Montag, 26.06.2017
Danielle De Picciotto / Alexander Hacke im Gespräch mit Martin Eder

Alle wollen ewig leben.“

Dessert_07Fünf Jahre reisten Danielle De Picciotto und Alexander Hacke zuletzt Nomadengleich um die Welt. Es war eine Art Berlinflucht, eine Abkehr von jener Stadt, die den beiden seit den frühen 80er Jahren so lange eine kreative und soziale Heimat gewesen war, die ihnen aber ab Mitte der Nullerjahre zunehmend nur noch ausgeblichen und fremd vorkam. In der Vorstellung der beiden klang alles so leicht und einfach: man würde sich einfach ein paar Städte anschauen und sich dann neu niederlassen. Gesehen haben sie seitdem viele Orte auf allen Kontinenten und doch sind sie letztlich wieder mit in Berlin gelandet, einfach da sich in Europa keine bessere Option als Ergänzung zu ihrem New Yorker Atelier ergeben hatte.

“Perseverantia”, das gemeinsame Album der beiden, das dieser Tage auf Potomak, dem Label der Einstürzenden Neubauten erscheint, entstand in der Mojave Wüste im Hinterland von Los Angeles. Ein Ort, der es ihnen auf der Reise besonders angetan hat und den sie gleich mehrfach aufsuchten. Man merkt den Stücken an, dass die beiden auf dem Weg keineswegs die Hoffnung verloren haben. Im Gegenteil, so kritisch De Picciotto und Hacke unsere gentrifizierte Welt sehen, so neugierig und lebensbejahend gehen sie nach wie vor an die Kunst heran.

Für Kaput hat der Künstler Martin Eder die beiden in ihrem neuen Wohnatelier in Berlin besucht und mit ihnen über Vulkane, Hypnose, Voodoo und den heiligen Geist gesprochen.

 

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Danielle De Picciotto

Paartanz auf dem Vulkan

Martin Eder: Du bist doch aus Neapel, Danielle, oder?
Danielle De Picciotto: Ne, ich komme aus Tacoma in Amerika, aber ich habe sizilianische Wurzeln. Wie kommst du darauf?
Eder: Weil ich am Wochenende nach Neapel fliege und dann mit der Fähre nach Stromboli fahre.
Alexander Hacke: Den Stromboli-Mythos kennst du, nicht wahr? Wenn man als Paar nach Stromboli fährt, dann trennt man sich entweder oder man bleibt für immer zusammen.
Eder: Oh, scheiße, ich reise als Paar dahin.
De Picciotto: Ich war da Mal mit einer Gruppe von 12 Leuten, um den Feuerkünstler Kai Karawan, der Reisen veranstaltet, um Vulkane zu besichtigen. Das waren sechs Paare – alle getrennt.
Eder: Ach du scheiße.
Hacke: Das ist der Stromboli-Mythos.
De Picciotto: Ingrid Bergmann hat sich nach „Stromboli“, den sie dort gedreht haben, auch von Roselini getrennt.
Eder: Das wär nicht so gut, wir sind erst ein halbes Jahr zusammen.
Hacke: Oder ihr bleibt für immer zusammen.
Eder: Das ist aber auch nicht so leicht, ich hab schon genug Stress. So ein bisschen wär okay.
Hacke: Die Herrenzeitschrift Detail hat in den 90er Jahren eine Ausgabe publiziert, für die prominente Gastautoren Essays geschrieben haben. Neil Tennant von den Pet Shop Boys schrieb damals ein super Essay zum Power of negative thinking. Und Ice T über die besten Art Frauen kennenzulernen, die besten Pick Up Lines – der letzte Satz ging darüber, wie man sie wieder los wird und endete mit der Erkenntnis: da bin ich kein Experte!
De Picciotto: Das hat Ice T gesagt?
Hacke: Ja. Okay, lasst uns loslegen. Yogi Tee?
Eder: „Du bist unbegrenzt“, steht da auf der Packung drauf.

 

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Martin Eder

Unter Hypnose

Hacke: Das Gespräch ist für Kaput – Magazin für Insolvent & Pop. Nicht schlecht. Die haben sogar eine Facebook Seite.
Eder: Ist doch cool. Let´s do it.
De Picciotto: Martin, erzähl doch du Mal zu Beginn, wie es bei „Black Hole“ war. Wir hatten noch überlegt hinzugehen, man soll sich ja gegenseitig unterstützen, aber da war es schon ausverkauft.
Eder: Hättet ihr doch was gesagt, man hätte ja noch ein paar Stühle reinstellen können. Das wäre gegangen. Ich habe in der Vergangenheit ja bereits ein paar Mal mit Kaleidoskop gearbeitet – habe ich euch die Platte denn gegeben? Die liegt im Auto, hole ich nachher. Das ist ein Solistenensemble mit Streichern, zwischen 12 und 17 Mann, das neue Klassik macht. Wahnsinnig gute Musiker und offen für alles, die spielen Festspiele und Ruhrtrienale und so. Ein Freund von mir, Michael Rother, der ist sehr Metal- und Droneaffin und mit dem habe ich in der Volksbühne auch schon zwei, drei Konzerte gegeben, und nun haben wir eben dieses Stück namens „Black Hole“ aufgenommen. Ich habe mich in den letzten Jahren intensiv mit Hypnose beschäfigt, ja, sogar Hypnose-Therapie studiert und da ein Diplom drin gemacht.
De Picciotto: Jetzt wirklich?
Eder: Ja. Musik besitzt ja hypnotische Eigenschaften, so dass man beim Hören in Trance fallen kann. Wir kennen das ja von Technomusik über Tribal-Drumming bis hin zu esoterischer Musik. Wir wollten das Phänomen ausloten und etwas machen, was es so noch nicht gibt: die Hypnose in den Konzertraum bringen. Dazu haben wir uns mit dem ganzen Themenspektrum beschäftigt: mit den Trauerritualen, den Sterbevorgängen, dem Prozess des Sichfallenlassens, der Frage nach dem, was danach kommt, mit Abschied und Rebirth. Und das ganze Gruffti-Ding: was hinter dem Spiegel wartet. Dazu haben wir dann Musik ausgesucht: von klassischer aus dem 16. Jahrhundert bin hin zu Noise und Drone aus den 70ern , aber in eigenen Versionen, versehen mit elektronischen Hallräumen. Das Ziel war es, dass alle Zuschauer umfallen und am Schluss wie in einem Massengrab auf Joga Matten rumliegen. Hunderte von Leuten.
De Picciotto: Und das hat funktioniert?
Eder: Oh ja. Die Szenerie müsst ihr euch so vorstellen: ein komplett schwarzer Raum, in dem die Leute in Stuhlreihen um uns herum saßen. In der Mitte befand sich ein schwarzer Kubus aus Gaze, semi-transparent direkt vor mir, in dem sich die Musiker befanden. Ich habe das Bühnenbild gestaltet und gebaut. Auf den Kubus wurden vier Videos drauf projiziert, Köpfe, Pixel und Linien. Man sah je nach Lichtlage die Leute dahinter laufen oder die Schatten der Leute, die davor saßen darauf. Sehr minimal und dunkel und nebelig. Sehr spooky. Irgendwann wurden die Leinwände hochgezogen und Matten ausgeteilt – es kam dann zu Induktionen, bei denen die Leute durch Luft zu wackeln begannen.
De Picciotto: War das abgesprochen?
Eder: Ne, das waren ja fremde Leute – und jeden Tag neue. Die fielen dann teilweise nach hinten um, wurden aber natürlich aufgefangen. Die waren richtig steif und weggetreten.
De Picciotto: Durch Hyptnose? Toll.
Eder: Die Stimmung war sehr mystisch. Als dann plötzlich die Leute peu a peu aufgefangen und in Reihe gelegt wurden, kamen bei den Anderen Ängste auf: Will ich das überhaupt? Oder soll ich gehen? Lange Rede, kurzer Sinn: am Ende lag das gesamte Publikum in Reih und Glied wie in einem Katastrophenfilm in der Turnhalle. Dann ging ein Laser an, den ich aber flach legte, so dass er auf Kniehöhe wie ein Nebel, unter dem alle lagen, sich ausbreite. Beim Aufwachen kamen sie dann wie Zombies aus dem Nebel, im roten Licht wirkte das wie eine Wiedergeburt. Die Leute brauchten teilweise 30 Minuten zum Wiederaufwachen. Es war ein schöner Trip, bei dem wildfremde plötzlich zu einer Einheit wurden.
De Picciotto: Das hört sich sehr heftig an. Bekamen die Teilnehmer das denn aktiv mit?
Eder: Die Musik lief weiter und war darauf ausgelegt, diesen Film zu unterlegen. Jeder reagiert da anders: der eine entspannt sich nur, der nächste schläft nach dem harten Tag ein, und andere wiederum sehen Bilder. Einer berichtete beispielweise davon, Leichengesichter und Skelette gesehen zu haben. Eine bekam einen Nervenzusammenbruch und Krämpfe.

 

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Alexander Hacke

Pilgerfahrt ins Innere

Hacke: Wir waren in der Mojave-Wüste, in der Nähe von Joshu Tree an einem Ort namens The Integrton. Ein deutscher Freak, ein Wissenschaftler hat an diesem in den 50ern auf einem Energiepunkt in der Wüste einen Dom für seine Sekte gebaut. Inzwischen hat eine Gang von Hippies den Dom übernommen und veranstaltet dort Soundbäder, bei denen große Kristallschaalen in Schwingung versetzt werden. Ich hatte dort selbst schon hypnotische Erfahrungen.
De Picciotto: Wir sind da mit Jim Slavounos und seiner Frau hingefahren, die einen Termin hatten. Doch auf dem Weg hat uns der Navi in die falsche Richtung gelenkt, so dass wir plötzlich in der Wüste an jenem Punkt herauskamen, an dem der Legende nach der Professor sein unterirdischer Studio hatte und wo dieser anscheinend mit Aliens in Kontakt getreten ist. Wir verpassten deswegen dann unseren eigenen Termin, was aber nicht so schlimm war, wir bekamen später eine Sondersitzung.
Hacke: Dort hatte ich eine Out-of-Body-Experience. Ich wusste, dass ich da liege, ich fühlte mich dort, aber ich lief zugleich durch den Raum.
Eder: Hypnose ist ein großes Feld, über das man lange reden kann.
De Picciotto: Benutzt du es auch für die Kunst?
Eder: Es hat für mich viel damit zu tun. Hynose gilt allgemeinhin ja als mysteriös, aber eigentlich ist es eine Wissenschaft. Es wird dabei das Glaubenssystem im Gehirn beeinflusst. Wenn man sich darauf einlässt, geht es schon mit dem ersten Gong los, und plötzlich sind die Grenzen sehr fließend zwischen realem und nicht realem. Wo fängt die Fantasie an? Wo wird sie zur Realität? Auf die Kunst übertragen bedeutet das: ist es ein gutes oder ein schlechtes Bild? Wieviel ist es wert? Letztlich sind das doch alles Glaubenssysteme. Das schöne an Hypnose ist, dass dieses Glaubensystem unabhängig vom materiellen Wert ist. Aber noch mal: Was ist Kunst? Woher kommt sie? Wer sagt was gut oder was schlechte ist?
De Picciotto: Das ist so bei jeder Sache. Wir sind ja seit 2010 als Nomaden unterwegs gewesen. Wir wollten unseren Horizont erweitern und einen Ort suchen, der ein Zuhause werden könnte. Es sollte ein Ort sein, der Künstler unterstützt. Nach einem Jahr merkten wir, dass diese äußere Reise es nicht ist, sondern dass man diesen Ort nur durch eine innere Reise finden kann. Es war wie eine Pilgerfahrt. Es ist total verrückt, wie schnell das nach Innen ging. Wir waren zwar fünf Jahre lang überall auf der Welt unterwegs, aber mit dem Äußeren hatte das wenig zu tun. Denn du kannst am tollsten Ort der Welt sein, deine Einstellung und Haltung ist letztlich das entscheidende.
Eder: Einmal um den Globus.
De Picciotto: Australien, Amerika, Europa.
Hacke: Wir waren natürlich viel in den USA.
Eder: Wie geht das? Habt ihr im Zelt gewohnt? Im Auto?
De Picciotto: Überall. Teilweise hatten wir Residencies an Kunstorten, dann waren wir auf Tour und oft in Hotels, oder bei Freunden. Wir mussten immer ein Jahr im vorraus planen. Das hat uns komplett verändert. Die Themen wurden andere.
Eder: Du meinst, das hat euch künstlerisch verändert?
De Picciotto: Künstlerisch und privat.
Eder: Gib mir mal ein Beispiel.
De Picciotto: Was ist ein Zuhause? Ich habe kein Zuhause! Ich bin in Amerika geboren, lebte dort aber nach meiner Geburt nur zwei Monate und bin seitdem quasi unterwegs. Dein Zuhause liegt dort, wo deine Menschen sich befinden. Alex ist in Berlin groß geworden, ist das deswegen sein Zuhause?
Hacke: Der Fokus ändert sich. Wenn man davon ausgeht, dass es keinen Unterschied zwischen Geist und Materie gibt und Träume genauso Erfahrungen sind wie wirkliche Erfahrungen, lediglich mit dem Unterschied dass man sich oft nicht danach daran erinnern kann, dann ist alles in Vibration. Wenn man also alles, was man an materieller Sicherheit besitzt weghaut: die Wohnung, den Freundskreis, die Produktionsmittel – dann reduziert man sich auf sich selbst und fängt an nachzudenken, wer man ist und wie man tickt und wie man in der Welt funktioniert. Wir haben deswegen viele Sachen in unseren Leben verändert und vor drei Jahren beispielswesie aufgehört zu trinken.
De Picciotto: Und wir leben nun vegan.
Eder: Aber das warst du doch schon immer, Alex.
Hacke: Ich war Vegetarier, aber Danielle war ne richtige Fleischesserin. Mit dem Trinken kam das so, dass wir auf der Reise immer damit konfrontiert waren, dass alle, die wir besuchten, mit uns trinken wollten. Also ganz so wie es einer Band auf Tour immer wiederfährt. Einfach weil man sich so lange auf uns gefreut hat und nun eben saufen will. Das ist ja auch verständlich. Wenn man dann sagt, dass man aber schon gestern getrunken hat, dann beleidigt man die Leute. Aber wenn man gar nichts trinkt….
De Picciotto: Ein anderes Beispiel für die Veränderungen: jeder von uns durfte nur einen Koffer auf die Reise mitnehmen, für Kleidung und Arbeitsmittel. Das musste teilweise für sechs Monate reichen und drei Jahreszeiten. Es ist verrückt, was das mit dir macht, wenn du dich reduzieren musst. Als wir 2010 unser Haus aufgaben haben wir nur ein Drittel unseres Besitzes behalten und eingelagert – und genaugenommen brauchen wir diese Sachen auch nicht mehr. In dem Moment, wo man diese Dinge aufgibt, entsteht Platz für neue Sachen. Es ist Mindblowing.
Eder. Das glaube ich.
Hacke: Es befreit von dem Scheiß, den man besitzt.

 

„Die Mieten spiegeln sich in den Seelen der Menschen wieder.“

De Picciotto: Man bekommt ein ganz anderes Verhältnis zu Menschen. Auf Tour ging ich früher generell nur ins Hotel und wollte nie privat übernachten. In den fünf Jahren haben wir aber quasi immer mit Menschen zusammen gelebt. Das hat soviel gesprengt. Deswegen haben wir jetzt auch die Arbeitsräume hier: wir wollen gar nicht mehr so klein leben, also nur wir zwei zusammen. Es ist eine andere Art von Auseinandersetzung miteinander, wenn man mit Menschen zu tun hat ohne sich zu verabreden.
Eder: Aber ihr seid dann doch wieder hierher zurückgekommen und nicht beispielsweise auf Ibiza geblieben, wo schönes Wetter herrscht.
Hacke. Wir mussten festgestellen, dass die Probleme, die wir als Berliner Probleme verortet hatten, globale sind. Berlin hat im Vergleich tatsächlich noch viele Vorteile gegenüber anderen Communities für uns als selbstständige Künstler. Ein Problem, das wir in Berlin vor unserer Reise hatten, war, dass wir uns abgegrenzt hatten, richtiggehend einen Cocon um uns angelegt hatten. Nachdem wir die Welt bereist haben, ist es nun unser Plan hier an eine offene Szene anzudocken.
De Picciotto: Global gesprochen.
Hacke: Wir haben durch die lange Reise jetzt Verbindungen, die weit über den Tellerrand der Stadt Berlin oder Deutschland hinausgehen.
De Picciotto: Die anderen Städte sind so knallhart teuer geworden.
Eder: Berlin ist immer noch die billigste Hauptstadt Europas.
De Picciotto: Die Umstände färben auch auf die Menschen ab. Wenn es so hart wird, werden auch die Menschen hart. Das führt zu dieser Hollywood-Mentalität: Ist die Person wichtig oder nicht? Die Mieten spiegeln sich in den Seelen der Menschen wieder.
Eder: Ich werde ja aktuell aus meinem Atelier rausgeworfen. Satt der 5€ pro Meter, die ich bis dato bezahlte, soll es nun 20€ kosten. Ich habe daraufhin einen Brief an den Vermieter geschrieben, dass das nicht nur irgendeine Immobilie für mich sei, sondern mein Atelier und was da alles dran hängt. Da kam dann nur zurück, dass das irrelevant sei. Das Haus gehört irgendwelchen Franzosen, die das gekauft haben um damit Profit zu machen. Die Mieten spiegeln sich in den Seelen der Menschen wieder.
De Picciotto: Und weil es Gewerbe ist, hast du keine Rechte.
Eder: Drei Monate und raus. Naja, schauen wir mal, wie es läuft. Um die Frage zu beantworten: ich teile eure Perspektive da.
De Picciotto: Wie wollen eigentlich nach Amerika ziehen, aber die Politik da ist uns derzeit zu heikel.
Hacke. Ich hatte über die letzten drei Jahre ein O1-Visa für freischaffende Künstler und konnte damit ein- und ausreisen wie ich wollte. Das ist jetzt ausgelaufen und wir wollen erstmal die Wahlen abwarten.

 

Voodoo Verführung

Eder: Ich habe gerade erst mit meiner Freudin eine dreiwöchige Reise durch Amerika unternommen, zuerst durch die Sümpfe von Louisanna und dann von Miami mit dem Auto nach New Orleans. Das Ziel war es, spirituelle Orte aufzusuchen. Beispielsweise Cas Vedas, ein echt schräger Ort, der seit 1840 existiert und die Heimat einer speziellen Community ist.
Hacke. Spirituell im Sinne dass die mit Geistern sprechen?
Eder: Ja, und zwar alle. An jeder Haustür steht ein Schild für Kartenleser und so. Wir haben dort viele Leute besucht und interviewt und gefilmt. Es gibt dort einen Unterhaltungspark für Christen namens Holyland. Da hat ein Multimillionär seinen Traum verwirklicht. Es gibt Löwen und Elefanten und jede Menge Schauspieler, die in Kutten rumlaufen. Mega strange. Wir waren jeden Tag woanders, trafen auch Voodoo-Typen. Ich habe dabei viel gelernt. Voodoo meint eben nicht nur, dass man einen Huhn den Kopf abbeißt, oder einer Puppe eine Nadel reinsteckt, das ist eine echte Religion, ein Lifestyle für die.
De Picciotto: Wie seid ihr auf die Orte gekommen?
Eder: Fett recherchiert. Wir hatten einen Lehrer aus New York, der uns viele Kontakte verraten hat. So lernten wir schräge Typen kennen, beispielsweise einen über Neunzigjährigen Astrophysiker, der über seine Astro- und Alienforschungen im Auftrag der Nasa auf den Esotrip gekommen ist. Der hat uns tolle Sachen über den Klang des Universums erzählt: Was ist der Sound? Was sind wir? Und plötzlich merkt man, wie alles zur Musik wird. Du spielst nicht mehr nur C-Dur, du hörst andere Klänge. Das war sehr erhellend.
De Picciotto: Hat dich das denn auch musikalisch beeinflusst? Hast du auf der Reise Musik gemacht?
Eder: Ja, es hat mich beeinflusst, aber nein, vor Ort habe ich nur aufgesaugt wie ein Schwamm. Das „Black Hole“ Ding war dann ein Resultat davon.
De Picciotto: Wird beispielsweise die Voodoo-Ästhetik in deine Kunst einfließen?
Eder: Ne, das muss man trennen. Wobei ich mich schon frage, was ein Bild so begehrbar macht, dass die Leute es unbedingt haben wollen. Worin liegt die verführerische Kraft in bestimmten Werken? Was ist der Reiz, dass die Leute so darauf reagieren und was kann ich dafür tun, dass sie es machen?
Hacke: Die Kunst der Verführung!
Eder: Welche Motive müssen da drauf sein? Wenn man mit Symbolen wie Tiere, Kinder, Nackte arbeitet, dann versteht diese jeder auf der ganzen Welt. Doch es gilt die gelernten Symbole so zu verknüpfen, dass dabei etwas herauskommt, was man nicht versteht. Das hat alles mit dem hynotischen Vorgang zu tun.
De Picciotto: Wo hast du denn zu Hypnotisieren gelernt? Hier?
Eder: Nein, in England bei Freddy & Anthony Jacquin. Es gibt generell verschiedene Schulen, viele in England, da dort die Hypnose ernster genommen wird als bei uns.
De Picciotto: Total. Ich hatte in der Schweiz mal einen Auftrag für ein Wandgemälde. Im Gebäude nebenan lebte eine Spiritualistin, die mir erzählt hat, dass es in England, Süddeutschland und der Schweiz die höchste Konzentration an Leuten gibt, die sich damit auseinandersetzen.
Eder: Diese Kirchen, die das Speaking-in-different-Tongues betreiben, sind geschlossene Communities, da muss man sich reinzecken. Wenn einem das gelingt, kann man erfahren wie irre es da drin zugeht. Die Menschen bekommen von den Priestern eine Gehirnwäsche verpasst. Thema: Feinde. Alle, die nicht so sind wie wir, sind unsere Feinde. Und alle so: Yeah. Alles Fremde, alles Neue wird verteufelt und die 300 Leute drumherum gehen dazu ab. Da kriegst du Gänsehaut. Das ist grauenhaft, was da abgeht.

 

Den heiligen Geist gefühlt: “Perseverantia”

Eder: Und was habt ihr hier jetzt vor?
De Picciotto: Erstmal bringen wir unser Album “Perseverantia” heraus, da geht es um unsere Reise und die Erfahrungen, die wir auf dieser gemacht haben, was wir lernen mussten, um sie zu überleben.
Eder: Ah, schön, da freue ich mich total drauf.
De Picciotto: Das Album erscheint im Mai und dann touren wir den Rest des Jahres.
Eder: Ihr habt Songs zu dem Thema geschrieben oder wie stellt man sich das vor?
Hacke: Als wir 2010 losfuhren, hatten wir gerade mit „Hitman´s Heel“ eine Platte mit Songs fertig gestellt, die wir so angelegt hatten, dass wir sie überall spielen konnten.
De Picciotto: Wie Straßenmusker.
Hacke: Für das neue Album und das Programm dazu haben wir unsere Erfahrungen in der Mojave Wüste verarbeitet, die Schwingungen, die wir dort fühlten. Herausgekommen ist dabei eine Art Drone-Musik, ich mache so Kehlkopfgesang und so Sachen.
Eder: Super.
Hacke. Es geht sehr um die Schwingung zwischen uns.
Eder: Ich habe auch ein neues Bandprojekt namens Lucid, ein Duo mit einem Freund. Deswegen auch die Reise nach Stromboli: mit einem Koffer voller Spielzeug abseits vom Schuss. Dort wollen wir all die esoterischen Sachen verarbeiten.
De Picciotto: Vulkane sind tolle, sehr besondere Orte.
Eder: Inwiefern?
De Picciotto: Die Energie dort ist so anders, extrem sprengend. Deswegen auch: Trennen oder Zusammenbleiben, in Stromboli geht das nur so. Ich war auch mal in Neapel wegen eines Kunstprojekts. Wir sind da mit 20 Berlinern hingefahren und alle hatten am Ende einen Nervenzusammenbruch: einer rannte die Autobahn runter, andere rasteten komplett aus – die Neapolitaner meinten nur, dass das ganz normal sei: die Energie des Vulkans.
Hacke: Ein Vulkan auf der Insel ist das Heftigste überhaupt. Da trifft das Element Erde auf das Element Feuer im Element Wasser – und das unter dem großen Himmel. Der perfekte Ort für kreative Arbeit, da du dort den heiligen Geist fühlen kannst.
De Picciotto: Ich bin ja in Tacoma auf einem Vulkan geboren. Er gilt mittlerweile als still, da er vor 30 Jahren zuletzt ausgebrochen ist.
Eder: Was nichts bedeutet, die können lange ruhig bleiben.
De Picciotto: Aber zurück zu deiner Frage: Wir wollen flexibel bleiben, uns die neu gefundene offene Struktur erhalten und mit dieser neue Wege gehen. Wir haben kein Zuhause, keine Wohnung im eigentlichen Sinne, sondern ein Zimmer, wo wir schlafen und zwei Studios, und ein Büro hier oben über dem Studio. Wir wollen einfach mal ausprobieren, wie das mit diesen vier Orten funktioniert. Es gilt eine andere Art für den Umgang mit Kunst und Menschen zu finden.
Eder: Das klingt gut.
De Picciotto: Die alten Strukturen funktionieren weder in der Kunst noch in der Musik noch. Wie wohnten denn die Spiritualisten, die du auf deiner Amerikareise getroffen hast?
Eder: Die haben natürlich alle kein Geld und wohnen dementsprechend sehr bescheiden und kämpfen sich von einer Kartenlegsession zur nächsten. Da liegen die Grenzen zwischen Gaunerei und Wahrheit sehr nah beieinander. Wenn man gut zuhört, merkt man schnell, was ein totaler Fake ist. Gerade in diesem Spiritualist Camp Casadega Florida konnten wir erleben, was es da für eine Industrie drumherum gibt. Aber was sollen sie machen, sie müssen ja von etwas leben. Da gab es beispielsweise Vorträge von einem Typen, der ganz viele Teddies um sich herum gelegt hatte und denen echt die Story vom Pferd erzählt hat – und alle Leuten hingen an seinen Lippen, und das waren nicht nur zahnlose, schräge Freaks, sondern auch ganz junge Leute.
De Picciotto: in Amerika kann man sowieso ganz andere Leute finden, als wir das aus Europa gewöhnt sind.

 

Hacke: Wir waren in der Mojave-Wüste in der Nähe der Salted Sea am Salvation Mountain. Das ist auch so ein Outsider-Art-Ort. Da ist jemand mit dem Fahrrad durch die Wüste gefahren, es hat ihn runtergeschlagen und ihm sind die Engel erschienen, die ihm sagten, dass er an dieser Stelle für „unseren Herrn Jesus Christus“ einen Berg bauen solle. Und so hat er also angefangen einen Berg zu erbauen und bemalen und dekorieren. Jetzt steht da eine riesige Installation mitten in der Wüste.
De Picciotto: Ja die ist super! Dahinter liegt Slab City, da leben all die Aussteiger in Wohnwagen. Das ist ein bisschen gefährlich dort, wie in einem „Sin City“-Comic, so „Mad Max“-artig. In der Wüste hinter diesem großen Berg mit dem riesigen Kreuz darauf. Total genial. Davor liegt das, wie heißt es noch mal: Babylon Bay?
Hacke: Da gibt es die Salted Sea, ein Wasserreservoir, das entstanden ist, als sie den unterirdischen Colorado River stauen wollten, aber das ging schief und es hat sich ein Staussee gebildet, ein Salzsee. In den 50er Jahren wollten sie daraus so eine Art Palm Springs machen, ein Erholungsgebiet für reiche Leute. Es funktionierte eine Zeitlang und es entstanden Komplexe – es gibt da einen Trailer Park, der in den 50ern aber eigentlich ein High-End-Wohnwagen-Park war – und der heißt Bombay Beach.
de Picciotto: Der See ist total giftig geworden und alle Fische darin sind gestorben – bis auf den härtesten Fisch.
Hacke: Es gibt nur noch einen einzigen Fisch, eine echte Monokultur.
de Picciotto: Du fährst vorbei und von oben sieht der See noch toll aus, aber es stinkt dermaßen. Es ist wirklich ein apokalyptisches Szenario, die perfekte Filmkulisse.
Hacke: Aber da wohnen noch Leute!

Eder: Klingt gut. Was für Existenzformen es doch gibt abseits von den unseren. Und die Leute leben da auch den ganzen Tag.
de Picciotto: Wie sieht denn deine Einstellung zum Zusammenleben aus? Sind unsere Strukturen überholt, bedarf es neuer künstlerischer und zwischenmenschlicher Formen?
Eder: Die helfen sich eben gegenseitig oder sie bekriegen sich gegenseitig. Es ist natürlich extrem fruchtbar, dass die sich alle zusammenrotten. Klar könnte man sagen, was ist der Sinn dahinter, wenn sich 500 Spirituelle zusammenfinden, die können doch nie alle Kundschaft finden. Da liegt es doch näher irgendwo hin zu ziehen, wo es keinen anderen gibt und es kommen alle zu mir. Ne, sie vertrauen darauf, dass so Leute angezogen werden. Außerdem wissen sie, wie verschroben sie sind und dass sie sonst keiner da draußen versteht. Das ist wie bei Künstlern und Musikern: eine Mischung aus Neid und gegenseitigen Geben.

Alle wollen ewig leben.

de Picciotto: Hast du denn auch Leute getroffen, die echt waren?
Eder: Doch, doch, ganz viele. Scharlatane, fake sind vielleicht um die 70%. Aber bei denen bemerkt man das schon beim Reinkommen. Wenn jemand sein Iphone heraus holt und damit ein Aura-Reading bei dir durchführt, dann ist alles klar. Aber es gibt eben auch Leute, die richtig was können. Das ist wie bei der Hypnose: Wenn es der Richtige macht, dann kann das was bewirken. Versteht mich nicht falsch, ich glaube nicht, dass diese Leute Superkräfte besitzen, aber ich glaube an „I put a Spell on you“ und moderne Witchcraft. Ich habe dort einen Vortrag besucht, der das mit den Spells erklärt hat. Das hat viel mit sich selbsterfüllenden Prophezeiungen zu tun. Wenn dir ein Voodoo-Priester auf Haiti entsprechend glaubhaft versichert, dass dein Bein nicht mehr weh tut, dann kann das so eine hypnotische Kraft in sich tragen, dass es wirklich nicht mehr schmerzt. Genau so, wie bei uns im Alltag ja auch Blockaden funktioniere und man beispielsweise seine Steuern nie hinbekommt, oder das mit dem Rauchenaufhören nicht klappen will – oder es geht eben plötzlich. Das ist alles nur im Kopf. Es ist doch etwas schönes, wenn man sich und andere zum Positiven hin beeinflussen kann. Es geht natürlich auch zum negativen: den anderen einen Banküberfall machen lassen.
de Picciotto: Wie lange machst du das nun schon?
Eder: Seit vier Jahren. Ich fahre immer mal wieder für ein paar Wochen nach England.
de Picciotto: Ich habe Mal Genesis P-Orridge interviewt, und er/sie hat auch gesagt, dass man heutzutage nicht mehr durch Revolutionen etwas verändern kann, sondern nur durch Seduction also Verführung.
Eder: Es besteht so ein großer Bedarf da draußen. Die Joga Studios sind voll, die Bio Läden sind voll, alle wollen ewig leben. Jeder will noch das letzte gesunde Körnchen finden. Die Leute haben einen Bedarf an Wundermitteln. Die Menschen sind enorm offen für solche Versprechen, sie dürsten danach.
de Picciotto: Und zugleich gibt es diesen schrecklichen Rechtsruck überall. All diese wahnsinnigen Sachen, wo man sich immer fragt, wie man all dem noch begegnen soll. Als Normade ist man dem ja noch mehr ausgelieferter, da man nicht seine eigenen vier Wände als Schutz besitzt. Wobei das eben auch sein Gutes hat, da man so den Platz sucht, wo man rational und gesund weitermachen kann
Eder: Habt ihr euch auf der Reise denn wie Beobachter gefühlt in den Leben der Leute? Ich frage das, da ihr ja nach gewisser Zeit immer wieder aus dem System der Leute rausgegangen seid.
de Picciotto: Es war ja so, dass wir uns überall, wo wir hingegangen sind, der Frage gestellt haben, ob wir dort bleiben könnten. Wir taten schon so, als ob wir hinziehen würden und identifizierten uns für die Zeit vor Ort total mit der Stadt. Wir sind da nicht als Touristen angekommen. Insofern setzt man sich schon damit auseinander, dass in Kalifornien das Wasser aus Fukushima ankommt oder dass es eine Dürreperiode gibt oder auch das Nestle in der Wüste das ganze Wasser aufkauft oder sich gar umsonst von den Indianern nimmt und dann teuer weiterverkauft. Man merkt irgendwann, dass es überall so ist, dass grauenhafte Korruption die Welt bestimmt.
Eder: Also Rückzug ins Private?
de Picciotto: Oder in die Kunst.
Hacke: Ich glaube, dass man, bevor man wiedergeboren werden kann, erstmal sterben muss. Das gilt im Großen wie im Kleinen. Bestimmte Strukturen müssen erst Mal in Schutt und Asche fallen bevor etwas neues entstehen kann. Das gilt im natürlichen Sinne, im gesellschaftlichen und auch auf persönlicher Ebene. Die Leute bemerken aktuell, dass bestimmte Sachen nicht mehr funktionieren und deswegen verrecken diese.
de Picciotto: Die Leute suchen nach neuen Wegen. Das merkten wir überall, wo wir hinkamen. In Los Angeles wohnten wir bei einer freundin, die als Bauherrin arbeitet und die während wir da waren an Projekten in Arizona und New Mexico arbeitete, wo gebäude aus Müll erichtet werden. In Arizona existiert eine Stadt, die seit den 70er Jahren so Gaudimäßig aus alten Materialien entsteht. Das ist ein ganz spezieller Ort, der zugleich der heißeste und kälteste ist, da herrschen Extremtemperaturen und das ist gut zum experimentieren. Diese Versuche haben etwas beruhigendes, das mir die Kraft schenkt, nicht zu verzweifeln. Das gilt auf jeder Ebene: ob Architektur, Kunst, Gesundheit, Natur oder auch Spiritualität.
Eder: Heftig.
de Picciotto: Das ist echt heftig. Wir waren ja noch noch nicht mal in Afrika. Warst du schon mal da?
Eder: Ne, noch nicht wirklich. Ich habe es nur Mal nach Marokko geschafft – wobei ich kurz davor war, im April für acht Tage nach Nairobi zu reisen, um dort an einem Projekt mit Slumkindern zu arbeiten. Ich sollte mit denen malen. Das habe ich aber abgesagt, da mir alles zuviel geworden ist. Für soetwas braucht man Kraft.
de Picciotto: Das hat ein Freund von mir, der an einem Kunstprojekt in Kenia mitgearbeitet hat, auch gesagt. Aber sag doch mal jetzt zum Schluss: Was steht denn bei dir dieses Jahr noch an?
Eder: Malen! Ich habe in diesem Jahr noch Ausstellungen in Mailand, Mexiko City, Luxenburg und London – letzteres bei Damian Hirst. Der hat die alten Werkstätten der Londoner Oper zu einem Museum umgebaut. Da er ab und an mein Zeug kauft, kam es zu einer Ausstellungseinladung bei ihm. Ich fragte: im welchem Raum? Er: im ganzen Haus! Es soll nun 2018 eine Retrospektive geben. Da muss jetzt bald was passieren.

Danielle De Picciotto und  Alexander Hacke auf Tour: 

09.05 Berlin, Roter Salon (official Berlin Record Release Party with Ghazi Barakat and Marta Collica as support acts)
13.05. Blue Shell Köln http://www.blue-shell.de/
14.05. Resonanzwerk Oberhausen http://www.resonanzwerk.de/      https://www.adticket.de/Alexander-Hacke.html
17.05 Frankfurt Das Bett http://www.bett-club.de/cp_bilder/
18.05 München, Unter Deck http://www.maxivento.de/Muen…/Locations/Unter-Deck-7062.html
20.05 Budapest A38,https://www.a38.hu/en/
21.05 Bucharest , Club Control http://www.control-club.ro/
22.05 Wien http://www.b72.at/
08.06 Bern, Dampfzentrale, http://dampfzentrale.ch/

 

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