt viele, die aus völlig anderen Gründen dorthin gehen, die völlig andere Musik hören und sich vielmehr die anderen künstlerischen Darbietungen anschauen wollen.
Deswegen jetzt nur zu der Festivalgemeinschaft des Fusion Festivals: Festivalteilnehmende, die seit mehreren Jahren – mitunter schon seit 10 oder 15 Jahren – das Festival besuchen, kritisieren, dass per se jeder Mensch auf das Festival gehen kann, jedoch nicht jeder die „Philosophie“ des Fusion Festivals versteht und mitträgt. So sehen viele der „Neulinge“ das Festival und die vor Ort anwesenden Menschen immer mehr als Attraktion an. Sie selbst verstehen sich als unbeteiligtes Publikum, das von den anderen unterhalten werden will. Ebendiese Distinktion zerstört jedoch – so die Kritik – das spezifische „Fusion Feeling“, die Eventgemeinschaft.

Worin dokumentiert sich diese Praxis der „Neulinge“?
Diese ist unter anderem darin zu beobachten, dass mittlerweile viele Teilnehmende vor Ort Fotos und Videos aufnehmen, was eigentlich auf dem Festivalgelände verpöhnt ist, weil es den Menschen darum geht sich in dem gegenwärtigen Moment zu verorten, den Moment zu genießen, sich auf die gegenwärtige Face-to-Face Interaktion zu konzentrieren – ohne zwischengeschaltetes Medium, mit welchem man die Geschehnisse vor Ort festhalten und einer größeren Öffentlichkeit verfügbar machen kann. Das Zur-Schau-Stellen ist etwas, was viele der langjährigen „Fusionisten“ kritisieren sowie das gleichzeitige Nicht-Mit-Machen-Wollen, dass Sich-Nicht-Einlassen-Wollen. Es geht bei der Kritik also nicht darum, ob die Kritisierten zum Beispiel in Bezug auf ihre Kleidung den vermeintlich typischen Festivalbesuchern entsprechen. Die Kritik derjenigen, die sich selbst als „Alteingesessene“ verstehen, zielt darauf ab, dass viele neue Festivalteilnehmende nicht mehr das typische Festivalhandeln weiterführen und damit auch die große Eventgemeinschaft verunmöglichen – unter anderem dadurch, dass sie Situationen medial über den Moment hinaustragen. Das ist ein sehr großes Problem für die Teilnehmenden des Fusion Festivals, weil es dadurch den Charakter einer Heterotopie, seine besonderen, nach außen geschlossenen Momente verliert. Das Festival findet dann nicht mehr nur über einen bestimmten Zeitraum statt, in einem abgegrenzten Areal. Deswegen soll eigentlich nichts (oder kaum etwas) auf Fotos oder Videos festgehalten werden – um die Verbindungen zum Alltag zu begrenzen. Wenn überhaupt, ist es akzeptiert große Menschenmassen zu filmen oder die imposanten Lichtshows bei Nacht usw., aber eben nicht einzelne Menschen. Ebenso wenig ist ein Anstarren von skurrilen Kostümierungen gewünscht, sondern vielmehr ein freudiges Loben für ebendiese Kreativität.

Zum Abschluss: Inwiefern lässt sich Ihre Forschung beziehungsweise inwiefern lassen sich Ihre Forschungsergebnisse zu dem Fusion Festival auf andere Gemeinschaften, auf andere Eventgemeinschaften übertragen?
Selbstverständlich kann man meine Ergebnisse zum Fusion Festival mit anderen Festivals vergleichen. Zum Beispiel mit Festivals, die sich ausschließlich an ein Publikum richten, welches sich der Techno-Szene zugehörig fühlt. Es wäre sehr interessant, sich vergleichend andere große, populäre Events, auch von verschiedenen Musikszenen, anzusehen, zu schauen, welche Parallelen und welche gravierenden Unterschiede es gibt – Handlungsparallelen sowie strukturelle Parallelen.

Zu einer möglichen Übertragung auf zeitlicher Ebene – unterscheiden sich und wenn ja wie unterscheiden sich Eventgemeinschaften heute von welchen der 90er-Jahre?
Soziale Wirklichkeit ist permanenten Veränderungsprozessen unterworfen. Ich verstehe meine Arbeit nicht als Weiterentwicklung oder Aktualisierung der Neo-Tribes von Maffesoli oder der posttraditionalen Gemeinschaften von Hitzler, sondern eher als Ergänzung – als eine Ergänzung, die zeigt, dass sich in einem einzigen sozialen Kontext eines Events verschiedene Typen von Gemeinschaft – gleichzeitig – finden lassen. Teilweise lassen sich diese Gemeinschaftstypen sehr gut voneinander abgrenzen, teilweise sind die Abgrenzungen von verschiedenen Gemeinschaftstypen aber schlichtweg analytisch, das heißt sie lassen sich empirisch kaum trennscharf finden. Ich verstehe meine Forschung also weder als Kritik noch als Aktualisierung der oben genannten Konzepte beziehungsweise Typen, sondern als Nachweis, dass die verschiedenen Konzepte in gewisser Weise alle eine Tragweite zur Erklärung des Phänomens „Festival“ haben.

Vielen Dank für das Interview.
Sehr gern.

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