Dienstag, 22.08.2017
Andre Lux alias Egon Forever

Der Höchstbietende

Ein Kind mit Teddy befragt Mutter – im Hintergrund sitzt der trauriggesichtige Vater am Tisch und säuft: „Warum trinkt Papa nach der Arbeit nur noch Jacky-Cola statt Wodka Bull?“, es erhält zur Antwort: „Tja, wir werden alle mal älter, Schatz“. Das Ganze Setting wirkt wie die hochverdichtete Mischung aus einem Fassbinder-Film und dem Mad-Heft. Der Zeichenstil des zugrunde liegenden Bilds ist dabei ungefähr auf dem Level von Höhlenmalerei. Andre Lux veröffentlicht täglich einen Cartoon seiner Reihe Egon Forever, man findet Zeichnungen von ihm überdies im Ox-Heft, in der Titanic, im Eulenspiegel, Intro und sonstwo. Doch der geheimnisvolle Stuttgarter und Sodom-Ultra hat uns Menschen noch so viel mehr zu geben.

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Wann hast du mit dem Zeichnen begonnen?
1994 ging es mit Egon los. Damals hieß er auch schon so – und ich war elf Jahre.

Wann hast du festgestellt, dass du das mit dem Zeichnen nicht gut kannst, aber trotzdem oder gerade deshalb weitermachen willst?
Ja, ab wann stellt man fest, dass man etwas NICHT kann?
Anfang der 2000er, als wir uns noch alle über das Kabelmodem Zugang ins weltweite Netz verschafften, da scannte ich einmal einen meiner Cartoons ein und schickte diesen mit meinem AOL E-Mail Account an einen Freund. Der fand das so lustig – also den Cartoon, nicht den Sendevorgang – und verteilte ihn wiederum an seine Freundinnen und Freunde. Die meinten, ich solle davon mehr zeichnen und gefälligst irgendwo veröffentlichen. Das mache ich bis heute. Ich stellte wohl fest, dass Leute auch mit reduziertem Aufwand zu unterhalten sind. Wie bei Punkmusik.

Bei so minimalistischer Kunst kann es natürlich auch immer sein, dass das Konzept ist. Also wie die Garagenrockband, bei der die Mitglieder eigentlich ausgebildete Musiker sind – aber cool genug, um das nicht durchblicken zu lassen. Also wie ist das bei dir? Könntest du eigentlich Freihand-Airbrush-Bilder?
Ich habe riesige Probleme mit Perspektiven oder Proportionen. Beeindruckende Designs und atemberaubend tolle Bilder überlasse ich dem Maz von Spastic Fantastic. Der kann das geil und arbeitet übrigens gerade am Cover meines ersten Romans, über den ich gerade viel lieber sprechen würde als über tolle oder miese künstlerische Fähigkeiten.

Ein Roman… stimmt das wirklich? Worum geht’s?
Der heißt „Drakula gegen Dracula“ und wurde von 42 Verlagen abgelehnt. Deshalb werfe ich nun einfach ein Book-on-demand mehr auf den Markt. Das wollen die Leute. Das Buch ist übrigens meinem Bekannten Dr. Uwe Boll gewidmet und ist sehr spannend. Ab jetzt kann man es kaufen!
drakula-gegen-dracula-andre-lux-spastic-fantasticJemals über Farbe nachgedacht für Egon?
Nö. Es gab in der Kindheitszeit immer rotes Blut, weil meine Comics natürlich hauptsächlich aus Mord und Todschlag bestanden. Der ganze Dilettantismus wirkt auch wirklich so, als würde da totales Kalkül dahinter stecken, doch die Wahrheit ist: Ich habe keinen Bock noch irgendetwas dazu zu lernen. Deshalb auch die unfreiwilligen Schreibfehler und die Tatsache, dass ich nicht mehr als neun Gitarrenakkorde greifen kann und möchte.

Neun? Soviel kenn‘ ich gar nicht. Das ist für mich schon Prog-Rock. Aber sag mal, gab es jemand, an dem du dich mit deinem Zeichenstil orientiert hast?
An meinem Nebensitzer in der 5.Klasse: Claudio Roller. Der steckte mächtige Emotionen in seine Figuren, hatte allerdings starke Defizite im Storytelling. Gemeinsam haben wir 1996 das erste Endlos-Comic der Welt gezeichnet. Irgendwo auf dem Dachboden meiner Eltern im Schwarzwald staubt es noch ein.

Wäre nicht eine Graphic Novel in deinem Stil – also die Erzählung über eine Pointe hinaus – ein interessanter Move?
Das würde sicher schnell langweilig werden. Jeder, der sagt, dass er oder sie sich die Cartoons wegen der feinen Strichfiguren anschaut, lügt. Die Zeichnungen sind nun mal Inhaltsträger. So wie bei der Band Iron Chic. Hässliche Menschen, geile Mucke! Wenn allerdings jemand ebenfalls deiner Meinung wäre und einen mehrstelligen Betrag für ein solches Projekt vorschießen würde – von dem ich gegebenenfalls zwei bis fünf Jahre halbwegs gut leben kann -, könnte ich mir die Arbeit an einer Graphic Nobel sehr gut vorstellen.

Wie lange brauchst du für einen Cartoon?
Die Skizze zeichne ich oft liegend und mit einem flotten Song auf den Lippen. Das dauert dann circa 5 Sekunden. Beim Zeichnen selbst gebe ich mir mittlerweile wirklich sehr viel Mühe. Je nach Tagesform dauert das dann etwa zwei Minuten länger als die ursprüngliche Skizze.
20130717_171318 20130924_112141Egon verhandelt ja Zeitgeistthemen und Alltagsdeformationen – welche Themen funktionieren am besten? Und gibt es auch welche, wo du denkst, “ach, ich hätte da wieder was Saulustiges über Powermetal, aber das diggt dann immer keiner”?
Ich veröffentliche eigentlich alles. Egon ist sowas wie mein Tagebuch und was mich beschäftigt, das wird eben gezeichnet. Außerdem habe ich oft die Hoffnung, dass jemand die ganzen Referenzen googelt oder sich sogar mit den Powermetalbands beschäftigt, den ganzen Dropkick Murphy’s oder Indie-Rock-Mist ins nächste Schaufenster schmeißt und sich eine Armored-Saint-Platte kauft. In der Theorie funktioniert das spitze.

Könntest du mir beibringen, auch so hässlich zu zeichnen?
Ja. Ich wohne derzeit im Stuttgarter Westen beim Hölderlinplatz. Komm vorbei. Danach gehen wir noch Novoline spielen und Uludag trinken im Ixir Imbiss.

Du bist ja live auch mit den beiden preisgekrönten Ottos vom Homestory-Magazin unterwegs. Woraus besteht deine Show auf der Bühne?
Da sitze ich mit einem Laptop und decke Panel für Panel meine Cartoons auf und lese diese dem Publikum vor. Zwischendurch mache ich immer dieselben Witze und lache auch selbst drüber. Anfangs sage ich dem Mischer oft, dass er das Mikrofon ein bisschen lauter machen soll. In der Mitte erzähle ich ab-und-zu ein paar Anekdoten vom Touren mit den Homestory-Jungs oder private Details. Am Ende bedanke ich mich dann meistens, wünsche viel Spaß mit dem restlichen Programm und weise auf meinen Merchandise hin: Bücher fünf Euro, Sticker kostenlos. Danach gehe ich dann von der Bühne und rauche eine Zigarette und trinke ein Bier, zumindest wenn Roland van Oystern von Homestory den Wagen fährt.

Es wird, wenn es um dich geht, auch immer geraunt, der sei „eigentlich Musiker” und hätte “Dutzende coole Bands”. Kannst du uns da mal ins Bild setzen?
Mit den Homestory-Typen betreibe ich die vermutlich beste Band in Stuttgart-West beziehungsweise Augsburg, heißt: Das wahre Besteck. Die Musikkassette gibt es noch bei LastExitTapes und wenn nicht, presst der Labeltyp die nach, der schuldet uns eh noch Geld. Zudem gibt es noch Solo-Musik unter meinem richtigen Namen und früher mal als Autobot. In Zukunft gründe ich sicher mal wieder eine Band und tausche die Mitglieder jährlich aus. Mein Ziel: Ich möchte einmal den Satz “Andre Lux, Baden-Württembergs Tom Angelripper!“ lesen.

Interview: Linus Volkmann
Egon u.a. auf Facebook

(Erschienen ebenfalls in Ox #118 / März 2015)

 

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