Dienstag, 22.08.2017
Helena Hauff

“Helena Hauff ist eben Helena Hauff!”

Helena Hauff Rauchen

Helena Hauff im Golden Pudel Club, Dezember 2014 (Photo: Thomas Venker)

Helena Hauff öffnet mit ihren Sets und Produktionen dunkle, abgründige, gerne auch schwermütige Soundwelten im Spannungsfeld zwischen kompromisslosen Techno und energetischem Electro. Mit “Discreet Desires” erscheint nun auf dem Label von Actress ihr erstes Künstleralbum, für das sich die Hamburgerin auch mal an Melodien heranwagt. Thomas Venker besuchte Helena Hauff in ihrem Hamburger Wohnstudio und begleitete sie eine Nacht in den Golden Pudel Club.

Helena, dein Name ist mir im Kontext des Golden Pudel Club zum ersten Mal untergekommen. Ist das auch der Ort, an dem du als DJ debütiert hast?
Es war der dritte Ort, an dem ich aufgelegt habe. Zuvor spielte ich noch in irgendeiner Bar in Hamburger einmal, und dann in irgendeiner anderen Bar, und dann im Pudel.golden

Der Pudel ist einer der schönsten Läden überhaupt. Hier wird noch der Urgedanke vom Zusammenspiel von spannender Kultur und Diskurs gepflegt. Wenn man so etwas als Homebase hat und dann beim Rumkommen eben diese typischen Clubs bespielt, dann fühlt sich der Kontrast doch sicherlich hart an.
Mich hat es nicht erschrocken, andere Läden zu sehen. Es ist auch Quatsch, dass man sich im Pudel mehr Dinge erlauben kann als andernorts. Am Ende des Tages kann man sich überall alles erlauben, was man sich eben so erlauben will. Im Pudel auflegen ist speziell, da er klein ist – wobei ich ähnliche Gefühle bei anderen kleinen Clubs bekomme. Ich habe zum Beispiel in Athen in einer kleinen Bar gespielt, gerade mal halb so groß wie der Pudel, und es fühlte sich sofort ähnlich an. Die Leute gehen an solchen Orten ab, man braucht keine Angst davor zu haben, Fehler zu machen, denn darum geht es in so kleinen Räumen nicht. Wobei ich das Gefühl habe, dass man in größeren Räumen unnötig versucht professioneller zu sein als nötig. Man möchte es unbedingt richtig machen.

Der Name deiner Pudelreihe, „Birds and other instruments“, existiert der vom ersten Tag an? Ich frage, da auch er etwas vorgibt: er und dein unter ihm veröffentlichte Dj-Mix verdeutlichten die Offenheit für Naturklänge innerhalb deines Ansatzes, was im Klangschatten des Roland-Maschinenparks, mit dem du produzierst, gerne etwas untergeht. Mir scheint es aber, als ob auch der Raum, die Natur, Field Recordings sehr bedeutend sind. So klingt für mich auf der bei Lux Records erschienen Platte „Shatter Cone“ in all dem Acid-Gewitter auch britischer Folk an.
Das ist total lustig, dass du das sagst, da meine Sets, ja sehr industriell sind, sehr Maschinenlastig. Ich lege nicht so sehr Hippieeske, natürliche, warme Sounds auf. Alles, was ich mache ist eher Maschine und kalt. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, warum ich „Birds and other instruments“ als Titel für die Veranstaltung gewählt habe, aber es war zumindest nicht so gedacht. Im Nachhinein kommt es mir so vor, als ob ich es ironisch gemeint hätte. Allerdings bevorzuge ich Sachen, die nicht zu überproduziert sind, die roh klingen und auch Fehler zulassen. Mutationen, das ist etwas menschliches, eine künstliche Intelligenz, ein Algorithmus wäre dazu nicht in der Lage.

Das war nicht im Sinne von lieblicher Natur gemeint. Ich dachte eher an eine künstliche Natürlichkeit, eine geisterhafte Atmosphäre aus Noise- und Industrialgeräuschen.
Okay, das kann man natürlich durchaus als Natur bezeichnen. Irgendwann ging ich mal am Hamburger Hafen spazieren und da gab es so ein tolles Gerät, welches den Schlamm vom Boden saugte. Dieses Gerät erzeugte ein wahnsinnig tolles Geräusch: den perfekten Technotrack.
Ich habe das selten, dass ich durch die Gegend laufe und mir die Geräusche so sehr in Erinnerung bleiben wie dieses.

Grundsätzlich hast du natürlich Recht. Deine Sets sind in der Gesamtheit eher düster und drastisch angelegt, sie brechen sehr energetisch über den Zuhörer / Tänzer ein. Aber lass es uns mal umdrehen: Wie würdest du selbst deinen Stil bezeichnen, wenn ich dich dazu zwingen würde?
Das ist unheimlich schwierig. Meine Sets sind rough, schmutzig, ein bisschen kalt. Nicht immer wahnsinnig kalt, aber es geht eher in eine kalte Richtung als in eine warme. Eher Italo-Disco als New-York-Disco – wobei ich nicht wahnsinnig viel Italo-Disco spiele. Damit meine ich, dass ich eher einen europäischen Sound repräsentiere als einen amerikanisch-schwarzen Sound.

Echt. So empfindest du das? Obwohl bei dir soviel Detroit mit drin steckt?
Ja – und zwar weil nicht besonders viel Soulbackground bei mir vorhanden ist. Das klingt schon alles eher nach Depeche Mode als nach James Brown. Super Beispiel, mir fiel gerade nichts Besseres ein.

Du meinst damit, dass du dir aus Detroit immer eher das pulsierend-pickende nimmst und nicht die schwingenden Sounds?
Es ist eher Detroit-Electro als Detroit-Deep-House – wobei ich natürlich von beidem beeinflusst bin und beides höre. Aber wenn ich eine Kategorie wählen müsste, dann ganz klar Electro.

Helena Hauff DJ PUlt

Helena Hauff im Golden Pudel Club, Dezember 2014 (Photo: Thomas Venker)

Du legst mit Schallplatten auf. Insofern interessiert es mich doppelt, ob es so etwas wie einen Initialmoment für das Auflegen bei dir gab?
Das kommt daher, dass ich eine Aversion gegenüber Computern besitze. Ich mag die einfach nicht. Was heißt „ich mag sie nicht? – das sind schon super Geräte, aber man sitzt genug daran. Ich hatte keine Lust, noch mehr mit ihnen zu machen.

Du hast also nicht einen der großen Vinyl-Djs wie Jeff Mills gesehen und gedacht, „das will ich auch“?
Nein. Lustigerweise legte der erste Dj, den ich bewusst wahrgenommen habe, mit Laptop auf. Ich wusste damals gar nicht, was abging. Aber mich faszinierte sofort, dass eine größere Menge an Leuten auf den gleichen Beat tanzte und der Dj scheinbar über mehrere Stunden ununterbrochen den gleichen Song spielte. Ich erinnere mich nicht mehr, wer aufgelegt hat, es war auf einem Festival in einem Hamburger Warehouse, zu dem mich ein Freund mitgeschleppt hat. Ich konnte das einfach nicht einordnen – die Idee das selbst machen zu können, fand ich faszinierend. Ich begann also in der Folge mehr in Hamburg auszugehen, auch oft in den Pudel, und sah so mehr und mehr Djs und begann langsam zu verstehen, was da abgeht. Schnell checkte ich, dass es Djs gibt, die mit Laptop auflegen und solche, die mit Platten auflegen. Und fragte mich, welcher Typ ich sei? Worauf ich Bock hätte? Ich habe Bock es mit Platten zu machen.

Weil du gerade gesagt hast, dass Soul nicht dein Ding ist, sondern eher kältere Sounds. Wenn du auflegst, tanzt du aber sehr emphatisch mit Begeisterung mit. Zwar auf eine sehr eigene Art, sehr impulsiv…
Ich kann den Takt nicht wirklich halten. Das wird mir immer wieder gesagt.

Wer kann schon auf den Takt tanzen? Wie soll das denn überhaupt möglich sein? Das schöne ist doch, dass jeder seinen eigene Takt besitzt. Ich war letztes Jahr auf einem der Kate Bush Konzerte in London. Innerhalb des Auftritts gab es ein Stück, bei dem jede der an die 30 Personen auf der Bühne sich in seinem eigenen Taktgefühl zur Musik bewegt hat: Von ganz schnell bis zu fast stehend-introvertiert. Ein wahnsinnig tolles Bild. Mir ging es jetzt aber auch gar nicht um dein Aus-dem-Takt-sein, sondern darum, dass du total konzentriert auflegst und dann immer dieser Moment kommt, wo es raus zu müssen scheint. Du hüpfst plötzlich zu deiner Musik mit.
Ich bin meistens schon ziemlich betrunken, wenn ich auflege. Nicht immer, aber manchmal. Es ist lustig, wo du das gerade mit dem Takt gesagt hast. Ich kenne einen unheimlich guten Jazz-Drummer. Als ich ihm mal erklärte, was es mit dem Auflegen auf sich hat, und wie man Platten auf der Basis des 4-Viertel-Taktes zusammen mixt, kam er sofort mit so fantastischen Ideen an, wie man einen 1/360-Takt auf einen 4/4-Takt mixen könnte, in dem man an jeder 87igsten Stelle die Sachen wieder zusammen bringt. Das würde sich natürlich so anhören, als könnte man nicht mixen. Aber ich fand die Idee großartig, dass jemand anderes, der Rhythmen besser versteht als jeder andere Mensch, den ich kenne, sich derart verrückte Sachen im Umgang mit Platten vorstellt. Ich habe Zuhause dann versucht, mir auszurechnen, wie schnell ich etwas spielen müsste und wie langsam das andere, um die Platten parallel laufen lassen zu können. Dann würde ich vielleicht auch mal im Takt tanzen.

Das ist ja das große Talent von Jazz-Schlagzeugern. Die können nebenher einen Kaffee trinken und verpassen trotzdem nach drei Minuten just jenen Moment nicht, wo ihr Einsatz passt.
Aber dass die meisten Menschen nicht tanzen, die auflegen…
… ist das so?

Zumindest nehme ich es so wahr, dass sehr wenige Leute beim Auflegen aus sich heraus gehen und sich sichtbar bewegen.
Ich kenn das von mir auch, dass ich nicht tanze, wenn ich mich gerade besonders konzentrieren muss. Allerdings auch, dass ich besonders viel tanze, um mich selbst von meiner Nervosität abzulenken. Wenn Leute nicht so viel aus sich herausgehen, liegt das an der Bühne, auf der sie stehen. Du darfst nicht vergessen: alle gucken einen an. Das kann schon schräg und unangenehm sein. Ich erinnere mich an ein Warm-up-Set auf einem Festival in Schweden, bei dem ich auf einer richtig großen Bühne aufgelegt habe, nicht so ein kleines Dj-Ding in der Ecke wie im Pudel. Dort legte ich Noise Platten auf, so dass ich nicht viel zu tun hatte zwischen den Platten – und das waren 10-Minuten-Platten. Vor mir standen also all diese Leute und starrten mich an. Dazu tanzen konnte ich ja nicht, da es keinen Beat gab. Was macht man also? Man steht auf dieser Bühne und kann sich weder bewegen noch was tun – echt schräg.

Es gibt ja diese sehr unangenehme Tendenz, dass alle Leute in Richtung des Djs tanzen, statt sich frei zur Musik gehen zu lassen. Man kann das Gefühl also kaum abschütteln, dass man beobachtet wird. Ein Zustand, den nun wirklich kaum jemand mag, außer er ist sehr narzisstisch veranlagt.
Als DJ hat man, anders als ein mit seiner Rolle und einer Choreografie ausgestatteter Schauspieler, lediglich seine Platten als Rahmen. Da fängt man schon an, sich selbst die Sinnfrage zu stellen: Was mache ich da eigentlich? Ich stehe auf einer Bühne, spiele die Musik von anderen Leuten, und mir gucken diese 500 Menschen dabei zu. Wenn das passiert, fängt es an komisch zu werden.

Wobei das Nichttanzen einem genauso viel zusetzen kann Wie wichtig ist das Publikum denn als Austauschgröße für dich?
Sehr wichtig. Wenn man keine Reaktion vom Publikum bekommt, oder sie nicht mehr wahrzunehmen vermag, weil der Raum zu groß ist, hat das einen Einfluss darauf, wie ich spiele. Ich agiere sicherer und tighter, wenn Leute vor mir stehen, die mir das Gefühl geben, sie hätten Bock darauf. Ohne das Publikum würde es schließlich keine Djs geben, es bräuchte sie nicht. Ich mag die gesamte Dramaturgie, schaue genauso gerne den ersten, die reinkommen, beim tanzen zu, wie den letzten, die kaum mehr stehen können, beim Nicht-mehr-tanzen, beim Fallen.

Wo du das gerade ansprichst. Als normaler Ausgeher kennt man im Gegensatz zum Dj ja nicht diese Nähe vom Zustand des Umfallens und dem Wiederaufstehen. Ist es manchmal befremdlich, dass man die Leute geraden noch in der einen Stadt hat umfallen sehen und dann, ein paar Stunden später an einem anderen Ort, geht das Spiel schon wieder los?
Was ich viel absurder finde, ist es selber aus dem Club zu kriechen und sofort zum Flughafen zu müssen, um einen Flug zu kriegen. Dann sitzt man da mit diesen Businesstypen in Anzügen rum, die alle frisch geduscht sind, und versucht krampfhaft nicht einzuschlafen. Man hat permanent das Gefühl, dass alle einen angucken und wissen was los ist. Aber denen fällt das ja gar nicht auf. Gegen den Rhythmus dieser Gesellschaft zu leben, aber die gleichen Fortbewegungsmittel zu nutzen, das empfinde ich als schräg.

Im System dieser Leute bist du ja auch bloß eine Handlungsreisende.
Das denke ich in der Tat auch manchmal. Ich bin wie die auf Geschäftsreise – wenn man es so blöd sagen will. Ich fahr zum Auflegen und werde dafür bezahlt, es ist mein Job. Aber viel mehr an Gemeinsamkeiten haben wir nicht.

helena hauff Tisch

Helena Hauff (Photo: Thomas Venker)

Was ich ja absurde finde, ist um die Mittagszeit aus dem Club zu gehen, völlig aufgelöst und zufrieden, und dann sieht man die nächste Schicht schon wieder hereinkommen. Für mich, der ich noch in einer Ära der Clubkultur sozialisiert wurde, als es eine Sperrstunde und somit ein Ende der Nacht um 5 Uhr morgens gab, fehlt da die klassische Dramaturgie der Nacht, die Gemeinsamkeit der Höhepunkte.
Ich habe da ehrlich gesagt auch ein Problem mit. Ich mag das nicht, dass es immer weiter geht. Ich empfinde es als sehr wichtig für die Energie einer Nacht, dass es aufhört, wenn der neue Tag anbricht. Wenn das nicht passiert, entsteht in mir der Eindruck, dass sich alles verliert. Man vergisst, was diese spezielle Nacht ausgemacht hat, wie sie sich angefühlt hat. Alles ist nur noch ein Brei und man schwimmt mit.
Ich finde es aber auch schwierig, wenn es zu früh aufhört, wie in Schweden oder England, wo man schon um 2 Uhr morgens wieder aus dem Club raus sein muss. Aber wenn es länger als 7,8,9 Uhr geht, fängt es an schwierig zu werden für mich. Man kann ja auch an kaum einem Ort der Welt den Spannungsbogen wirklich über so viele Stunden zu halten.

Was du mit den anderen Leuten, die mit dir als Geschäftsreisende unterwegs sind, auch nicht teilst, ist das Rauchen am Arbeitsplatz. Du rauchst ja ziemlich viel beim Auflegen.
Ich habe schon überlegt, ob ich einen Deal mit einer Zigarettenfirma eingehen soll, weil ich ja eh soviel Werbung für sie mache. Ich hatte auch die Idee, für mein eigenes Label, das ich jetzt anfange, Return to Disorder, eine Industrial-Veröffentlichung zu machen, wo es zur Platte eine Packung Zigaretten gibt – und das Labellogo auf der Packung. Das fände ich so wunderschön. Aber Reetsmsa, die ich angeschrieben habe, haben da keinen Bock drauf. Sie machen keine Spezialanfertigungen, schon gar nicht in 100er Auflage. Ja, ich rauche sehr gerne. Aber leider kann man das in vielen Ländern nicht mehr.

Auch als DJ im Club nicht? Man bekommt keine Ausnahmegenehmigung erteilt
Ich weiß noch, wie ich das erste Mal in England aufgelegt habe. Die Party war bereits vorbei und alle Leute draußen, nur noch die Barleute und ich waren da, also dachte ich mir, es sei bestimmt okay, wenn ich mir jetzt eine Zigarette anstecke. Da kam der Türsteher sofort und hat mich angeschrien.

Absurd. Die Leute hauen sich alles Mögliche auf der Tanzfläche rein in England: Poppers, Ketamin, Speed, .. aber eine Zigarette, das geht nicht.
Wir gehen doch nicht in ein Wellnesscenter, um gesund zu werden. Es geht bei Clubkultur darum, dass man eine Nacht lang gemeinsam durchdreht, ein bisschen säuft, ein bisschen Blödsinn macht und sich scheiße fühlt am nächsten Morgen. Die Idee ist es doch, das zu machen, was man nicht jeden Tag macht: sich gehen zu lassen. Dass das immer weniger geht, ist auch für mich ein großes Problem. Nicht dass ich nicht mal eine Nacht ohne Rauchen durchhalte, aber wenn die Leute alle fünf Minuten hinausrennen, dann geht die Clubkultur kaputt.

Was mich noch mal kurz zum Pudel zurückbringt, weil es so ein toller Ort der Freiheit ist. Der derzeit aber in Gefahr ist aufgrund des Streits, der zwischen dem unteren und dem oberen Teil des Hauses entfacht ist.
In aller Kürze: die beiden Eigentümer Wolf Richter und Rocko Schamoni, die das Haus 2008 gemeinsam erworben haben, streiten vorm Hamburger Landgericht um die Zukunft des Hauses. Richter betreibt oben das kommerziell ausgerichtete Restaurant Oberstübchen, während der Pudel unten versucht seinen subkulturellen Entwurf von einem Club und Kunstraum irgendwie kostendeckend weiterhin zu realisieren. Die Streitpunkte sind, dass Richter den Pudel Leuten keinen Zutritt mehr gewährt und auch keine Miete in die gemeinsame Kasse zahlt, aus der der Kredit, der zum Hauskauf aufgenommen wurde, bedient wird. Geht es nach den Pudelleuten, dann soll Richter heraus gekauft werden. Zumindest aber sollte er seine Pflichten erfüllen.
So wie ich das aus der Distanz gesehen habe, bist du da mit involviert. Zumindest habe ich Fotos von dir an der Seite von Schorsch Kamerun beim Prozess gesehen.
Da waren fast alle Leute dabei, die irgendwas mit dem Pudel zu tun haben und denen er etwas bedeutet. Insofern bin ich nicht mehr oder weniger engagiert als die anderen. Aber klar, wenn es einen solchen Termin gibt, geht man hin.

Wie geht man im Alltag damit um, dass man zur unteren Hälfte eines Hauses gehört, das mal ein ganz normales ganzes Haus war?
Man hat Angst, dass es aufhört, da es so ein fantastischer Ort ist. Es wär schön, wenn das für immer so bleiben würde. Ich bin aber nicht die Person, die alles weiß, was da abgeht.

Der Pudel steht ja in Deutschland für eine gewisse soziopolitische Auffassung von Kultur. Wir hatten es vorhin ja schon davon. Er ist von den Betreibern über das Programm bis hin zum Großteil der Besucher linkspolitisch aufgeladen – zumindest will man das so wahrnehmen. Ist das etwas, was dir auch etwas bedeutet?
Es ist etwas, was ich mir gar nicht anders vorstellen kann. Ich könnte nicht in einem Laden involviert sein, der nicht so strukturiert ist. Es würde mich langweilen, gäbe es nur einen ganz konventionellen Clubbetrieb. Dann könnte ich mich nicht damit identifizieren. Es wär dann zwar noch immer schön, da ab und an mal aufzulegen, aber dieses Familiengefühl des Pudels kommt ja genau dadurch zustande, das man ähnliche Einstellungen teilt.

Wirst du viel nach deiner Pudelverbindung gefragt?
Oh ja, ich werde da immer darauf angesprochen.
Der Pudel hat einen Namen, er steht für etwas – ich weiß zwar nicht genau für was, aber die Leute benutzen ihn gerne, um jemand einzuordnen. Als ich das erste Mal außerhalb Hamburgs aufgelegt habe, wurde sofort Pudel hinter meinen Namen geschrieben, obwohl ich damals gerade mal ein halbes Jahr da aufgelegt habe.

Ist das gut oder schlecht?
Das ist ganz normal. Die Leute wollen Sachen kategorisieren. Was will man auch sonst sagen: „Es kommt eine Frau, von der ihr noch nie gehört habt, und die legt bei uns auf.“ Ne, man sagt: „Es kommt eine Frau, von der ihr noch nie was gehört habt, aber sie legt im Pudel auf.“ Manchmal nervt das auch ein bisschen. Die Leute fragen einen, wie man dazu gekommen ist, Resident im Pudel zu sein. Das klingt dann wie Resident im Berghain. Was sie übersehen, ist, dass sehr viele Leute im Pudel auflegen, man ist Teil eines Ganzen, das verschwimmt.

Es zeichnet einen Club aus, dass er das über zwei Jahrzehnte in den Leuten auslöst. Er repräsentiert den Glauben an ein Milieu, dem das kulturelle Kapital mehr wert ist als das ökonomische. Diesem Milieu wirst du zugerechnet. Das ist doch angenehm, oder?
Das stimmt.

Würdest du denn sagen, dass dir der Pudel Sachen erleichtert hat?
Klar hat er vieles erleichtert. Ich konnte dort beim Auflegen sehr viel lernen und für mich wichtige Leute treffen. Ich bin jedoch überzeugt, es wäre auch so alles nicht groß anders gekommen, wenn ich nicht dort aufgelegt hätte. Durch die Veröffentlichung auf Werkdiscs, dem Label von Actress, das an Ninja Tune angegliedert ist, habe ich sehr viel Presse bekommen.

Wie kam es zur Verbindung zu Darren Cunningham, Actress, und seinem Label Werkdiscs?
Ich habe auf einer Party meines Black Sites Partners f#x in einem anderen Hamburger Laden als Support für Actress gespielt. Wir hatten uns damals unterhalten und ich wusste, dass ihm mein Set gefallen hatte. Ein Jahr später kontaktierte mich dann plötzlich sein Labelmanager und fragte an ob ich in London auf Actress Record-Release-Party auflegen wolle. „Was? Geil!“ Und dann kam auch gleich das Interesse auf, dass ich etwas bei ihm veröffentliche.

War nach der damaligen Maxi „Actio Reactio” sofort klar, dass das weitergehen soll und zu einem Album führen wird?
Ich habe mich von Anfang an wohl gefühlt auf dem Label. Ich schätze die vorherrschende Professionalität, die es als ‘großes’ Label bietet. Andererseits kann ich machen was ich will. Ich habe keinen Vertrag über zehn Jahre und zwölf Alben unterschrieben – da hätte ich auch gar keine Lust drauf.

Es ist ja sehr sympathisch, dass es ihm nichts auszumachen scheint, dass du kurz vor dem Album bei ihm, mit dem Tape auf Handmade Birds noch ein weiteres Album veröffentlichst, und auch noch die neue Black Sites Maxi „Prototype“ auf Pan. Ich mochte, wie du vorhin beim Tee über das Tape Album gesprochen hast, von wegen in der Schublade gefunden, unbeschriftete Kassetten ohne Datum und Erinnerung – und so etwas veröffentlichst du dann kurz vor dem eigentlichen Album.
Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, ob sie das so gut finden. Ich hatte länger nicht so viel von ihnen gehört, da beim Label jemand gegangen ist. Als dann die Anfrage von Handmade Birds kam, habe ich einfach zugesagt. Ehrlich gesagt: die wissen da gar nichts von. Das ist ja auch nur ein kleines Label. Aber die Kassette wird auf 100 Stück limitiert sein. Ähm… Es gibt halt keine Verträge, die mir verbieten, etwas anderes zu machen.

Von dem, was ich vorhin gehört habe, schließt das Werkdiscs Album an deine bisherigen Sachen an. Auffällig ist aber der Spagat zwischen roughen, auch mal übersteuerten Aufnahmen und mehr ausproduzierten, Melodieorientierten Stücken, die auch mal mit tragenden Flächen arbeiten. Es wirkte sehr heterogen. Bei dem Tape mit seinen Fundsachen erscheint mir das natürlich, bei dem anderen Album strahlt es eine überraschende Freiheit aus.
Es ist ein bisschen so angelegt, wie ich auflege. Ich mag einfach viele verschiedene Sachen. Jedes Mal, wenn ich mich an meine Maschinen setze, probiere ich etwas Neues aus. Dann passieren eben so Sachen. Das Werkdiscs Album fühlt sich für mich aber homogen an, auch wenn das vielleicht niemand hört. Jedes der Stücke transportiert eine ähnliche Stimmung.

Was für eine wär das denn?
Das weiß ich auch nicht. Das ist nur ein Gefühl, für das ich keinen Namen habe. Es gibt ein ganz tolles Foto, das ich vor Jahren gemacht habe, auf dem halb geschlossene und halb offene Augen zu sehen sind. Es wird wohl das Cover werden. Meine Ambition war es, zu diesem Foto Musik zu machen. Eine Verbindung, die natürlich kein Mensch heraushört. So arbeite ich sowieso, bei meinen Songtiteln weiß auch keiner, worum es geht. Für mich ergibt das alles jedoch Sinn.

 

Stichwort „so arbeite ich“: Es finden sich wieder etliche sehr lange Stücke von sieben oder mehr Minuten Länge auf den Alben…
… und zugleich sehr viele sehr kurze, skizzenartige Stücke, die nur zwei Minuten lang sind. Das liegt an meiner Aufnahmeweise. Ich arrangiere nicht wirklich Sachen, sondern nehme während des Jammens auf – da werden höchstens mal dann noch Keys drüber gespielt, sonst wird nichts im Nachhinein arrangiert. Manchmal vergesse ich beim Spielen dann eben die Zeit, wenn ich es super finde, und plötzlich sind 15 Minuten vorbei. Als ich anfing zu produzieren, gab es sehr viele sehr lange Stücke, da ich es noch nicht drauf hatte, zu wissen wann Schluss ist. Mit den kurzen Stücken verhält es sich so, dass ich da eine Idee hatte, zu der mir aber nichts weitergehendes einfiel. Das Tape ist aber wirklich kein Album, sondern eine Sammlung von Stücken.

Ist das Werkdiscs Album relativ in einem Block entstanden?
Bis auf ein, zwei Stücke, die bereits ein Jahr vorher produziert wurden, habe ich es über sieben Monate fertig gestellt. Wobei das meiste in einer intensiven kurzen Phase entstanden ist.

Wie habe ich mir das alles technisch vorzustellen: du jammst und nimmst es mit dem Tape auf? Oder arbeitest du trotz der vorhin angesprochenen Abneigung mit dem Computer?
Die Sachen für Handmade Birds sind alle auf Tape aufgenommen. Die Sachen für das Werkdiscs Album hingegen auf Computer, aber nur weil mein Tapedeck kaputt war und das Reel-to-Reel-Tape zwar schön aussieht, aber nicht funktioniert. Ich nehme das mit Audacity auf und gebe manchmal noch eine Spur dazu, an der eigentlichen Struktur ändere ich aber nichts mehr, schneide höchstens bei einem massiven Fehler was raus.

Warum produzierst du eigentlich? Woher kommt der Drang?
Die Trennung habe ich so nie gemacht. Lustigerweise gehen meine ersten Produktionsversuche noch auf die Zeit vor dem Auflegen zurück. Darüber habe ich noch nie gesprochen, da ich es völlig verdrängt habe. Es gab einen Raum an der Uni, an der ich damals war, und da gab es ein Minikeyboard und einen Rechner mit Cubase. Damit fing ich an Musik zu machen. Das war kurz nachdem ich geschnallt hatte, dass ich Bock drauf hatte, Dj zu sein und Musik zu machen. Doch ich musste feststellen, dass es am Rechner nicht geht. Ich sah nur den leeren Bildschirm vor mir – also fing ich erst mal an, Platten zu kaufen. Aber es war klar, dass ich wieder zum Produzieren zurück kommen wollte. Die Lösung war es dann, es nicht mehr mit dem Computer zu versuchen, sondern wie mit den Platten den analogen Weg zu gehen.

Das entspricht ja auch eher der organischen Idee vom Musikmachen. Wenn man am Rechner arbeitet, dann denkt man in Spuren und Arrangements, Wenn man jedoch einfach losspielt, dann überwiegt der Flusscharakter. Dieses Jamartige hört man deiner Musik an, der Gefühlszustand der Entstehung schwingt mit – und natürlich dein spezielles Equipment.
Das beeinflusst den Sound natürlich maßgeblich. Wenn ich mir andere Maschinen gekauft hätte, dann würde sich meine Musik heute auch anders anhören. Wobei ich sie selbstverständlich bewusst für ihren jeweiligen Klang ausgewählt habe. Aber manchmal spielen Zufälle ja auch eine Rolle, so habe ich beispielsweise den Roland Juno-60 Synthesizer gefunden und nicht den, den ich eigentlich haben wollte.

Hattest du eine Wunschliste? Das Zimmer war ja mal leer und dann kam peu a peu ein Gerät hinein.
Jein. Ich wusste, dass ich unbedingt einen Roland TR-808 Rhythm Composer und einen TB-303 Synthie haben wollte – und der Rest kam einfach so. Die 303 kaufte ich als erstes einem Freund ab, die MPC ist ehrlich gesagt gar nicht meine, die habe ich mir seit fünf Jahren von Viktor Marek ausgeliehen, naja, irgendwie ist sie jetzt die meine. Wenn man mit Maschinen arbeitet, gibt es wahnsinnig viele Zufälle, unvorhergesehene Kombinationen und Fehlprogrammierungen, die zu schönen Dingen führen, an die man nicht dachte, und was bei bei Computern nicht so leicht passiert.

Wie habe ich mir deine Liveauftritte denn vorzustellen? Diese jamartige Genese der Stücke leuchtet mir ein, aber wie sieht es denn mit der Reproduzierbarkeit aus?
Die ist nicht gegeben. Deswegen spiele ich auch nicht alleine live, sondern wenn dann mit meinem Freund James Dean Brown, der Anfang der 1980er Jahre das Hypnobeat Projekt gegründet hat. Das ist ein Drum-Machine-Orchester, bestehend aus drei TR-808, einer Tr-707 und zwei TB-303, ein echter Rolandfuhrpark.

Ich war sehr beeindruckend, als ich euch beim CTM Festival in Berlin im Billing mit dem Owen Roberts Ensemble, Cm von Hauswolff und Porter Ricks erleben durfte.
Das Projekt will gar nichts anderes als improvisiert sein. Deswegen funktioniert es so gut für mich. Das ist genau meine Arbeitsweise. Ich kann es mir nicht vorstellen, alleine aufzutreten, die zweite Person ist zwingend, um einem beim Jam zu unterstützen, wenn man selbst gerade mal keine Idee hat. Allein ist riskant, der zweite fängt einen auf. Dadurch dass das Projekt so reduziert ist, man sich keine Gedanken über Melodien machen muss, funktioniert es so gut für mich. Es gibt einfach nur den Rhythmus, keine Songs.

Ich habe die Aussage von dir gefunden, dass du 2013 der Gruppe beigetreten bist. Das heißt, es ist ein kontinuierliches Projekt?
Habe ich das gesagt? Ja, ich bin 2013 der Gruppe Hypnobeat beigetreten, ich bin das neue Bandmitglied. Wir haben seitdem einige Male zusammen gespielt. Neben dem Auftritt in Berlin im Berghain war das noch in Genf, Toulouse, Tromsø und Paris. Wir wollen auch mehr spielen, wenn sich etwas ergibt. Von den dabei aufgenommen Livesessions sollen Auszüge auf Platte erscheinen.

Wo ich gerade bei Zitaten bin und es zum Instrumentenpark so gut passt: Du hast davon gesprochen, dass du dir dein Equipment mit Weißbrot und Billigkäse herbei gehungert hast.
Das ist wahr. Ich habe versucht sehr viel Geld zu sparen. Nicht beim Plattenkaufen, aber ich hab mir über Jahre bei Aldi die Sahne zwei Cent günstiger gekauft und mir auch sonst nichts geleistet, keine Klamotten, kein Auto und was man sich sonst noch so leisten könnte. Ich hab da gar nicht so genau drüber nachgedacht zur damaligen Zeit. Es war mir so wichtig, dass ich es nicht als Einschränkung empfunden habe, als eine Art Kasteiung. Ich wollte einfach das Geld zusammen bekommen, um mir die Maschinen zu kaufen.

Wobei es dir gefallen dürfte, dass die Phase vorbei ist. Zumindest erwecken die Châteauneuf-du-Pape und Single Malt Whisky Flaschen bei dir im Zimmer den Eindruck, als ob dir an guten Getränken doch was liegt. Und ich hörte auch, dass du Kalbshirn zu schätzen weißt.
Ich trinke und esse in der Tat sehr gerne. Da mein Zimmer mittlerweile bis zum Rand mit Equipment voll ist, kann ich jetzt alles nachholen und das verdiente Geld für Platten und Essen ausgeben. Sobald ich aber eine größere Wohnung mit mehr Platz für neue Maschinen mein eigen nenne, werden sicherlich wieder neue Maschinen gekauft. In der Zwischenzeit genieße ich aber erstmal den Rotwein. Apropos Rotwein, stört es dich, wenn ich mal eine Zigarette rauche?

Absolut nicht. Nur zu.
Ist das wirklich eine WG hier, wie es die drei Namen an der Klingel vermuten lassen?
Ja.

Schon sehr tight muss ich sagen. Japanische Verhältnisse. Sehr kleine Zimmer.
Ja, ich weiß. Meintest du spartanisch?

Nein, ich meinte schon japanisch. Dort hat ja fast jeder nur so acht bis zehn Quadratmeter zur Verfügung.
Sehr japanisch finde ich gut. 50er Jahre Deutschland-Japanisch.

Seit wann kannst du denn nur von der Musik leben?
Seit einem Jahr. Davor habe ich zusätzlich im Pudel an der Bar gearbeitet.

Hast du studiert?
Ich habe mal angefangen Kunst und Physik und systematische Musikwissenschaften zu studieren. Aber nichts davon abgeschlossen.

Systematische Musikwissenschaften?
Das ist der mathematische Teil von Musikwissenschaften, neben dem historischen, bei dem es um den Klang geht und weniger um den Komponisten. Man beschäftigt sich mit Klanganalyse, untersucht die Art wie wir hören, hinterfragt wie ein Synthesizer funktioniert und lernt die unterschiedlichsten Musikkulturen kennen. Eher technisch und mathematisch-physikalisch also, aber auch soziologisch.

Interessant, weil du ja vorhin von dem Jazzschlagzeuger und seinen Ideen gesprochen hast. Das überschneidet sich doch sicher mit so einer Denke, oder?
Lustigerweise hat mich das Studium aber überhaupt nicht interessiert. Ich stellte schnell fest, dass ich Musik machen will und nicht sie analysieren. So ein Studium kann einem vielleicht dabei helfen, es ist aber nicht meine Herangehensweise.

Wo wir gerade über das Musikmachen sprechen. Ich habe ein Zitat von dir gefunden, wo du davon erzählst, dass du über die Stadtbibliothek Musik entdeckt hast. Eher ungewöhnlich. Die meisten Leute, die ich kenne, sind über jugendkulturelle, soziale Milieus an Musik herangeführt worden, zum Beispiel indem sie mit Skatern abhingen, oder in Jugendhäuser. Dort wurde man dann von allen Seiten mit neuen Sachen zugeschüttet. Dein Weg erscheint mir hingegen viel tastender, suchend. Was denkst du, in wie weit dich dies anders geprägt hat?
Das kann ich dir nicht sagen, da ich es ja nur so erlebt habe. Jetzt ist es anders, was ich schön emfinde, da ich Teil einer Szene geworden bin. Es war nicht so, dass es bei mir an der Schule andere Leute gab, die sich für Musik interessiert hätten. Also musste ich sie mir eben selber suchen. Ich bin als Teenager nicht auf die Idee gekommen, in Clubs zu gehen. Ich war ein eher lahmarschiger Teenager und immer Zuhause. Ein Stubenhocker.

Bist du in Hamburg aufgewachsen?
Ja.

Hatten deine Eltern musikalische Bezüge?
Gar nichts. Meine Mutter hat kein Interesse an Musik, Zuhause gab es keine Platten, nicht mal eine Anlage.

Wie findet sie es, dass du jetzt Musik machst? Kann sie das greifen?
Sie ist jetzt nicht so die Spießer-Mutter. Sie ist schon sehr offen allem gegenüber und sagt, „wenn du glücklich bist, ist alles gut.“

Wie fühlt es sich an in der Szene angekommen zu sein, wie du es gerade ausgedrückt hast und mit Genrebegrifflichkeiten wie Cosmic Jazz, Art Noise, Cold Wave zu operieren, wie ich sie in anderen Interviews von dir benutzt gefunden habe? Es ist ja Wahnsinn heute, jeder macht eine eigene Subkategorie für seine Musik auf.
Ich finde es ganz praktisch, da es ja darum geht, dass man sich verständigen kann. Dafür braucht es solche Begriffe, eine spezielle Sprache. Mich hat mal jemand gebeten, ich solle ihm doch sagen, was ich nicht mögen würde. Das kann ich nicht, da es kein Genre gibt, von dem ich nicht doch irgendetwas mag.

Das ist ja auch eine seltsame Frage. Die Offenheit überall nach spannenden Sachen zu suchen, ist doch genau das reizvolle. Man will ja nicht Sachen schlecht finden und ausgrenzen, sondern welche entdecken und in sein System reinholen.
Ja. 99,9% der Musik, die existiert, mag ich nicht, aber das entscheidet sich doch nicht an Genregrenzen. Solche Begriffe ergeben in der Kommunikation Sinn, man sollte sie jedoch nicht zu ernst nehmen.

Zurück zum Produzieren. Bekommt jemand wie Darren Cunningham, Actress, zwischendurch von dir Stücke geschickt und ihr diskutiert dann darüber? Gerade wenn der Labelmacher selbst ein Künstler ist, bietet sich das ja an.
Ich habe ihm am Anfang die ersten vier Stücke zugeschickt, von wegen das sei meine neue Platte. Er gab mir daraufhin das Feedback, dass er da auf jeden Fall ein Album sehen würde. Abseits davon haben wir aber nicht sehr viel darüber gesprochen.

Ist das gut so?
Ja.

Gibt es andere Leute, mit denen du deine Stücke und Ideen diskutierst?
Mit Freunden. Ich weiß nicht so genau, was du mit diskutieren meinst.

Hauff-Cover

“Discreet Desires” Cover-Photo

Ich komme von dieser Liste, wo ich mal all deine bisherigen Projekte festgehalten habe. Wenn ich mir vorstelle, dass das meine musikalische Biografie sei, dann würde ich vielleicht so herangehen, dass ich mir aus all meinen stilistischen Interessen ein Konzept zusammenstellen würde für mein Album. Also in deinem Fall: ich würde zwei schöne, dunkle, nervöse Ambient Stücke an den Beginn setzen, dann als Hauptstrang ein paar Dark-Wave-Technotracks und gen Ende wird Acid gebrettert. So arbeitest du aber nicht, sondern passend zu deinem Sozialisationsprozess aus dem Fluss heraus, oder?
Es sind Sachen, die einfach so passieren. Wobei ich für das Album schon bewusst in eine eher poppigere Richtung gegangen bin. Es ist weniger Industriell ausgefallen, hat viel mehr Melodien. Das kam alles durch dieses Foto, an dem ich mich orientiert habe. Nach den ersten drei, vier Stücken war dann klar, dass es wirklich Albummaterial wird.

Was anhand deiner Diskografie auch auffällt: du kooperierst gerne mit anderen Leuten, aber du hältst das getrennt. Mit f#x produzierst du als Black Sites auf PAN, mit James Dean Brown als Hypnobeat, mit Kyle Hall. Die Idee, diese Leute teilweise zur Albumproduktion für Werkdiscs dazu zu holen, die gab es nicht, oder? Helena Hauff ist eben Helena Hauff und sonst niemand.
Helena Hauff ist eben Helena Hauff! Aber wenn sich etwas ergeben hätte, dann wäre das auch okay gewesen. Ich habe eben während dieses Zeitraums mit niemanden Musik gemacht.

Du hast vorhin davon gesprochen, dass du an diesen jamartigen Prozess des Musikmachens ungeduldig herangehst. Wenn man nun mit anderen gemeinsam produziert, dann muss man sich ja immer auch zum Teil weit auf sie einlassen.
Die Leute, mit denen ich bislang zusammen gearbeitet habe, kamen alle zu mir ins Zimmer. Der Aufbau der Maschinen war also immer der meine, und damit der Jam als Weg immer vorgegeben. Bei Black Sites wurden zwar noch von f#x Maschinen mitgebracht, aber letztlich blieb es doch alles bei Maschinen und dem Kassettenrekorder, wir haben kein Ableton benutzt, haben nicht auf mehren Spuren aufgenommen. Insofern ähnelt das schon meinen Solosachen. Der große Unterschied ist das Timing. Wenn man selber etwas macht, dann entscheidet man alleine, wann man anfängt und aufhört und wieviel so ein Track braucht. Wenn man mit anderen zusammen arbeitet, dann bringt jeder sein eigenes Zeitgefüge ein. Der eine benötigt eben länger, um eine Bassdrum zu programmieren als der andere.

Bist du in der Zusammenarbeit diskursiv?
Beide machen etwas und irgendwann sagt man „stopp“, „geil“ und „lass uns das aufnehmen.“

Wie kommt es bei dir denn zu dieser Affinität zum Medium Tape?
Ich pflege eine lange Freundschaft mit den Tapes. Das kommt daher, dass ich früh in die Stadtbibliothek gegangen bin und mir alles, was mir in die Hände kam, dort auf CDs ausgeliehen und auf Kassetten aufgenommen habe. Das war schon als Kind so. Das Tape stellte schon immer mein Medium dar: es war einfach für Aufnahmen zu nutzen. Es ist Teil meines Lebens, seitdem ich denken kann. Als ich später mit Black Sites zu produzieren begann, stellte es eine gute Aufnahmemöglichkeiten dar. Wir haben vieles gleichzeitig auf Kassette und Rechner aufgenommen und verglichen, was besser klingt. Bei manchen Tracks ist die Kompression der Kassette hilfreich, auch als Soundeffekt. Wobei manchen Tracks bei der Aufnahme mit Kassette auch was verloren gehen kann.

Nimmst du eher nachts oder tagsüber auf?
Nachts nicht so sehr, da ich ungern über Kopfhörer arbeite. Meistens produziere ich deswegen zwischen 16 und 22 Uhr.

Sehr deutsch.
Ja, aber auch wieder nicht so sehr, da ich erst um 16 Uhr aufstehe.

Tanzst du auch beim Produzieren?
Manchmal.

Wie gehst du als reisender Dj mit den Orten und Ländern und ihren speziellen politisch-sozialen Gegebenheiten um, an die du kommst. Hat man Zeit sich darauf einzulassen? Du als Handlungsreisende bekommst ja schon Einblicke in krasse Zustände. Ich denke da an Bookings in Städten und Ländern wie Kiew, Russland, Kolumbien, Venezuela oder Mexiko.
Es kommt sehr darauf an, von wem man eingeladen worden ist. An manchen Orten ist man viel mit Leuten zusammen, die darüber reden, und dann bekommt man auch mehr mit. An anderen wiederum ist man nur so kurz vor Ort, dass die Zeit zur Auseinandersetzung fehlt. Aber wenn ich merke, dass sie mich eingeladen haben, obwohl es kein Geld im Land gibt, dann spreche ich mit ihnen darüber.
Ich habe kein Problem damit, an schwierigen Orten Teil einer hedonistische Veranstaltung zu sein. Wenn es starke Probleme innerhalb einer Gesellschaft gibt, sind es die Kultur, vor allem die Subkulturen, die zuerst verschwinden – das Leben und die Subkultur dürfen aber nicht darunter zu sehr leiden, sie sind wichtig, auch um einen Nährboden für Veränderungen zu schaffen. Als ich in Tel Aviv auflegte, berichteten mir die Leute, dass sie erst seit kurzer Zeit in Clubs gehen könnten, da es zuvor einfach zu gefährlich war in einer Schlange davor zu stehen.

Weißt du vorher immer, wer dich einlädt? Ist das noch auf so einem persönlichem Level bei dir?
Was ich an meiner englischen Agentur Annex sehr mag, ist, dass sie einerseits sehr professionell sind, auf der anderen sich aber nicht sonderlich für Geld interessiert. Sie schicken mir also sowohl Angebote, wo es kaum etwas zu verdienen gibt, sie diese aber für eine coole Sache halten, genauso wie welche mit dem Hinweis „es gibt viel Kohle, aber es wird die Hölle.“ Sie geben mir Informationen an die Hand. Dann kann ich zusagen oder nicht. Das schützt einen aber nicht vor bösen Überraschungen.

Helena Hauff unscharf nahWas ist denn eine besonders schöne Erinnerung von dir?
Sheffield. Das war ein illegaler Club, genau genommen ein Bandproberaum, in dem man rauchen durfte. Das Motto war „Bring your own beer“ – es gab keine Bar. Die Stimmung war sehr gut. Alles war genau so, wie ein Club sein sollte. Eine andere Lieblingsveranstaltung war in Athen in der Astron Bar, von der ich vorhin schon schwärmte. Super Leute. Ich spiele aber auch total gerne im Berghain, mal als Beispiel für einen größeren Rahmen.

Gibt es Länder, wo die Nachfrage nach dir besonders groß ist?
Ich werde sehr oft nach Italien und England eingeladen. Neben Deutschland sind das die Länder, wo ich am meisten spiele. Und noch ein bisschen in Frankreich.

Jetzt wo “Discreet Desires”, dein Album für Werkdiscs fertig ist, muss ich dich natürlich fragen, ob du damit zufrieden bist.
Ich bin nie zufrieden mit den Sachen, die ich mache. Ich weiß aber gar nicht, warum dem so ist. Ich bin immer nur so lange zufrieden bis es auf Platte erscheint, dann mag ich es nicht mehr. Naja, das stimmt nicht so ganz, irgendwie mag ich es dann doch noch. Du merkst: schwierig.

Gibt es musikalische Orte, an denen du die Stücke gerne hören würdest? Also im Mix neben welchen anderen Platten?
Die Sachen sind mir zu nah, um das sagen zu können. Ich habe nicht genug Abstand, um einordnen zu können, wonach sie klingen. Das ist auch der Grund, warum ich die Musik nicht mehr mag – ich weiß nicht, was sie ist. Man arbeitet so viel daran, und während der langen Phase bis sie endlich erscheint, geht einem der Blick dafür verloren, was diese Musik darstellt. Man fragt sich, warum man das so gemacht hat? Es gibt ein paar rare Tracks, auf die ich noch immer sehr stolz bin und die ich auch noch immer spiele. Beispielsweise zwei von der „Return to Disorder“ auf Panzerkreuz, und welche von der „Shatter Cone“ auf Lux Rec, aber die ist gerade ja auch erst rausgekommen.

Gerade erscheint ja sehr viel von dir. Ist das eine Taktung, deren Rausch dir gefällt?
Ich habe keine Ahnung, ob das sinnvoll ist, oder ob ich mich zurück halten sollte. Das wird sowieso bald passieren, da ich kaum mehr Material im Archiv habe, es ist fast ausgeschöpft. Vielleicht ist es ja gut, dass ich keinen Businessplan habe und einfach so mache. Ist es sinnvoll, das Album bei Handmade Birds zu veröffentlichen, oder kriege ich dafür Ärger vom anderen Label?

Bei der Auflage von 100 wird es keine Rolle spielen. Ich persönlich mag es ja nicht, wenn gute Sachen rumliegen. Die sollen dann auch raus. Aber gen Zukunft ist halt die Frage, in welchem Tempo man neues erschafft, ja erschaffen kann.
Ich veröffentliche immer so viel, wie ich an fertigen Stücken hinbekomme, die mir zusagen. Wenn deswegen zwei Jahre nichts erscheint, dann ist dem eben so.

Das wird wohl kaum passieren, dazu wirkst du zu künstlerisch aktiv. Wenn ich mir deinen Katalog bis dato anschaue, so erweckt er den Eindruck, als ob du bemüht bist, ein sehr umfangreiches und facettenreiches Bild von dir zu zeichnen und kein Eindimensionales.
Bemüht ist das falsche Wort. Es passiert einfach.

Du sperrst dich nicht wie andere gegen diese hohe und abwechslungsreiche Frequenz an Output. Was du hingegen nicht machst, ist dich über Social Media kenntlich zu geben und dort aktiv aufzutreten. Mittlerweile sieht sich ja fast jeder Künstler verpflichtet, dort Trivialitäten aus seinem Leben mit uns zu teilen, oder vom Praktikanten in seinem Namen teilen zu lassen. Die Branche hat also einerseits Gesetze, die die Menge an Remixen und eigenen veröffentlichten Stücken begrenzt, da zu viel ungesund sei, sie nötigt den Künstler aber zur Omnipräsenz was den hausgemachten Gossip angeht.
Auf Facebook zu sein, wär mir zu persönlich. Ich will nicht so viel von mir Preisgeben. Was denn auch? Dass ich gerade Kaffee trinke in Italien und er mir schmeckt?
Ja, ich veröffentliche viel. Aber das ist meine professionelle Seite, das ist Dj Helena Hauff. Man macht halt seine Mixe, seinen ‘Job’. Facebook ist die Privatperson, selbst wenn man nichts Privates von sich preisgibt. Aber interessante Feststellung, das stimmt.

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