Dienstag, 22.08.2017
Jillian Rose Banks

„Ich brauche keinen Rat.“

banks-fotoJillian Rose Banks über Selbstermächtigung, Genderdebatten und ihre Eignung als Psychotherapeutin.

Jillian Banks, erlebst du das Popstarsein so, wie du es dir vorher vorgestellt hast?
Ich kann gar nicht sagen, was ich erwartet hatte. Es fühlt sich jedenfalls großartig an und ich bin sehr zufrieden, wie die Dinge laufen. Grundsätzlich ist es im Leben selten so, wie man es sich vorstellt. In diesem Fall ist die Realität aber gar nicht so schlecht. (lacht)

Ich stelle diese Frage, weil du den Eindruck vermittelst, schon immer einer Art Plan gefolgt zu sein.
Das würde ich nicht unterschreiben. Ich bin im Prinzip einfach nur ich, was Anderes wäre mir gar nicht möglich. Ich hatte schon immer eine sehr genaue Vorstellung darüber, wie ich mich kleide und was für Musik ich machen möchte. Aber ich versuche keineswegs bewusst, ein aufgesetztes Image zu kreieren, sondern halte es für sehr wichtig, so authentisch und natürlich wie möglich zu sein.

Der deutsche Poptheoretiker Jens Balzer hat grob zusammengefasst die These aufgestellt, Frauen wie du hätten in postmillenarischen Zeiten eine weiblich dominierte Musik-Ära eingeläutet. Teilst du diese Einschätzung vom Ende des Pop-Patriarchats?
Es gibt auf jeden Fall eine Menge toller, aufregender Frauen, die selbstermächtigt und autark ihre Kunst verfolgen. Gleichzeitig gibt es aber auch großartige männliche Künstler. Mir widerstrebt es, das gegeneinander zu auszuspielen: Männer gegen Frauen, da halte ich nichts von. Aber natürlich ist es toll, wenn es immer mehr selbstbewusste, feministisch orientierte Frauen gibt, die tradierte Rollenklischees sprengen.

Wie weit wir im Geschlechterverhältnis von wirklicher Gleichberechtigung entfernt sind, merkt man allerdings nicht zuletzt daran, dass ich dir überhaupt so eine Frage stelle. Männliche Künstler werden eher selten nach Rollenmodellen gefragt.
So ist es. Es regt mich zum Beispiel wahnsinnig auf, dass ich grundsätzlich nur mir Frauen verglichen werde, auch wenn ich stilistisch überhaupt nichts mit ihnen gemeinsam habe. Ich denke jedes Mal: Warum vergleicht ihr mich nicht mal mit einem Mann? Es sollte doch um eine künstlerische Einordnung gehen und nicht um das Geschlecht.

In deinem Fall würde etwa ein Vergleich mit jemandem wie James Blake mehr Sinn ergeben, als ausgerechnet mit Tracy Chapman, wie immer wieder geschehen.
Wenn ich inhaltlich etwas mit diesen Vergleichen anfangen könnte, würde ich ganz anders darauf reagieren. Weil ich dann nämlich den Eindruck hätte, dass die Leute sich wirklich mit mir und meiner Musik auseinandergesetzt haben, statt einfach nur faul irgendwelchen Klischees zu folgen.

Leute meines Standes brauchen ein Label, also hat es nicht lange gedauert, bis du als „die neue Madonna“, „die neue Kate Bush“ und so weiter beschrieben wurdest. Immerhin sind das Künstlerinnen, die als selbstbestimmt wahrgenommen werden.
Natürlich gibt es Leute, die ich verehre. Ich werde nie den Tag vergessen, als ich im Plattenladen um die Ecke das erste PJ-Harvey-Album gekauft habe! Aber es wäre schon sehr seltsam, wenn ich ernsthaft zu Hause sitzen würde und versuchte, so jemanden zu imitieren. Ich bin nicht „die Nächste irgendwas“, sondern die erste Jillian Banks.

Du bist auf andere Rahmenbedingungen gestoßen als frühere Generationen. Liberalisierung der Produktionsmittel, direkte Kommunikation mit den Fans – erlebst du das Internet und moderne Computerprogramme als Befreiungsinstrument?
Es gibt jedenfalls viel mehr Möglichkeiten, sich auszuprobieren und unverfälscht zu auszudrücken, was man sagen will. Darin liegen tolle Möglichkeiten. Die direkte Verbindung zu den Leuten, die die Musik hören, ist ein wirklicher Fortschritt.

Trotzdem ist es für nicht etablierte Künstler schwierig, in diesen Strukturen Geld zu verdienen. Ab einem gewissen Punkt kommt man alleine nicht weiter. Du veröffentlichst deine Alben bei Universal, der größten Plattenfirma der Welt. Hat man dort versucht, dir Kompromisse aufzudrängen?
Zum Glück sind die Zeiten vorbei, in denen Plattenfirmen die Identität eines Künstlers bestimmen. Jedenfalls bin ich nicht diese Art von Künstlerin. In dieser Hinsicht brauche ich niemandes Rat. Als ich den ersten Plattenvertrag unterschrieben habe, hatte ich bereits einige Sachen im Internet, die sich gut geklickt haben. Dadurch hatte ich natürlich gute Voraussetzungen. Ungeachtet dessen liebe ich mein Team und bin sehr froh, von guten und erfahrenen Leuten umgeben zu sein. Die Reihenfolge muss stimmen: Niemand kann dir sagen, wer du bist, das muss man schon selbst übernehmen. Und wenn man so weit ist, kann man den nächsten Schritt gehen und sich professionelle Hilfe in einigen Bereichen suchen.

Die Musikindustrie ist in großen Teilen immer noch eine chauvinistische Männerdomäne. Bist du dort mit den üblichen Rollenklischees konfrontiert worden?
Ich habe einen sehr guten Radar für solche Leute, die es natürlich immer noch gibt und vermutlich immer geben wird. Insofern gelingt es mir ganz gut, mich gar nicht erst mit ihnen zu umgeben. Zumal es gleichzeitig auch ganz tolle Menschen und auch Männer in dieser Branche gibt.

Verdankst du diese Art von Menschenkenntnis deinem angefangenen Psychologiestudium?
(lacht) Jedenfalls scheinen das immer alle zu denken. Ich habe mich aber nicht für dieses Studium entschieden als karrierevorbereitende Maßnahme oder um meine Interaktionen mit kontrollieren zu können. Psychologie hat mich schon immer fasziniert, das war schlicht und ergreifend ein Interessenstudium. Das dort erworbene Wissen hilft mir, meine Gefühle besser einordnen zu können, aber es beeinflusst nicht meinen Umgang mit anderen Menschen.

Hast du damals in Erwägung gezogen, in diesem Bereich zu arbeiten?
Ich habe nie daran gezweifelt, dass mir nichts so viel bedeutet wie die Musik. Trotzdem gab es eine Phase in meinem Leben, wo ich mich ernsthaft mit dem Gedanken auseinandergesetzt habe, Therapeutin zu werden. Das ist ein toller Beruf, aber mir ist klargeworden, dass ich das nicht könnte, dafür bin ich zu sensibel. Ich würde es niemals schaffen, abends abzuschalten, die Schicksale und Geschichten meiner Klienten in der Praxis zu lassen.

Dein neuer Song „Fuck With Myself“ spiegelt am ehesten die verschiedenen Ebenen, die für dich typisch zu sein scheinen. Im Video zündest du zuletzt eine Banks-Puppe an, mit der du vorher die Botschaft des Titels angedeutet hast.
Das ist eine Ode an mich selbst. Es geht um mein Verhältnis zu mir und zur Welt. Um die unterschiedlichen Beziehungen, die ich führe. Sich Schwächen einzugestehen und ganzheitlich zu akzeptieren, macht das Leben sehr viel einfacher. Der Weg zum Glück führt über die Fähigkeit, sich Fehler verzeihen zu können und so zu lieben, wie man eben ist. Darum geht es in dem Song.

Während Performance und Stil eher mysteriös und unnahbar wirken, verhandelst du in der Musik Privates, ein interessanter Gegensatz.
Über mich selbst und meine Gefühle zu schreiben, war der Grund, weshalb ich überhaupt begonnen habe, Musik zu machen. Weil ich dieses Ventil brauchte, um nicht verrückt zu werden. Zunächst habe ich da gar nicht an andere Leute gedacht. Nun ist es natürlich seltsam, das plötzlich mit so vielen Menschen zu teilen. Das macht mir bisweilen ein bisschen zu schaffen. Es fällt mir ohnehin schwer, mich an einige Aspekte dieses Geschäfts zu gewöhnen. Zum Beispiel an Interviews. In der Musik fällt es mir leicht, mich zu öffnen. Dann aber über diese Texte zu sprechen, sie zu erklären, das ist viel intimer … Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich damit dauerhaft klarkomme.

Interviews können auch eine zusätzliche Ebene zum Verständnis der künstlerischen Motivation aufmachen.
Wenn alle Interviews dieser Motivation folgen würden, hätte ich kein Problem damit. Bei einigen Leuten habe ich allerdings das Gefühl, dass sich mich ständig ausquetschen und zu irgendwelchen Zitaten drängen wollen – und da mache ich automatisch zu.

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