Freitag, 28.07.2017
Christina „Chra“ Nemec

„Ich bin immer total fertig!”

Kaput_chravzAuf den Karriereseiten einschlägiger Zeitungen ist häufig die Rede von „Patchwork-Karrieren“ und „Poly-Jobbern“ – gemeint sind entweder Leute, die keine geradlinige 45-jährige berufliche Laufbahn wie ihr Großvater vorweisen können, oder, beim zweiten Begriff, StudienabsolventInnen, die das unbezahlte Verlagspraktikum mit drei, vier Nebenjobs finanzieren müssen.

Diese Karrierestories spielen sich meist zwischen Anwaltskanzlei und gehobener Gastronomie ab, es kommen garantiert nicht vor: Menschen, die sich unabhängiger Kulturarbeit verschrieben haben, wie zum Beispiel Christina „Chra“ Nemec aus Wien. Obwohl auch Nemec eine DIY-Poly-Jobberin ist, wie man sie nicht besser erfinden könnte.

Seit gut dreißig Jahren macht sie Musik: „Punk war Ende der 1970er, Anfang der ’80er Jahre für mich das Fenster zur Welt – raus aus dem Kaff!“, fängt sie die Ausführungen zur ihrem Weg zur Musik an. „Ich bin 1968 geboren und wuchs in einer Arbeitersiedlung am Stadtrand von Villach (Kärnten, 50 000 Einwohner) auf. Mit vierzehn bin ich von zuhause weg, in ein besetztes Haus in Wien. Die DIY-Idee von Punk und die ganz ernst gemeinte hierarchiefreie Zone, der Gedanke, sich gegenseitig zu unterstützen – das alles inspiriert mich bis heute. Meine erste Band hatte ich 1983, richtig begonnen Bass zu spielen hab ich ein paar Jahre später. Ab Mitte der 90er fing ich dann an, mit Samples, Loops, Computer, Sine Waves Musik zu machen. Aber egal, mit welchen Instrumenten: Selbstermächtigung und -behauptung, Neugierde und Spaß sind die wichtigsten Motivationen für mich.“

Durch diese DIY-Haltung kam im Lauf der Zeit einiges zusammen: Nemec ist Gründerin und Betreiberin des Labels Comfortzone , gehört zum Netzwerk female:pressure, bildet eine Hälfte des Duos Pasajera Oscura und hat gerade zwei Platten veröffentlicht – ein Soloalbum und eins mit Shampoo Boy. Daneben performt sie mit ihrer früheren Band SV Damenkraft in Wien in der queeren Burlesque „Orlanding the Dominant“, deejayt für ein Netzradio, hat Auftritte in Dresden, New York, London – über mangelnde Aufmerksamkeit kann Nemec also derzeit nicht klagen, und doch ahnt man: Kunst allein zahlt weder Miete noch Tantiemen.

Kaput-chrabyudosiegfriedtWie geht das alles, Christina Nemec?
„Ich bin immer total fertig“, lacht Chra am Telefon. Sie kommt gerade aus Berlin von einem Konzert mit Shampoo Boy, das sie sehr gelungen fand – und das für Teile des Publikums schlichtweg zu laut war. Das hat sie allerdings in der Zeitung gelesen, denn was sie nicht mag, ist direkt nach dem letzten Ton das Konzert zu analysieren. „Ich rede dann nicht gern, sondern trinke lieber ein Bier mit den Leuten an der Bar.“
Shampoo Boy machen seit drei Jahren gesang- und schlagzeugfreien, beeindruckend zähen, dunklen, schweren Drone-Noise. Improvisiert und ohne Overdubs, aber nicht ohne Struktur. Solo arbeitet Chra mit atmosphärischen Drones und Sounds, der Albumtitel „Empty Airport“ ein dystopischer Gruß an Brian Eno.

Shampoo Boys aktuelles Album „Crack“ erscheint auf Blackest Ever Black, dem Label des Londoners Kiran Sande, Nemecs Soloplatte „Empty Airport“ bei editions mego: „Es ist immer komisch, eigene Sachen auf dem eigenen Label rauszubringen“, sagt Nemec, auf comfortzone veröffentlicht sie vielbeachtete Acts wie Cherry Sunkist, Crazy Bitch In A Cave, Mika Vainio, Kumbia Queers und Philippe Petit. Kiran Sande ist großer Fan von Peter Rehberg, der wiederum mego leitet – also wäscht eine Hand die andere und es ist alles in Butter im Independentbereich, könnte man nun denken. Chra seufzt. „Dankbarkeit ist nicht unbedingt eine Kategorie in diesem Business“. Sie nennt keine Namen, erzählt aber doch, wie kompliziert sich manchmal die Zusammenarbeit gestalten kann. „Gegenseitiges Vertrauen ist bei der Labelarbeit total wichtig“, sagt sie (als Labelchefin) und dass sie nach einigen schwierigen Erfahrungen mit KünstlerInnen alles nur noch schriftlich abwickelt. „Ich bin jetzt in einem Alter, in dem ich nicht mehr alles persönlich nehme, zum Glück!“

Nemec betreibt Comfortzone gemeinsam mit Konstantin Drobel, sie trifft die Entscheidungen, Drobel kümmert sich um den Vertrieb. „Das muss alles klappen, wir müssen uns aufeinander verlassen: Abrechnungen mit den Artists, Reports fürs Finanzamt, Promo, Newsletter schreiben, Einkommenssteuer und so weiter – das Bürokratische gehört halt dazu, nervt aber im Detail.“

Solche Nerverei geht auf Kosten der Kreativität: „Ich hatte eine jahrelange Musikblockade, weil mich das Label und geschäftliche Sachen sämtliche Energie gekostet haben“, so Nemec. „Nicht zu vergessen, wie viel Zeit ich in Produktionen von KünstlerInnen gesteckt habe, die das gar nicht wahrgenommen haben. Seit zwei Jahren versuche ich das wieder auszubalancieren, mit weniger Produktionen und besserer Vorbereitung.“

Und so ist alles, ganz gemäß dem Do-it-yourself-Ethos ein steter Lernprozess. Zum Beispiel seien Live-Auftritte sozialversicherungspflichtig, führt sie aus, und dass viele KünstlerInnen das nicht wissen und sich auch nicht drum kümmern. Oder, ein weiteres Problem: Je mehr Coverversionen auf einem Album sind, desto teurer wird es, weil man Gebühren an die Urheber zahlen muss – und weniger Gage für die interpretierenden MusikerInnen übrig bleibt, was diese natürlich sauer macht.

Comfortzone kalkuliert knapp, deshalb lobt Nemec den Österreichischen Fonds für Soziale und kulturelle Einrichtungen SKE: „Wenn man eine Projektförderung haben will, muss man das Konzept hinschicken und dann kriegt man sein Geld.“ Das hilft, dass sich eine Platte auch dann rechnet, wenn man nur hundert Stück verkauft. Am besten sei es sowieso, die Platten – vor allem wenn es „kleine Produkte“ wie EPs sind – direkt nach dem Konzert zu verkaufen. „Via Vertrieb geht die Hälfte ab, das rechnet sich nicht“. Und auch wenn sich Veröffentlichungen gut verkaufen, hieße das noch lange nicht, dass der Break even erreicht werde.

Das klingt nach viel und harter Arbeit, nach Selbstausbeutung gar? „Jahrelange ehrenamtliche Tätigkeiten für diverse Kulturvereine beziehungsweise minimal bezahlte Arbeit kenne ich natürlich sehr gut“, beginnt ihre Antwort. „Trotzdem hatte ich nie das Gefühl mich auszubeuten. Wahrscheinlich habe ich das aber doch! Aber mittlerweile hält es sich die Waage: Ich gehe fünfzehn Stunden pro Woche einer gering bezahlten Lohnarbeit nach, durch die ich meine Fixkosten bezahlen kann. Alle weiteren Honorare kommen nach und nach und ermöglichen mir den Ankauf von Instrumenten und ab an und mal gut essen zu gehen oder besseren Wein zu kaufen!“

Gudrun Gut und Hans Irmler haben bei Kaput unlängst ganz offen über ihre Rentenbescheide gesprochen – wovon wird Nemec später leben? „Durch meine angemeldete Berufstätigkeit bin ich versichert und kriege mal eine kleine Rente“, erklärt sie. „Ich wohne in einer sehr günstigen Wohnung – die ich eventuell bis zu meinem Tod bewohnen werde. Und wir haben ein kleines, hypothekfreies Bauernhaus auf dem Land.“ Dort fährt sie Wochenends hin, wenn Donnerstag Nachmittag die Lohnarbeit beendet ist. „Dann kann ich machen, was ich will! Ich bin aber höchstens mal einen Tag allein, es kommt immer jemand vorbei. Und dann machen wir Elektro bis früh um sechs!“

Oder sie geht mit ihrem Aufnahmegerät in den Wald, denn „Natur und Elektronische Musik sind für mich keine Gegensätze. Ich kann halt auf dem Land besser arbeiten als in der Stadt.“

Arbeit ist halt immer und überall.

 

Nemec tritt mit Chra beim diesjährigen Berlin Atonal Festival in Berlin auf, das zwischen dem 19. und 23. August stattfinden wird.
Mehr infos: http://www.berlin-atonal.com/

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