Freitag, 23.06.2017
Rechts gegen Rock

“Wenn Dunkeldeutschland in die Kommentarspalten furzt” – Jennifer Rostock

Wer 2016 auf mündige Musiker mit Meinung hoffte, starrte vielerorts ins Leere. Der kontemporäre Popstar tritt eher auf wie eine wohlfeile Präsidentengattin: Guten Eindruck und bisschen Charity machen – aber bitte nicht übertreiben. Echten Ärger und echtes Engagement fand man dagegen auch dieses Jahr bei Jennifer Rostock. Eine Band mit gefühlt wenig Feuilleton- oder Street-Credibility. Doch mit verhaltensauffälligen Songs gegen AfD und Sexismus hielten die Berliner wieder mal den Kopf hin. Was sonst gern wohlfeil von Künstlern gefordert wird, bei ihnen wird es ernst. Wie aber trennt man Politik und Promotion? Linus Volkmann fragte nach.

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Foto: Birte Filmer

Ihr seid vor fast zehn Jahren sicher nicht gestartet als eine Band, die gesellschaftliche Diskussionen mit Beats verknüpft. Wie stellt sich für Euch die Entwicklung dahingehend dar?
Das war eigentlich keine bewusste Entscheidung. Wir haben schon immer Wert drauf gelegt, dass wir sowohl in unserer Musik als auch bei allem Drumherum selbstbestimmt sind. Alle, die mit uns arbeiten, wissen das. In unsere Albumproduktionen quatscht uns keiner rein – und wenn wir was von uns geben wollen, dann gibt es keine PR-Berater, mit denen das abgesprochen werden muss. Dann machen wir das einfach. Unsere Band ist kein inszeniertes Produkt. Das sind wir. Und so, wie wir uns als Menschen über die letzten zehn Jahre verändert haben, so hat sich auch die Band geändert. Wo anfangs nur Alkohol und die allgemeine Leichtigkeit des Seins den Tourbus gefüllt hat, haben sich mit den Jahren vermehrt Diskussion über Gesellschaft und Politik untergemischt. Dass solche Themen irgendwann in unserer Musik, auf unserer Bühne landen, ist nur logische Konsequenz. Was nicht heißt, dass wir uns nicht auch noch weiterhin mal unbekümmert einen reinstellen können. Aber gegen einen gewissen Reifeprozess konnten auch wir uns nicht wehren.

Mit einem Posting darüber, dass ihr keinen Bock auf Fans mit Onkelz-Shirt bei euren Konzerten habt, wurdet ihr Anfang der Zehner Jahre eine der ersten Bands, die auf Social Media plötzlich im Scheißeregen stand. Für unzählige ähnliche Gefechte mit Frei-Wild- und Onkelz-Anhängern schien das eine Blau- beziehungsweise Braunpause. War das auch ein „Kick Off“ für euch?
Das war damals unsere Entjungferung im Themenfeld Shitstorm. Ein kleiner unbedarfter Tweet nach Mitternacht im Tourbus und am nächsten Morgen furzte uns das komplette Dunkelinternet in die Kommentarspalten. Da waren wir erstmal ein bisschen baff und konnten das Ausmaß dieser Reaktionen nicht so richtig einordnen. Was uns im Nachgang aber weder davon abgehalten hat, weiterhin unsere Meinung zu sagen, noch aus Trotz in eine bockige „Jetzt erst recht“-Stimmung zu verfallen. Es hat uns allerdings geschult darin, zu wieviel plumpem Hass Menschen im Internet fähig sind – und wie wenig das aber auch die Realität des sogenannten „echten Lebens“ abbildet.

Auf die gute Sache trifft man immer wieder, ihr engagiert euch beispielsweise für Tierrechte, Obdachlose, Feminismus, gegen rechts. Kommen mittlerweile viele Projekte auf euch zu – und wollen euch als Zugpferde?
Wir wollen nicht das Gesicht irgendeiner Kampagne oder die Galionsfigur einer Bewegung sein. Deshalb suchen wir uns immer selbst aus, was wir unterstützen wollen – und in welcher Form. Für uns fühlt sich das auch gar nicht nach so vielen verschiedenen Sachen an. Dass Rassismus, Homophobie und Sexismus scheiße sind, ist für uns und die Menschen, mit denen wir tagtäglich zu tun haben, selbstverständlich. Umso mehr überrascht sind wir, wenn wir anhand der Kommentare zum „Hengstin“-Video sehen, wie bitter nötig solche Statements auch heute noch sind. Auch dass man Menschen, denen es schlechter geht, helfen sollte, ist für uns einfach nur Teil des gesunden Menschenverstands. Wir bekommen des Öfteren Anfragen von Parteien oder Gewerkschaften, ob wir nicht auf Veranstaltungen auftreten wollen. Sowas beispielsweise lehnen wir kategorisch ab.

Wie vermeidet man, irgendwann als eine Art Random-Charity-Roulette rüberzukommen? Und wie sprecht ihr in der Band über diese Fragen? Pragmatisch, beiläufig, zynisch, unter Tränen? Gebt doch mal einen kleinen Einblick hinter die Kulissen.
Wie gesagt, für uns fühlt es sich gar nicht so sehr nach Charity an, sondern ist eher eine selbstverständliche Sache. Wenn man sich mit bestimmten Themen näher beschäftigt, dann überlegt man halt – okay, was können wir vielleicht noch tun. Wenn wir Brötchen schmierend und Shampoo verteilend vorm Lageso überlegen, lass uns vielleicht mit nem Pro-Asyl-Shirt bisschen Kohle zusammentragen, oder wenn Monchi uns fragt, ob wir Feine Sahne Fischfilet bei ihrer „Noch nicht komplett im Arsch“-Aktion unterstützen und Jennifer und Joe sich angucken, und selber wissen, wie es ist in Mecklenburg-Vorpommern aufzuwachsen, dann steckt da weniger Kalkül hinter, als es von außen vielleicht manchmal den Anschein hat.

Wenn man merkt, Jennifer Rostock haben wieder das Maul aufgemacht gegen die AfD oder gegen Macker und kriegen dadurch nicht nur fürs Thema sondern auch für sich selbst Aufmerksamkeit, unterstellt man schnell: Denen ging es doch bestimmt bloß darum. Kränkt euch das?
Das Thema Aufmerksamkeit ist in der Tat bei solchen Aktionen schwierig. Klar, will man mit einem Anti-Bild-Song möglichst viele Leute erreichen, aber wenn das Video plötzlich mehr geklickt wird, als jedes „normale“ Musikvideo von uns, steht der Promo-Vorwurf natürlich schnell im Raum. Deshalb sagen wir nach so einer Aktion grundsätzlich alle hereinflatternden Interviewanfragen ab. Immer nach dem Prinzip: Mit dem Song haben wir alles gesagt und wir wollen den Hype nicht für eigene Promo ausnutzen. Das bringt unter Umständen einen Haufen Probleme mit sich – zum Beispiel wenn wir den AfD-Song kurz vor Albumrelease hochladen – anlässlich der Wahlen in Mecklenburg, an diesem Datum konnten wir leider nichts drehen… – und danach fast alle Promo absagen und nirgendwo mehr unser Album bewerben können, weil es immer nur um die AfD gehen würde. Aber das ist es uns wert.

Wann wäre es euch eigentlich zu viel mit Haltung in der Musik? Ihr seid ja auch ziemliche Hedonisten und Verfechter des Slogans „That’s entertainment“?
Wir unterscheiden da nicht zwischen Entertainment, Haltung und Spaß. Wir unterscheiden zwischen authentisch „das sind wir“, dann wird’s gemacht – und unauthentisch, dann wird’s nicht gemacht. Anderes Beispiel: Labels wie Audiolith haben doch über die Jahre auch schon bewiesen, dass sich politische Kanten und gute Laune nicht zwangsläufig ausschließen.

Wie weit kann man die Reaktion der Öffentlichkeit vorhersagen beziehungsweise sogar steuern? Bei „Hengstin“ sieht man sehr deutlich, dass es auf der einen Seite das Anliegen gibt, das gepusht werden soll – und dass auf der anderen Seite die Kalkulation, ja sogar Manipulation steht, die über die Form offensiver Nacktheit eine aufgescheuchte Wahrnehmung erzeugt.
Dass die paar Nacktszenen gleich wieder so ein Aufreger werden, das war nicht geplant. Natürlich ist Jennifers freizügiger Umgang mit ihrem Körper immer wieder Thema. Allerdings ist die von außen gerne drauf projizierte Provokation ziemlich albern. Die kurzen Nacktszenen waren von vornherein als wichtiger Teil des Videos geplant, da war kein Cickbaiting im Hinterkopf. Dass die meisten Medien sich aber genau diese Szenen als Vorschaubild für ihre Berichterstattung raus-screenshotten, beweist was mit dem Song zu beweisen war.

Die BILD-Zeitung ist ja mitunter schon auf euch und euren Busen eingestiegen – hat man da noch das Gefühl, man hat die Sache im Griff, oder muss man das Verselbstständigen des eigenen Images und des eigenen Tuns ab einer gewissen Reichweite eben in Kauf nehmen?
Wir können von unserer Seite nicht mehr tun, als in unserer Musik und unserer Darstellung immer authentisch zu sein. Wenn wir ein Thema anfassen, was uns bewegt, dann muss der Song genauso sein, wie wir ihn meinen. Damit wir da hundertprozentig hinter stehen können. Wenn wir dann merken, dass die Klickzahlen rapide steigen, dann ziehen wir eher die Füße ein und denken „eieiei“. Diese Sau durch’s Dorf Treiberei im Internet kann ganz schön nervig sein. Natürlich können wir nicht jeden falschen Kommentar korrigieren oder jede Lüge im Netz gerade rücken. Aber wir vertrauen darauf, dass zumindest die Menschen, die sich etwas mehr mit uns beschäftigen, unterscheiden können zwischen dem, was wir sind, und dem, was andere daraus machen.

Im Vorfeld hattet ihr betont, ihr möchtet nicht über den AfD-Song sprechen. Der ist ja ohnehin nur ein kleines Puzzle-Stück in der ganzen Geschichte, aber es wäre zumindest interessant zu wissen, warum ihr von dem Thema so genervt seid? Von außen habe ich es als ziemlichen Erfolg wahrgenommen.
Genervt ist der falsche Ausdruck. Wie vorhin schon erklärt: Wir haben mit dem Song, alles gesagt, was wir zum Thema sagen wollten. Danach würden wir uns nur dem Vorwurf aussetzen müssen, die Aussage zu entkernen und die Aufmerksamkeit einzig und allein auf uns als Band zu drehen. Das wollen wir vermeiden.

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Foto: Birte Filmer

 

 

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