Donnerstag, 19.10.2017
Prof. Heiner Blum (Robert Johnson Theorie) im Gespräch

Robert Johnson Theorie ist so etwas wie eine Schule

Im Februar diesen Jahres fand in Dortmund der von Jonas Eickhoff initiierte eintägige Kongress “Electronic Body Music. Ordnung in und als Bewegung” statt, bei dem in zahlreichen Vorträgen und anschließenden Diskussionsrunden soziologische sowie kultur- und sozialanthropologische Perspektivnahmen auf die Subkultur beziehungsweise Szene elektronischer Tanzmusik öffentlich zur Diskussion gestellt wurden.

Mit “Electronic Body Music” ging es Eickhoff darum, “Korridore zwischen Sozialwissenschaftlern, die das Feld der elektronischen Musikszene beforschen, und der untersuchten Szene selbst auszuleuchten, auszuloten und auszuhandeln.” Ziel war es dabei nicht Grenzen aufzulösen, sondern vielmehr ging es darum diese “explizit zu thematisieren, um sich dadurch selbst jeweils (anders) zu reflektieren.”

Das heute hier veröffentlichte Interview mit Prof. Heiner Blum knüpft an unser bereits veröffentlichtes Gespräch zwischen Christine Preiser und Dr. Jan-Michael Kühn (mit dem Thema: „DIE SCHLANGE IST DER ANTI-ORT ZUR TANZFLÄCHE“) an – in den kommenden Wochen werden peu a peu weitere von Jonas Eickhoff geführte Interviews mit Prof. Dr. Gunnar Otte („Children of the Night. Soziale Hierarchien und symbolische Grenzziehungen in Clubs und Diskotheken“), Prof. Dr. Gabriele Klein („Electronic Vibration. Pop Kultur Theorie“), Dr. Nora Hoffmann („Szene und soziale Ungleichheit. Habituelle Stile in der Techno/Elektro-Szene“), Dr. Anja Schwanhäußer („Kosmonauten des Underground. Ethnografie einer Berliner Szene“), Dr. Babette Kirchner („Eventgemeinschaften. Das Fusion Festival und seine Besucher“) und Dr. Rosa Reitsamer („Die Do-it-yourself-Karrieren von DJs. Über Arbeit in elektronischen Musikszenen“) folgen, sodass am Ende eine umfassende Dokumentation von “Electronic Body Music” vorliegt.

Aber nun wollen wir erst mal Prof. Heiner Blum zuhören, der an der HfG Offenbach unterrichtet und die Robert Johnson Theorie Reihe hostet.

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Dimitri Hegemann bei Robert Johnson Theorie

 Jonas Eickhoff: Zunächst einmal möchte ich Fragen zu Deiner Person stellen. Fragen, die Dir wahrscheinlich häufiger gestellt werden. Zum einen: Wie bist Du nach Offenbach am Main, wie bist Du an die Hochschule für Gestaltung gekommen? Kannst Du das kurz skizzieren? Und was verbirgt sich eigentlich hinter dem Label Deiner Professur „Experimentelle Raumkonzepte“?
Heiner Blum: Ich bin vor 19 Jahren nach Offenbach gekommen. Davor hatte ich eine Wohnung sowie ein Atelier in Frankfurt, wollte mich aber verändern und wollte beides zusammenlegen. Ich habe dann mal in Offenbach im Peak Club aufgelegt. Das war ein Club in der ehemaligen Fahrradhalle, den HfG Studenten gemacht hatten. Dieser Club war am Sonntag, am späten Nachmittag, geöffnet und es ging dann in den späten Abend hinein. Es gibt hier in der Gegend eine gewisse Folklore, dass die Frankfurter sich nicht auskennen mit Offenbach, aber sich über Offenbacher lustig machen. Auch ich hatte vorher mit Offenbach nicht viel zu tun und wurde da eben eingeladen und habe gesehen, oh, das sind total interessante Leute, die diesen Club machen. Das waren die Jungs, die dann zum Beispiel Perlon Records gemacht haben, sowie andere interessante Typen, Künstler, Studierende der HfG. Fand ich also sehr interessant. Ich habe zu dieser Zeit eine Immobilie gesucht und die haben dann zu mir gesagt: Ja, gegenüber gibt es was. Gegenüber war ein Loftgebäude. Da habe ich dann ein Loft gemietet – für mich und meine Familie. Wir lebten da dann 10 Jahre lang. Und gleichzeitig wurde ich von der HfG Offenbach gefragt, ob ich diese Professur machen wollte, die Professur „Experimentelle Raumkonzepte“ – den Namen hatte sich der Soziologieprofessor ausgedacht. Das gibt es ansonsten so gar nicht. An dem Tag als ich den Schlüssel bekommen habe von diesem Loft, habe ich mich auch für die Professur beworben und habe die dann auch bekommen. Also hat dann alles sehr gut zusammengepasst.

Noch einmal zu der Professur, die Du inne hast. Übrigens interessant, dass ich jetzt höre, dass ein Soziologieprofessor die Professur erst geschaffen hat. Mit welchen Kategorien arbeitest Du im Rahmen dieser? Welche Sozialität wird in Deinen Projekten gedacht, die Du bearbeitest? Neben Informationen zu Deiner Professur findet man bei Dir auf Deiner Webseite z.B. „Situative Projekte“. Hängen Situative Projekte und die Professur für Experimentelle Raumkonzepte zusammen?
Ich wurde damals gefragt, ob ich mich bewerben möchte. Ich habe mir das dann angesehen und gesagt, hm, interessante Schule, Kunst und angewandte Gestaltung unter einem Dach in einem Fachbereich. Das fand ich toll. Ich kannte viele Studenten. Das fand ich gut. Und ich kannte ein paar von den Professoren. Ich habe mich dann einfach beworben, egal wie das jetzt hieß. Dann habe ich gemerkt, dass ich mich natürlich mit dem Begriff in irgendeiner Form auseinandersetzen muss. Ich habe dann eine Visitenkarte bekommen, da stand dann drauf „Experimentelle Raumkonzepte“. Alle Leute sind immer so beeindruckt von diesem Begriff, was mir gefällt. Und dann habe ich mir überlegt, wie man dieses Feld verstehen könnte, weil es da, wie gesagt, keine Referenzen gab. So im Laufe der Zeit habe ich dann so eine Art Patchwork an Möglichkeiten zusammengestellt, was das sein könnte. Also zum einen geht es, so verstehen es auch die meisten Leute, um Rauminstallationen, Rauminszenierung. Es geht aber auch sehr viel um urbanen Raum, es geht um kommunikative Räume, es geht auch um virtuelle Räume. Und vor allem geht es mir eigentlich darum mit den einzelnen Studierenden den für sie passenden gestalterischen Raum zu finden. Denn es nützt nichts, wenn man irgendwie ein Thema hat, was sich nicht mit den einzelnen Studierenden verbindet. Ich merke, ich bin da relativ gut drin mich in Leute einzufühlen und zu gucken, was deren Möglichkeiten sind und wie die am besten performen können. Und je nach Semester oder Projekten, die wir machen, schwankt das so zwischen diesen gerade aufgelisteten Polen hin und her. Du hast gerade angesprochen, dass es in meinem eigenen Arbeiten etwas gibt, was ich „Situative Projekte“ nenne. Da gehört jetzt z.B. auch die Gründung des Robert Johnsons dazu. Und von „Robert Johnson Theorie“. Das Ganze bezieht sich auf eine Künstlergruppe, die es mal gab – Ende der 50er- und in den 60er-Jahren in Frankreich, aber dann wurde es auch bald eine weltweite Bewegung. Sie nannte sich „Situationistische Internationale“ und damit habe ich mich sehr beschäftigt. Das sind Leute gewesen, die versucht haben den Begriff der Gestaltung über den White Cube-Bereich hinaus zu entwickeln. Also sich dagegen zu wehren, dass man als Künstler immer in so einem Ghetto von weissen Räumen eingesperrt wird und dann da Vierecke gestalten soll, die man dann an die Wand hängt. Die Idee war, man könnte ja im Grunde genommen alles gestalten oder sogar die Welt verändern, Politik machen. Die waren sozusagen auch Vordenker der 68er-Bewegung in Frankreich.

Die Situativen Projekte, auch in der Ideengeschichte wie Du sie gerade skizziert hast, sind, soweit ich das überblicken kann, häufig in einer Öffentlichkeit angelegt bzw. mit einem expliziten Bezug zu Öffentlichkeiten, diese in irgendeiner Form bearbeitend. Zum Teil als Intervention. Öffentliche Soziologie bzw. das Verhältnis von Soziologie zu gesellschaftlichen Öffentlichkeiten ist innerhalb der soziologischen Fachdisziplin sehr umstritten. Welches Selbstverständnis legst Du an den Tag? Sowohl eine Professur innezuhaben, Lehrender zu sein, und zugleich in der Öffentlichkeit zu intervenieren und, das ist die Frage, dann als was eigentlich aufzutreten, wie auf diese Öffentlichkeit warum zugehend? Als eine Art öffentlicher Intellektueller? Welches Selbstverständnis legst Du Deiner Kommunikation mit Öffentlichkeiten zu Grunde?
Tatsächlich ist es bei mir so, auch wenn eine Veranstaltung Robert Johnson Theorie heißt oder wenn ich jetzt gerade Leute wie z.B. die Situationisten angeführt habe, dass die Dinge, die ich mache, eher aus einem praktischen Interesse heraus kommen oder aus einer praktischen Notwendigkeit und weniger aus einem Theoriediskurs. D.h. ich überlege mir nicht theoretisch etwas, um daraus eine Praxis zu machen, sondern mir sind in meinem Leben immer wieder Dinge aufgefallen, die ich ändern wollte. Ich glaube das ist eine Stärke von mir, dass ich z.B. vor 16 Jahren erkennen konnte – den Peak-Club gab es nicht mehr – es gibt keinen guten Club in Offenbach. Dann lag es natürlich nahe einen guten Club zu machen. So ist das Robert Johnson entstanden. Um auf Robert Johnson Theorie zu kommen: Die Veranstaltung gibt es jetzt seit sechs Jahren. Als wir das Robert Johnson eröffnet haben, hatten wir die Vermutung, dass es den Club vielleicht drei, vier Jahre geben wird, dann Techno und House sowieso fertig ist, dann das nächste große Ding kommt. Es ist aber nie gekommen. Und so gab es praktisch immer wieder Generationswechsel, was das Publikum und die Performer betrifft. Und mir ist vor fünf, sechs Jahren aufgefallen, weil ich sehr viel mir sehr jungen Produzenten zu tun habe, dass es mittlerweile ein Publikum gab, das zwar ein großes Wissen hatte über Techno, House, über Subkultur und so weiter, aber das Wissen war irgendwie sehr unvollständig. Aber trotzdem gab es eine große Neugier. Und daraus ist die Idee entstanden: Okay, das kann man ändern. Und ich habe dann immer wieder rausgehört zu welchen Gebieten es vielleicht so eine bestimmte Neugier gab und habe dann einfach immer die besten Leute eingeladen, die ich dazu finden konnte. Und man kann sagen, Robert Johnson Theorie ist so etwas wie eine Schule, auf Facebook habe ich es auch als Schule angemeldet, wo ich versuche dieses ganze Wissen über Clubkultur oder über Subkultur mosaikartig zusammenzufügen zu einem großen Bild. Mit der Idee einen Wissenstransfer zu leisten an die nächste Generation. Und das funktioniert eigentlich sehr, sehr gut. Wenn ich jetzt z.B. überlege, wer so vor fünf Jahren bei den ersten Theorieveranstaltungen saß, das sind alles Leute, die mittlerweile im Robert Johnson oder anderen Clubs auflegen, die Labels haben, die zum Teil auch davon leben können.
Für das normale Clubpublikum, also ich würde sagen so zur Hälfte ist die RJT-Crowd das normale Clubpublikum, das dann auch bleibt, das hinterher dann auch die Nacht im Robert Johnson verbringt, ist das einfach so ein Bonus, um ein wenig zu verstehen, wo kommt das eigentlich her, wozu man sich da nächtlich bewegt. Und die verstehen die Musik dann aber auch noch ein wenig tiefer und interessieren sich dann auch, angeregt durch die Theorieveranstaltung, weiter dafür und gehen dann privat auch ein wenig mehr in die Tiefe, kaufen sich dann die eine oder andere Platte, auf die sie durch RJT gekommen sind.

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Sven Marquardt feat. Marcel Dettmann at Robert Johnson Theorie

Ein Vorbehalt von manchen Sozialwissenschaftlern ist – zugespitzt –, dass die Szene elektronischer Tanzmusik sich nicht oder „falsch“ dafür interessieren würde von sozialwissenschaftlichen Überlegungen, Analysen zum Feld der elektronischen Tanzmusik zu hören, dass sozialwissenschaftliches Wissen nur schwer Relevanz im Feld elektronischer Tanzmusik selbst erlangen könnte. Und es u.a. daher auch keine Notwendigkeit gäbe, da ohnehin hoffnungslos, einen solchen Wissenstransfer anzustossen. D.h. die Forschung ist abgeschlossen vor einem bestimmen sozialwissenschaftlichen Problemhorizont und damit ist sie soziologieintern rezipierbar, aber darüber hinaus ist es eher weniger interessant. Dieser Gedankengang ist auch ein Grund, warum ich jetzt bei Dir bin, Dir Fragen stelle, weil ich meine in Robert Johnson Theorie ein Format zu sehen, was davon zeugt, dass es schon irgendein Interesse an einem Reflexionswissen seitens der Szene gibt. Was meinst Du?
Also das Lustige ist eben, dass dieser Begriff Theorie in Robert Johnson Theorie nicht diesem wissenschaftlichen Theoriebegriff entspricht. Also das ist keine Veranstaltung, wo es mehr Fußnoten gibt als Text, sondern das Ganze muss, das ist die Bedingung, muss auch für ein Clubpublikum funktionieren, sonst ist das sinnlos. Es gibt relativ wenig Leute, die in einem wissenschaftlichem Sinne bei uns Vorträge halten. Und was ich den Leuten auch immer sage, dass so etwas wie Anekdoten erzählen anhand derer etwas klar wird, dass das wichtiger ist als irgendwelche theoretischen Gebäude aufzubauen.

Also doch über die Person.
Ja. Und auf der anderen Seite ist ganz interessant, wie Leute aus dem harten Theoriebereich auf Robert Johnson Theorie gucken. Also zum Beispiel Juliane Rebentisch – eine deutsche Philosophin und Kollegin von mir – mit der ich gerade ein Buch zusammen gemacht habe, die praktisch eine Vertreterin der ganz harten Theorie ist. Die findet das aber auf der anderen Seite ganz cool, wie wir bei RJT damit umgehen. Also diese Leute sehen auch, dass das auch eine Möglichkeit ist. Auch wenn das nicht ihre ist. Und kommen dann auch ab und zu ganz gerne vorbei. Wir haben dann auch Studenten von der Goethe-Universität da – und so weiter. Aber der Begriff der Theorie ist so ein bisschen bewusst auch irreführend.

Das ist jetzt schon in Deinen Beschreibungen vorgekommen, aber trotzdem noch einmal explizit: Warum jetzt die Veranstaltung im Robert Johnson? Das erklärt sich ja aus Deiner Vita, Du bist mit dem Ort verbunden. Aber mir geht es eher darum danach zu fragen, was ein „außerakademischer“ Ort für sich hat, um eine bestimmte Diskussionsatmosphäre zu erzeugen?
Die Veranstaltung ist für das Robert Johnson konzipiert. Das ist die Grundidee, dass da Samstagsabends Leute hinkommen, um Spaß zu haben. Normalerweise eben frühestens ab 24 Uhr. Wenn man die Samstagnacht nun plant, dann gibt es da immer so eine Lücke. Also man geht noch irgendwie abends essen oder guckt noch eine Serie. Aber was macht man dann bis 24 Uhr oder bis ein Uhr, bis zwei Uhr, bis man dann wirklich in den Club geht? Und da habe ich mir gedacht ist RJT doch ein ganz gutes Angebot. Wir bleiben im Thema und bringen die Leute zusammen, die im Clubkontext die Dinge bewegt haben und bewegen und lassen sie sprechen. Und das funktioniert.

Also eine pragmatische Lösung. Man holt die Leute da ab, wo sie sind.
Genau. Das ist ja für diese Leute gemacht. Das ist eben nicht so, dass ich mir irgendetwas ausgedacht hätte und mich gefragt hätte, wo mache ich das, sondern ich habe genau mit diesen Leuten vorher gesprochen und gemerkt, die wollen bestimmte Sachen wissen. Und wir sind, was ganz schön ist für die Veranstaltung, mitten auf dem Dancefloor vom Robert Johnson, d.h. die Leute sitzen genau da, wo sie zwei Stunden später tanzen. Und der Referent befindet sich quasi vor dem DJ-Pult. Dahinter haben wir noch eine Leinwand, weil mir meistens mit Projektionen arbeiten. Und es gibt dann hinter der Tanzfläche noch einen Raumteiler zur Bar, welchen wir ausziehen können, um eine kleine Tribüne zu haben. Und so entsteht dann so etwas wie ein kleines Amphitheater oder so ein kleiner Kessel, in dem die Leute drin sitzen. Es ist sehr gemütlich und es unterscheidet sich natürlich extrem von einem akademischen Vorlesungsraum. Wir haben natürlich dann auch die Clubanlage zur Verfügung und die Leute lieben es, wenn die Referenten ganz laut Musikbeispiele vorführen, was in einem akademischen Kontext dann eher immer so ein wenig bemüht wirkt und nicht so richtig funktioniert. Also passt schon alles zusammen.

Zu dem Publikum, was Du ja auch schon angedeutet hast, aber um zu sortieren: Was sind da dann für Leute vor Ort? Mehr Männer, mehr Frauen, welchen Alters, etc.?
Was interessant ist, dass normalerweise Leute, die älter sind als 30 sich komisch fühlen, wenn sie in einen Club gehen, weil es nach wie vor die Perspektive gibt, dass das eher etwas für jüngere Leute ist und das ist bei Robert Johnson Theorie auf jeden Fall anders. Das Publikum ist ungefähr zwischen 18 und 65. Und die älteren Leute sind natürlich Leute, die, als sie selbst jung waren, meist viele Themen auch miterlebt haben bzw. das zum Anlass nehmen, zu sagen, okay, da kann ich auch noch einmal in einen Club reingehen, ohne dass es peinlich ist und bin mir sicher, dass ich durch die Tür komme. Also gerade die älteren Leute sind dann oft die, die sehr fachkundige Fragen stellen oder sogar noch ergänzend zu dem Referenten über Wissen verfügen, das sie dann einbringen können. Und die jüngeren Leute sind solche, die sich oft sagen, okay, ich habe ohnehin nichts besseres zu tun, ich gehe heute Nacht ohnehin ins Robert Johnson, gehe ich also einfach mal ein bisschen früher hin und höre mir das an. Es sind aber auch viele jüngere Produzenten, die da Inspirationen mitnehmen. Und männlich, weiblich? Es ist schon gemischt. Wobei die ganz harten Nerds sind dann doch eher die Jungs.

Sechs Jahre läuft Robert Johnson Theorie ja nunmehr, also seit 2010. Wen und was hat das wie beeinflusst? Hast Du ja auch bereits angedeutet. Wie meinst Du dem nachspüren zu können, dass Robert Johnson Theorie auch eine Art Entwicklungsmotor, eine Schule war für das Umfeld vom Robert Johnson, für die Szene in Offenbach, Frankfurt sowie Darmstadt?
Seit drei Jahren gibt es praktisch ein Schwesterformat zu RJT. Das nennt sich „Institut für Klangforschung“, gerade weil ich gesehen habe, da hocken diese teilweise noch 16-, 17-jährigen Kids, die dann irgendwie mehr an ihrem Rechner hängen und Musik machen, als dass sie auf’s Abitur hinarbeiten. Da hab ich gedacht, man muss denen auch noch etwas Praktisches anbieten und habe dann ein zweites Format gegründet. Das IfK ist mittlerweile eine Etage von 300qm in der Stadtmitte von Offenbach – da haben wir Studios für 23 Produzenten, ein Gemeinschaftsstudio, ein Büro, und da machen wir in lockerer Folge Praxisworkshops. Vermittlungen von Programmen, Do-it-Yourself-Workshops für Modularsysteme, alles Mögliche. Teilweise ist Robert Johnson Theorie auch eng verbunden damit, also dass ein Robert Johnson Theorie-Referent am nächsten Tag dann einen Praxisworkshop macht oder Ähnliches.
Für’s IfK habe ich einen Verteiler von circa 120 Produzenten aus dem Rhein-Main-Gebiet und das sind eben teilweise auch Leute, die mittlerweile auch schon ziemlich bekannt sind, wie die HardWorkSoftDrink- oder die Traffic-Jungs. Also diese Generation, die angefangen hat, die ersten Theoriesachen zu besuchen, die auch in die ersten IfK-Kurse gegangen sind, sind mittlerweile an dem Punkt, wo sie professionell geworden sind und auch teilweise schon international gebucht werden. Das geht dann auch Hand in Hand mit der Bookingpolitik vom Robert Johnson. Das macht der Oli Hafenbauer. Und der hat, so wie ich, auch einen sehr genauen Blick auf die nachkommenden Generationen und reagiert da sehr schnell und einfühlsam. Das ist auch mit der Erfolgsgeheimnis vom Robert Johnson, dass es nicht stehen geblieben ist, wie bestimmte andere Clubs, sondern man hat immer geguckt, wer wächst da nach.
Wobei es gibt auch bestimmte Leute, die nicht zu den Seminaren gekommen sind oder nicht zu den Theorie-Veranstaltungen, sondern immer mit Leuten befreundet waren, die dahin gekommen sind, aber sich selbst zu cool fanden, da hinzugehen, weil sie gesagt haben: Nein, ich will jetzt nicht noch einmal zur Schule gehen. Natürlich gibt es Leute, die haben da ein komplettes Undergroundverständnis und wollen nicht irgendwo etwas vorgelernt oder vorgepredigt bekommen, sondern wollen das für sich selbst machen. Aber die hängen zumindest mit an der Blase von Leuten, die IfK- oder RJT-Sachen aktiv wahrnehmen.
Das finde ich irgendwie ganz interessant. Also ich kenne die auch alle, aber diese Leute finden, dass man das alles irgendwie selber finden muss, dass es eben blöd ist, wenn man das erzählt bekommt.
Interessant ist es auch Musiker und Kunststudenten zu vergleichen: Die Kunststudenten brauchen sehr viel mehr Ansprache, Kritik, Zuwendung, Möglichkeiten als die Musiker. Die jungen Musiker, die brauchen vor allem einen Ort, an dem sie arbeiten können, brauchen den Rücken frei, brauchen eine gute Community, ein gutes Netzwerk, brauchen natürlich eine Infrastruktur von Clubs, aber sie müssen jetzt nicht drei Mal die Woche in Seminaren rumhocken, sondern drei, vier punktuelle Inspirationen pro Jahr, das reicht. Den Rest machen sie dann selbst. Es geht ja auch um ein Lebensgefühl, in dem es darum geht, nicht dauernd in einer schulartigen Situation zu sein, sondern eine wichtigere Erfahrung ist dann vielleicht in einem Club mal richtig abzustürzen, oder so. Also das bringt den Leuten dann mehr, als etwas Schlaues gesagt zu bekommen.

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Roman Flügel bei Robert Johnson Theorie

 

Noch einmal als Randnotiz zu dem „Institut für Klangforschung“: Das ist offen, oder? Dann kann theoretisch jeder hin, der praktische Anliegen hat, die dann dort bearbeitet werden?
Ja. Wenn man sich mal anschaut, wer interessant ist, das sind ja nicht unbedingt Leute, die schon studiert haben. Beim Institut für Klangforschung steht so ein wenig im Hintergrund die Idee, dass man ein Modell formuliert in Bezug darauf, dass man sagt, es kann nicht sein, dass es so etwas in Deutschland nicht gibt. Also wir lösen das modellhaft. Alles andere ist erst mal zu anstrengend. Ich merke, dass es irrsinnig gut ankommt und dass ich auch bei Politikern ein großes Verständnis dafür erreiche, wenn ich ihnen erkläre, warum das notwendig ist, dass wir das machen, und wir versuchen sollten eine akademische Perspektive herauszuentwickeln. Also die Idee wäre eigentlich schon, dass man sagt, es müsste eigentlich so etwas geben wie eine Kunsthochschule für elektronische Musiker. Wo man relativ frei, und vielleicht dann auch doch wieder nicht so akademisch, fünf Jahre Zeit bekommt sein Ding zu entwickeln. Einfach ein Raum und das finanzielle Back-Up und einfach ein paar technische Möglichkeiten, Leute, die gute Sachen erzählen. Also darauf läuft es hinaus. Müssen wir mal gucken, wie weit wir das treiben können.

Wie adressierst Du ein solches Anliegen an Öffentlichkeiten wie eine politische Öffentlichkeit?
Ein Beispiel: Wir haben einfach mal Leute vom Wirtschaftsministerium des Landes Hessen, die für die Start-Up-Szene zuständig sind, eingeladen nach Offenbach. Mit denen haben wir dann einen kleinen Rundgang gemacht. Wir waren im Robert Johnson, in diversen Studios und so weiter. Und normalerweise treffen sich diese Ministeriums-Leute eigentlich nur mit Leuten, die so wie sie selbst aussehen, also mit Anzug, Krawatte, Kostümchen, gute Schuhe. Sie fanden den Rundgang total toll, gerade weil alles so anders und undergroundig war. Und haben dann auch verstanden, dass das Institut für Klangforschung auch eine Hilfe ist für Existenzgründer. Das war und ist deren Terminologie. Sie sind zuständig für Existenzgründer, machen Gründerberatung. Zwei Wochen später haben sie angerufen und uns EU-Mittel bereitgestellt.

Noch einmal zurückkommend auf Robert Johnson Theorie. Kannst Du noch einmal versuchen darzustellen, welche Gäste eingeladen wurden über die sechs Jahre, welche Themen bearbeitet wurden? Was passierte in den RJT-Nächten?
Wie ich es gerade schon beschrieben habe, geht es eigentlich darum über die Dauer der Zeit das ganze Thema Clubkultur, Subkultur, elektronische Musik relativ komplett abzudecken. Zum einen gibt es Themen, die ich wichtig finde, und dann suche ich mir dazu einen Referenten. Auf der anderen Seite gibt es Personen, die ich interessant finde, die ich dann hole und denen ich dann meist ein Thema mitgebe, über was sie reden sollen. Was wir wenig machen ist, dass wir z.B. einen Produzenten einladen, der dann erzählt wie toll er ist. Oder wie er so toll geworden ist, wie er heute ist, wie das alles kam. Das finde ich eher langweilig. Sondern die Leute reden meist nicht über sich selbst. Also letztes Mal war z.B. Florian Hecker da, jemand der im Bereich der bildenden Kunst sehr beeindruckende Klanginstallationen macht. Der hätte natürlich über sein Werk reden können, aber er hat einen Vortrag gehalten über Iannis Xenakis und hat dann eben auch über die Clubanlage Xenakis-Stücke gespielt. Und die Leute hatten so etwas vorher einfach überhaupt noch nicht gehört. Das war natürlich für ihn ein großer Spaß und für die Leute auch sehr beeindruckend.

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Brian Eno at Robert Johnson Theorie

Kannst Du neben dieser Veranstaltung noch ein paar weitere Anekdoten erzählen?
Also der Berühmteste, der bis jetzt da war, war Brian Eno. Da waren viele total fasziniert davon, wie ich es geschafft hatte ihn nach Offenbach zu holen. Das war natürlich total voll. Es waren mehr Leute, die draußen standen, als die, die wir rein lassen konnten. Überhaupt ist es manchmal bei den Theorie-Veranstaltungen so, dass wir große Schlangen vor der Tür haben und wir nicht alle reinlassen können. Das kommt so alle zwei Jahre mal vor. Brian Eno war eben so eine Geschichte. Den habe ich auch nur bekommen, weil ein Freund von mir für ihn seine Videoskulpturen technisch überholt hat. Also er hatte hier eine Ausstellung in Frankfurt im Museum für Angewandte Kunst, Videoskulpturen von vor 20 Jahren. Und der Kollege von mir ist eben mit ihm befreundet und hat das für ihn gemacht. Und über ihn habe ich das dann eingefädelt. Und Brian Eno hat natürlich bereits hunderte Mal seine Geschichte erzählt – er ist dann aber auch sehr tapfer. Und ich hatte mit ihm vereinbart, dass wir als Thema Platten spielen, die sein Leben und seine Musik beeinflusst haben. Ich habe mir das quasi im Vorfeld aus Interviews herausgesucht, was das sein könnte. Wir hatten dann vorher auch noch ein gemeinsames Abendessen gehabt und sind das durchgegangen. Und das hat ganz gut funktioniert. Und das waren dann aber auch Dinge, die für die Leute überraschend waren, Gospelchöre aber auch Listening-Sachen, von denen keiner aus dem Publikum vorher je gehört hatte. Was bei dieser Veranstaltung auch noch cool war: Er hatte noch eine Freundin mitgebracht, die dann auch im Publikum saß, eine Heldin aus meiner musikalischen Jugend: Laurie Anderson. Sie saß dann plötzlich vor einem, einfach als Gast. Das ist natürlich ein gutes Gefühl.

Hinführend zum Ende des Interviews: Wie findest Du dann in den zwei Stunden RJT statt? Ist das dann sehr von Thema und Referent abhängig, führst Du ein Gespräch, moderierst Du eine Diskussion?
Das ist unterschiedlich. Ich bin eher schüchtern und überhaupt kein Entertainer. Auf der anderen Seite habe ich Ahnung von diesem Feld. Ich kann das überblicken. Ich glaube, das finden die Leute auch eher sympathisch, dass ich keine Rampensau bin, sondern mich dann fast überwinden muss oder bei Brian Eno war es so, dass es für mich furchtbar aufregend war. Und das muss ich jetzt nicht jedes Wochenende haben. Am liebsten ist es mir, wenn die Leute von selber reden können, aber es gibt dann manchmal Leute, gerade die bekannteren, die dann sagen, ich habe jetzt aber überhaupt keine Zeit da etwas vorzubereiten, und dann denk ich mir etwas aus und moderiere das auch. Aber ich halte mich schon lieber im Hintergrund. Und versuche es eher zu vermeiden, dass ich Gespräche führe. Manchmal habe ich auch das Gefühl, es gibt jemanden, der das Gespräch besser führen könnte. Vor kurzem hatten wir z.B. Adrian Sherwood hier, und da habe ich dann einen Freund von mir, Klaus Walter, gefragt, ob er das Gespräch führen könnte. Da ging es um Dub, ein Spezialthema, wo ich überhaupt nicht drin bin, Klaus kennt sich da hingegen perfekt aus.

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Ata at Robert Johnson Theorie

Kannst Du zum Abschluss des Gesprächs noch kurz erläutern, was sich hinter einem weiteren Projekt von Dir verbirgt, welches ich verbunden mit Deinem Namen gefunden habe, nämlich dem „Institut für Soziale Choreographie“?
Ja. Wir springen jetzt noch einmal zurück ins Jahr 2000. Im Jahr 2000 haben wir quasi das Robert Johnson auf den Weg gebracht, das aber im Kern von Ata Macias und Sebastian Kahrs gemacht wird bzw. das Booking macht jetzt heute Oliver Hafenbauer. Da war ich also nur mit dabei bei der Gründung bzw. ich habe mir das ausgedacht und die Jungs mussten das dann machen oder hatten Lust das zu machen. Ich hatte zu der Zeit noch einen zweiten Club gegründet und selbst auch betrieben. Und zwar im Bockenheimer-Depot, das ist das Theater am Turm in Frankfurt. Da wurde im Jahr 2000 William Forsythe der Direktor. Forsythe ist ein Choreograph, der eine Ballettkompanie hat, sehr, sehr wichtig und erfolgreich. Mit ihm bin ich gut befreundet. Der wurde Direktor von diesem Theater, ein ehemaliges sehr, sehr großes Straßenbahndepot. Er hatte zum einen vor dort selbst mit seinem Ballett Veranstaltungen zu machen, dann zwei junge Theaterleute engagiert, die da experimentelles Theater gemacht haben, und die dritte Komponente war ich mit einem Projektteam.
Und er hat dann gesagt, ich soll da einen Club machen und der soll Schmalclub heißen. Und der Name war schon fix und fertig und ich sagte, okay, was hast du dir dabei gedacht? Und er sagte dann das Bockenheimer Depot, das sei eine Riesenfläche, die immer unterschiedlich räumlich genutzt werden soll, und es wird dabei immer Raum übrig sein, so dazwischen.
Und in diesen Bereichen dazwischen sollte ich eben dieses Clubformat entwickeln. Ich habe dann eine Gruppe von Studierenden versammelt und wir haben dann über drei Jahre lang diesen Club betrieben. Das Interessante war, dass es als Konzept ein Negativ-Konzept gab, d.h. wir haben gesagt: Wir machen kein Theater, wir machen kein Ballett, keine Performance, wir machen keine Konzerte. Also alles, was man so macht, machen wir nicht. Und wir haben dann geschaut, was übrig bleibt. Was kann man da machen, wenn man sich das verbietet, was alle machen? Und da ist uns doch relativ viel eingefallen. Wir haben fast 25 Veranstaltungen gemacht, die hatten praktisch immer einen Titel. Die Leute wurden eingeladen mit einer Postkarte. Auf der Postkarte war eine Zeichnung drauf und mehr wusste man nicht. Und jeder Club war vollkommen anders und das Publikum war auch nicht klassisches Publikum: Wir haben mit den Leuten zusammen immer so etwas wie ein Abenteuer unternommen. Also als Beispiel: Wir haben mal einen Club gemacht, da haben wir alle Feste eines Jahres an einem Abend gefeiert. Es lief über einen Videobeamer ein beschleunigter Kalender – wir haben dann am Neujahr angefangen und an Silvester aufgehört und dazwischen haben wir mit den Leuten Valentinstag, Ostern, Weihnachten, jeden einzelnen Geburtstag gefeiert und so weiter. Oder wir haben eine Veranstaltung gemacht, bei der wir wir gemeinsam mit den Leuten im Theater übernachtet haben. Oder haben mal das ganze Ding in ein Hotel verwandelt.
Bei diesen Clubs gab es zwar immer mal wieder einen Musikaspekt oder einen Dancefloor, aber das stand nicht im Vordergrund. Es gab zu der Zeit einen Mitarbeiter von Forsythe, Steve Valk, ein Dramaturg, und mit dem zusammen habe ich immer überlegt, was machen wir da eigentlich? Wie könnte man das nennen? Und Steve hat dann den Begriff der „Sozialen Choreographie“ geprägt. Und irgendwann war Steve nicht mehr beim Ballett Frankfurt beschäftigt, sondern selbstständig, und dann habe ich gesagt, ich habe hier diese tolle Visitenkarte, auf der Experimentelle Raumkonzepte drauf steht, wir brauchen für dich auch eine Visitenkarte. Da müssen wir auch etwas Tolles drauf schreiben. Dann habe ich ihm vorgeschlagen das „Institut für Soziale Choreographie“ zu gründen und dann hat er seine Visitenkarten gekriegt und alle waren eben auch beeindruckt von diesem Begriff. Mit diesem Label machen wir ab und zu mal Projekte zwischen Kunst und sozialer Aktivität. Dafür gibt es aber keinen Ort, es ist einfach ein Label, das wir manchmal beide benutzen.

Vielen Dank für das Gespräch, Heiner.

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