Dienstag, 12.12.2017
Daniel Ansorge (Barnt)

“Ich bin ein Tänzer, Clubgänger, der sich überlegt, was ihn jetzt am meisten bewegen würde.”

Spätestens seitdem er 2012 auf Cómeme seinen Überhit „Geffen“ veröffentlichte, ist es für Daniel Ansorge mit der künstlerischen Schattenexistenz vorbei. Plötzlich begehrte jeder nach seinen Happen Barnt. Ein Zustand, der verführen und verwirren kann, den man aber eigentlich einfach nur genießen und auskosten sollte, eben so, wie es dem Kölner in der Folgezeit bestens gelang. So gut, dass er sich weder von anderen noch sich selbst einreden ließ, sein Debütalbum unbedingt schnell nachzuschieben zu müssen und stattdessen mit Tracks wie „Tunsten“ und „Minutes“ lieber stimmungsvoll im Kleinen nachlegte.

Dass das Album nun vier Jahre später erscheint, ist schlicht dem eigenen Instinkt und der gefüllten Ideenschublade geschuldet. „Magazine 13.“ hat er es betitelt und verweist damit auf das eigene, mit Crato und Jens-Uwe Beyer betriebene Label Magazine. Musikalisch lässt sich Ansorge hierbei auf das Format Album ein, ohne sich dafür vom Club abzukehren, verbindet einmal mehr freie Elektronische Musik mit Einflüssen aus Klassischer Musik, Ambient, Krautrock, Techno und House.

Ich treffe ihn in seiner im Deutz-Mühlheimer Hafen gelegenen Wohnung. Er ist erst spät am Vorabend von einem intensiven Weekender zurückgekehrt.

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Daniel Ansorge (Foto: Christian Schäfer)

Daniel, wie hat es sich für dich angefühlt, nun das Album zu machen, das seit deinen ersten Maxierfolgen ja permanent über dir geschwebte?
Im Prinzip war es so, dass ich das immer vorhatte. Aber es war auch klar, dass ich es erst angehe, wenn es sich richtig anfühlt. Warum sollte man auch ein Album machen, nachdem gerade einmal zwei Maxis von einem draußen sind.
Zum ersten mal konkret daran gedacht habe ich letztes Jahr. Doch dann war ich sehr viel unterwegs, unter anderem länger in Mexiko und den USA, außerdem spielte ich im Sommer 2013 viele Festivals und entschied deswegen irgendwann, es auf das kommende Jahr zu verschieben.
Das wichtigste für mich war, dass es keinen großen Druck gibt. Von Labelseite war das überschaubar, es ist ja mein Label. Wenn man Interviews liest, sind das ja zumeist Post-Album-Interviews, wo die Leute gerade aus dem Studio heraus sind und erzählen, wie anstrengend es war und dass sie erst mal Urlaub brauchen. Diese Überverausgabung, das scheint so ein typisches Phantom zu sein, da das Album noch immer als so bedeutend in der Biografie gilt. Man muss doppelt so viel Material anliefern, es muss eine Geschichte erzählt werden, kurzum, der Druck ist recht groß. Viele übermotivieren sich dadurch und verkrampfen, was man dann oft auch hört auf den Alben.
Ich habe das Album im Frühjahr 2014 angefangen und war, inklusive Abmischen, was ich ja selber mache, bis Juni/Juli damit beschäftigt. Gearbeitet habe ich immer in Blöcken von ein, zwei Wochen.

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Köln, Deutzer Hafen (Foto: Daniel Ansorge)

Du hast dir also bewusst Pausen gesetzt?
Ja. Ganz am Anfang ließ ich alle meine Auftritte für sechs Wochen blocken. Das war schon mal ein sehr langer Zeitraum, wo man auch nicht gleich jeden Tag dann ein Lied machen muss. Man liest ja oft, dass jemand in zwei Wochen sein Album geschrieben hat. Mein Programm war es jedoch auch nicht, einen zwingend raus stechenden Meilenstein zu produzieren. Ich empfinde zum Beispiel die „His Name EP“ auf Hinge Finger, dem Label von Joy Orbison als genauso wichtig. Das Album heißt ja auch „Magazine 13.“ – damit will ich erstens sagen, dass ich mein Label so toll finde, und zweitens dass es auch nur eine weitere Katalognummer ist.

Bei Bands, die ins Studio gehen, muss dieses ja oft für sie extra gebucht werden. Allein im Heimstudio gestalten sich die grundsätzlichen Rahmenbedingungen ganz anders.
Das stimmt. Ich fall aus dem Bett und mach das Mischpult an.

Wenn ich das mit einem Freund von mir vergleiche, der in einer klassischen Band-Band spielt, und der gerade im Aufnahmeprozess steckt, dann sieht man da schon eine andere Druckkulisse. Drei erwachsene Männer mit Familienhintergrund kommen in einer internationalen Stadt zusammen, um ein Album aufzunehmen, auf das Label und Vertrieb sehnsüchtig warten. Da muss man in sechs Wochen wirklich etwas hinbekommen.
Absolut richtig. So muss man sich das klarmachen.

Aber lass uns auf das “aus dem Bett stolpern und loslegen” zurückkommen. Ernsthaft? Bist du nicht eher ein Nachtproduzent?
Ich habe schon immer alles nachts gemacht, das kann ich auch nicht mehr ändern. Bereits zu Schulzeiten war ich immer so lange wach, dass ich morgens nicht aufstehen wollte. Nachts bin ich wesentlich besser, da gelange ich in diesen konzentrierten Fluss der Dinge, wo ein Telefonanruf, der dann ja auch nicht mehr kommt, sich total absurd anfühlen würde. Tagsüber mische ich hingegen gerne ab. Das ist sehr viel Arbeit und das kriegt man so weggeschafft. Da brauche ich auch viele Pausen, da sich mein Gehör wieder erholen muss, es sonst nicht mehr alles mitkriegt.

Kannst du nachts denn richtig laut drehen?
Absolut, das ist super hier. Unten mir wohnt zwar eine Familie, aber deren Schlafzimmer ist auf der anderen Seite. Die sind total nett und haben eher immer Angst, dass ich ihre Kinder höre. Lustigerweise haben also eher sie ein schlechtes Gewissen. Ich bin aber auch nicht der Typ, der jeden Tag im Studio arbeitet und schaut, dass da irgendwas dabei rauskommt, sondern lege immer erst los, wenn ich einen gewissen Vorrat an Ideen gesammelt habe. Bislang funktioniert das sehr gut so, da ich dann eben schneller arbeiten kann und es Freude bereitet. Das hört man auch der Musik an. Ich kenne einfach zu viele Leute, die kaum mehr Spaß haben und dieses „Es-muss-jetzt“ hört man ihren Produktionen an.

Dein Album klingt hingegen sehr frei. Regeln wirken absent.
Auf jeden Fall. Wobei ich natürlich ein Konzept habe.

Und das wäre?
Um es ganz einfach zu sagen: So wie der Maler sich vornimmt, nicht über die Leinwand hinaus zu malen, sehe ich die Bassdrum als meinen Rahmen. Ich will kein Lounge-Album herausbringen. Man ist als DJ immer leicht enttäuscht ist, wenn dein Lieblings-12-Inch-Artist ein Album vorlegt und denkt, er müsse jetzt keine Clubmusik mehr machen, sondern könne auch mal HipHop mit rein nehmen und so. Für mich war klar, wenn eine Bassdrum da ist, dann ist die immer +- 120Bpm und steht im Zentrum der Abmischung als auch der Botschaft. Man muss alles im Club spielen können. Das hört man der Platte jetzt vielleicht nicht unbedingt an, wenn man sie über Kopfhörer oder generell zum ersten mal hört, aber die Stücke funktionieren für mich alle sehr gut in meinen Sets. Das ist nicht unbedingt ein intellektuelles Konzept, aber ein Korsett, welches ich mir gesetzt habe.

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Köln, Rheinufer (Foto: Daniel Ansorge)

Akzeptiert. Ich kann mir die Stücke in der Tat alle im Set vorstellen, aber sie sind dennoch entfernt von deinen Maxi-Stücken, deutlich verwaschener.
Das stimmt. Es muss nicht alles in einem Lied abgerissen werden. Das ist die Freiheit, die ich dadurch habe, keine Maxi zu machen, sondern mir Zeit für den Aufbau zu nehmen und ein Lied auch mal auf elf Minuten anzulegen – was eigentlich zu lang ist, selbst für Techno.

Wenn man nicht Ricardo Villalobos heißt.
Er hat ja gerade auch einen 32minütigen Remix von DJ Pierres „What Is House Muzik?“ gemacht.

Wenn wir uns mit Längen schon am übertreffen sind: James Murphy hat mit „45:33“ ja ein eben so langes Stück veröffentlicht, auf der Cd war es gar 71:02 Minuten lang.
Und Jens-Uwe Beyer, mein Labelpartner, hat auf Magazine ein 80minütiges Stück veröffentlicht, er wollte das Cd-Format voll ausreizen.

War denn eigentlich das erste Stück, ,„Wiggett: So we know that hexog****
“ auch das erste, welches du produzierst hast für das Album?
Nee.

Ich dachte das wegen der Hi-Hats zu Beginn, die man ja nach den Ausführungen gerade als Axiom lesen könnte.
Stimmt. Aber nee. Wobei, als ich die Stücke zusammen hatte, war sehr schnell klar, dass es an den Anfang gehört. Du empfindest das ja wie ich: Jetzt geht es los hier, das ist die Setzung, und die Bassdrum kommt auch sehr schnell rein, also ohne 20minütigen Anlauf.

Es macht sofort die Freiheit deutlich, die das Album ausstrahlt. Man hat nämlich zwar diese Bassdrum, aber sie wird umgehend in Frage gestellt.
Das Stück ist glücklich in sich. Das kann ich auch gar nicht genauer festmachen. Vielleicht liegt es an den Synthies.

Das ganze Album ist glücklich.
Ja, nicht wahr?

In meiner Besprechung entwerfe ich ja die Vorstellung, in diesem Klangraum zu leben. Man fühlt sich angekommen.
Das war toll gesagt. Raus fällt nur das letzte Stück, „ All the alts I’m holding are hurting“. Ihm haftet etwas trauriges an, zumindest empfinde ich das so. Aber es ist jene Traurigkeit, die nur Glücklichkeit hervorbringt.

So wie Melancholie bevorzugt dort zugelassen, wo man sich wohl fühlt.
Genau. Auch wenn mich dieses Stück traurig macht, so doch auf eine schöne Art.

Es ist ja auch ein sehr warmes Album.
Das empfinde ich auch so. Wogegen ich verstehen kann, wenn jemand die Maxi auf Hinge Finger als nicht so warm wahrnimmt. Das liegt an der Melodie, die nicht so richtig als Melodie greifbar ist.

Auf dem Album hingegen entsteht oft eine Melodieverwirrung: man weiß manchmal nicht, was die Hauptmelodie ist und was die Nebenmelodien. Das gehört zu diesem verschlungenen Eindruck. Es tanzen viele und man weiß nicht, wer wem vortanzt und wer wem hinterher.
Das ist schön, dass du das sagst. Ich kann mich erinnern, dass ich mal mit jemand zusammen ein Stück abgemischt habe, der das Abmischen so Schulbuchartig gelernt hat. Er meinte, dass meine beiden Melodien im gleichen Frequenzbereich seien, und fragte mich, ob das Absicht sei, da sie ja den gleichen Raum einnehmen würden. Wenn man das Schulbuchartig lernt, dann weist man jedem Element einen Raum zu, was ja auch Sinn macht, aber im Fall von ,„Wiggett: So we know that hexog****
“ war es mir wichtig, dass die Melodien zusammen spielen, ohne dass man weiß, wer der Anführer ist und wer sich an die Hand nehmen lässt – Gottseidank empfindest du das genauso.

Wie geht so ein konventioneller Abmischer damit um? Würde er gerne eine Melodie eliminieren oder zumindest eine dominanter abmischen?
Genau. Er fühlt dieses Bedürfnis, sie im Kopf trennen zu müssen. Ich habe früher sehr viel und gerne und ernsthaft Klavier gespielt, leider nicht so begabt, wie ich es gerne gewesen wäre. Und wenn du Bach wiedergibst, dann hast du selbst bei den einfachen Klavierstücken drei Stimmen und spielst die mittlere mit beiden Händen. Es war für mich toll und schwierig zugleich – aufgrund meiner Limitierung –, die drei Stimmen gleichzeitig zu spielen, da ich sie auch zugleich bewusst einzeln hören musste. Ich wusste zwar genau, was ich da aufführe, konnte jedoch trotzdem gefühlsmäßig auf dem nichttechnischen Level meine Empfindungen nicht trennen. Einerseits ist das eine Limitierung, andererseits eine Begabung, da man das Gesamtbild nicht aus dem Blick verliert.

Ich muss gerade an das Gefühl von zu vielen Stimmen im Dunkeln denken, die einen einerseits automatisch zu ängstigen beginnen. Andererseits mag man es aber auf Tanzflächen, wenn man etwas angeschickert ist, dass man irre viele Stimmen hört, ohne dass man konkret in eine eintauchen und sie narrativ scharfstellen würde. Auf eine gewisse Art ist das schön in dem Moment.
Genau. Kennst du das Gefühl, wenn man denkt, da kommt ein Lied rein, das man kennt und vielleicht auch schon den ganzen Abend hören will. Aber es kommt dann doch nicht, da man sich nur bestimmte Elemente so verdichtet hat, dass man es sich einbildet?

Genau so erging es mir just am letzten Wochenende im Berghain, als Rolando aufgelegt hat. Ich wünsche mir schon lange, dass endlich mal wieder jemand dessen Aztec Mystic-Klassiker „Jaguar“ auflegt. Natürlich macht er selbst es dann auch nicht, aber dreimal war ich mir so sicher, dass er es jetzt doch einfließen lässt.
„Jetzt kommt es, jetzt kommt es.“ Mir geht das oft so mit meinen eigenen Liedern, an denen ich aktuell arbeite. Was ja natürlich gar nicht geht. Aber ich geh dann aus und denke plötzlich, es kommt gerade rein in den Mix. Umgekehrt habe ich das aber auch: Freunde sagen zu mir, „hör mal, dein Stück wird gerade gespielt“, und ich merke es selbst nicht. Das sind aber meistens gute Hörer, also Leute, die im Club immer genau drauf achten, was als nächstes kommt. Ich lass mich lieber gehen.

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El Tepozteco (Foto: Daniel Ansorge)

Du hast vorhin gesagt, dass sich alle Stücke des Albums gut zum reinmixen eignen. Ist es so, dass du bereits beim Mastern weißt, für welchen Kontext das jeweilige Stück sich eignet?
Ja, schon. Nicht unbedingt bezüglich anderer Musik, das ergibt sich erst später, da ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht so genau abschätzen kann, was für ein Energielevel das Stück besitzt: Kann das mit anderen Stücken mithalten? Oder ist es gar zu bombastisch? Ich lege auch nicht so auf, dass ich feste Abläufe habe, wo ich nur dieses eine Level von Energie spiele, oder so schnell und so langsam. Ich fahre in meinen Sets extra Wellen. Deswegen habe ich keine konkreten Stücke vor Augen, aber Räume und Situationen. Das kann zum Beispiel, da ich da ja letztes Wochenende gespielt habe, ein Sonntagnachmittag im Trouw sein.

Hast du oben oder unten im Trouw gespielt?
Oben. Es war ein sehr emotionales Set. Job Jobse war der erste, der mich außerhalb von Köln, Düsseldorf und Berlin gebucht hat. Er ist mittlerweile ein guter Freund geworden und hat diesmal den Weekender als seine Geburtstagfeier kuratiert. Ich habe gleich von 2 bis 5 Uhr morgens am Samstag aufgelegt, Steffen Bennemann vom Nachtdigital war vor mir dran, außerdem waren noch Optimo und Gerd Janson gebucht.
Meine Stücke würden komplett anders klingen, wenn ich nicht eine Zeitlang meines Lebens sehr viel ausgegangen wäre. Ich habe beim Produzieren Club-Situationen im Kopf. Ein bestimmter Moment im Berghain zum Beispiel, wenn diese Anlage, die eine so derart physikalische Präsenz besitzt, mir das Gefühl vermittelt, dass man das und das noch machen könnte. Ich bin ein Tänzer, Clubgänger, der sich überlegt, was ihn jetzt am meisten bewegen würde und genau das dann später im Studio sucht.

Deine Stücke wirken dabei ja so, als ob sie aus einem Fluss entstanden seien, so Jam-artig. Also nicht so, als ob das klassische Gerüst, von dem du vorhin gesprochen hast, am Anfang gesetzt wird, sondern irgendwann später eingefügt.
Dem ist auch so. Aber bei diesen Clubstücken werde ich dieses freie Spiel nach und nach los, indem ich bis zum Ende immer weiter reduziere. Eine Nummer wie „Geffen“ haue ich nicht direkt wie in Stein gemeißelt raus, das war vielleicht erst nur ein Element von vielen aus einer Stunde rumdadeln.

Spielst du denn klassisch, wie man sich das eben vorstellt, auf den Synthies rum.
Ja. Wie gesagt wäre ich ja gerne Konzertpianist geworden, da ich aber nicht talentiert genug war, ist das nun eben meine Ersatzhandlung.

Interessant. Du bist mit dem Clubkontext ja nun im absoluten Gegenteil von einem sozialen Raum gelandet. Statt Freiheit und sich Verlieren sitzt man im Konzertsaal ja brav da.
Es fühlt sich wie eine große Befreiung für mich an. Ich habe da Glück gehabt. Aber als ich klein war, so acht oder zehn, da gab es Techno ja noch gar nicht, oder zumindest nicht in meinem Leben.
Das freie Spiel kommt auch durch die Begegnung mit der Cologne Tape Band – das waren Ada, Axel Willner von The Field, Jens-Uwe Beyer, Jörg Burger (Burger & Voigt), Crato, Philipp Janzen (Von Spar) und Mario Katz und zeitweilig noch weitere. Die Idee zum Label, ja den Namen gab es schon sehr lange, seit 2007/2008 ungefähr, als wir alle so sehr von dieser europäischen Housemusik mit 8-Takte-Schemata, die sich für so deep wie Larry Heard hält, gelangweilt waren. Gemacht haben wir es deswegen aber erst ein paar Jahre später, als wir plötzlich diese tolle Cologne Tape Musik hatten. Da war sie plötzlich, genau die Musik, die wir empfinden, die hier in Köln/Düsseldorf wegen der Vergangenheit auch ganz natürlich veranlagt werden kann, die natürlich zu uns kommt. Wir wohnen in diesem Hafen, wir müssen uns gar keine Identität mehr aufbauen. Dieses Gefühl des Angekommenseins hatten wir ein paar Jahre zuvor noch nicht. Damals waren wir von dem ganzen Deephouse-Kram im Kopf lahmgelegt.

Ich habe euch hier auf dem Gelände live gesehen. Das war auf einer Party, wo später dann noch Michael Mayer aufgelegt hat.
Stimmt. Das war der zweite oder dritte Auftritt. Wir würden das auch gerne mal wieder machen, aber alle haben so viel zu tun. Ich hatte zuletzt so viele eigene Auftritte und natürlich die Albumproduktion, dass ich da nicht die treibende Kraft spielen konnte.

Ein derartiges Projekt funktioniert ja auch nur, wenn alle die Luft dafür haben.
Genau das ist der Grundsatz bei Cologne Tape. Wir werden nur aktiv, wenn es uns Spaß bereitet. Entstanden ist das Projekt vor fünf Jahren durch Zufall, als Jens-Uwe Beyer den Axel Willner zufällig bei Kompakt getroffen und zu sich ins Studio eingeladen hat. Plötzlich schaute noch Ada vorbei, dann Jörg und Phillipp und dann John und ich. Ich empfand das gemeinsame Musikmachen als eine unglaubliche Befreiung. Da ich damals gerade erst ernsthafter anfing, verhinderte diese Erfahrung es, dass sich irgendwas verknöchern konnte. Sofort war mir vollkommen klar, dass ich diesen Ansatz auch in meine eigene Musik übertragen wollte. Ich nehme keine Drogen beim Musikmachen, diesen Zustand, dass man sich dabei gehen lassen kann, den habe ich mir aus dieser Zeit mitgenommen. Der trifft dann auf Einflüsse wie das Bach Menuett oder die Toccata, die du nur gut spielst, wenn du keinen einzigen Ton falsch triffst, alle richtig im Takt setzst und zudem richtig betont – und selbst dann bist du nur halbwegs okay und es gibt immer noch einen Besseren. Und dann eben das Technogerüst – ich ging ja bereits sehr jung in Clubs in Kiel, wo ich herkomme, als alle anderen noch Grunge gehört haben.

Lass mich noch mal kurz auf das Reinmixen deiner Albumstücke des Albums in deine Sets zurück kommen. Das funktioniert doch nur mit schlanken Platten, da der Raum so schon derart lebendig aufgeladen ist, so ausdefiniert wirkt. Man kann sich wirklich nicht noch eine weitere Präsenz darin vorstellen.
Du meinst mittendrin im Set.

Ja. Ganz konkret gefragt: wenn du diese Stücke spielst, welche anderen Stücke kannst du dazumischen? Du legst ja sehr lebendig auf, bist ein DJ-DJ, der nicht nur ein paar Take parallel laufen lässt, sondern Texturen vermischt.
Bei meinen Stücken ist es so, dass viele immer überrascht sind, dass sie im Club so gut klingen. Sie sind sehr voll an Ideen, Flüssen und Melodien, die sich teilweise selber verfolgen und man manchmal gar nicht weiß, welche noch da ist – aber gleichzeitig ist die ganze Abmischung, die Architektur ziemlich durchsichtig. Es gibt nur das Nötigste. Ich benutze ungern viele Effekte, da man so den Raum des Tracks zu macht, mit dem Ergebnis, dass es im Club oft nicht gut klingt, da er ja ein weiterer Raum mit eigenem Hall und Echo ist. Gerade Leute, die sehr viel produzieren, empfinden meine Stücke oft als unfertig, wenn sie sie Zuhause anhören. Denen fehlt das letzte bisschen Hall, der letzte Schliff, aber der soll ja durch den Club kommen.

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Monterrey – Juárez (Foto: Daniel Ansorge)

Spannend. Ich wollte aber auf etwas anderes hinaus. Deine Musik kreiert ja eine Gesellschaft, die den Raum bereits voll prägt, und jetzt soll ein weiterer Gast dazukommen. Ich fragte mich, wie das gehen soll. Aber wenn ich dich richtig verstanden habe, dann ermöglicht es dir deine spezielle Soundarchitektur relativ mühelos Korridore anzulegen.
Total. Stücke wie „Wiggett“,„22:25“,„Cherry Red“ und „How do i know what solutions x form?“ kann ich in fast jeder Situation und fast jedem Club spielen, wenn ich mich am richtigen Punkt der Auflegwelle befinde. Die haben alle, ganz technisch gesprochen, diese acht Takte, oder auch mal 16, im Fall von „Cherry Red“ gar mehr als genug, 128 Takte oder so, wo es leicht fällt, sie reinzumischen. Stellen, in denen nur die Drums zu hören sind, eignen sich bestens um andere Melodien einfließen zu lassen. Bei „Cherry Red“ kommt die Bassdrum sehr spät, das Lied geht ja elf Minuten, so dass ich sehr viel Platz habe, um Richtungsänderungen vorzunehmen.

Interessant. Vorhin sprachst du davon, dass du die Melodien nicht so leicht trennen kannst. Für mich legst du aber wie jemand auf, der das extrem gut kann.
Vielleicht liegt das daran, dass ich die Melodie eher so höre wie die Tänzer. Wenn man jede Melodie des Gemisches wirklich exakt auftrennen müsste, dann würde man wohl verrückt. Deswegen denke ich ja auch, dass es meine Stärke ist, es nicht zu können.

Du hast relativ lange erfolglos aufgelegt. Mit dem Produzieren, vor allem mit „Geffen“ wurde insofern eine andere Phase eingeläutet. Wie fühlte sich das denn an?
Mit meiner erste Platte, “What Is a Number, That a Man May Know It?”, hat Caribou ein halbes Jahr nach Veröffentlichung seinen Resident Advisor Mix eröffnet, der viel Aufmerksamkeit erregte, da er dort auch seine ersten drei Daphni Stücke gespielt hat. Dadurch kannten mich direkt sehr viele andere Djs. Wiederum ein halbes Jahr später nahm Dixon ein Stück von Cologne Tape und eins von mir auf seine Mix Cd für Live At Robert Johnson. Das war seine letzte, und da er das angekündigt hatte, sprachen alle darüber. Das war noch bevor er es zum Resident Advisor Poll Gewinner schaffte. Jetzt wird Dixon von vielen nieder gemacht, die ihn vorher toll fanden. Vor allem weil er so erfolgreich ist. Das empfinde ich als ungerecht. Ich bin ihm immer noch sehr dankbar, dass er so viele meine frühen Stücke direkt verstanden und gespielt hat. Auch „Geffen“ hat er sehr früh aufgelegt, als andere es noch für einen schlechten Witz hielten. Ich denke, er ist ein großartiger DJ, aber im Moment lastet sicher ein großer Druck auf ihm. Immer vor mehreren tausend Leuten zu spielen und diese befriedigen zu müssen, wirkt sich vielleicht auch auf seine Sets aus. Diese Sachen kamen jedenfalls vorher. Und es war schon sehr heftig, wie da die Nachfrage nach mir plötzlich hochging. Im Nachhinein war es gut, dass ich zuvor so viel Zeit hatte, auch um studieren zu können.

Was hast du denn studiert?
Biologie bis zur Doktorarbeit. Ich kam aber an einen Punkt, an dem ich mich in der Forschung verloren fühlte. Ich hatte fast nur noch Künstler und Musiker als Freunde. Ich studierte daraufhin Kunst.

Macht das Alter einen skeptischer im Umgang mit dem Hype?
Ja, man wird skeptischer. Ich denke immer, dass das alles nicht wahr sein kann. Zum Beispiel tue ich mir damit schwer, von dem Geld, das ich verdiene, einen Synthesizer zu kaufen. Ich denke noch immer, ich sei kein professioneller Musiker. Dann einen Synthesizer für 1000€ zu kaufen, das ist doch anmaßend. Das machen die Leute, die davon leben können. Obwohl ich nicht protestantisch bin, denke ich in Kategorien von „sei nicht mehr als du bist.“ Das kommt daher, weil ich jahrelang eben nur in Köln und Düsseldorf aufgelegt habe. Es könnte ja nächstes Jahr vorbei sein. Alles ist ja so schnelllebig geworden. Auf der anderen Seite kann ich Sachen besser einschätzen. Wenn ich jetzt Auftritte in der Fabric in London, dem Robert Johnson in Offenbach oder im Berghain habe, dann kann ich die Clubs einordnen. Ich kannte sie, bevor sie mich kannten. Ich werde deshalb wohl niemals das Gefühl haben, was das für komische fünf Jahre waren, ich krieg das schon alles sehr konkret mit. Das ist ein Glück. Als Jüngerer wäre das für mich vielleicht schwierig gewesen.

Absolut. Ich fand es auch sehr angenehm, dass diese Internationalität von allem, die wir jetzt erreicht haben, erst in den letzten 15 Jahren aufgekommen ist. Mit 20 neigt man viel zu sehr dazu, sich als unverletzlich zu empfinden – bis man dann eben so richtig gegen die Wand fährt. Aber kannst du das Leben mit dieser hohen Taktung denn immer genießen?
Zur Zeit ist sie durch Album und Auftritte schon sehr hoch. Letzte Woche habe ich zum ersten mal im Fabric aufgelegt, danach zum letzten mal im Trouw, übermorgen spiele ich im Nitsa in Barcelona, was auch ein toller Club ist, und am nächsten Tag im Robert Johnson. Mit etwas mehr Zeit und Luft hätte ich im Robert Johnson gerne nur Platten aufgelegt, aber da ich normalerweise nur mit etwas Vinyl und USB-Sticks mit vielen unveröffentlichten Sachen auflege, hätte das Vorbereitungszeit bedurft, die ich diese Woche nicht hatte. Allein das Zusammensuchen der Platten… Trotzdem fühlt sich das alles sehr okay an. Ich block mich ja trotzdem auch mal frei wie jetzt das ganze Wochenende im Trouw.

Als wir uns im Berghain bei deinem Auftritt gesehen haben, bist du ja auch das komplette Wochenende da geblieben.
Ich brauche das als Ausgleich.

Ich frage mich ja, wie die anderen das machen. Weil du Dixon gerade erwähnt hast. Er ist ja das Paradebeispiel dieser komischen Entwicklung. Während viele aus der B- und C-Liga der Djs kaum genug Auftritte zusammenbekommen, mutet sich die A-Liga bis zu fünf Sets an einem Wochenende zu. Das tut nicht nur körperlich nicht gut bei fast 200 Auftritten pro Jahr, es funktioniert doch auch emotional nicht. Das Schöne am Auflegen ist doch, dass man rumkommt, an unbekannte Orte reisen darf, wo man neue Leute kennen lernt. So aber kann man sich auf gar nichts einlassen. Du hast ja Erinnerungen an Amsterdam und Berlin. Wenn du aber fünf Gigs runtergerissen hättest, du könntest doch gar nicht mehr sagen, ob du die Platte da oder da gespielt hast, von allem anderen mal ganz abgesehen. Aber warum machen diese Leute es mit? Ist es die Angst, dass die Nachfrage und damit das Geld irgendwann aufhört?
Ich kann mich da gar nicht so rein versetzten, aber ich kann ja auch noch 30 Stunden im Berghain bleiben. Wobei ich nicht so lange bleiben wollte, aber erst habe ich meinen Zug verpasst und als der nächste fuhr, war es gerade so toll.
Also wenn ich ein ganz tolles Booking habe und viel Geld bekomme, dann empfinde ich deshalb nicht wirklich viel. Ich lege es auf die Bank, weil ich weiß, wie die Zeiten davor waren. Es gibt es, dass man zuviel Geld ausgibt, wenn man es hat, und umgekehrt, dass man gar nichts ausgibt und auch kein Gefühl dafür besitzt.

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Amsterdam (Foto: Daniel Ansorge)

Ich hatte dich vor zwei Jahren schon mal gefragt, wie es mit dem Album aussieht. Damals hast du in der Tat geantwortet, dass du, die schlechten Zeiten im Hinterkopf, erstmal alles mitnehmen willst. Was ja per se nichts Negatives ist.
Bei mir ist es aber noch nicht so krass wie bei Dixon oder Gerd Janson. Ich spiele gerade mal 60-70 Auftritte im Jahr und nicht an die 200. Die ersten 60 sind ja jene, die Spaß bereiten. Bei mir ist alles noch im Rahmen. Selbst jetzt mit dem Album im Rücken habe ich noch nicht jedes Wochenende zwei Auftritte.

Worauf ich hinaus wollte: irgendwann kam ja der Punkt, an dem du dich für sechs Wochen freigeblockt hast. Wie zeigte sich das denn an?
Es sind ja komische Zeiten gerade. Durch das Internet ist alles so beschleunigt. Dem versuche ich entgegen zu wirken. Indem ich sage, ich mache das Album nicht 2012 nach „Geffen“. Oder indem ich Remix-Anfragen von sehr bekannten Leuten absage, da ich weiß, dass wenn ich so etwas mache, ich in einem halben Jahr nur noch der Idiot bin, der den Remix gemacht hat. Ich lehne sehr viel ab. Nicht so viel Bookings, da achte ich auf das Lineup und ein anständiges Angebot, aber an Musik. Man muss sich bei Musik immer fragen: was will der von dir haben und was du von ihm? Da wird man als jüngerer Produzent ziemlich auseinander genommen, da man sich immer nur freut, dass einer was von einem will – und am Ende merkt man, dass die einen aussaugen. Da ich Musikfan bin und weiß, welche Labels und Leute ich schätze, bin ich darin ganz gut, die Dinge richtig einzuschätzen.

Worauf ich aber eigentlich hinaus wollte: hattest du vor dem Start an der Albumproduktion durch die Jams denn ein Reservoir an Ideen angesammelt?
Auf jeden Fall. Ich glaub sogar, dass bei zwei oder drei von den Stücken die Ideen bereits 2013 entstanden sind. Oft verfolge ich eine Idee nicht in dem Moment, wenn sie aufkommt, sondern speichere sie mir ab bis ich im richtigen Zustand dafür bin.

Das geht?
Ja. Die Idee ist oft schon so ausformuliert, dass ich sie sofort fühlen kann, wenn ich sie ein paar Monate später wieder aufmache. Und mit dem Abstand kann ich dann schnell entscheiden, was gut und was nicht gut an ihr ist.
Ich arbeite gerne mit Synthesizer-Presets, verändere die dann aber. Die können eine unheimliche Energie ausstrahlen, haben oft ja auch etwas Historisches. Das ist für mich etwas, was ich für mich Soft-Sampling genannt habe. Im Preset ist – wie in einem Sample – eine Geschichte eingeschrieben, die Welt des Programmierers eben. Im richtigen Sample mag zwar noch viel mehr die Welt des Musikers drin stecken, und zudem der Raum, der Hall, die Stimmung der Aufnahme, aber bereits im Preset entdecke ich oft eine Aura, zu der ich eine Beziehung aufbauen kann, die in mir ein Lied anstößt. Diese Aura fange ich dann ein (also soft-sample sie). Für mich sind das aber nur Startpunkte. Ich verändere diese Presets natürlich oder spiele sie in Bereichen, für die sie gar nicht angelegt waren. Für „Geffen“ habe ich zum Beispiel ein Trompeten-Preset zwei Oktaven tiefer gespielt.

Das ist ja letztlich wirklich nichts anderes, als die Grundidee von Sampling: etwas nehmen und sich aneignen.
Genau. Aber, das machen nicht so viele beim Preset. Beim Sample ist so eine Haltung eher gängig. Nimm jemand wie Todd Terry, für den alles machbar war mit Samples in den 80ern, der sich lange einen sehr freien Umgang damit bewahrt hat: „Ich spiel das jetzt ganz oben oder ganz unten.“
Außerdem heißt es ja immer, dass man kein Preset benutzen solle. Man müsse seinen Synthesizer so gut kennen, dass man selbst etwas erschaffen könne. Das interessiert mich gar nicht.

Wie du schon sagst, wenn man die Sache genau betrachtet, so haftet auch dem Preset ein Autorencharakter an, nur eben von einem Autor, der sich nicht namentlich festgeschrieben hat.
Stimmt. Vielleicht ist es so, dass, weil mit ihnen nie Autorenschaft verbunden war, für viele Produzenten die Verlockung nicht so groß ist wie beim klassischen Sampling. Man will sich mit dem Sample ja auch oft erheben, fürchte ich.

Man stibitzt ja auch eine emotionale Tiefe von einem Künstler, den man sampelt. Wenn du aus einem anderen Song die Vocals raussampelst, dann bedienst du dich ja direkt bei den Gefühlen des Künstlers. Wohingegen das Preset ja eher als nüchterne technische Arbeit angesehen wird und anders ausstrahlt.
Insofern scheint mir der Begriff des Soft-Samplings nicht so schlecht. Ich sollte mir da aber mal ernsthafter Gedanken machen, so ein Begriff ist immer so schnell formuliert aber vielleicht eher Irreführend

Nochmal kurz zum Aspekt des Ideenzurückhaltens und später darauf zurückkommens. Das bedeutet, dass du ziemlich gut organisiert bist.
Ja, kann man sagen. Ich bin sehr ordentlich. Du darfst nicht vergessen, ich habe Biochemie studiert. Das ist eine Seite von mir. Diese Strukturiertheit hilft mir, die freie Seite laufen zu lassen. So kann ich sagen: „Das ist eine gute Idee, ich habe aber jetzt noch nicht die Muse, sie auszuführen. Ich warte lieber, bis der Moment kommt.“ Durch das Kunstmachen habe ich erkannt, dass man nicht jeden Tag die Weltidee haben kann.

Gutes Stichwort. Lass uns doch zum Schluss ein bisschen über deine Arbeit als Bildender Künstler sprechen. Du hast ja im Kölner Kunstverein einen Atelierraum.
Den Raum bekam ich leider genau in dem Moment, wo es mit „Geffen“ so richtig losging und jetzt kommt schon bald die nächste Generation Stipendiaten. Ich habe an der KHM in Köln, später auch ein Jahr in Düsseldorf an der Kunstakademie bei Marcel Odenbach studiert.
Ich arbeite viel mit vorgefundenen Sachen, habe also im Gegensatz zur Musik eine andere Herangehensweise.

08 - Daniel Ansorge, Source Direct 1Videostillweb

Daniel Ansorge, Source Direct 1, Videostill

07 - Daniel Ansorge, Source Direct 1Videostillweb

Daniel Ansorge, Source Direct 1, Videostill

10 - Daniel Ansorge, 2011-09-15 Sagillan, C-Printweb

Daniel Ansorge, 2011-09-15 Sagillan, C-Print

 

09 - Daniel Ansorge, 199X-XX-XX Rofer, C-Printweb

Daniel Ansorge, 199X-XX-XX Rofer, C-Print

Damit meinst du mit Found Footage?
Ich habe zum Beispiel 2011 viele Spielfilme aus den Jahren 2011, 1945 und 1978 gesammelt, dem Jahr, das damals genau in der Mitte zwischen Jetztzeit und dem Ende des Zweiten Weltkriegs lag. Ich habe nach Szenen gesucht, in denen kein Mensch zu sehen ist, auch nichts von Menschen gemachtes, sondern nur Landschaft. In diesen, oft sehr kurzen Szenen, die fast unabsichtlich wirken, weil sonst alles inszeniert wird, sind die Landschaften so natürlich. Mir kommen sie weniger inszeniert als in den meisten Dokumentarfilmen vor. Das war für mich die vielversprechendste Art, etwas von diesen drei Zeiten einzusammeln und sie zu vergleichen.

Das heißt dein Schwerpunkt liegt auf Videoarbeiten?
Ich arbeite auch fotografisch. Ich habe einmal das Buch fotografiert, mit dem ich Französisch gelernt habe. Mich wunderte, dass der Begleitband schwarzweiß war und der Hauptband farbig.
Oder ich gehe einmal im Jahr in Deutschland an Stellen, an denen Verbrechen der Nationalsozialisten stattgefunden haben. Anstatt die Plakette oder das Erinnerungsmahnmal, das es dort meistens gibt, zu fotografieren, halte ich aber in dem Moment, wo ich da bin den Himmel fest und schreibe Datum und Uhrzeit auf. Das habe ich 2009 angefangen. Das werde ich eventuell immer weiter machen. Dann habe ich am Ende meines Lebens eine Sammlung an Wolkenbildern.

Was sind das denn für Arbeiten mit den Tageszeitungen da hinten?
Da mache ich im Prinzip auch nichts außer zu beobachten. Wenn man Zeitung liest, sieht man wie sich im Licht die Bilder von Vorder- und Rückseite überschneiden und manchmal ein drittes, neues ergeben. Das ist Zufall denkt man, wobei es aber eine Bildredaktion gab, die die Bilder ausgewählt hat, jedoch natürlich ohne an die Überschneidungen gedacht zu haben.

Aber an die Abfolgen. Das schon. Man denkt ja in Strecken, das gilt auch für ein Ressort. Man kreiert ja eine Stimmung mit jedem Bild in Relation zu den anderen.
Aha. Interessant. Das ist jedenfalls auch eine Serie, die ich unendlich weiterverfolgen kann.

Das sieht so schön geisterhaft aus.
In der Regel sammle ich alle Zeitungen, die ich lese. Später reiße ich dann jene Seiten mit Überlagerungen aus, die mir auffallen, um wiederum später zu entscheiden, welche ich letztlich in die Reihe mit aufnehme. Die fotografiere ich ab. Am Ende habe ich etwas, das eine Handschrift besitzt. Aber ich weiß nicht, wo diese herkommt. Nur durch Zufall und Selektion zu einer Handschrift zu kommen, das fasziniert mich.

Daniel, danke für deine Zeit.

 

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