Montag, 20.11.2017
„Forensic Architecture“

Die ästhetische Zerschlagung gesellschaftlicher Wahrheit

Dürfen/sollen/können Kunst und Kultur politisch sein? Was machen sie dadurch mit ihren Nachbar- und Ferndisziplinen? Und was hat Ästhetik mit Überzeugungskraft und Objektivität zu tun? Fragen über Fragen. Über sie zerbrechen sich Menschen seit jeher die Köpfe und schlagen sich diese auch ein. Trotzdem ist es wie mit dem Brautkleid und dem Blaukraut: Kunst bleibt Kunst, Politik bleibt Politik, die Gratwanderung weiterhin theoretisch, man belässt es beim obligatorischen „Verwischen der Grenzbereiche“. Echte Verwirrung der Kategorien ist man nicht gewohnt, das wird am deutlichsten, wenn eine Gruppe auf den Plan tritt, die sich dann doch soweit ins politische Weltgeschehen einmischt, dass man beim Versuch die Sache einzuordnen, von nervösen Zuständen niedergestreckt wird. Lisa Schmidt-Herzog widmet sich der Forensic Archicture.

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Die Mitglieder der Londoner Research Agency am Goldsmiths Institut treiben sich in den unterschiedlichsten Kultur-, Sozial-, Natur- oder Technischen Wissenschaften herum, stellen Kunst-, Performance- und Musikprojekte auf die Beine und/oder sind als Journalisten, Aktivisten und Kuratoren tätig. Klingt wie ein Klassentreffen, auf dem sich keiner was zu sagen hat. Entspricht aber Programmatik und Spannweite des Projekts und macht deutlich, was es mit den nervösen Zuständen bei der Einordnung auf sich hat. Aber warum „architecture“? Warum „forensic“? Institutsleiter und Architekturtheoretiker Eyal Weizman schreibt: „
Architecture emerges as a documentary form, not because photographs of it circulate in the public domain but rather because it performs variations on the following three things: it registers the effect of force fields, it contains or stores these forces in material deformations, and, with the help of other mediating technologies and the forum, it transmits this information further.” Die Ästhetik von Architektur wird hier in ihrem Wortsinn erweitert: Einerseits sind Bauwerke menschengemachte Produkte, sie sprechen unsere Sinne an. Andererseits sind sie aber auch selbst Sensoren, die externe Kraftfelder in die Beschaffenheit ihrer Strukturen integrieren und somit effektiv Eindrücke aufnehmen. Klingt nach etwas zu exzessivem Konsum von „Stranger Things“, aber so kryptisch ist die Geschichte nicht. „Force fields“ meint z.B. Einwirkungen von Umwelteinflüssen oder militärische Interventionen. Ob sich Soldaten in der Wahl ihrer Munition also an die Haager Landkriegsordnung halten, wird durch die Analyse beschädigter Architekturen nachweisbar. Ob Staaten derlei Bestimmungen möglicherweise systematisch umgehen, ist eine Frage, die sich in einem weiteren Schritt stellt.

Spätestens jetzt gelangen wir an den wirklich interessanten Kern der Sache. Diese Analysearbeit betreibt Forensic Architecture nämlich aus einem triftigen Grund: Staatliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder gegen die Natur aufzudecken und vor Gericht anzuklagen. Klagen, denen übrigens durchaus rechtliche Konsequenzen folgen. 2015 wurde der Grenzsoldat Ben Deri wegen Totschlag verurteilt. Er hatte im Jahr zuvor den 17-jährigen Nadeem Nawara während den jährlich stattfindenden Protesten zum „Nakba Day“ erschossen. Auch der Bau der israelischen Trennmauer durch das palästinensische Dorf Battir konnte dadurch gestoppt werden, dass ihre Unvereinbarkeit mit dem umliegenden Ökosystem forensisch nachgewiesen wurde. Einige dieser Fälle wurden 2014 im Rahmen der Ausstellung „Forensis“ im Berliner „Haus der Kulturen der Welt“ gezeigt.

Dass sich Aktivisten im Gericht als Anwälte von Gruppen stark machen, ist nichts Neues, aber wenn sie als Sprecher der Umwelt auftreten, ist dies eine neue Dimension unserer Rechtsprechung. Es wird für diejenigen gesprochen, die nicht sprechen können, in diesem Fall für die Natur. Bruno Latours utopisches „Parlament der Dinge“ rückt hier einen nicht zu unterschätzenden Schritt von Utopie in Richtung Realität.

Die strafrechtliche Relevanz der Forschungsergebnisse begründet aber nicht nur, warum man sich mit dem vielsagenden Adjektiv „forensisch“ schmückt. Sie erklärt, was die Arbeit von Forensic Architecture zum Instrument eines weitreichenden politischen Empowerment machen soll. Denn Forensik ist im Normalverständnis ein Instrument des Staates, das immer dann zum Einsatz kommt, wenn es diesem um die Überwachung seiner Bürger geht. Der Begleittext zur Ausstellung erklärt, dass der konventionelle forensische Blick hier umgekehrt und sein „Potenzial als ästhetisch-politische Praxis“ ergründet werden soll. Wenn Weizman und seine Mitarbeiter z.B. aus hunderten von privaten Handyvideos ein Computermodell erstellen, welches die Aussagen eines Ballistikers im Fall Ben Deri widerlegen (medienwirksam hatte dieser behauptet, Deri hätte nachweislich bloß Gummigeschosse gefeuert), und wenn dieses Beweismaterial tatsächlich zu einer Verurteilung führt, die vor wenigen Jahren noch höchst unwahrscheinlich gewesen wäre, dann ändern sich Machtverhältnisse. Dass auch Staaten zunehmend juristisch belangt werden, macht aus der Zivilbevölkerung eine neue Art von Souverän, auch wenn seine Interessen im Gerichtssaal „nur“ durch die Repräsentanten von Forensic Architecture vertreten sind.

Noch einmal zurück zur Architektur. Das Institut verlässt architekturtheoretische Pfade nicht bloß auf leisen Sohlen. In ihrer täglichen Arbeit beschreiten die Mitarbeiter ein derart breites Feld, dass „Architektur“ nur noch als Metapher herhalten kann und tatsächlich für viel mehr steht, nämlich für sämtliche ästhetische Methoden, die zur forensischen Rekonstruktion von Sachverhalten dienen. Ein Beispiel: 2011 starben 17 Flüchtlinge auf dem Mittelmeer, obwohl ihr Boot auch NATO-Gebiete durchquert hatte. Sie erschienen also auf den Radaren und erfuhren trotzdem keine Hilfeleistung. Die angewendeten Methoden des Teilprojekts „Forensic Oceanography“ haben sicher nichts mehr mit Architekturtheorie gemeinsam, doch sie dienen der Rekonstruktion, machen das Geschehene also rückwirkend wahrnehmbar. Sie fungieren als ästhetisierendes Instrument und lassen sich daher unter den sinnbildlichen Oberbegriff „Forensic Architecture“ versammeln. Im Angesicht der oben genannten Probleme mit der Einordnung scheint der Griff zur Metapher keine schlechte Lösung.

Auch mit ihrem jüngsten Projekt steht das Institut unmittelbar im politischen Zeitgeschehen. Im Fall um das ehemalige syrische Gefangenenlager Saydnaya steht zwar (noch) keine juristische Anklage im Vordergrund. Doch es geht darum, der Weltöffentlichkeit zugänglich zu machen, was hier geschah, es geht um die Schaffung von (Unrecht-)Bewusstsein. In Zusammenarbeit mit Amnesty International wurde das Foltergefängnis virtuell nachgebildet, und zwar vollständig anhand von Erinnerungen einiger Überlebender. Denn es existiert nicht ein einziges Foto des inzwischen zerstörten Bauwerks, das Assad-Regime hat gründlich hierfür gesorgt.

Der Repräsentant steht natürlich immer im Verdacht, den Repräsentierten nicht fachgerecht zu vertreten und ebenso illegitime Wahrheitsansprüche zu erheben wie diejenigen, denen er dies vorwirft. Doch durch das Infragestellen von Macht und durch vehementes Umschmeißen der Kategorien Aktivismus/Politik/Ästhetik setzt Forensic Architecture beachtliche Neudeutungen bestehender gesellschaftlicher Narrative in die Welt. Narrative, die beeinflussen, was unsere Wahrheiten sind. Ob der Einzelne so zum bürgerrechtlichen Empowerment findet, wird sich zeigen.

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