Dienstag, 25.07.2017
Dagobert & Drangsal – Ein Treffen über den Dächern von Berlin

„Es kann nicht sein, dass mir jemand sagt, was ich tun muss!“

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Drangsal & Dagobert – a love affair. (Photo by Christoph Voy)

Einen schöneren Treffpunkt für das Treffen als das Dach des Karstadt in Neukölln hätten sich Dagobert und Max Gruber (aka Drangsal) nicht aussuchen können. Die Sicht auf den Hermannplatz ist atemberaubend, um mit es mit einem Wort zu sagen, das man sich auch gut in einem Text der beiden Musiker vorstellen könnte. Dagobert betritt die Szene mit einem Reisekoffer, da er nach dem Interview mit Freunden nach Serbien zum Wildwasser-Rafting fährt. Max hingegen kommt just von einer kleinen Heimurlaub in seiner Geburtsstadt Herxheim zurück, wo er zwei Wochen verbracht hat, um an neuen Songs zu schreiben. Beiden geht es gut, Max hat sich gerade ein Ticket für das Berliner Morrissey Konzert im August gekauft, Dagobert freut sich auf das anstehende Konzert von Kreator (deren Sänger Mille Petrozza auf seinem letzten Album „Afrika“ mitgewirkt hat) – was die beiden erstmal in Erinnerungen an das gemeinsame Kreator Konzert beim Hamburger Elbriot Festival schwelgen lässt, bei dem sie als Zombies verkleidet vor 10.000 Besuchern die „Fackemänner“ gegeben haben. Wir bestellen ein paar Bier und setzen uns.

 

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Anton Teichmann platziert das Aufnahmegerät. Die Künstler amüsieren sich derweil. (Photo by Christoph Voy)

Max, hast du nach diesem Marathon an Interviews, den du zu deinem Album „Harieschaim“ gegeben hast, eigentlich noch Bock auf Interviews?
Max Gruber: Wieder. Das klingt arrogant, aber das schlimmste war die Radio-PR, das war eine komische Zeit. Die Print-Interviews waren gerade durch, als ich den typischen Fragen so langsam überdrüssig wurde, da musste ich dann auf Radio-Promo gehen. Da ist man jeden Tag am Rumfahren und da war es mir irgendwann zu viel. Ich versuche immer nett zu sein, von daher hab ich das alles mitgemacht. So etwas gehört eben auch dazu. Es gibt ja Leute, die haben richtige Jobs – ich nicht, um es mit The Smiths zu sagen: „No, I’ve never had a job because I’ve never wanted one” (aus “You’ve Got Everything Now”).

Mal ganz von vorne: woher kennt ihr euch eigentlich?
Dagobert: Aus dem Mannheimer Studio von Markus Ganter, dem Produzenten von Casper, Tocotronic, Sizarr und eben auch mir.
Max Gruber: Ich bin schon ewig mit den Jungs von Sizarr befreundet, weil Herxheim, wo ich herkomme, ja neben deren Heimatstadt Landau liegt. Als Fabian und Philipp von Sizarr nach Mannheim in ein Haus mit Markus gezogen sind, war ich dann oft dort zum abhängen. Das war schön dort. Als Dagobert dann dort aufnahm, habe ich mir das aus Neugierde mal reingefahren und ihn dann auch kennengelernt – zunächst dachte ich „fies eigentlich“, weil ich kurz an so Leute wie Alexander Marcus denken musste, aber er faszinierte mich irgendwie, so wie es eben die großen Charaktere der Popmusik tun. Und dann (schaut Dagobert in die Augen), dann hast du mir einen Blonden Engel angedreht.
Dagobert: In der Zeit haben wir ziemlich viel Blonder Engel gesoffen, das ist Eierlikör mit Fanta. Da war ich noch nicht vegan und hab viel Flippers gehört. Und da Manfred Durban von den Flippers sein Leben lang nur Blonder Engel trinkt, nötigte ich den Ganter und alle anderen das mit mir bei den Aufnahmen immer zu saufen. Aber die Zeit ist zum Glück vorbei – also nicht die der Aufnahmen, die des Blonden Engels!

Was trinkst du denn stattdessen?
Dagobert: „Korea“, Rotwein mit Cola.
Max Gruber: Echt, so nennt ihr das? Bei uns heißt das einfach Cola-Schorle.
Dagobert: Jetzt bin ich aber ganz raus aus dem Game der schlechten Drinks.
Max Gruber: Ich bin ja born and raised on Discoschorle. Wenn man als Teenager bei uns auf dem Land anfängt zu saufen, gibt es in den schlechten Dorfdiscos beschissenen roten Vodka mit „Big Pump“, was halb aus Dreck, halb aus Abwasser besteht. Das hat mich geprägt, ich kann noch immer kein Bier trinken.
Dagobert: An Bier muss man sich früh und sehr lange gewöhnen haben, sonst geht’s nicht. Spaß bereitet es mir selbst heute noch nicht. Angefangen hab ich damals auf dem Dorf mit Stroh-Rum, da hatte ich gleich mal eine Alkoholvergiftung mit 13.
Max Gruber: Ich trink das Zeug immer noch gern, ich mag es süß, Wein geht noch, aber kein Bier. Gin Tonic geht auch.

Dagobert, weißt du noch, wie du das erst Mal die Musik von Max gehört hast? War das auch in Mannheim im Studio?
Dagobert: Ne, das war später. Da bist du gerade nach Berlin gezogen, Max.
Max Gruber: Es hat relativ lange gedauert, bis wir uns wieder gesehen haben.
Dagobert: Das muss so zwei Jahre später gewesen sein, im Februar 2013 in der Kim Bar.
Max Gruber: Bei unserem ersten Treffen war ich gerade mal 16 oder 17.
Dagobert: Da hattest du lange Haare und warst dick.
Max Gruber: Stimmt, das kann man tatsächlich so sagen. Lange, blond gefärbte Haaren und 20 Kilo mehr drauf.
Dagobert: Du warst mir aber sofort sehr sympathisch. Ganz ehrlich. Ich vergesse alles, aber das nicht – du warst echt ein Erlebnis.
Max Gruber: Ebenso. Nach der Kim Bar haben wir uns so mal getroffen und ich hab dir auf dem Laptop meine Sachen vorgespielt und ne CD mit drei Songs gebrannt. Ich weiß, dass du es von Anfang an gut fandst. Die einzigen Songs, die du nicht mochtest, waren tatsächlich auch jene, die es nicht aufs Album geschafft haben. Schämst du dich eigentlich für irgendeinen Song den du gemacht hast?
Dagobert: Fast für jeden. Aber immer nur so zeitweise. Wenn ich einen Song geschrieben habe und ich schäme mich nicht dafür, dann kann der nicht gut sein. Ein Song, das ist immer was ganz persönliches und intimes, ich trau mich dann auch niemanden das Zeug zu zeigen und lass ich es erst mal ein paar Jahre liegen. Ich veröffentliche sie immer erst, wenn ich wieder cool bin mit dem Song, deswegen veröffentliche ich nur altes Zeug.
Max Gruber: Ganz schlau
Dagobert: Nee, das ist dumm.
Max Gruber: Man hat eigentlich gar nicht die Wahl, neue Sachen zu veröffentlichen, außer du schreibst eine Woche vor dem Studio.

Wie fühlt es sich an, wenn man so einen langen Vorlauf hat, bevor die Musik dann endlich erscheint. Dagobert, deiner war ja extrem lang.
Dagobert: Ja, bei mir hat es noch mal viel länger gedauert als eh schon. Deswegen bin ich jetzt plötzlich so uralt.
Max, was hättest du gemacht wenn du nicht durch Zufälle in Mannheim die Crew um Markus Ganter kennengelernt hättest. Ich denke da vor allen an deinen großen Fürsprecher Casper.
Max Gruber: Mir in Herxheim in den Kopf geschossen.
Dagobert: Ach, Quatsch. Einer wie du, der setzt sich überall durch, davon bin ich voll überzeugt. Du hast einen klaren Plan.
Max Gruber: Ich weiß nicht, ob das stimmt. Markus Ganter hat jedenfalls viel dazu beigetragen. Aber zwischendurch, als erst mal nicht viel passiert ist, hab ich halt ganz normal gearbeitet. Ich habe zunächst ein Praktikum bei Domino absolviert und danach war ich bei Krasser Stoff angestellt als… nun, keine Ahnung, was ich da ein Jahr lang wirklich gemacht habe.
Dagobert: Das wär mir nie passiert.
Max Gruber: Dafür bewundere ich dich. Aber du kennst ja auch so viele Leute. Du sagst zwar, du seist schlecht im socializen, aber du hast ein großes Netzwerk in der Stadt. Du fragst mich ja auch ständig: „Max, brauchst du irgendwas? Ich kenn da jemanden.“

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Dagobert mit Koffer (Photo by Christoph Voy)

Was meinst du, Dagobert, warum dir das nie passieren könnte, dass du einen normalen Job machst? Weil dir von Anfang an klar war, was du willst?
Dagobert: 2002, also vor 14 Jahren hab ich mich entschieden, dass ich definitiv niemals irgendwas arbeiten werde – und ich habe mich bis heute dran gehalten. Ich glaube aber auch, dass es letztendlich dazu führen wird, dass ich bald elendig verhungern werde
Max Gruber: Der Elende Berlins.
Dagobert: Ne, nicht in Berlin, eher woanders.
Max, denkst du viel über die Zukunft nach?
Max Gruber: Ja, voll. Ich wollte schon immer nur Musik machen, aber der ganze Kram, der dazu gehört, sowas wie Umsatzsteuerpflicht: Fuck.
Dagobert: Das ist so eine Scheiße.
Max Gruber: Andererseits muss ich manchmal einfach eine normale Arbeit verrichten, um irgendwas zu tun. Ich bin nicht stringent genug, um nur Bücher zu lesen und mich mit mir selbst zu beschäftigen. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, meine Mutter hat drei Jobs. Ich wollte eigentlich auch nie wirklich arbeiten. Ich sag ja auch heute noch, dass ich nicht richtig arbeite.
Was denkst du, könnte es aber irgendwann passieren, dass du so richtig arbeitest?
Max Gruber: Vielleicht – kein Bock zu arbeiten, klingt immer so schlimm. Aber ich hab schon auch keine Lust. Ich muss mein eigener Herr sein, dann kann ich auch hart arbeiten für das, was ich will. Es kann nicht sein, dass mir jemand sagt, was ich tun muss!
Nun, mit Management und Label im Rücken, kann das aber schon mal vorkommen, oder?
Max Gruber: Naja, da hast du noch nicht mit mir gearbeitet. Ich bin ein ziemlicher Kotzbrocken. Ich hatte ja vorher schon Erfahrungen mit der Branche und deswegen lass ich mich einfach schwieriger verarschen als andere 21jährige, denen ein Vertrag vorgelegt wird, wo dann drinsteht „das wird alles fett, thumbs up, wir machen das so Tame Impala-mäßig“ und dann am Ende, wenn du dann in die Charts einsteigst mit der Platte, kommen dann Sätze wie „ich bin einfach nur froh, wir haben eigentlich total große Verluste einkalkuliert“.

voy_9512Max, gab es einen Punkt, ab dem du wusstest, jetzt ziehst du das mit dem Musikersein richtig durch?
Max Gruber: Als Markus zu mir kam und fragte, ob wir nicht mal ein paar Songs von mir aufnehmen wollen, da war mir klar, dass das der erste Schritt ist. So richtig wusste ich es aber erst in der Hochphase der Albumplanung als mir bewusst wurde, dass ich nicht mehr etwas anderes arbeiten muss – auch wenn das nicht bedeutete, dass ich wusste, wie ich mich finanzieren könnte. Aber mir war klar: lieber fresse ich ab jetzt nur noch blanken Reis mit Salz drauf, als dass ich jemanden unterwürfig sein muss. So ist Dagobert ja auch, und da sind wir auf jeden Fall sehr gleich.
Dagobert: Ich kann gar nichts anders als nur Musik zu machen. Vielleicht verdiene ich irgendwann was damit, und wenn nicht, dann werde ich einfach elendig zu Grunde gehen. Aber ich empfinde das als schön so, ich kann machen, was ich will.
Dagobert, ab wann war bei dir klar, dass du jetzt Vollzeitmusiker bist?
Dagobert: 2002. Da hab ich mich dazu entschieden, bis zum ersten Album dauerte es dann jedoch elf Jahre.
Max Gruber: Stark.
Dagobert: Nach dem Abitur war ich erstmal obdachlos und habe in einem Keller gewohnt und es ging mir nicht so gut. Ich fand alles sinnlos und schwierig. Mit der Entscheidung für die Musik bekam mein Leben endlich einen Sinn.
Hast du von da an in den Bergen, wohin du ja als nächstes gezogen bist, schon zielstrebig auf die Musikkarriere hingearbeitet?
Dagobert: Karriere würd ich jetzt nicht sagen. Es ging immer um die Musik selbst.
Siehst du einen Unterschied zwischen der Zuschreibung Vollzeitmusiker sein und der Feststellung eine Musikkarriere zu haben?
Dagobert: Unbedingt. Für jemanden wie dich, Max, war das vielleicht gar nicht so ein großer Schritt, aber für mich bedeutet es schon einen großen Unterschied. Entweder man macht Musik, weil man es als schön empfindet – dann muss man sie aber auch niemandem zumuten – oder man will sie mit den anderen Menschen teilen. Wenn letzteres der Fall ist, dann ist die Grundeinstellung eine ganz andere. Das war für mich noch mal ein großer Schritt.
Max Gruber: Das liegt bei mir daran, dass ich früh diese Leute kennengelernt habe, die mir das ganze vorgelebt haben, sodass ich das alles beobachten konnte.
Es gibt Kinderfotos von mir, wo ich acht bin und beim Fasching in der Schule aussah wie Marilyn Manson. Ohne Scheiß, ich wollte immer so ein Charakter sein, das war eine „self-fulfilling prophecy“.
Dagobert: Genauso ist es, Mann. Ich wollte immer ein abenteuerliches Leben haben, wie in den scheiß B-Movies, die ich geil fand. Wenn man sich lange genug so verhält, dann wird man auch so. Das ist einfach ein spannendes Leben.

Max starrt auf Dagoberts Unterarm. Er zieht das Hemd hoch: alles ist grün.

Dagobert: Ich habe eine kleine Schlägerei gehabt. Ich seh das sportlich.
Max Gruber: Kenn ich! Ich hab mich mit fast allen aus meiner Band mal gehauen.
Wann hast du dich denn das letzte Mal geprügelt?
Max Gruber: So richtig? Beim Wave-Gotik-Treffen in Leipzig.
Dagobert: Hast du eine Niete ins Auge gekriegt?
Max Gruber: Nach unserem Auftritt kam so ein besoffener Typ an, der nur Scheiße gelabert hat. Ich hatte sowieso bereits schlechte Laune, also habe ich ihm eine ins Gesicht gelangt und währenddessen das Bier aus der Hand geschlagen – dann kam eine Ohrfeige zurück und es ging so richtig los.
Dagobert: Herrlich.
Max Gruber: Ich bin ja sehr jähzornig.

Wie war das Wave-Gotik-Treffen?
Max Gruber: Nice. Die Leute waren natürlich alle erst mal kritisch, da passiert ja auch nur alle 50 Jahre was in der Szene – aber letztlich waren sie sehr nett zu uns.
Empfindet du deinen Auftritt beim Wave-Gotik-Treffen als vergleichbar mit einer Performance von Dagobert im Fernsehgarten?
Dagobert: Das sind für mich zwei verschiedene paar Schuhe.
Max Gruber: Nach Außen mag das wie zwei reale Sachen wirken, aber das, was am offensichtlichsten erscheint, ist oft am wenigsten real.
Dagobert: Hat dein Auftritt dort den funktioniert? Meiner im Fernsehgarten ja gar nicht.
Max Gruber: Klar hat es funktioniert. Wobei die halt Stücke wie „Allan Align“ oder „Love Me or Leave Me Alone“ gut finden und denen der Rest zu punkig oder zu poppig ist. Mit dem zweiten Album hat es sich dann auch erledigt mit den Gothic-Fans, das kann ich jetzt schon sagen.

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Drangsal & Dagobert (Photo by Christoph Voy)

Max, annst du da schon konkreteres über dein zweites Album berichten?
Max Gruber: Die Songs auf „Hariescham“ sind bereits vier Jahre alt. Ich bin noch nicht lang genug dabei, um so eine Stringenz zu haben wie Dagobert. Aber das Album half mir ein Gefühl dafür zu entwickeln, in welche Richtung es ungefähr gehen soll. Die Songs, die ich jetzt schreibe, lassen sich nicht mehr eindeutig irgendeinem Künstler zuordnen. Sie sind viel zu poppig, um Goth zu sein, und sie sind sehr langsam.
Dagobert: Sie erinnern an Prefab Sprout.
Max Gruber: Genau! Oder an Münchener Freiheit. Oder Klaus Lage. Also wenn ich mich vergleichen müsste, was ja manchmal auch Sinn ergibt, dann hat dieser Pop-Rock was von Klaus Lage. Es geht nicht mehr um die 80er Jahre, sondern um Pop-Rock mit deutschen Texten – und das kannst du ja keinem Goth mehr vorsetzen.
Dagobert: Das ist genau der richtige Schritt, den du da machst mit den neuen Songs. Du machst sowieso immer alles richtig.
Max Gruber: Keiner hat Bock zehnmal das gleiche zu machen. Seit dem letzten Album habe ich bestimmt ungefähr 20 Songs geschrieben, die wie das Debüt klingen – und auf die habe ich eben keinen Bock mehr.
Dagobert, du kannst das ja bestens einschätzen. Hast du denn mit deinem zweiten Album das abgegeben, was die Leute erwartet haben?
Dagobert: Ich hab alles falsch gemacht!
Max Gruber: Unsinn.
Dagobert: Doch, das kann man wirklich so sagen. Max ist ein Künstler, der eine ganz klare Vision von dem besitzt, was er machen will.
Max Gruber: Ach komm, das ist doch eher umgekehrt.
Dagobert: Du ziehst das sehr schlau durch. Ich bin einfach ein bisschen dümmer. Ohne Scheiß. Im Gegensatz zu dir wollte ich das zweite Album nur etwas besser machen als das erste, doch das hatten dann einen negativen Effekt: Die Leute dachten, es sei wie das Debüt, nur eben etwas aufgeblasener und langweiliger und nicht mehr so echt.

Wie hat es sich denn für dich angefühlt?
Dagobert: Mir persönlich ist eigentlich egal wie die Alben klingen. Die Songs, die ich veröffentliche, liegen mir alle am Herzen, aber man kann ja nicht nur immer an sich selber denken. Wenn man was veröffentlicht, ist das eine Art Kommunikation mit der Menschheit. Was das angeht, bin ich einfach ein schlechter Socializer.
Max Gruber: Man muss den Leuten einfach entgegenkommen.
Dagobert: Das krieg ich nicht so gut gebacken. Du bist auf jeden Fall ein guter Socializer!
Max Gruber: Stimmt. Aber auch nur gezwungenermaßen.
Dagobert: Was heißt gezwungenermaßen? Talent!
Max Gruber: Ich weiß nicht. Jeder Mensch entwickelt sich ja weiter. Früher dachte ich, alles muss so aalglatt und perfekt sein und es darf nicht auch mal ausufern.
Dagobert, hab ich dir eigentlich erzählt, dass ich neulich das erste Mal richtig Spaß hatte auf der Bühne? Das war beim Maifeld Derby. Ich toure ja so ungern, ich bin lieber im fensterlosen Studio eingepfercht und stehe um 5 Uhr morgens auf und arbeite bis 16 Uhr. Aber da hatte ich das erste Mal das Gefühl „Hier kann mir nix passieren, ich bin invincible“ – was ja das Gefühl sein soll, wenn man auf der Bühne steht .Wenn man so ein großes Maul hat wie ich, dann muss man das ja unterfüttern mit so einer heftigen Performance, aber manchmal stehe ich da und mach halt einfach gar nichts.
Dagobert: Ich spiele sehr gerne live, aber ich bin mir sicher, dass das bald auch bei dir der Fall sein wird.
Max Gruber: Ich hasse es ja nicht live zu spielen, weil es zu anstrengend ist, sondern weil ich es einfach noch nicht so gewohnt bin. Der normale Werdegang von einer Band ist, dass sie zwei, drei Jahre Konzerte gibt und dann erst ins Studio geht, um ein Album zu machen. Nicht wie bei uns, wo wir dann plötzlich auf großen Bühnen wie beim Dockville, Melt! oder Maifeld Derby spielen nachdem wir zuvor nur vier Konzerte gegeben haben – dazu waren die zwei Typen aus Herxheim und der 18jährige aus Russland, die ich aufgegabelt hatte noch nicht ready zu mit ihrem kleinen Kinderzimmer-Verstärker
Mit der Band wolltest du aber unbedingt spielen?
Max Gruber: Ich hab Bock mit Freunden unterwegs zu sein, denn sonst ist es ja nur trist.
Dagobert: Sonst ist es kein Spaß.
Dagobert, du bist auch mit Freunden unterwegs?
Dagobert: Ja. Beim ersten Album habe ich den großen Fehler begangen, ohne Band auf Tour zu gehen.
Max Gruber: Ich fand es aber ganz geil, als ich dich damals mal im Ritter Butzke gesehen hab.
Dagobert: Das hat schon irgendwie funktioniert. Für den Durchschnittskonsumenten war das dann aber eher wie eine Freakshow. Niemanden hat es wirklich ernst genommen.
Hat sich die Wahrnehmung mit der Band geändert?
Dagobert: Absolut.
Max Gruber: Die sind halt richtig gut. Als ich doch das erste Mal mit der Band gesehen hab, dachte ich auch „Alter Schwede“. Aber nochmals zum Touren: Man darf seine eigenes Verständnis von Kunst nicht allgemeingültig für das Publikum voraussetzen, denn wenn man als Vorgruppe von Kraftklub oder auf dem Umsonst und Draußen Festival spielt, dann haben die meisten Leute keinen Plan davon, wer du bist und was du machst. Nicht jeder x-Mal Deutschland und Andreas Dorau.
Was bedeutet das in der Ableitung? Willst du dich eher dem Publikum anbiedern oder dein Ding durchziehen?
Max Gruber: Anbiedern ist was total geiles, weil man das auch erst mal können muss.
Dagobert: Entweder du machst Musik nur für dich oder für die Leute.
Max Gruber: Voll – aber es gibt auch einen guten Mittelweg.
Dagobert: Es muss ja eine gemeinsame Schnittmenge geben, sonst geht das nicht.

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Drangsal & Dagobert (Photo by Christoph Voy)

Dagobert, hättest du Bock, Musik für richtige Schlagerfans zu machen?
Dagobert: Schlagerfans? Mir ist es ja völlig egal, wie man das nennt, was ich mache. Mir war es schon immer ein Anliegen Musik zu machen, die so einfach wie möglich ist, die jeder Mensch verstehen kann. Ich war damit bisher noch nicht so erfolgreich, weil alles zu kompliziert war – musikalisch und inhaltlich, ich als Person und so weiter. Ich arbeite aber darauf hin, ohne an Tiefe und Gefühl zu verlieren, Musik hinzukriegen, die man sich auch als stumpfer Mensch anhören kann.
Max Gruber: Genau was du sagst. Das trifft den Nagel auf den Kopf. Man muss Musik machen, die jeder verstehen kann ohne, dass sie für einen selbst an Tiefe und Bedeutung verliert. Ohne Selbstaufgabe anbiedern, das ist wahrscheinlich dass allerschwierigste. Bei mir ist das ja ähnlich: Für die normalen Indiehörer bin ich zu goth, für den normalen Goth bin ich zu indie.
Dagobert: Es läuft doch aber nicht schlecht bei dir, du hast in einer Woche mehr Platten verkauft als ich in drei Jahren – und bereits jetzt vor mehr Leuten gespielt als auch in den letzten drei Jahren.
Max Gruber: Aber darum geht es doch nicht. Wenn ich vor 6.000 Leuten in Bamberg spiele und die trotzdem nach dem Hauptact schreien, dann ist das kein persönlicher Erfolg.
Dagobert: Aber das ist der Weg dahin.
Max Gruber: Absolut, aber bis man mal dahin kommt, dauert es vielleicht noch ein paar Jahre und das hasse ich.
Dagobert: So wie ich das sehe, geht es bei dir ganz steil aufwärts!

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