Montag, 26.06.2017
Jerrilynn Patton aka Jlin

„Es fühlt sich sehr gut an, keinen Dayjob mehr zu haben“

Jlin

Jerrilynn Patton aka Jlin & a fan (Photo by Thomas Venker)

Der Rollstuhlfahrer an meiner Seite scheint selbst nicht glauben zu können, zu welcher Wildheit ihn das Set von Jlin angetrieben hat. Beobachtete er das Geschehen zu Beginn der Show im amerikanischen Durham, die Teil des dreitägigen Moogfests ist, noch ruhig und distanziert, so schüttelt er sich am Ende heftig im Takt beziehungsweise Untakt der Beats der Footwear-Produzentin aus Gary, Indiana. Nach dem Set sind sich alle einig: so düster und brachial war keine andere Performance des Festivals – was angesichts eines Lineups, zu dem unter anderem Hierogylphic Being, Ben Frost, Actress und Oneohtrix Point Never gehörten, durchaus etwas bedeuten will.

Überraschend kam dieser Auftritt im Frühsommer 2016 von Jerrilynn Patton, wie die Musikerin mit ganzem Namen heißt, freilich nicht. Immerhin hat ihr Debütalbum „Dark Energy“ 2015 dem etwas in die Jahre gekommenen Genre Footwear– hierbei handelt es sich um arhythmische Beats im bipolaren Clinch zwischen House, HipHop und Drum´n´Bass, angetrieben von Angst und Wut und nicht selten zelebriert mit einer an Happy Hardcore erinnernden Freude – eine massive Frischzellenkur beschert. Die Belohnung dafür war die oberste Platzierung in den Jahrescharts des britischen Wire Magazins und zugleich die Einbuchung als Soundtrack zur Modenschau von Rick Owens auf der Paris Fashion Week. Die Tracks von Jlin sprechen gleichermaßen Fashion-Hipster und Tech-Nerd an – und sind, wie nicht zuletzt der Auftritt in Durham zeigte, für wie geschaffen für den Dancefloor.

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Jerrilynn Patton aka Jlin in action at Moogfest (Photo by Thomas Venker)

Nachdem Jlin den Rollstuhlfahrer auf der Straße vor dem Club noch mal innig umarmt hat, setzen wir uns zusammen in die Lobby ihres Hotels. Es gilt über das gerade erlebte zu sprechen und all die anderen Fragen anzugehen, die „Dark Energy“ aufgeworfen hat. Aber zunächst berichtet Jlin von den aktuellsten Auswirkungen ihres unerwarteten Erfolgs: „Ich habe am 31. Dezember 2015 beschlossen, meinen Job zu kündigen – und es fühlt sich sehr gut an, keinen Dayjob mehr zu haben“, poltert es aus ihr heraus. „Es ist schwer, Musik zu erschaffen, wenn du immer den Arbeitsdruck spürst.“ Jlin arbeitete (wie die meisten in ihrer Region) in der Stahlindustrie. Eine harte Arbeit, aber auch eine relativ sichere. Weshalb ihre Mutter, die eine große Rolle in ihrem Leben spielt, erst mal skeptisch reagiert habe, berichtet sie. Dafür habe sie aber Verständnis, führt Jlin aus, für Eltern sei es nun mal das Wichtigste, zu wissen, dass ihre Kinder auch ohne sie überleben können.

Auf dem Weg zu dieser Gewissheit hin, hat sie aber rein zufällig die Karriere ihrer Tochter erst so richtig ins Rollen gebracht. Und zwar in dem sie ihr die Kardinalfrage schlechthin stellte: „Jlin, wie klingst du?“ – erst da sei ihr schlagartig bewusst geworden, dass all diese auf Samples basierenden Tracks, die sie bis zu diesem Zeitpunkt ihrer Karriere produziert habe, zwar toll und referenzreich gewesen seien, aber eben nicht die eigenen. Durch diese Einsicht sei es ihr möglich geworden, zu ihrer „Dark Energy“ zu finden. Dass sich im Kern dieser viele afroamerikanische Themenstränge finden, das verwundert kaum angesichts von 50% schwarzer Bevölkerung in Indiana und den damit verbundenen Problemen vor Ort. Mit „Black Diamond“ und „Black Ballett“ näherte sie sich diesen auf dem Debüt diesem Themenstrang an, bevor sie sich mit Tracks wie „Guantanamo“ und „Mansa Musa“ die daraus resultierenden großen zivilisatorischen Kriege vornahm.

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Jlin, „Black Origami“ (Planet Mu)

Mit ihrem neuen Album, das den Titel „Black Origami“ trägt, knüpft sie daran an – geht aber etliche Schritte weiter. Am offensichtlichsten bei „Carbon 7“, jenem Stück, das sehr konkret von Jlins Zusammenarbeit mit der Tänzerin Avril Stormy Unger beeinflusst ist. Die rhythmische Raffinesse, mit der Jlin hier agiert, ist atemberaubend, die Orte, von denen aus die Stimmfetzen und Perkussion-Sounds an uns herantreten, sind kaum noch zu benennen. Immer wieder legt uns die Autorin des Stücks quasi die Hand auf die Schulter, doch wenn wir uns umdrehen, ist sie bereits wieder wo ganz anders, ganz wie in einem besonders trickreich geführten Kung-Fu-Kampf. Die große Stärke von Black Origami“ liegt dabei in der Sicherheit, mit der Jlin ihr Klangnetz eigenwillig zu arrangieren weiß, in dem sie die Gesetze von Raum und Zeit auflöst und Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in eine geheimnisvolle Zwischenwelt verwandelt.
Die vier Kooperationen des Albums stellen in ihrer ausgestellten Signifikanz dabei bewusste Bruchstellen im Gesamtarrangement dar. Wobei das Spektrum der Strategien von der pathetische Geste einer kirchlichen Hymnologie (“Holy Child”, mit William Basinski) über hysterischen Hyperpop (“1%”, mit Holly Herndon), dramatischen Minimalismus (“Calcination”, mit Fawkes) bis hin zu Cut´n´Pop-Madness (“Never Created, Never Destroyed“, mit Dope Saint Jude) reicht.

„Das Album greift all die Veränderungen auf, durch die ich seit dem Debüt gegangen bin“, erzählt sie. „Der Titel ist wörtlich zu verstehen, denn genau so kreiere ich. Alles entsteht ausgehend von einem weißen Blatt Papier kommend, das ich stets neu falte. Das vorangestellte Schwarz repräsentiert dabei den offenen Raum, in dem ich mich bewege.“ Sie spricht davon, dass für sie künstlerische Auseinandersetzung mit dem eigenen Werk zwingend die Negation von Grenzen bedeuten müsse. Und den Mut sich gnadenlos in Frage zu stellen, nur wenn man sich nicht schone, könne man Musik für die Ewigkeit produzieren. “Black Origami” hat definitiv das Zeug zum Klassiker.

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Jerrilynn Patton aka Jlin feeling it at Moogfest (Photo by Thomas Venker)

 

Auf die Frage, ob sie denn einen großen Erwartungsdruck gespürt habe, schüttelt Jlin den Kopf: „Nur ich selbst treibe mich an. Selbst wenn ich neun Grammys gewinnen würde, wäre das kein Grund zur Zufriedenheit. Man muss sich dem Schmerz von Fehlern aussetzen. Ich will doch nicht Jlin die Brand sein, sondern stets Neues und Unerwartetes erschaffen.“
Wobei, wenn wir schon bei Zuschreibungen sind, dann sollten wir auch darüber reden, was den Sound von Jlin prägt. „Ich mag es nicht, wenn die Dinge perfekt synchronisiert sind“, startet sie die Ausführungen mit einer Negation. „Ich schätze das Unperfekte. Ich bin doch keine Maschine, sondern eine leidenschaftliche und verletztliche Person – und gerade diese Verletztlichkeit will ich mein Publikum durch meine Musik fühlen lassen.“ Wenn es dafür gelte, durch die Tiefen der angsteinflößenden Hölle zu gehen, dann sei das ein Preis, den sie zu zahlen bereit sei – damit verweist sie offen auf die eigenen, durch die künstlerische Praxis verursachten Bipolaritätsstörungen. Denn die Alternative, etwas Mediokres zu entwerfen, die könne es ja nicht sein. Nur dass es sich andere so leicht machen, das nerve sie. „Wenn ich mein Facebook öffne, sehe ich immer die Kommentare von all den Produzenten, die mehrere Tracks am Tag erschaffen“, faucht sie aufgeregt. „Ich kann froh sein, wenn ich es auf 16 Takte bringe. Aber ich kann einfach nicht anders. Für meine Art zu Arbeiten, sind Fehler und Blockaden notwendig – aber wenn sie aufbrechen, dann fühlt sich das großartig an.“
Und so ist es kein Zufall, dass das letzte Stück von „Black Origami“ den Titel „Challenge (To Be Continued)“ trägt.

Jetzt sei es aber genug mit den Fragen. Denn nach den Shows rufe sie immer ihre Mutter an, um dieser aufgeregt zu berichten, wie es gelaufen ist. Was sie ihr sage? „Die Wahrheit!“ Sie habe keine Probleme damit, selbstkritisch auf die Aufrtitte zu blicken, führt sie aus. Das Wichtigste sei es, immer zu wissen, was für ein Privileg man leben dürfe und dementsprechend an die Musik herauszugehen. „Egal wie müde ich bin, die erinnere mich immer daran, dass die Leute nur für mich kommen. Wenn dann so jemand wie der Rollstuhlfahrer auf mich zukommt, dann ist das so unglaublich berührend. Ich musste fast heulen.“

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