Sonntag, 24.09.2017
Gold Panda im Gespräch mit Glitterbug & Ronnie Shendar

“Es tut mir sehr leid, ich selbst zu sein. Aber was soll ich machen!”

kaput-gold_panda-by-nils_rodekamp-516

Gold Panda aka Derwin Schlecker (Photo: Nils Rodekamp)

Gold Panda, der mit bürgerlichen Namen Derwin Schlecker heißt, hat soeben sein drittes Album “Good Luck And Do Your Best” auf City Slang veröffentlicht. Im Wissen um das schüchterne Wesen von Schlecker arrangierten wir eine Gesprächsrunde unter Freundinnen  mit Till Rohmann (Glitterbug) und Ronni Shendar.  Die drei sprachen unter anderem über vergangene Kooperationen (Shendar drehte bereits mehrfach Videoclips für Gold Panda), Parallelität und Unterschiede in der Arbeitsweise und natürlich Gold Pandas neues Album.

 

kaput-all_three-by-nils_rodekamp-582

Künstler-Roundtable mit Stilleben

Ihr drei habt Euch draußen gerade herzlichst umarmt. Wie habt Ihr Euch eigentlich kennengelernt?
Till Rohmann: Das war Backstage bei einem Festival in Amsterdam vor etlichen Jahren, direkt bevor Derwin gespielt hat. Er ist immer sehr befangen vor seinen Auftritten, genau wie ich, und deshalb mochten wir uns auf Anhieb. Insbesondere auf Festivals fühlen wir uns beide immer wie Außenseiter.
Ronni Shendar: Ich weiß noch, dass wir den Künstler vor ihm nicht besonders mochten und beide sehr müde waren. Wir wussten gar nicht, was uns bei ihm erwartete, und dann war es wirklich toll!

Ronni, Du hast danach recht viel mit Derwin gearbeitet, richtig?
Ronni Shendar: Ich habe die Visuals für seine Shows gemacht. Wir haben einige LED-Lampen genommen, die ich durch direkte Eingabe von Kommandozeilen in die Codestruktur gesteuert habe. Das hat richtig Spaß gemacht. Und ich habe mehrere Videos für ihn gedreht, inklusive “Time Eater” vom neuen Album. Ich habe die alten Videos aber lange nicht mehr angesehen, muss ich sagen.
Till Rohmann:  Ronni kann ihre alten Sachen nie gut ansehen. Ich denke, das geht uns allen so: Ich kann meine alten Alben nicht mehr hören, und Derwin seine auch nicht.
Gold Panda: Vermutlich, weil ich nicht mehr der gleiche bin, der ich war , als ich sie gemacht habe. Es ist mir immer peinlich, nach längerer Zeit zu altem Material zurückzukehren. Ich mag meine Musik für ein Jahr oder so, aber danach wundere ich mich dann immer: “Was habe ich mir damals nur dabei gedacht, so etwas zu veröffentlichen?”

kaput-shendar_ronnie-by-nils_rodekamp-510

Ronni Shendar (Photo: Nils Rodekamp)

Wie hat man sich deinen Arbeitsprozess bei einem Videodreh für Gold Panda vorzustellen, Ronni?
Ronni Shendar: Ich halte immer Ausschau nach guten Orten, während ich wegen anderer Dinge in der Welt unterwegs bin. Nebenbei etwas zu drehen liefert mir auch einen guten Grund, länger irgendwo zu sein. Ich mag es, dort alleine etwas zu tun zu haben.
Gold Panda: Ich bin meist skeptisch, wenn ich Ronnis Rohmaterial sehe. Aber das Endergebnis ist immer fantastisch.
Till Rohmann: Diese Videos zu drehen ist kein bewusster Vorgang für Ronni. Wir haben alle drei eine sehr melancholische Sicht auf die Welt und sind nicht leicht durch Oberflächlichkeiten oder bestimmtes Auftreten zu beeindrucken. Wir versuchen vielmehr, hinter die Fassaden blicken. Aber das bedeutet, dass man erstmal ein Gefühl für einen Ort entwickeln muss.
Ronnie Shendar: Es ist ein sehr intuitiver und oft frustrierender Prozess für mich. Ich habe keinerlei Einfluss darauf, wie meine Videos am Ende herauskommen.
Till Rohmann: Keiner von uns landet je dort, wo er eigentlich hin wollte. Vielleicht können andere Leute ein Konzept entwickelt und das dann durchziehen, aber ich bin keiner von denen. Und weder sind es Ronni oder Derwin.
Gold Panda: Ich denke manchmal, dass ich eigentlich gerne jemand anders sein möchte. Deshalb ist es ein Problem für mich, wenn ich mich in meiner Musik wiedererkenne. Im Sinne von: ‘Oh nein, das bin ja schon wieder ich.” Aber ich habe gelernt, dass das auch etwas Gutes hat, denn es macht meine Musik einzigartig. Niemand hätte das in dem Moment so gemacht wie ich es gemacht habe.

kaput-gold_panda-by-nils_rodekamp-523

Gold Panda (Photo: Nils Rodekamp)

Derwin, Dein letztes Album war ein Reisealbum. Gilt das auch für “Good Luck and Do Your Best”?
Gold Panda: Nein, nicht wirklich. Ich bin von Berlin zurück nach Essex in das Haus meiner Großmutter gezogen, und da blieb ich auch meist. Es ist also mehr ein Heimatalbum. Es geht darum, mit dem alltäglichen Leben klar zu kommen, und einzusehen, dass mein Leben eigentlich auch sehr gut so ist, wie es eben ist. Chelmsford in Essex ist mit seinen Ladenkette und Parkplätzen kein schöner oder spannender Ort. Aber ich bin in den letzten Jahren mehrmals nach Japan gereist und komme immer sehr inspiriert zurück nach England. Japan war schon immer mein liebster Fluchtort, denn es geht dort immer sehr ruhig zu, sogar wenn es in den Metropolen hektisch erscheint. Die Japaner sind sehr aufmerksam, höflich und detailversessen. Sie achten auf einander und versuchen immer, ihr Bestes zu geben.

Ist das neue Album also mehr von Japan beeinflusst als von Chelmsford?
Gold Panda: Ich glaube, es handelt davon, das japanische Äquivalent von Chelmsford zu finden. Was bedeutet die Vorstadt für Japaner? Und gibt es etwas universell Reizvolles, dort zu leben, obwohl es an Kultur und Unterhaltung mangelt? Ich kann das immer noch nicht beantworten. Unsere Bilder und Videos lassen die Vorstadt aber in einem besseren Lichte erscheinen als sie in Wirklichkeit ist. Doch sie ist sicher und behaglich, und das genieße ich gerade sehr.
Till Rohmann: Als Derwin noch in Berlin gelebt hat, haben wir uns kaum gesehen, obwohl wir ja auch hier waren. Doch er war ständig unterwegs. Scheint, dass Du Dich in Deinem jetzigen Leben sehr viel wohler fühlst, Derwin.
Gold Panda: Das tue ich auch – und ich werde das nicht dadurch zerstören, dass ich wieder so viel auf Tour gehe wie früher. Ich werde ein paar Auftritte in den USA geben und in Europa ein paar Festivals spielen, bevor ich dann eine kleine Europatournee mache. Aber ich muss nicht mehr jeden Tag ein Konzert haben, nur damit sich die Tour lohnt und das Album genug Aufmerksamkeit bekommt. Ich bin sehr froh, das alles nicht mehr tun zu müssen. Aber Du hast lange keine Konzerte mehr gegeben, Till. Keine Lust mehr dazu?
Till Rohmann: Ich werde irgendwann auch wieder auftreten. Aber obwohl mein letztes Album gute Kritiken bekam, wurden kaum Liveauftritte nachgefragt.
Gold Panda: Das ist mir mit dem letzten Album ähnlich auch passiert. Hat Dich das deprimiert?
Till Rohmann: Ein wenig schon. Aber es hat auch dazu geführt, dass ich genauer über meine Kunst nachgedacht habe. Ich bin immer noch dabei, aber es scheint, dass Du diesen Prozess gerade abgeschlossen hast.

War dieses Nachdenken der Grund dafür, dass Du Berlin verlassen hast, Derwin?
Gold Panda: Ich bin zurück nach England gegangen, als meine Beziehung hier zu Ende ging. Ich stellte dann fest, dass es nach zwei Jahren hier an der Zeit war, zu gehen. Ich bin jetzt in einer neuen Beziehung und werde irgendwann auch mal wieder aus dem Haus meiner Großmutter ausziehen. Ich kann mit Fünfunddreißig nicht ewig dort leben! Aber ich fühle mich dort zuhause und das leichte Leben da ermöglicht es mir, mich auf die Musik zu konzentrieren. Ich musste einfach all die Dinge zurücklassen, die die Musik umgeben haben, Dinge wie Auftritte und Flughäfen. Idealerweise würde ich einfach nur meine Musik machen, denn dann bin ich am glücklichsten.

kaput-glitterburg-by-nils_rodekamp-549

Till Rohmann aka Glitterbug (Photo: Nils Rodekamp)

Aber das darf man offensichtlich nicht, denn danach muss man sie immer durch Konzerte und Interviews rechtfertigen.
Till Rohmann: Dein neues Album ist das erwachsenste Gold Panda-Album bisher, und das bescheidenste. Ich glaube, dass Du mit “Half Of Where You Live” versucht hattest, jemand zu sein, der Du nicht bist. Als ich das neue Album zum ersten Mal hörte, hatte ich Tränen in den Augen, so froh war ich für Dich.
Gold Panda: Es war mir immer peinlich, fröhliche und positive Musik zu machen. Es mag sich komisch anhören, aber hart und düster wird von vielen Leuten mit intelligent und ernsthaft gleich gesetzt, und so kam es mir immer kitschig vor, eingängige und wiedererkennbare Melodien zu produzieren. Ich brauchte lange, um mich darin wohl zu fühlen. Es tut mir sehr leid, ich selbst zu sein. Aber was soll ich machen!

Derwin, Du hast in der Vergangenheit meist sehr wenig von Dir Preis gegeben. Aber jetzt erscheinst Du neben Deiner Großmutter in dem Video zu “In My Car”. Gibst Du deine Zurückhaltung auf?
Gold Panda: Am Tag vor dem Dreh hatte ich tatsächlich versucht, das Ganze abzusagen, weil es mit zu privat vorkam. Es war mir unangenehm, mich selbst so öffentlich zu zeigen. Ich schämte mich irgendwie. Ich wollte, dass sich alles nur um meine Musik dreht, bis mir klar wurde, dass meine Musik natürlich auch von mir handelt. Ich hätte ja auch gerne ein Hip Hop-Video daraus gemacht – mit meiner Crew abgehangen, cool am Steuer gesessen, in Zeitlupe ausgestiegen und vielleicht eine Flucht vor der Polizei inszeniert. Eine Explosion hier oder dort wäre auch toll gewesen. Stattdessen sind wir an das Grab meines Großvaters und ins Museum gegangen und haben Apfelkuchen gegessen. Aber es ist dann doch mehr HipHop als ich gedacht hätte, nur eben meine Version davon.

Hat sich seit dem letzten Album eigentlich Deine Produktionstechnik verändert?
Gold Panda: Gar nicht. Ich nehme immer noch Samples und arbeite mich sehr schnell daran ab.
Till Rohmann: Ich finde immer, dass das Equipment eines der langweiligsten Themen überhaupt ist, wenn man über elektronische Musik oder Musik allgemein spricht. Da gibt es eine große Marketing-Blase, mit der versucht wird, irgendwelchen Jungs mit DJ- oder Produzentenambitionen teures Zeugs unterzujubeln.
Gold Panda: Ich persönlich kümmere mich weniger um die Qualität des Sounds als darum, einen guten Song zu produzieren. Oder zumindest einen, den ich nicht hasse. Aber es ist schon wichtig, welche Mittel man benutzt, denn das bestimmt dein Klangspektrum. Deshalb komme ich auch nicht mit Ableton klar. Da gibt es einfach zu viele Optionen.
Ronnie Shendar: Ich glaube aber, dass auch auf Ableton jeder mit der Zeit seinen Sound findet. Man wählt bestimmte Filter und nutzt die dann immer wieder. Das gleiche gilt auch für meine Aufnahmen. Ich habe ganz viele verschiedene Objektive, nutze dann aber doch immer nur ganz wenige.

kaput-all_three-by-nils_rodekamp-577

What else?

Es scheint so, als seid Ihr drei an einem Punkt angekommen, an dem ihr genau wisst, was für Euch funktioniert und was nicht.
Gold Panda: Ich habe jedenfalls gelernt, dass ich Musik nicht machen sollte, um jemanden damit zu beeindrucken. Sondern dass ich einfach nur gute Musik machen sollte.
Till Rohmann: Und wir alle sollten darüber hinwegkommen, dass wir eben immer nur wir selbst sein können.

Vielen Dank für dieses Gespräch. 

Verlagssitz
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop Aquinostrasse 1 | Zweites Hinterhaus, 50670 Köln | Germany
Team
Herausgeber & Chefredaktion:
Thomas Venker & Linus Volkmann
Autoren, Fotografen, Kontakt
Advertising
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop
marketing@kaput-mag.com
Impressum – Legal Disclosure
Urheberrecht /
Inhaltliche Verantwortung / Rechtswirksamkeit
Kaput
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop ist eine Publikation des Verlagshauses Kaput.