Samstag, 19.08.2017
Doc Emmett Richter

Back to the future mit

Früher war alles besser, außer das Internet.
Heute: EXPO 1970

Die Zukunft ist im Jahr 2000 zu Ende gegangen. Ich vermisse sie. Die Zukunft um die es hier gehen soll, ist sogar schon früher erloschen, meiner Theorie nach ziemlich genau im Jahre 1986 mit dem Absturz der Challenger.

Schon seit 1900 hat man Zukunftsideen und Visionen auf das sagenumwobene Jahr 2000 projiziert: Jahrtausendwende! Yeah! Mit dem Beginn des „Space-Age“ beschleunigte sich das Fiebern nach einer Zukunft, die im Jahr 2000 Wirklichkeit werden würde. Nur rosig war diese Zukunft nie wirklich, aber sie hatte einen guten Look und man hat geglaubt, es würde im Jahr 2000 fliegende Autos und Androiden geben. Ich zumindest. Als Kind. Ich fand diese Zukunft ziemlich futuristisch, während ich die heutige Zukunft seltsam profillos finde, falls es sie überhaupt noch als Erzählung gibt. Sie ist pragmatisch und zunehmend protestantisch, ich mag sie nicht besonders. Das Jahr 2000 war nach 100 Jahren Zukunftsvisionen eine riesige beschissene Enttäuschung und seitdem wurde es nicht wirklich besser. Während sich Wirtschaft, Kommunikation, Terrorismus und Flüchtlingsströme zunehmend globalisieren, bleiben die Individuen verwirrt und überfordert, versuchen sich zu optimieren und sehen danach alle gleich aus, so wie die Häuser in denen sie wohnen und die Orte an denen sie arbeiten. Das ist keine Übertreibung, es wird alles wirklich immer gleicher. Die Zukunft ist zudem schwammig geworden, ich zumindest kenne niemanden, der sich total auf das Jahr 2055 freut.

Expos treten schon länger im Büßergewand auf, sie sind keine visionär durchgeknallten Wunderländer mehr, aus denen man träumend nach Hause geht, um eine neue Welt zu erdenken. Sie sind protestantische Klassenzimmer, in denen man lernt, wie verantwortungslos man handelt und wie man vielleicht mit viel Mühe und Spucke noch ein bisschen von dem retten kann, was mal eine scheinbar intakte Welt war. Jedes Gebäude ist aus recycelten Milchkartons gebaut und wird mit alter Kuhscheisse geheizt. Was ja grundlegend gut ist, jedoch fehlt folgendes: Spinner. Die Zukunft ist heute weniger Leinwand für spinnerte Visionen, sie ist eher drohender Zeigefinger in einem zunehmend körperlosen Raum.

Ideen wie „Wir fliegen mit Menschen zum Mond“ oder „In 30 Jahren werden wir mit Tieren kommunizieren können“ sind spinnert, genau wie Leute, die Häuser bauen wollen, die auf Stelzen laufen oder die wie Raumschiffe aussehen. Völlig unnötig ist das alles. Aber es sind Erzählungen, die mögliche Handlungsräume definieren, die die Imagination befeuert, ich glaube man braucht solche Erzählungen um nicht einfach zu resignieren.

Schauen wir uns doch mal die von Kenzo Tange entworfene Festival Plaza an:

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Alles daran schreit „Zukunft“ und „Jahr 2000“ und zwar bis heute. Getragen von nur sechs Leichtbau-Säulen schwebt das 75 mal 100 Meter große Dach über einem vielfach bespielbaren Platz mit künstlichem See, Tribünen und einem unfassbaren Roboter, auf den ich gleich noch zu sprechen komme. Das transparente High-Tech-Dach wurde am Boden konstruiert und fuhr dann pneumatisch an seinen Platz in 30 Meter Höhe. In einer herrlichen Mischung aus High-Tech und Folklore (etwas für das Japan eine Zeitlang wirklich berühmt war) stößt der gigantische „Tower of the Sun“ durch das Dach der Konstruktion und überschaut wie ein urtümlicher Gott die Zukunft der Menschheit. Das allein ist schon so spinnert, dass ich jauchzend im Kreis springe.

DSC01478Der „Tower of the Sun“ war natürlich begehbar. Betrat man den alles überragenden Riesen landete man in einem ziemlich psychedelischen Land der Sonne.

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Die an der Decke der Festival Plaza hängenden Scheinwerferanlagen waren fernsteuerbar, konnten die Lichtfarbe wechseln und auf und ab fahren. Heute, wo jede elende Castingshow in blau-lila LED Kanonen versinkt, ist das natürlich zu beschmunzeln, besser sieht es aber meiner Meinung nach immer noch aus.

Hier sieht man ganz kurz, wie die Scheinwerfer funktionieren. Meine Güte, das dauert, davon ein Video zu finden, der Ausschnitt geht vielleicht 2 Sekunden, aber ich liebe es:

Auf der Festival Plaza konnte sich jedes der 77 teilnehmenden Ländern einen Tag lang präsentieren. Wie das zum Beispiel für Neuseeland aussah, zeigt dieser Ausschnitt:

Schafe und Baumstammwettsägen unter High Tech Architektur, ziemlich gut.
Kommen wir zum Roboter.

304876267_5302ed5b17_bDer Architekt und Visionär Arata Isozaki hatte dieses fantastische Monstrum erdacht. Es konnte, von mehreren in den Steuerkapseln sitzenden Fahrern bedient, seine riesigen Arme bewegen, Rauch, Düfte, Licht und Sound abgeben und sich zudem ziemlich weit in die Höhe recken. War der „Oberkörper“ der Maschine hochgefahren, konnte der untere Teil als fahrbare Bühne genutzt werden.
Hier kann man mehr über diesen gigantischen Entertainment-Roboter erfahren und sieht man zwei mutige Herren in wirklich cooler Pose darauf sitzen. Ich würde sehr sehr gerne mal ein Interview mit einem der Fahrer machen, aber die Informationslage ist dünn, sehr dünn. Leider.

Gehen wir weiter, es gibt noch viel zu sehen! In diesem ebenfalls ausgesprochen futuristischen Bau gab es die Welt der Märchen zu sehen.

DSC01524Schön und zeittypisch ist, dass die technologisch anmutende Architektur innen mit freundlicher und spielerischer, ja irgendwie grundhumanistischer Ästhetik angefüllt ist.

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DSC01509Der Beginn der 70er Jahre war wie jedes Jahrzehnt zugleich von Zukunftsangst und Optimismus geprägt. Im Vergleich zur momentanen Gegenwart schien die Architektur und Technologie der Zeit noch durchdrungen von einem starken Willen zur Neugestaltung der Welt. Heute neigt man da eher zu einem ernüchternd funktionalistischen Pragmatismus: Spinnereien waren gestern. Metabolismus und High Tech waren prägende Momente der japanischen und europäischen Architektur-Avantgarde der 70er und wenn man heute ein irgendwie irre modern aussehendes Gebäude sieht, ist es meist in Anlehnung an die damals erdachte Zukunftsästhetik entworfen. Ein bisschen Metabolismus oder Archigram findet sich bis heute in den wenigen futuristischen Entwürfen von den wenigen guten heutigen Baumeistern und ich persönlich bin sehr dankbar dafür. Denn seit den 90ern ist Architektur ansonsten sowas von absolut grauenhaft. Kästen mit Schlitzen, Glaswürfel oder schäbiges Steinfurnier auf irgendwie leicht gebogenen Flächen, das ist es, was heute „modern“ ist. Oder wie wäre es mit einem neuen Stadtschloss (Berlin) und einer neuen leicht weichgespült historistisch-modernen Altstadt (Frankfurt)? Wie viel moderner waren da die 70er Jahre. Kisho Kurokawa, berühmt für seinen im Moment leider ziemlich verfallenen Nakagin Capsule Tower, entwarf für die Expo 70 unter anderem den „Takara Beautillion“, der so aussah:

DSC01527Kurokawa war Vorreiter der modularen Architektur, der Versuch, aus einzelnen Wohn-und Arbeitselementen quasi organisch wachsende Wohnmaschinen zu entwickeln, die je nach Bedarf wuchern oder sich verkleinern. Toll eigentlich, hat sich aber wie so vieles Tolles nie durchgesetzt. Sein modularer Beautillion sah auf jeden Fall auch innen gut aus:

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Auch hier trifft extremes High Tech auf traditionelles Handwerk, ich finde das logisch. Die größten Umbrüche und Zukunftsvisionen sind immer wieder mit einer Rückbesinnung auf traditionelle Techniken und Ästhetiken geprägt, ich sage nur Renaissance und Arts & Crafts oder denke an das Jahrhundertwerk „Sacre du Printemps“ von Stravinskys, Nijinskys und Roerichs, das mehr als obsessiv traditionelle folkloristische Riten und Bildwelten aufnimmt, um daraus einen Future-Schock zu zaubern. Man findet also in Kurokawa´s raumschiffhafter Architektur logischer Weise Ikebana und Kimonos:

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Kurokawa war so beseelt vom metabolistischen Gedanken, dass er sogar unter das Dach des Eingangs beschriebenen Festival Plazas hängende modulare Wohneinheiten anbrachte:

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Ach wie gerne würde ich in einer Welt leben, die so aussieht und in der Roboter mit mir spielen. In einer Welt, in der man ernsthaft noch an Raumfahrt und die Erforschung fremder Welten glaubt, in der sich zugleich Kinder in antiautoritären Projekten von oben bis unten mit Farbe vollschmieren und Autos eckig und schnittig und nicht überall rund und aufgeblasen sind. Die Expo 70 ist heute quasi Sinnbild und Projektionsfläche für das uneingelöste Versprechen einer futuristischen Welt voller neuer freier Menschen, die sich lieben und mit langem Haar durch den Weltraum sausen, befreit und global, hochtechnologisch und zugleich eins mit der Menschheit und dem Universum. Und mit den Robotern und den Tieren und den Pflanzen und den Cyborgs und den transparenten Geisterwesen.

Ja, lächerlich. Wie absurd ist es, nostalgisch über Bilder von Zukunft zu werden, es liegt aber natürlich daran, dass die Welt heute eben weiterhin kompliziert nicht wirklich rosig ist und zudem ohne Roboter und fliegende Deloreans auskommen muss. Es kommt eben immer anders als man denkt und man hat uns stattdessen das Internet und Smartphones gegeben. Das ist auch gar nicht schlecht, ich weiß außerdem nicht mehr, wie ich ohne all das leben konnte, aber es bleibt dieses Sehnen nach den Dingen, mit denen man als Kind geimpft wurde.

 

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Eine ganze Episode der japanischen Anime-Serie Shin Chan dreht sich genau um dieses Gefühl der Nostalgie, das ja seit jeher die Menschen irgendwann ergreift, und das seit den 90ern viele Teile der Populärkultur beherrscht. (minus die zwei wirklich modernen Entwicklungen der Zeit: Elektronische Musik und HipHop, die sich beide wiederum gerne auf vergangenes beziehen, wie zum Beispiel Kraftwerk; da sind wir wieder in den 70ern, aber ich will jetzt mal nicht päpstlicher als der Papst sein)

Also: „Shin Chan: The Adult Empire“ spielt in einem 1:1 Nachbau der Expo 70! Wie toll! Dort geht alles um einen Geruch der Nostalgie, der nach und nach alle Erwachsenen zurück in ihre Erinnerungen schickt und eine Art Diktatur der Nostalgie erwirkt. Wer also die Expo, um die es hier geht, weil sie vielleicht die letzte Expo war, die cool, aufregend und visionär war, wer also diese Expo als Symbol und Kulisse für ein cleveres Anime über Utopien, Nostalgie und Realitäten sehen will, der kann das hier tun:

Ziemlich utopisch war auch der Pavillon einer weltumspannenden Getränkefirma, der Pepsi-Pavillon. Er wurde von der 1967 gegründeten Gruppe E.A.T. (Experiments in Art an Technology) erdacht, zu deren Gründungsmitgliedern neben Billy Klüver (der zum Beispiel Tinguely´s selbstzerstörende Maschine „Homage to New York“ und Andy Warhols „Silver Clouds“ mitentwickelte), Fred Waldhauer, Robert Whitman (berühmt für ihre frühen multimedialen Theaterexperimente wie „9 Evenings.Theatre and Engineering“ aus dem Jahr 1966) und Mister Robert Rauschenberg persönlich gehörten. Das schreibe ich hier so hin, weil das nämlich mit die ersten waren, die Multimedia in die Kunst gebracht haben und Kunst und Wissenschaft zusammenbrachten.

Mit rund 75 Künstlern und Ingenieuren entwarfen E.A.T einen Pavillon der ständig von einem Wassernebel umfangen war, so dass die geodätische Struktur zu einer wabernden diffusen Struktur wurde. Im Inneren arbeiteten etliche flexible Spiegel elektromechanisch daran, bewegte Bilder halbplastisch in den Raum zu werfen, der ganze Pavillon war anscheinend ein waberndes und wie man so sagt mindblowing Etwas, das sich in den heute verbleibenden Dokumentationen wohl nur schwer fassen lässt. Insofern weiterführende Artikel lesen oder dieses Video anschauen.

Es war vielleicht ein Zeichen der Zeit, dass auf der Expo einiges waberte und floss, von künstlichen Wasserfällen, über schaumbergproduzierende Maschinen bis hin zu Tunneln voller Schaum.

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DSC01536Innerlichkeit und die Erforschung der Seele waren durchaus auch Themen, so wie im „Land of ones self“, das hier stark an einen begehbaren M.C. Escher-Raum erinnert:

DSC01564Ganz nach innen ging es auch im deutschen Pavillon. Geodätische Kuppeln waren der Hit und in der deutschen Kuppel befand sich eine Welt aus Klang und Gefühl, niemand anderes als Karl Heinz Stockhausen zeichnete sich verantwortlich für die „Gardens of Music“ die sich im Inneren befanden. Ich meine, Stockhausen auf der Expo, genau richtig! Das Publikum war umringt von Lautsprechern, die neben einem kuratierten Programm 183 Tage lang 5 1/2 Stunden am Tag spezielle Stockhausen-Kompositionen wiedergaben. Der Pavillon, so liest man in zeitgenössischen Berichten, war einer der großen Publikumsmagnete der Expo 70, anscheinend bildete der Klangraum eine Art Insel der Ruhe im Trubel der restlichen Attraktionen.

expo70_27Die Komposition „Pole“, die dort unter anderem täglich aufgeführt wurde, kann man hier hören:

Das Foto des kugelförmigen Konzertraumes ist ziemlich bekannt, in meinem für teures Geld bei Ebay ersteigertem historischem Begleitbuch zur Expo 70 (aus dem auch alle Fotos hier stammen) habe ich aber noch dieses gefunden, es zeigt, wie die „Gardens of Music“ ansonsten aussahen, ein bisschen wie im Inneren eines Gehirns, wenn man mich fragt.

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Musik, Tanz und Kunst waren Themen, die die gesamte Expo durchzogen. Jeden Abend gab es auf der Festival Plaza Aufführungen aus allen Ländern, Musiker gaben Konzerte, Ballets wurden getanzt und es ist zu schade, dass es hier nur wenige Dokumente gibt. Ich fordere eine 10er DVD Box „Shows on the Festival Plaza of Expo 70“, sofort!
Allein dieses fünfstöckige Schiff wäre es wert:

DSC01554Hier gibt es die Wahl zur Miss Universe zu sehen. Fernsehen sah in den 70ern auch so viel besser aus als heute, aber dazu mal später mehr… Sch, da muss man nichts zu sagen, das weiß wirklich jeder, der heute noch einen Fernseher hat.

Mehr gute Laune hier:

1970 hat Franz West noch gar keine Kunst gemacht, aber irgendjemand hat ihn auf der Expo 70 schon vorweggenommen:

DSC01493Auch Paul McCarthy hätte seine helle Freude an der mannigfaltigen Aufblasarchitektur gehabt, es ist hier zum Beispiel nicht weit zum Buttplug:

DSC01535Auch die riesige aufblasbare Halle von Fuji (hier im Hintergrund) erinnert an eine suggestive McCarthy Arbeit:

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Und so weiter. Eines meiner Lieblingsinterieurs der Expo ist das Innere des Kanadischen Pavillons, es sieht ein bisschen aus wie eine ganz frühe Jonathan Meese-Arbeit, nur mit mehr Spiegeln und besser:

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Von außen war der kanadische Pavillon ebenfalls ziemlich groovy, auf den riesigen Spiegelsäulen (Isa Genzken) drehten sich bunte Dachkreisel und auf einer im Wasser befindlichen Bühne wurde getanzt:

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Und so weiter. Und so weiter. Auf der Expo 70 präsentierten sich 77 Länder und in meinem Begleitbuch (so dick wie eine Bibel) sieht jeder Pavillon toll aus. Es war eine der größten und bestbesuchten Expos aller Zeiten und ich könnte mich in den Arsch beißen, dass ich erst 1971 geboren bin bzw. keine Zeitmaschine habe. Andererseits bin ich nicht wirklich ungehalten darüber jetzt zu leben, es gibt das Internet und man kann ja durchaus anfangen all unsere Nachhaltigkeitsversuche ein bisserl durchgedrehter und metabolistischer zu machen, dann wäre ich schon OK mit 2015.

Aber die Weltausstellungen, die waren früher wirklich besser!

Zum Beispiel die Expo 1900 in Paris, und weil ich schon mal so im Schwung bin, kann man HIER beim artblogcologne meinen Artikel über diese fantastische Schau lesen, der ist auch ziemlich lang, vielleicht mal kurz Kaffee aufsetzen vorher.

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Claus

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