Dienstag, 25.07.2017
Ein halber Tag mit Die Regierung

Wieder von vorn

Tilmann_Rossmy_1Die Hamburger Schule war Anfang der 1990er selbst bis zu uns nach Stuttgart durchgedrungen. Es gab zwar nur eine Hand voll Bands – Das Beet, Elektrolochmann, Nichtschwinner und unsere Band, die 5 Probleme –, aber wir alle waren dafür ziemlich dedicated und wollten nie mehr auf Englisch singen. Und wir hatten einen Anführer.

Nun, Anführer ist vielleicht falsch ausgedrückt, Anführer, das sind ja eher so Typen wie Rocko Schamoni und Kristof Schreuf, oder auch Jochen Distelmeyer, der selbst in seinem jungen Alter damals schon ein echter Alphatyp war. Insofern müsste man statt „Anführer“ vielleicht besser „Anstifter“ sagen zu der Rolle, die Tilman Rossmy für uns einnahm.

Message vom Papi: ehrlich, verletzlich und irgendwie uncool
Tilman Rossmy war damals nicht so präsent wie die anderen genannten Protagonisten der Hamburger Szene. Zum einen, weil er medial nicht so viel Aufmerksamkeit erfuhr, aber auch weil Blumfeld, die Sterne etc. für uns junge Twens damals plakativere, wahrscheinlich auch durchdachtere Konzepte verfolgten. „Supermüll“ wurde zwar von Michael Ruff in der Spex mal als “sau wichtige Platte” bezeichnet, aber unsere Platte war „Unten“. Das war die ultimative Message vom Papi an alle anderen. Wir haben die Platte geliebt, weil das irgendwie noch mal eine andere Qualität hatte. Es war ein Ausweg aus dem, was die ganzen bemerkenswerten Menschen damals machten: den eher anstrengenden Blumfeld, dem puren Assoziations- und stream-of-concsiousness-Ansatz der Sterne, oder der Hirnwichserei von Brüllen.
„Unten“ war einfach genau so, wie wir selber dachten. So ehrlich, verletzlich und irgendwie uncool – und genau darum so cool. Das strahlte ein Selbstbewusstsein aus, das in sich ruht und keine Referenz- und Bezugsuniversum-Schlachten nötig hatte. Es war Deutsch, aber mit der Lässigkeit einer Amiband.

Irgendwie ging die Zeit dann rum. Wir lösten unsere Band auf, die anderen machten noch ein bisschen länger weiter, bevor auch sie sich auflösten. Es wurden vermehrt andere Sachen gehört, die nicht mehr zwingend aus Hamburg kommen mussten. Und dann, zwei Jahrzehnte später, stellt man plötzlich fest, dass es Die Regierung und Tilman Rossmy immer noch gibt, dass sie auf höherem Niveau einen ähnlichen Weg eingeschlagen haben, wie man selbst. Also größtenteils auch ein ganz normales Leben führen und in den Pausen von diesem ganz normalen Leben Platten aufnehmen und touren.

Die Essener Jungs und ihr „Greif’ zu, Junge“-Ding
Die Tour zum neuen Album “Raus” führte Die Regierung gleich doppelt nach Stuttgart. Denn abseits des Auftritts in der Manufaktur Schorndorf  wurde noch ein kleiner Gig bei unseren Freunden vom Secondhand Records Plattenladen eingeschoben. Obwohl ich “Unten” ja so geliebt habe, mein erstes Regierung-Konzert – während mein Co-Autor und Co-Interviewer Christof schön öfter das Vergnügen hatte. Der erste Eindruck: diese Band dünstet eine sympathische Ruhrgebietsruhe aus, die sich über die Anwesenden legt. Der Auftritt ist äußerst konzentriert und sie bekommen die zur Afterworkzeit noch steifen Schwaben gut in den Griff. Kein schwieriger Job, da das Publikum erkennbar gezielt gekommen ist: Nach zwanzig Jahren waren wie bei einem Klassentreffen wieder die Jungs und Mädels aus den Bands von damals vor den Plattenkisten.
Hinter eben jenen Plattenkisten nutzen wir im improvisierten Backstage des besten Plattenladens der Welt die Chance für eine erste Annäherung, während Tilman an einem Baguette knabbert. Das richtige Gespräch ist für den Abend anberaumt. Wir mussten sofort ein Bier nehmen, um nicht unhöflich zu sein.
Da fällt mir ein, dass ich in den 90ern mal Blumfeld interviewt habe, und dass die mir nichts von ihren Getränken und von ihrem Essen angeboten haben. Und dann aber stundenlang in mein durstiges und hungriges Gesicht starrend über Theweleit dozierten, und darüber, dass Gewalt und politische Correctness ja schon zu Hause in der Beziehung anfange und so.

Mit den Essener Jungs war das gleich so ein „Greif’ zu, Junge“-Ding und es entspann sich sofort ein tiefergehendes Gespräch. Wir redeten über Tilmans Jugendjahre, über einen definitiv zu starken LSD-Trip, der ihn damals für eine Weile in die Klapse brachte. Über die Musik, die er mochte. Dass es da schon eine Geschichte vor Punk gab, mit Progrock und so – aber dass Punk der Punkt war, an dem er merkte: Ich will so was auch machen. Und wie es dann nach Hamburg weiterging. Wie er mit der Kolossalen Jugend und solchen Leuten zusammen auftrat und herumhing. Man sich irgendwie nicht getraute, mit dem jeweils anderen über Musik zu reden. Darüber, ob man das, was der Andere macht mag oder nicht. Ich dachte, dass sowas wahrscheinlich auch nur damals in Hamburg so möglich war. Bei all dem kommt das Ich von Tilman Rossmy, aber auch vom Rest der Band immer deutlicher rüber: Menschen, die keine Fakes sind, die gerade heraus denken und reden. „Da ist halt wahrscheinlich so ein Ruhrgebietsding“, sagt Tilmann zu diesem Kompliment. Die Rest-Hamburger-Schule tat sich da irgendwie schwerer, finde ich.

Das Schöne an Der Regierung heute ist ja, dass sie mit diesem „Sich-nicht-100%-für-die Kunst-gequält-haben“-Status ganz lässig umgehen. Und absolut super finde ich, dass sie gerade jetzt, wo sie ein bisschen ausgestiegen waren aus dem gemeinen Business, ihre soundmäßig innovativste Platte veröffentlichen. Ich war ja ein wenig skeptisch wegen der bereits gefallenen NEU-Hinweise und so. Es stimmt aber wirklich – „Raus“ ist wirklich durchwirkt von elektronischen Krautrock-Sprengseln. Und das stimmte auch für den Liveauftritt. Die analogen Synthesizer wurden von Ralf Schlüter meisterhaft gespielt, bringen bei vielen Stücken viel Frische in den Livesound. Und bei „Konjunktiv 2“ war dann in der Tat die NEU! Einflüsse zu spüren. Die Band ist super eingespielt: „Wir haben auch richtig hart geprobt“, antworten sie uns auf dieses Kompliment hin ein bisschen stolz . Ja, das merkte man. Der Mix aus zwei halbakustischen Gitarren, Synthie und Bass ist kraftvoll, aber immer differenziert. Mit einem super tighten Schlagzeug von Thomas Geier als gutem Motor. Geradlinig. So wie die als Menschen eben auch sind, dachten wir. Die Band arbeitete sich durchs Repertoire. Nostalgie wurde aber vorbildlich verhindert, weil die Band ganz unabhängig von Historie und Kontext einfach so gut ist. Und Tilman Rossmy-Cool eben damit überhaupt nicht in Berührung kommt.

Regierung_Foto

In Ketten tanzen oder sich im LSD-Rausch gehen lassen?
Ich habe bei so alten Leuten immer etwas Angst, dass das irgendwie schlimm wird. Wie zum Beispiel ein Buzzcocks-Reunion-Konzert, das ich mal gesehen habe. Oder so was erwachsen gewordenes, wie Sting statt Police. Ich schäme mich da immer fremd. Da hat der aus dem kommerziellen Kreislauf Ausgestiegene einen klaren Vorteil. Er kann sich im Schatten genau da hin entwickeln, wohin er will. Und das merkt man, dass hier keine Erwartung erfüllt werden – weder auf Platte noch live. Die Regierung strahlt das Selbstbewusstsein einer Band aus, die nicht auf dem kommerziellen, aber auf ihrem strukturellen Zenit steht. Frei, das zu tun, was sie will. Und sich prinzipiell entscheiden kann, ob sie in Ketten tanzen oder sich im imaginären wiederaufgelegten LSD-Rausch gehen lassen will. „War halt alles zu viel damals, in Hamburg“, so Tilman.

Und jetzt? Man muss es vermutlich genau so wie Die Regierung machen, wenn man als Künstler und als Mensch cool bleiben will. „Kommt uns doch alle nachher Backstage besuchen“, meint Tilman gegen Ende des Auftritts. Und er meint das wirklich so. Ist er der erste und letzte nette Protagonist aus der unterkühlten Hansestadt? Nein, es gibt bestimmt noch andere Nette dort. Die sind aber heute nicht hier. Wir verabschieden uns und fahren heim. Bleib’ hungrig, lieber Tilman.

Text: Markus Koch featuring Christoph Ratzinger

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