Dienstag, 25.04.2017
Friends of Gas

The Art of Noise – Münchner Originale

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Friends of Gas by Susanne Beck

Die Spex warb viele Jahre damit, dass bei ihnen der erste Artikel über Madonna in der Internationalen Presse publiziert wurde. Analog dazu möchten wir hiermit festhalten, dass Abel Auer in seinem Jahresrückblick für 2015 für die allerste Erwähnung der Friends of Gas  in der überregionalen Presse gesorgt hat. Seitdem hat sich der Bekanntheitsgrad der Band erheblich gesteigert, weswegen wir ihn baten sich ihnen nochmals und intensiv zu widmen – zumal es derzeit wieder vermehrt Kunststudenten gibt, die lieber als Musiker aktiv sind, das Thema also weitere Kreise zieht. 

Erratisch wird es, sobald man den Bandnamen hört: Friends of Gas – Freunde des Gases? Deutsches Gas kann ja wohl nicht gemeint sein, damit wollen die Friends bestimmt nicht assoziiert werden. Erst recht nicht, wenn man dazu noch aus München stammt, wo man als Besucher am Bahnhof erschrickt, wenn man den Regionalzug mit Destination Dachau am Gleis stehen sieht. Das muss man erwähnen, weil ich schon öfters mitbekommen habe, wie Kulturmenschen ob des Namens verstört sind, durchaus die Gleichen, die ständig den Begriff ‚Arbeit‘ statt ‚Werk‘ im Kunstzusammenhang gebrauchen. So kuratiert man dann eine Zeichnungsausstellung mit dem Namen „Papierarbeit macht frei“, und dann war wieder wer der Nazi? Aber lassen wir das…

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Friends of Gas by Susanne Beck

Die Band macht auch nicht den Eindruck, aus solchen Typen zu bestehen, die sich Wochenends mit ihren tiefergelegten Karren am der Tanke treffen, um Rennen zu fahren, und damit unnötiges Leid durch Verkehrstote verursachen. Wobei es in der bayrischen Provinz, aus der Thomas Westner und Nina Walser stammen, bestimmt genug Menschen dieses Schlages gibt.
Also auch kein „Ich geb Gas, ich will Spass“.
Freunde des Pups? Fartjokes? Wenn ich mich recht entsinne, wurde es dem Marquis de Sade letztendlich zum Verhängnis, dass er Prostituierten in Marseille irgendwelche Bonbons gab, die Blähungen verursachen sollten, damit ihm ins Gesicht gefurzt werden konnte. Das ist dann wohl eine zu vulgäre Interpretation.

Im HipHop bedeutet Gas ja Kiffe oder Gras, aber hier handelt es sich ja um eine Rockband .

Gas übersetzt als Spaß, Knüller oder das Benzin im Molotowcocktail, das man dem repressiven Establishment entgegenschleudert, sowas scheint Sinn zu machen. Ihre Musik ist ja in manchen Momenten auch ein Riot.

Das Wort ‚Friends‘ ist auch keine Selbstverständlichkeit, da die Mitglieder für eine Rockband sehr heterogen sind. Zwischen manchen Mitgliedern beträgt die Altersdifferenz 15 Jahre und sie haben sehr unterschiedliche Hintergründe, so erinnern sie mehr an eine Künstlergruppe als an ein paar Lads, die zusammen eine Band haben, und in der Tat ist der Bezug zur Kunst eine wichtige Konstante.

Entstanden ist die Band in Nürnberg, als Thomas Westner Nina Walser an der Kunstakademie besucht hat. Pläne, gemeinsam ein Musikprojekt zu starten, gab es schon länger . Anlässlich der Jahresausstellung ist man unter dem Namen Nee zusammen mit den Hartjungs aufgetreten, einer anderen sehr guten Kunststudenten-Noise-Band, die gekonnt zwischen Versifftheit und High Fashion balanciert (die haben mal eine Vivian Westwood Modeschau beschallt).

Irgendwann ist dann Nina wieder nach München gezogen, und da sie wie viele Kunststudierende festgestellt hat, dass sich der gegenwärtige deutsche Kunstbetrieb mehr nach den Regeln einer kapitalistische Verwertbarkeit oder einem obskuren Opportunismus strukturiert, als zu fragen, was orginell, gefühlvoll und schön ist, hat sich ihr Hauptaugenmerk aufs Musikmachen verlagert (das heutzutage die Idee von Avantgarde oder Underground in der Musikszene lebendiger ist als im Kunstbereich, ist in der Tat so).

Mit Martin Tagar am Bass, David Ortiz am Schlagzeug und Veronica Burnuthians wuchsen die Friends dann zur kompletten Band heran und spielten erste Konzerte. Anfangs klangen sie schon sehr nach Sonic Youth, und so macht es Sinn, die Platte “Fatal Schwach” als Abschluss dieser Phase zu betrachten, die noch kurz vor David Ortiz´ Umzug nach Berlin und dem damit verbunden Ausstieg aufgenommen wurde. Ninas außergewöhnliche Stimme, die guten kryptischen Texte und energetische Liveshows haben der Band auch so schon eine Existenzberechtigung beschert, und es ist ja auch keine Schande, nach Sonic Youth zu klingen, die ihrerseits anfangs ja auch nur wie The Fall geklungen haben. Man fängt an, orientiert sich an Dingen, die einem Gefallen und emanzipiert sich. So ist das nun mal.

Mit dem neuen Drummer Errol Dizdar ist dann auch genau das geschehen: sein Einstieg war ein Glücksfall. Als ich die Friends zum ersten Mal mit der neuen Line-up live gesehen habe, ist meine bisherige Sympathie und Wohlwollen zu echter Begeisterung angewachsen. Errol Dizar ist im besten Sinne das, was man ein Münchner Orginal nennt: professioneller Straßenmusiker, Maler, ehemaliger Kunststudent bei Markus Oehlen, dazu hat er sich als Dizzy Erol mal als Indiepopsänger versucht – eines dieser Genies, das seine vielen Begabungen nicht in eine Karriere ummünzen kann.

Mit Martin Tagar, der unter anderem auch Mitglied bei Das weiße Pferd ist, oder auch so was hier macht, bildet Errol nun eine Rhythmusgruppe, die der Band das Fundament gibt, sich in Improvisation und Noise verlieren zu können, so dass ihre Liveauftritte mittlerweile in infernale Jamsessions ausarten, die den Rahmen der Songs immer weiter sprengen und zersetzend. Veronica Burnuthian, die neben diversen Projekten in der Band Atatakakatta spielt und singt oder auch mal alleine ein Scheißhaus in einen goldenen Clubmoment verwandeln kann, sorgt durch ihre wechselnden Einsätze als zweite Gitarre oder zweite Drummerin für weitere Verwirrung. In München gab es lange einen Kultfan, der sich während der Auftritte immer vor der Bühne gewälzt hat, was den Happening-Aspekt noch weiter verstärkte. Das alles umschwirrt Thomas und Nina, dem konzentriert-stoischen Nukleus der Gruppe:

Neben den Konzerten stimmt aber auch sonst alles am Auftreten der Band. Man merkt, dass sie sich in einem kunstversierten Umfeld bewegen. Die Artworks und Videos, selbstgemacht oder von befreundeten Künstlern, sind immer wichtiger Teil des ästhetischen Programms der Friends, so dass es ein wenig zu einem Gesamtkunstwerk wird.

Das Video stammt von Anna McCarthy und Susanne Beck, zwei Künstlerinnen, die auch zum Umfeld der Friends gehören. Susanne wohnt in Leipzig und hat dort mit Natalie Hulikova gerade die Band YOR gegründet, den neusten Geheimtip irgendwo zwischen Mark Robinson´s Indie-Pop und dem genialen Dilettantismus der Shags beheimatet.
Das ist das Tolle an den Friends of Gas: Wenn man sich mit ihnen beschäftigt, öffnet sich ein neues kleines Avantgarde-Universum aus Kunst, Filmen und Musik, wie Sterne, die über den peripheren Provinzen leuchten. Diejenigen, die meinen sich wundern zu müssen, warum ‚Friends‘ aus München kommen und nicht aus Berlin, haben mal wieder mit dem falschen Ohr zugehört.

 

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