Montag, 21.08.2017
Compost Records / Michael Reinboth

“Ich mache das aus Passion und Liebe zur Musik, und natürlich zum Label.”

Compost_Reinboth2Wer hat an der Uhr gedreht? Ist es wirklich schon zwanzig Jahre her, als man die erste Future-Sounds-of-Jazz-Compilation gehört hat? Oder die brasil-euphorisierten „Glücklich“-Sampler?
Kaum zu glauben, aber wahr, Compost wird schon zwanzig Jahr‘! Das von Michael Reinboth gegründete und auch heute noch geleitete Label hat sich von München aus im Clubsektor einen beispiellosen Ruf erarbeitet.
Anlässlich des runden Geburtstags gibt es eine Reihe Partys und vor allem: Ein Buch, das mit extravaganter Gestaltung und Konzept bestens zum Compost-Katalog passt: »SOUL / LOVE. – 20 YEARS COMPOST RECORDS«
Hier das exklusive Kaput-Geburtstags-Interview mit Michael Reinboth:

Zunächst herzlichste Glückwünsche zum Label-Geburtstag! 20 Jahre compost sind ja wirklich ein Grund zum Feiern – und für dich auch Anlass zur Rückschau? Ein vorläufiges Fazit?
Michael Reinboth: Rückschau und Fazit: Es war eine großartige Zeit, ein intensives Erlebnis und letztendlich gingen die zwanzig Jahre schnell rum. Es macht immer noch fast jeden Tag Freude, das ist mitunter die wichtigste Erkenntnis. Ohne die würde es sicherlich zäh und ich hätte keine so gute Perspektive auf die nächsten Jahre.

Wann und wie entstand die Idee zum Compost-Buch? Wie hast du die Arbeit daran empfunden?
Wir hatten lange überlegt, was wir zum 20-Jährigen Jubiläum denn bieten und machen können. Wir wollten definitiv keine schnöde „Best Of“-CD und keine Remixes von Compost-Klassikern! Michael Rütten und Nina Schellhase kamen dann mit der Buchidee und lieferten gleich ein Konzept dazu. Das hat mich sofort überzeugt. Die Arbeit damit war dann doch extrem aufwendig, viel mehr Zeit, Mühe und Anforderungen als eine CD zu machen, aber ich denke, dass der Aufwand sich gelohnt hat. Jetzt haben wir damit uns so etwas wie ein kleines Denkmal errichtet. So ein Buch hat ja nun nicht jedes Label.

Aufbau und Fragestruktur erinnerten mich ein bisschen an das Buch „Jazzmusiker und ihre drei Wünsche“ von der „Jazzbaroness“ Pannonica de Koenigswarter aus den späten Fünfzigern. Kanntet ihr das?
Nein, das kenne ich nicht. Hört sich aber interessant an.

Compost-ReinbothCompost ist eins der wenigen deutschen Labels mit internationalem Renommé – warum denkst du, hat das so gut funktioniert? Ist es die Musik, der beeindruckende (Back-)Katalog, euer spezieller Mix, persönliche Betreuung…?
Unsere Musik ist zunächst – im großen Rahmen der elektronischen Musik – sehr vielfältig aufgestellt. Wir streiften über die Jahre fast jedes Electronica-Genre, oftmals zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Die zwei Hauptgründe liegen darin, dass viele unser Veröffentlichungen den musikalischen Anspruch haben, nicht nur ein DJ-Tool zu sein, sondern auch mittel- bis langfristig als zeitlose Musik Bestand haben dürfte. Mal mehr mal weniger mit einem gewissen Musiker-Anspruch. Der zweite Grund ist sicher auch, dass wir mit Future Jazz und Broken Beat Trends gesetzt und maßgeblich mitgestaltet haben. Man kann das bei Wikipedia, Discogs und in vielen Artikeln und Büchern etablierte Genre Future Jazz auf die „Future Sounds Of Jazz“- Compilation-Serie oder die „Glücklich“-Serie auf Compost zurückführen. Nicht zu vergessen, daß die Acts Beanfield, Trüby Trio, Jazzanova einen großen Anteil dazu beigetragen haben.

Beobachtest du, wie andere Labels arbeiten? Welche(s) bewunderst du?
Ja sicherlich. Das habe ich schon vor Compost beäugt. In den 1980ern war ich von Islands Records beeindruckt, die so völlig unterschiedliche Projekte wie Bob Marley, Grace Jones, Robert Palmer, U2, Womack & Womack oder Tone Loc auf die Agenda brachten und dann mit 4th & Broadway und vielen anderen Sublabels z.B. Washington Go-Go , House, HipHop, Ska und Artverwandtes herausbrachten. Ein toller Gemischtwarenladen! Dann natürlich Mo Wax, Warp…und viele viele sehr kleine Labels. Es gibt immer hier und da Bausteine, die man sich abguckt.

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Roland Appel, Jan Krause (Beanfield), RobertOwens, Michael Reinboth Christian Prommer (von links nach rechts)

Wenn ein Label noch jung und klein ist, hat man zu den Artists eine enge bis freundschaftliche Beziehung (so stelle ich mir das jedenfalls vor) – compost ist inzwischen ein global player, wie ist dann der Kontakt zu den KünstlerInnen?
Eigentlich ist der Kontakt zu den alten Compost-Künstlern, die noch dabei sind sehr gut. Dazu zählen Rainer Trüby, Christian Prommer, Beanfield, Minus 8, Alif Tree, Marbert Rocel, Felix Laband, Shahrokh Dini. Da besteht auch eine gewisse freundschaftliche Beziehung, zumal man oft gemeinsam auf Tour war und in den Anfangszeiten sogar Betten und Autositze geteilt hat. Jetzt, in Zeiten von social media und Clouds beschränkt sich der Kontakt zu neueren Künstlern schon erstmal auf E-Mail und Skype.

Im Buch erwähnst du zum Beispiel eine Begegnung mit David Byrne – hast du noch mehr solcher „Gänsehaut“-Stories auf Lager?
Naja klar, es gibt so einige gute Stories aus der Zeit vor Compost, speziell aus der Zeit, in der ich das Magazin „Elaste“ (1980 bis 1985) gemacht hatte. Aber das sind lange Geschichten, die ich bei Gelegenheit mal aufschreiben möchte… aber jetzt ungern vorab ausplaudere.

Wie hat sich in den zwanzig Compost-Jahren deine Arbeit verändert? Gehst du heute anders an Projekte heran? Was würdest du nie wieder tun – und was immer wieder gern?
Anfangs lief ja alles – vom Lizenzieren über Herstellung, Graphik bis Promotion analog: per Fax, Postversand und Telefon. Mannomann, die Compost 001 A Forest Mighty Black -Aufnahmen waren noch auf BASF-Zollbändern, da gab’s noch nicht mal ein DAT! Das hat sich natürlich alles gravierend geändert. Das digitale Zeitalter ist ein Segen. Was die Kommunikation mit Künstlern, Vertrieben, Lizenznehmern und -gebern betrifft, hat man sehr viel dazu gelernt und wir gehen heute Dinge etwas pragmatischer oder straighter an als früher. Also aufwändigere Verhandlungen mit Dienstleistern, Vertrieben oder so lassen wir aus Erfahrung lieber gleich außen vor, das nervt nur und bringt oft nichts. Die Erfahrung zeigt auch, je mehr man selbst über die Homepage, Mailorder, Soundcloud, Discogs oder beispielsweise Bandcamp machen kann, desto besser ist es und umso näher kommen einem auch die wirklichen Fans. Früher wusste man doch gar nicht, wer kauft eigentlich eine Beanfield-CD – heute ist das viel direkter und zum Teil sogar sehr kommunikativ. Das kostet zwar Zeit, lohnt sich aber.

Compost fasst den Jazz-Begriff sehr weit, bzw. transportiert ihn ins Elektro-Segment. Was bedeutet Jazz für dich persönlich? Freiheit, Kreativität…
Jazz ist nicht grenzenlose Freiheit, sondern die Freiheit in einem stringenten Korsett / Konzept Freiheiten auszuloten und auszuprobieren, ohne das Grundgerüst zu zerstören. Mehr noch: das Grundgerüst zu akzeptieren und zu achten und es sehr bewusst kreativ auszubauen. Insofern ist Jazz der Lehrer / die Lehre zuzuhören, das Grundschema oder Gerüst zu achten und kreativ damit umzugehen. Das hat viel mit Respekt zu tun. Oder ganz anders ausgedrückt: Wenn ich als Musiker /Programmierer den Sequencer oder das Arpeggio bewusst und en detail steuere, kann ich es musikalisch einsetzen. Wenn ich es aber einer Zufallskomponente oder sich selbst überlasse wird es beliebig, oder so etwas wie Trance.

Die erfolgreichen compost-Reihen (Glücklich, Future Sound of Jazz, etc.): plant ihr weitere? Und wie findet man passende Acts für die Compilations?
Eine neue Serie heißt „Slouse“ und ist die Kurzform von Slow Motion House. Rainer Trüby stellt gerade Vol. 2 zusammen und ich kompiliere die Future Sounds Of Jazz Vol. 13. So etwas braucht Zeit, mindestens eineinhalb bis zwei Jahre, bis man das Gefühl hat, dass man jetzt ungefähr zehn gute Tracks beisammen hat, die sinnvollerweise zusammengefasst rauskommen sollen. Eigentlich verdichtet sich so eine Compilation erst ,wenn man mindestens sieben tolle Tracks hat, die man auch lizenziert bekommt, und dann schaut man gezielt nach noch drei, vier Neuheiten, die dazu passen.
Also, das ist schon ein Prozess, der lange dauert und überlegt sein will. Die Auswahl der Tracks speist sich eh aus dem eigenen Fundus an tausenden von Downloads, Promos und Vinyl, die man in ein, zwei Jahren neu reinbekommt, oder in Clubs hört und sich daraufhin besorgt. Diesen ganzen Umgang und Prozess nennt Rainer Trüby salopp aber zu Recht: „Hausaufgaben machen“!

Compost_Record_ManiaKaput ist nicht ohne Grund das Magazin für Insolvenz und Pop – wir fragen gern nach Dingen wie Wirtschaftlichkeit und Selbstausbeutung im Kulturbetrieb. Wann war klar, dass es mit Compost (gut) läuft? Und gab es weniger gute Zeiten? Was macht man dann?
Ohh ja, es gab viel Auf und Ab. Vertriebspleiten, Zahlungsausfälle, Sample-Klagen, aber auch Höhenflüge mit gut verkauften Einheiten. Nicht nur einmal waren wir kurz vorm Aufgeben, das erste Mal war 2002, als unser weltweiter Vertrieb (PP Sales aus Hamburg) Konkurs machte. Wir hatten so unglaublich hohe Außenstände, dass es heute wie ein Wunder wirkt, dass wir da rausgekommen sind. Das ging auch nur mit drastischem Personalabbau, und in Absprache mit einigen Künstlern, dass ihre Tantiemen über längere Zeiträume gestreckt werden.
Ich selbst habe seitdem keinen Cent verdient, weder mir einen Euro aus der Firma genommen, noch habe ich ein Geschäftsführergehalt. Ich mache das seitdem aus Passion und Liebe zur Musik, und natürlich zum Label. Man lässt sein Baby ja nicht verwahrlosen. Gottseidank verdient meine Frau als Ärztin gut, sonst wäre das nicht möglich. Viele Projekte die wir machen sind nicht wirtschaftlich – wenn wir das im Vorfeld genauer kalkulieren würden, dürften wir Vieles nicht machen. Zum Beispiel das Buch „Soul Love 20 Years Compost Records“ oder ein paar andere Releases. Aber es gibt natürlich auch überraschend oder nicht planbar gut laufende Projekte, die dann dabeo mithelfen, die Minus-Projekte etwas auszubalancieren. Aber ein Großteil – sowohl aus Label- als auch aus Künstlerperspektive – ist Selbstausbeutung. Wenn wir bei einem neuen Künstler das Gefühl haben, der macht das, weil er Geld braucht oder verdienen will, waschen wir ihm meist gleich den Kopf und schlagen vor, dass er lieber was anderes machen sollte. Die meisten jungen DJs und Produzenten sind aber realistisch oder junge Idealisten, denen geht es erst mal darum, Anerkennung zu erzielen und einen kleinen Kult (ohne Facebook-Likes!) um sich herum aufzubauen.

Wann ist bei compost-VÖs der break even erreicht? Oder gibt es darauf keine pauschale Antwort?
Nee, das hängt von so vielen verschiedenen Faktoren ab, wie welchen Deal hat der Künstler, Ausstattung der Formate Vinyl, CD, Graphik-, Artworkkosten….wo lassen wir mastern und und und. So pauschal für eine Maxisingle ohne bedrucktes Cover, ohne Gema-Gebühren und ohne Download-Umsätze liegt der Break Even bei circa 400 verkauften Maxis.

Gestaltung und Merchandising spielen bei Compost eine wichtige Rolle – hast du ein Lieblings-Merch-Produkt? (Meins ist der Umhängebeutel in CD-Größe)
Definitiv das Compost Stüssy-DJ Bag, die perfekte Reisetasche, die mich seit über zehn Jahren täglich begleitet. Und dann die Compost-Kaffeetasse, die auch täglich in Benutzung ist.

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Michael Reinboth, Florian Keller, Theo Thoenissen

Compost trägt die Nachhaltigkeit schon im Namen – kürzlich ging es in einem kaput-Interview um Müllhalden bei Festivals und Kerosinverbrauchsausgleich bei vielfliegenden DJs. Prinzhorn Dance School verpacken ihre Platten in kompostierbare (!) Hüllen – Tut ihr was, das zu eurem Namen passt?
Ja klar: der Stream ist ja sowohl umweltverträglich und nachhaltig pflegeleicht, hihi. Wir vermeiden mit Privatjets zu fliegen und ich hasse die CD als Format. Letzteres war ein Übergangsmedium, dem ich nicht nachtrauere. Vinyl kann wiederverwertet werden, Pappcover auch. Ansonsten – jetzt wo man mit USB-Sticks auflegen kann- fahren wir mit dem Fahrrad zu Gigs, hihi. Ach ja, und wir halten unsere Vinyl- Auflagen niedrig, um nicht überzuproduzieren, wir pressen lieber mal nach, wenn Bedarf da ist. Wir haben auch schon alte Standard-Maxischuber aus Lagerbeständen wiederverwendet, und wir trennen Müll im Büro und wir waschen die Kaffeetassen nur mit Schwamm ohne Spülmittel aus. Wir arbeiten auch viel im Dunkeln oder drehen die Heizung runter, wenn uns die Musik und die Verstärker unserer Musikanlage warm halten.

 

20 YEARS COMPOST RECORDS – Party am 19.9.2015 in Offenbach, Hafen 2
Line up: CHRISTIAN PROMMER (DJ set), MICHAEL RÜTTEN (SOULSEARCHING/YCBI), THOMAS HERB (COMPOST BLACK), MICHAEL REINBOTH
Über das gesamte Jahr wird es mehrere Compost Jubiläums-Events geben. Der Kick-Off war im Münchner Muffatwerk, danach ging es mit wechselnden Line-ups nach Berlin, Karlsruhe, Zürich, Freiburg und Köln. Nach der Party in Offenbach geht es weiter nach Venedig. Die Party im Hafen2 Offenbach konzentriert sich auf den Kern von Compost: Christian Prommer, Compost Musiker der ersten Stunde, wird eine treibende Mischung aus eigenen Stücken und DJ Set spielen.Ihm zur Seite stehen Labelboss Michael Reinboth, Compost Black Label DJ und langjähriger Mitarbeiter Thomas Herb und Gastgeber Michael Rütten an den Plattentellern.

Das Buch:
Was treibt Künstler und Produzenten an, Musik zu machen? Was bedeutet Musik für sie? Wonach suchen sie? Wie entsteht Leidenschaft in der elektronischen Musik? Nach 20 Jahren Compost Records war es an der Zeit, dem »heißen Kern« des Labels auf den Grund zu gehen. Entstanden ist dabei ein Buch voller Sound, Seele und ganz ohne Starallüren.
Realisiert wurde das Buch »Soul / Love. 20 Years Compost Records« von einem Team aus Frankfurt und Offenbach. Die Idee stammt von der Frankfurter Magazin-Journalistin und Buchautorin Nina Schellhase. Im Gespräch mit dem langjährigen Compost-Wegbegleiter, Radiopresenter, DJ und Veranstalter Michael Rütten reifte die Idee zum Buchkonzept. Die Gestaltung kommt von Grafikdesigner Andreas Gnass..

 

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