Dienstag, 22.05.2018
Danielle de Picciotto & Friends in Conversation

Pflanzen sind Heilige

Olga-Volchkova_02

Olga Volchkova

Ich traf Olga Volchkova 2010 in Mexiko. Ich feierte Silvester in Tulum mit einer Gruppe von internationalen Freunden und Musikern, die am Neujahrsabend alle gemeinsam auftraten und in der Sonne rumhingen. Olga war im selben Hostel und wir wurden schnell Freundinnen. Ich habe während dieser Zeit auch ein Musik Video gedreht und sie gebeten, für mich zu tanzen. Wir hatten so viel Spaß, dass ich sie bat, als ich ein Jahr später, ein paar Musikvideos für die Crime & The City Solution machte, wieder für mich zu modeln und besuchte sie in Eugene, Oregon. Erst dort wurde mir klar, dass sie eine außergewöhnliche Ikonen-Malerin ist. So bescheiden wie sie ist, hatte sie es mir während unserer Kollaborationen nie erzählt.

Ihr Haus war mit schönen Gemälden im traditionellen russischen Stil gefüllt, nur dass ihre Themen etwas anders waren als die der typischen Ikone, wie sie auf einem Antiquitätenmarkt gekauft werden kann. Olga ist nicht nur eine ausgebildete Ikonen-Malerin, die in einer russischen Schule das Handwerk gelernt hat, sondern auch eine talentierte Landschaftsgestalterin. Sie hat über die Jahre unglaublich viel Wissen über Blumen, Kräuter und Gewürze gesammelt, das sie in ihren Alltag integriert, sei es beim Dekorieren von Häusern, beim Kochen und Backen traditioneller russischer Rezepte oder bei der Pflege ihrer vielen schönen Gärten. Sie spielen eine so große Rolle in ihrem Leben, dass sie anfing, Ikonen für sie zu malen. Sie hat Ikonen für Kaffee- und Schokoladenpflanzen, Rosen und Kirschen, Marihuana, Chili, Salbei und Zimt gemalt. Sie erforscht alles, was sie über die verschiedenen Pflanzen und Kräuter lernen kann, sei es historisch, medizinisch, in Religion oder Literatur, und erschafft dann ein wunderschön gestaltetes Universum aus detaillierten Attributen, die dieser einen Pflanze zugeordnet werden.

Olga ist eine jener seltenen Künstler, die in Ruhe ihre Kunst schafft, ohne in das hektische Durcheinander der Metropolen zu geraten. Sie verbringt ihre Zeit mit kontinuierlicher Arbeit an ihren Bildern, liest und erfindet neue Rezepte, verwandelt jeden Winkel in ihrem Haus und Garten in ein magisches Reich der Schönheit und bleibt in Kontakt mit ihrer russischen und internationalen Familie. Eine russische Frida Kahlo … Sie wurde inzwischen von Museen entdeckt und stellt international aus, wann immer ihr Garten es zulässt. Sie ist eine wahre Inspiration und es ist mir eine große Freude, sie hier vorzustellen.

Olga-Volchkova_03

Olga Volchkova in her studio

Danielle de Picciotto: Was genau sind Ikonen?
Olga Volchkova: “Ikone” bedeutet “Bild” auf Griechisch. Wir meinen normalerweise ein religiöses Kunstwerk, typischerweise ein Gemälde, aus der östlichen christlichen Tradition. Ikonen stellen die Ereignisse im Leben von Heiligen und die wichtigsten religiösen Feiertage dar. Sie sind als eine Verbindung zwischen den Menschen und Gott gedacht. Die meisten russischen Ikonen werden mit Eitempera auf speziell vorbereiteten Holzpaneelen oder auf mit Holzpaneelen verklebtem Stoff gemalt. Für die Heiligenscheine und Hintergrundbereiche wird Blattgold verwendet. Es gibt viele Geheimnisse in jedem Prozess. Zum Beispiel ist die Farbe aus mit Stein gemahlenen Mineralien und Eigelb gemacht, aber um es perfekt hinzubekommen, muss das Eigelb mit drei Teilen Wasser und ein paar Tropfen Essig gemischt werden.

 Wie und wo hast du Ikonenmalerei gelernt?
Ich habe die Kunstschule in Tver auf dem Gebiet der klassischen Malerei und Restaurierung (Öl und Tempera) besucht. Parallel dazu habe ich dort auch Ikonen-Malerei studiert. Es war meine zweite Schule, an der ich an den Wochenenden studierte. Nach ein oder zwei Jahren fing ich an, für diese Ikonen-Schule als Maler und Restaurator zu arbeiten. Wir malten Ikonostasen für Kirchen in ganz Russland. Ich reiste mit einem Team in einem kleinen Bus, voll mit Werkzeugen, Holzbrettern und goldenen Holzschnitzereien, um eine Woche in einem Kloster zu schlafen. Es war ein großartiges Abenteuer und man konnte das Ergebnis unserer Arbeit direkt vor Ort sehen.

Wie hast du angefangen, deine Pflanzenikonen zu malen, oder wie würdest du sie nennen?
Irgendwann langweilig es mich,Olga-Volchkova_01immer die gleichen Bilder von christlichen Heiligen malen zu müssen. Die orthodoxe Kirche ist sehr streng in Bezug auf die Ikonographie, so dass ein Künstler nicht einmal das kleinste Detail der Komposition verändern kann. Ich fühlte mich in diesem Regelwerk zu eingeschränkt. Während dieser Zeit begann ich surreal bunte Bilder zu malen, die meinen eigenen Weg und meine Möglichkeiten erkundeten. Zur gleichen Zeit arbeitete ich als Gärtnerin, pflegte und pflanzte private und öffentliche Gärten und lernte viel über Pflanzen, zum Beispiel, wie man einen perfekten Garten für vier Jahreszeiten kreiert. Man modelliert die Pflanzen, um dem Garten zu helfen, sich auszudrücken. An diesem Punkt begann ich, Ikonen-Malerei zu vermissen und meine Liebe und mein Glaube an die Natur verwandelten sich in die “Garden Saints”-Gemälde. Ich glaube, dass meine Ikonen Geschichten über Menschen und Pflanzen erzählen, die durch ihre Zusammenarbeit die Erde zu einem besseren Ort machen. Eine Welt, in der Menschen die Natur respektieren, wertschätzen und nicht missbrauchen. Pflanzen sind Heilige, sie geben uns Luft zum Atmen, Häuser, Nahrung, Stoffe und Medizin.

Olga-Volchkova_05Woran arbeitest du gerade?
Im Moment arbeite ich daran, Eugenes besondere Pflanzen zu kanonisieren. Zum Beispiel – Kale, das heißt Grünkohl, der hier so gut wächst. Nur in Eugene findet man eine so endlose Vielfalt an Grünkohlprodukten, Grünkohl-Frühstücksbrötchen (mein absoluter Favorit, die sind so lecker!), Grünkohlsuppen, Säfte, Beilagen, Pommes, Grünkohl-Caesar-Salat, Pasta und Grünkohl-Dolmen finden. Die Pflanze selbst hat schöne Texturen und Formen. Sie schreit danach gemalt zu werden.
Camas ist eine weitere heimische Pflanze in Oregon, die indigene Völker jahrhundertelang als Grundnahrungsmittel verwendeten. Sie verbrannten Felder, gruben Blumenzwiebeln ein und machten Mehl, um köstliches Brot zu backen. Diese Tradition wird immer noch von unseren lokalen Handwerksbäckereien praktiziert. Wenn die Camas im Spätsommer mit einer hellblauen sternförmigen Blume blühen, werden die grünen Felder von Oregon sehr festlich und überirdisch schön. Es ist also in jeder Hinsicht absolut göttlich.
Außerdem plane ich, die Oregon-Traube, ein sehr starkes natürliches Antibiotikum, sowie Haselnüsse und Rhododendren zu malen, alle einheimischen Pflanzen, die hier hoch angesehen sind.

Olga-Volchkova_04Was sind deine Zukunftspläne?
Alle meine Bilder erzählen Geschichten. Irgendwann, wenn ich genug Bilder habe, würde ich gerne ein Buch machen, in dem ich die Bedeutung der Bilder und Symbole erklären kann. Pflanzen machen unser Leben auf der Erde nicht nur möglich, sie haben auch Künstler und Dichter durch unsere Menschheitsgeschichte inspiriert. Bevor ich mit einem neuen Gemälde anfange, mache ich viel Recherche. Es wäre schön, diese Gedanken mit der Welt teilen zu können.

Olga Volchkova hat einen wunderschönen Kalender für Pomegranate Publishing entworfen.
Olga-Volchkova_06 
Verlagssitz
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop Aquinostrasse 1 | Zweites Hinterhaus, 50670 Köln | Germany
Team
Herausgeber & Chefredaktion:
Thomas Venker & Linus Volkmann
Autoren, Fotografen, Kontakt
Advertising
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop
marketing@kaput-mag.com
Impressum – Legal Disclosure
Urheberrecht /
Inhaltliche Verantwortung / Rechtswirksamkeit
Kaput
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop ist eine Publikation des Verlagshauses Kaput.