Samstag, 18.11.2017
Danielle de Picciotto & Friends in Conversation

Laura Ortman “Musik gab mir den Fokus, der mir als Teenager und hormonell aufgewühltes, braunes Mädchen fehlte.”

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Photo by Jock Soto, Santa Fe, NM 2017

2009 wurde ich eingeladen, zusammen mit Alexander Hacke für einen Roland S. Howard Memorial-Abend zu spielen, da der Australier in diesem Winter leider viel zu früh gestorben war. Der Veranstaltungsort war ein kleiner Club neben der Brooklyn Bridge, versteckt unter ihren schweren Backsteinmauern, dunkel und ziemlich heruntergekommen, aber der Abend war in jeder Hinsicht unvergesslich.

Zunächst trat Peter Mavrogeorgis von den Bellmer Dolls auf, der ein eindrucksvolles Solo-Set an der Gitarre spielte. Als nächstes sangen And The Wiremen ihren traurigen Jazz-Blues im Geiste der 1920er Jahre – ich verliebte mich sofort in ihren Sound und verfolge ihre Aktivitäten seitdem begeistert. Und dann trieb mir Greg Garing 30 Minuten lang mit seinen melancholischen Country-Melodien die Tränen in die Augen; er sah nicht nur so aus, als stamme er aus einem anderen Jahrhundert, sondern klang auch wie Hank Williams zu seinen düstersten Zeiten, nur dass Greg auch elektronische Sounds verwendete, um seine Songs zu zeitgenössischeren, experimentellen Balladen zu verwandeln.

Doch erst als Laura Ortman auf die Bühne kam, wurde das Publikum in dieser Nacht völlig still. Der Abend war bis dahin schon eine magische Zeitreise, aber ihre verträumten Melodien, gemischt mit rohen Geigengeräuschen, elektronischen Samples, einem kleinen Megaphon und ihren geflüsterten Texten führten uns in ein mystisches Land von Geistern, Wüstendünen und Voodoo-Gesängen und hypnotisieren das Publikum. Wir fühlten uns wie staunende vor dem Kamin sitzenden Kinder, die Geschichten aus dem Jenseits zuhörten und die Rowland so perfekt verabschiedeten.

Ich sollte das Konzert jahrelang nicht vergessen, also habe ich 2012, als ich mit Crime & The City Solution unterwegs war, sie als Gast für unsere Show in New York City vorgeschlagen. Crime waren bereit mir diesen Wunsch zu erfüllen und wir konnten so ihre Musik noch einmal erleben, die genauso stark war wie zuvor.

Laura und ich wurden Freunde, verbrachten viel Zeit miteinander, wann immer ich in New York war, gingen zu Shows und trafen uns bei Bekannten. Laura ist eine White Mountain Apache, und ihre Kultur spürt man in allem, was sie macht. Sie verwandelt ihr Leben in Brooklyn als Komponistin, Musikerin und bildende Künstlerin in eine faszinierende Mischung aus Tradition und Avantgarde. Sie bei der Arbeit an ihrem zweiten Album zu beobachten war beeindruckend, denn sie gab trotz der harten Konkurrenz und hohen Preisen, die das Leben in New York prägen, nicht auf bis die Platte gemastert war. Um ihr neues Album zu unterstützen, habe ich Anfang 2017 ein kleines Video mit ihr aufgenommen und freue mich, sie und das Video hier bei Kaput präsentieren zu können.

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Filip Wolak photo for the Whitney Museum of American Art 2017

Danielle de Picciotto: : Laura, du hast gerade deine neues Album “My Sound Remainer” veröffentlicht. Der Titel ist sehr stark. Hat das Album ein bestimmtes Thema, einen roten Faden?
Laura Ortman: “My Soul Remainer” ist das Ergebnis meiner kontinuierlichen Arbeit. Jedes Soloalbum braucht Jahre zum Entstehen und Jahre bis es veröffentlicht werden kann. Es sind Home-Recordings, die dann in dem fantastischen Studio von Martin Bisi in Brooklyn zum Leben erweckt werden. Ich untersuche alle meine zuhause gemachten Aufnahmen und sehe dann, was den Test der Zeit überstanden hat. Dies ist mein drittes Soloalbum. „My Soul Remainer“ bringt Dinge ans Licht, sie begrüßen den neuen Tag, Schritt für Schritt.

Was inspiriert dich? Beginnst du mit den Texten oder mit der Musik?
Meine Inspirationen stammen von meinen Freunden, meinem Umfeld und der allgemeinen Atmosphäre. Wenn man wie ich zwanzig Jahre in New York gelebt hat, bekommen das Gehirn und die Psyche ganz schöne Furchen. Man muss nur jeden Tag raus gehen und die verrückte Dynamik des zusammen gewürfelten städtischen Lebens in sich aufnehmen, um damit direkt an die Arbeit im Studio zu gehen und etwas Sinnvolles im kreativen Bereich daraus zu machen. Es ist eine Mischung aus Magie, Blut, Schweiß und Tränen. Ich kann es mir nicht leisten, hier zu leben, aber es ist mein Zuhause und meine Community, etwas, das ich nicht für selbstverständlich nehmen kann und was mich seit dem ersten Tag inspiriert.

Wie hast du angefangen Musik zu machen?
Ich begann mit der Geige, als ich sieben Jahre alt war. Meine Oma Hummer war eine wunderbare Symphonie-Geigerin in Des Moines, Iowa. Sie hatte ein Herz aus Gold und lächelte, egal was passierte. Meine Violinlehrerin von der fünften Klasse bis zum Abitur war ein großer Einfluss bei meiner Suche nach einer eigenen musikalischen Stimme. Ich war als Kind schüchtern, aber immer aufmüpfig. Die Lektion sich so zu konzentrieren, so dass man eine Bach-Sonate lernen konnte, bedeutete mir sehr viel und half mir ungemein weiter. Musik gab mir den Fokus, der mir als Teenager und hormonell aufgewühltes, braunes Mädchen fehlte. Sie hat mir vielleicht das Leben gerettet.

Beeinflussen einheimische Traditionen deinen Klangansatz?
Indigene Traditionen wie beispielsweise das Gesicht mit Asche zu beschmieren, das Lachen, Massieren, Laufen, Weinen sind in meinem Blut. Ich höre meiner Familie und den Familien meiner Freunde zu und sehe, was passiert. Es ist immer gut, deinen Platz als eine indigene Seele auf dieser Erde zu finden und zu respektieren, und sich ohne Vorurteile auszudrücken.

Was sind deine Pläne für die Zukunft?
Ich möchte einen Monat lang nach Mexiko City gehen und mit der einheimischen Künstlergemeinde zusammenarbeiten, um zu sehen, ob wir ein NYC / MC-Kontingent entwickeln können.

 

Andere über Laura Ortman 

“Laura Ortman schreibt und komponiert verschiedene Arten neuer und unkonventioneller Musik, die Kategorien und Genres, Stimmungen und Ideen vermischen, sowohl kulturell als auch experimentell. Sie hat einige Musiken für unabhängige Filmemacher komponiert und eine umfangreiche Liste von Performances und künstlerischen Kollaborationen in Ihrer Vita. Sie nimmt weiterhin auf ihrem 4-Spur-Tonbandgerät auf und produziert Stücke, die isolierte Geräusche aus ihrer Umgebung wiedergeben.” 
(Native Arts and Cultures Foundation)

“Laura Ortman arbeitet musikalisch mit amerikanischen Ureinwohnern und Filmemachern wie Alan Michelson, Nanobah Becker, Raven Chacon, Jock Soto, Sterlin Harjo und Blackhorse Lowe zusammen. Sie war Mitglied der gefeierten, genresinnigen New Yorker Band Stars Like Fleas, die im Centre Pompidou und im Museum of Modern Art auftrat und zwei Soloalben mit Violine, Apache-Violine, Klavier, E-Gitarre, Samples, Megaphon und Organ herausbrachten.”
(RPM)

  • Auszeichnungen:
    2017-18 JEROME FOUNDATION FELLOWSHIP
    2016 ART MATTERS GRANT AWARDEE
    2016 NATIVE ARTS AND CULTURE FOUNDATION FELLOWSHIP
    2014 RAUSCHENBERG RESIDENCY
    2015 Social Engagement Residency at IAIA’s Museum of Contemporary Native Arts Santa Fe, Artist¬-in¬Residence, Issue Project Room NYC
    2008 First Nations Composers Initiative COMMON GROUND

 

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