Donnerstag, 14.12.2017
Fil

„Mist, sie hatte ihren Samenerguss bereits gehabt!“

Dieser Mann brachte uns Menschen die überdrehten Schweinchen „Didi & Stulle“ (zitty), er kann Comedy mit kreischenden Handpuppen (Sharkey), ohne dabei zu nerven, und hat überdies auch noch als Musiker so einiges zu geben. Fil, der Mann mit weniger Buchstaben als Kiss oder Dante stammt aus dem M.V., dem Märkischen Viertel von Berlin, hat nun ein Buch geschrieben. „Pullern im Stehen“ (Rowohlt) ist eine Biographie der Peinlichkeiten, die seine eigene Pubertät in einer Form ausstellt, als ginge es neben den Pointen um nichts anderes, als sich von sich selbst eine Unterlassungsklage zu provozieren.
Die Danksagungen im Buch wenden sich daher folgerichtig auch erstmal an den Autor selbst: „Danke, dass ich mich hiermit total zum Löffel gemacht habe“.
Linus Volkmann traf auf den Allround-Irren Fil in den Pausen einer Lesetour und ließ sich entführen in die Geheimnisse hinter diesem Humor-Hybriden aus Glied und Popliteratur.

res_0_630_0_2000_img_atpdc_0Die Hauptfigur merkt wenig, übergibt sich in fremde Betten, putzt sich nicht Zähne oder Glied, dafür aber mit dem Toilettenlappen die Trinkgläser. Beruhen die ausgestellten Fakten auf realen Hintergründen oder, wie man relativ schnell im Textverlauf hofft, auf purer Fiktion?
Es stimmt alles. Ich hab allerdings einiges entgeilt, damit‘s besser passt. Unsere Band damals hatte zum Beispiel einige Auftritte und war total gut. Aber das Kapitel, das ich darüber geschrieben hatte, klang so nach Angeberei. Auch alles, was wir als Punker so getrieben haben, kam mir zu “WIR damals, Alter”-mäßig rüber – sowas wollte ich nicht schreiben.

Jeder Gag, jede Nuance im Text scheint zu sitzen, das deprimiert mich ziemlich in meiner eigenen Rolle als Buchautor. Einziger Lichtblick: Der Titel „Pullern im Steh’n“ scheint eher abschreckend. Wirkt chauvi, verweist auf Al-Bundy-mäßigen Männlichkeitskult und ist in sich ja auch gar keine Pointe. Und damit conträr zum restlichen Buch. Wie erklärst du diese Differenz?
Der Titel ist wirklich schlecht. Mein Lektor meinte beim ersten Treffen, als ich gerade mal 20 Seiten geschrieben hatte: “Das Schwierigste ist immer die Suche nach dem Titel.”, da sagte ich: “Bei mir nicht. Wir nennen es ‚Pullern im Stehn‘!” Das war das erste, was mir eingefallen ist – aus Blödsinn nur. Aber wie ein Kind hieß es dann leider irgendwann einfach so und … naja. Meine Exfreundin sagt: “Der Titel schützt das Buch. Es werden nur wenige lesen und diese wenigen werden nicht geschockt sein durch die ganzen Peniserscheinungen im hinteren Teil.”

Aus “Didi & Stulle 2 – Höllenglocken” (Reprodukt)

War es dir in irgendeiner Weise unangenehm, das Skript dann beim Lektor einzureichen – oder wusste derjenige schon, was er plötzlich alles erfahren sollte?
Mein Problem ist, glaub ich, dass mir erstmal gar nichts peinlich ist – das kommt dann später. Als das Teil aber gedruckt war, fand ich es doch peinlich. Sehr peinlich. Vorher hab ich gar nicht drüber nachgedacht.

Du musst dich nicht mehr erinnern, aber wir hatten vor über zehn Jahren mal ein Telefoninterview. Damals galt es als schwer, dich zu erreichen, weil du bei unterschiedlichen Frauen unterschlüpfen würdest. Ich speicherte dich ab als durchgeknallten Lady’s Man. In deiner Selbstbeschreibung nun in der Buchklappe hebst du deine Fähigkeiten als Lover hervor. Schlussatz: „Frauen beschreiben ihn als guten Liebhaber“. Wie wichtig sind dir Liebe, Sex und Zärtlichkeit wirklich?
Ha, nein, damals war ich durch eigene Blödheit ein halbes Jahr obdachlos. Bin aus meiner WG ausgezogen ohne eine neue Wohnung zu haben und hab mich in der Zeit dann auf verschiedene Freundinnen verteilt. Kumpelfreundinnen, keine Liebhaberinnen. Hier und da mal immer ‚ne Weile gewohnt und versucht, nicht zu sehr zu nerven. Liebe, Sex und Zärtlichkeit sind mir alle drei sehr wichtig. Tatsächlich hab ich da bisher auch immer Glück gehabt – war nur so viele Jahre meiner Jugend überzeugt, ein Liebesloser zu sein, dass ich das gar nicht bemerkt hab.

Außerdem erfährt man deine Größe und Gewicht an eben jener Stelle, die Angaben weichen spürbar von den spindeldürren Beschreibungen deiner Jugend ab. What happened? Und hast du ein schönes Rezept für unsere Leser?
Einfach älter werden und konsequent viel Hefeweizen trinken.

„Die Tage beunruhigten mich. Seit sie Einzug in die Schule genommen hatten, war es, als läge ein furchtbarer Fluch auf unseren Mitschülerinnen. Reihenweise kippten sie um, tausend üble Übelkeiten widerfuhren ihnen – keine einzige machte mehr beim Sport mit, ständig blutete es hier und da – es schien die pure Hölle zu sein. Aus jedem Unterricht rannten mindestens zwei Mädchen raus: ‚Mir ist übel, ich hab Kopfschmerzen, Krämpfe, Schwindel, Visionen – ich hab meine TAGE. Sie muss mich nach Hause bringen, ich kann nicht allein gehn.‘ Permanent lief das so, es gab keinen Tag ohne Tage. War immer froh, dass wir Jungs das nicht durchmachen mussten. Aber jetzt gab es für uns doch noch was? Samenerguss? Das klang ja noch schlimmer!“

Dachtest du eigentlich wirklich, dass die Tage quasi das Äquivalent zum Samenerguss seien?
Ja. Ich war sehr schlecht informiert über sowas.

Die Personen im Buch wirken zwar sehr stilisiert und comichaft, aber dürften mitunter doch reale Vorbilder haben, Hast du dir da bei allen die Erlaubnis, sie darzustellen abgeholt – oder wartet Rowohlt stündlich auf eine Klage?
Ich hab ja die Namen geändert. Außer von meinen Eltern, wie willste die auch anders nennen: Onkel und Tante

Was hat für dich eine Kindheit in den 70ern der heutigen voraus – was eben gerade nicht?
Durch das Buch hab ich nun mit allen möglichen Leuten die es gelesen haben über ihre Kindheit und Pubertät geredet – mit alt und jung, ost und west, Mann und Frau – und ich glaube das hat alles weniger mit der Generation als mit dem Individuum und seinem direktem Umfeld zu tun. Ein großer Unterschied ist vielleicht, dass die Kids heute sich besser informieren können. Aber dazu müssten sie erstmal wissen, worüber sie sich informieren müssen. Ich glaube, wenn die Kindheit endet, stehst du alleine da – damals wie heute.

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Aus “Didi & Stulle 7 – No More Mister Nice Guy” (Reprodukt)

Das M.V., das Märkische Viertel also, ist ja genau wie deine Didi-und-Stulle-Comics eine starke Berlin-Projektionsfläche. Wie ist es denn dort wirklich, wenn ich das mal als jemand von außen fragen darf?
Es ist nicht mehr wie früher. Alles ziemlich saniert, sieht eigentlich ganz heiter aus. Die Fighters würden euch Zugezogenen allerdings aufs Maul hau‘n, das ist der kleine Unterschied.
Fighters?
Die Fighters sind die ansässige Gang – unterstützt werden sie von den Young Fighters…

Gemessen am Fokus des Buchs spielen die Eltern kaum eine Rolle in der Kindheit. Bist du so eine Art Alptraum jedes Psychologen?
Ich glaube, es bringt nichts in der Vergangenheit zu stochern, um irgendwelchen armen alten oder toten Leuten die Schuld zu geben. Wem du die Schuld gibst, dem gibst du die Macht. Gib sie dir selber und sei ein goldener Gott, sag ich immer.

Der Fil im Buch wird genötigt sein Glied in einer Tasse zu waschen, die dann nur noch für diesen Zweck zur Verfügung steht. Gab es diesen „Pimmelpott“ wirklich?
Ja. Aber ich hab immer verhindert, dass Sozialarbeiter Gerd draus trank. Er wollte, weil er von der Funktion nichts wusste und die andern haben ihn ihm immer wieder hingestellt, aber so fein war ich dann doch, das nicht zuzulassen. Im Buch allerdings nicht.

An einer Stelle schreibst du: „ABM-Stellen. Die neue heiße Scheiße aus der Zauberküche Helmut Kohls.“ Auch jobmäßig liest sich deine im Buch ausgebreitete Vita nicht gerade rund.
Ich war einer der ersten ABMler damals. War okay. Wenig Geld, sinnlose Arbeit – aber das konnte uns nicht abhalten. Und wir galten offiziell als NICHT arbeitslos, was natürlich auch gut für die Statistik war. Old Kohl. Er hat so viel Scheiße gebaut, das dumme Schwein.

 

 

 

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