Freitag, 22.06.2018
Danielle de Picciotto & Friends in Conversation

Kirsty Allison: “Ich bin bereit, gegen den Mainstream zu publizieren.”

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Ich traf  Kirsty Allison in London im Februar 2015 nach einem meiner Konzerte im Café Oto. Kirsty hatte mich davor eingeladen, in London eine Lesung zu machen, da ich aber auf Tournee war, hat es nicht geklappt. Ich wollte sie aber kennenlernen, da sie am Puls von Londons Literatur- und Spoken-Word-Szene zu sein schien. Als wir uns dann nach der Show endlich trafen, haben wir uns sofort verstanden und sind seitdem in Kontakt geblieben.

Nicht lange danach wurde ich wieder nach London eingeladen, um bei einem Panel zu sprechen, und Kirsty bat mich, länger zu bleiben, damit wir ein Interview führen konnten, was ich tat und wir verbrachten einen wundervollen Nachmittag in einem leeren, sehr angesagten Londoner Café über unser Leben und Liebe sprechend.

Die Legende geht, dass sie das Interview dann nicht wie geplant in eines der Londoner Magazine platzieren konnte und so beschloss, ihr eigenes Fanzine zu gründen – “Cold Lips”  war geboren. Wenn Kirsty sich entschließt, etwas zu tun, macht sie es mit viel Energie: “Cold Lips” sollte Londons angesagtes Spoken-Word-/Fashion-Zine werden, eine Erweiterung Ihres “berüchtigten” Sylvia Plath Fanclubs, eine anti-literarische Clubnacht, in dem sie den Raum zwischen Literatur und Poesie erkundet und die sie im selben Jahr gegründet hatte. Mittlerweile hat Kirsty nun einige dieser wundervollen Ausgaben veröffentlicht und deren Release-Partys in ganz Europa organisiert. Auf diesen Partys kontaktiert sie nicht nur die vielen Dichter, die auftreten, sondern stellt auch ihre eigene Poesie und Spoken Word vor.

Kirsty Allison ist eine ausgebildete Journalistin, die für das BBC-Radio gearbeitet hat und in Vogue, The Guardian, Dazed, Elle, Ambit, Illustrated Ape und dem Opiate veröffentlicht worden ist. Sie arbeitete auch für Piratenstationen und tourte mit Irvine Welsh und Kris Needs in ihren frühen 20ern, als DJ und Poetin. Sie bereitet gerade eine Spokenword Tournee ihrer Gedichte für den Herbst 2018 vor und schreibt an ihren Debütroman, der bei Wrecking Ball Press veröffentlicht wird. Ich schätze die Energie und Zeit zutiefst, die sie in der Förderung und Veröffentlichung von Gedichten, Texten und gesprochenen Worten investiert, da ich feststelle, dass dieser Bereich in der Regel sehr vernachlässigt wird. Kirsty ist eine jener Menschen, die ihr eigenes Universum erschafft, egal wie schwierig oder herausfordernd es auch sein mag. Ich finde sie ist wunderbar und eine wahre Inspiration.

kirsty nu orleansDanielle de Picciotto: Kirsty, du arbeitest mit Sprache und bist als Journalistin, Spoken Word Artist und Hauptredakteurin und Gründerin des Magazins “Cold Lips” bekannt. Was fasziniert Dich an Sprache? Gibt es einen Unterschied beim Schreiben oder beim Aufführen von Wörtern?”
Kirsty Allison: Ich liebe die Beschränkung des Monochroms. Schwarz auf Weiß war schon immer meine liebevollste Einschränkung, und ja, ich weiß, man kann die Hintergrund- und Textfarben ändern, (und ich schreibe oft in lila Tinte ) aber obwohl ich in allen Medien gearbeitet habe, ist Schreiben weiterhin mein ein und alles und ich habe Hunderttausende von schwarzen Wörtern von mir auf weiße Hintergründe geworfen. Ich genieße die Qual, den exakten Funken des Ausdrucks zu finden, um zum Beispiel irgendwo die Farbe der Musik zu schaffen, oder die Schönheit der Farbe, die schön auf die Leinwand gelegt wird, oder den Schwung perfekt geschnittener Seide um den Körper, und finde die Grenzen der Wörter als unendlich schön, so wie Sterne und das Universum. Jede Grenze ist potentiell grenzenlos aber ich bin ziemlich synästhetisch und visuell präzise, ​​wenn ich also einen Teil dieser Herausforderungen auf ein Blatt Papier hebeln kann, fühle ich mich ruhig und habe das Gleichgewicht erreicht. Der Unterschied der Ausführung ist, dass ein Publikum diese Aufmerksamkeit nicht immer aufrechterhalten kann, es gibt so viel anderes in einer live Umgebung, Lichter oder einen feinen Cocktail in der Hand (besonders bei den Konzerten, die ich mache) oder Bands. Es gibt also viel mehr in dem Mix, mit dem man spielen muss und ich bin kein ausgebildeter Interpret und war immer mehr ein DJ als eine Sängerin. Ich habe mich dann mit den mechanischen Unterschieden zwischen dem, was auf der Papier Seite funktioniert, und dem, was als Performance funktioniert, hin und her bewegt und jetzt habe ich meinen Rhythmus, die zwei Tänze und Drehungen gefunden und habe aufgehört, mich um die Prinzipien zu kümmern. Ich werde immer besser darin auf der Stimmung eines Publikums zu surfen und es ist suchterzeugend. So als ob man sein Herz in die Hand nehmen würde. Gute Poesie bringt Menschen zusammen, und es gibt nichts Besseres als dazu anzustiften.

Danielle de Picciotto: Was suchst du in der Literatur? Wer sind deine Lieblingsschriftsteller?
Kirsty Allison: Ich suche nach Schönheit. Da ich seit meiner Jugend als Journalistin und Schriftstellerin kommerziell arbeiten musste, schätze ich den Luxus, sich über ein Pergament auszubreiten zu können. Ich liebe, was Gay Talese, Joan Didion, Tom Wolfe und Hunter S. Thompson für den Journalismus getan haben, aber es gibt selten Platz für literarischen Journalismus oder Redakteure, die es sich leisten können, diese Fähigkeiten zu fördern. So liebe ich die metaphorischen Muränen von DBC Pierre, die üppige Magie von Angela Carter, aber auch die wundervolle Beschränkung von Paul Auster und die „Punkzerschneidung“ fremder Worte, die ich ihm entnommen habe, ebenso wie die Poesie von Thurston Moore. Es gibt einen Mangel an Arroganz in vielen US-Schriften, die ich sehr schätze – Rob Plath zum Beispiel, den ich immer gerne in “Cold Lips” veröffentliche; er gab uns das letzte Interview mit Dan Fante.
Ich bin mit Irvine Welsh aufgewachsen, und was er getan hat, um den Kanon dessen, was wir als Literatur empfinden, zu durchbrechen, ist ein Bruch, der in der Mainstream-Literatur heutzutage nicht angenommen wird, und wir sind dafür umso ärmer. Er ist ein obsessiver Geschichtenerzähler und scheint auf wundersamer Weise unversehrt von der Selbstbewusstseinsstörung der Autoren zu sein, die in der zeitgenössischen, kommerziellen Sphäre operiert, in der die zerstörerischen Selbstwahrnehmung den eigentlichen Prozess überdeckt. In der Vergangenheit habe ich Michel Houellebecq und Hanif Kureishi und andere Bestseller wie Donna Tart geliebt. Sie ist eine erwachsene Jackie Collins, sie spinnt so viele Wörter auf ihre Seiten… und obwohl ich versuche, mich aus den Rängen des erzieherischen Privilegs heraus zu ziehen (um Huncke, Dan Fante, David Noone zu entkommen) kann ich es nur anstreben, Menschen zu begleiten so wie sie es tun. Ralph Ellisons “Invisible Man” beeindruckte mich und Tom Spanbauer.
Ich hasse es, Klappentexte zu lesen, und wenn ich den Leuten Bücher gebe, sind sie oft überrascht, dass es keine gibt, denn ich reiße sie ab. Ein Buch wird vom Autor von der ersten Seite an entworfen, also soll man es auch lieber so lesen als erst den Klappentext.
Ich bin immer noch dabei die Klassiker nachzuholen und werde dies auch für immer tun. Bulgakov ist einer, den ich gerade entdeckt habe. Ich bewundere die meisten Autoren, die es schaffen, mich bis zum Ende zu fesseln: Deine Bücher zum Beispiel, Danielle, liegen auf meinem Schreibtisch neben John King, Poppy Z. Brite, Ausdrucke von Trocchi, John Niven, Nabakov, Jacqueline Susann, Martin Amis, Hans Fallada, Hermann Hesse, und Balzac  – ich lese alles! Ich verteile die Bücher im Haus, und mein Heim ist ein bisschen wie ein Musikbuchladen, ich lese sehr viel als Kunstredakteurin für das DJ Mag: Akalas Polemik über Rasse ist ein perfektes Gegenmittel für die Rhetorik der Massenmedien-Propaganda – das ist nur der DONE-Stapel, aber das IN-Fach bleibt selten leer. Eine Abhandlung über weiße Magie von Alice A. Bailey ist das beste Selbsthilfebuch, das ich gefunden habe , es war ein Geschenk und ein Lieblingsbuch von Lou Reed. Ich tauche immer noch darin ein.

KIRSTY PRESS SHOTDanielle de Picciotto: Welchen Charakter nimmst du an, wenn du Gedichte vorträgst?Ist es ein anderer als in deinem Alltag?
Kirsty Allison: Ich bin härter auf der Bühne. Ich habe eine Brüllphase durchgemacht, weil Poesie ein Exorzismus unserer Zeit sein kann, sogar die Liebespoesie ist ein Überlebenskampf. Ich werde aber weicher. Ich bin mehr „ich-selber“ auf der Bühne, weniger verwässert. Wir müssen uns verdünnen, um im banalen Alltag zu überleben. Die Bühne kämpft dagegen an.

Danielle de Picciotto: Du hast “Cold Lips” 2015 veröffentlicht. Warum ist es deiner Meinung nach wichtig, Printmedien im Vergleich zu digitalen Medien zu haben?
Kirsty Allison: Es ist, als wäre man manchmal in Barbarellas unterirdischem Druckbunker. Einige unserer Autoren haben sehr ernsthafte Bedenken, ihre Worte auch online zu teilen, da der Sinn der Veröffentlichung von etwas Wertvollem darin läge, ein Element des Subversiven zu haben. Dass ihre Wörter und Überzeugungen ihre Fähigkeit finanziell zu überleben negativ beeinflussen kann, ist eine Realität. Im Grunde werden wir in der kommerziellen Welt keine Jobs bekommen, wenn wir sie kritisieren, also schaffen wir uns unsere eigene Welt. Unser Dialog für alternative Möglichkeiten ist zu heftig für die Massen und soziale Medien sind das größte Gefängnis des Bewusstseins auf dieser Ebene.
Natürlich gibt es auch Positives im Digitalen: wir erreichen Leute, die uns nicht kennen, und einige der Inhalte, die wir online für “Cold Lips” erstellen, sind herausragend, wie der Film von Billy Childish, den wir bald auf der Seite veröffentlichen werden. Aber es ist nur eine Erweiterung dessen, was wir im Druck machen wollten. Bei uns kommt nicht erst das Digitale und dann das Papier. Als erstes kommt bei uns immer das Blatt Papier. Wir wollen keine Geschichten als multimediale 360er-Erlebnisse erzählen, das habe ich kommerziell gemacht, und ich habe hart dafür gekämpft, einen Punkt zu erreichen, an dem ich bereit bin, gegen den Mainstream zu publizieren. Wir leben in sehr gefährlichen Zeiten, und nur wenige Menschen sind mutig genug, dies zuzugeben oder haben die Fähigkeit, ihre Hälse gegen das System, das sie versklavt, in die Waagschale zu werfen. Digitale Existenz ist ein ständiges Thema in meiner Arbeit, Diskussionen, Panels, Kunst, Poesie, aber das liegt daran, dass meine Bücher mir immer am wichtigsten sein werden, obwohl ich immer ein Telefon in der Hand halte. Der Luxus von Malerei, Musik, Film und Mode ist zweitrangig. Die Arbeit innerhalb der Parameter von 250g-Covern erfüllt mein Bedürfnis nach Restriktion und in diesem Fall gegen die Ausbreitung digitaler Inhalte. Jede Ausgabe wird straffer und obwohl viele der Ideen Essay basiert sind, muss es dies nicht unbedingt sein. Es ist gut, sich in den Medien zu bewegen, aber ich lebe gerade für das Papier.

Danielle de Picciotto: Was will “Cold Lips” repräsentieren? Einen bestimmten Stil?
Kirsty Allison: Wir wollen die Subkultur am Leben erhalten, Ideen befruchten, Gespräche führen, sie zu einem sicheren Ort für radikale Schriften machen und Menschen Gelegenheiten geben, die sonst nirgends zu finden sind, zum Beispiel solche, die die berüchtigt sind oder neu, mal bekannt gewesen oder auch nicht, wir alle eben. Ein Einblick in die Leben und das Werk von Leuten geben, die verdammt cool sind. Wir haben einen Verhaltenskodex auf unserer Website: all jene Mitwirkende erhalten einen Presseausweis , die damit einverstanden sind, uns ein Foto zur Verfügung zu stellen. Es gibt so viel Lärm und Ego in der kreativen Welt, da möchten wir es vermeiden genauso zu verfahren. Es gibt zu viele “öffentliche Figuren” auf Instagram, die nur öffentlich sind, weil sie davon besessen sind wie sie von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Das ist im Allgemeinen ein Bedarf der sich auf einen Finanzindex und nicht auf einen geistigen Index bezieht. Wir versuchen, eine privatere Welt zu schaffen, nicht im Sinne der privaten Tory- Club-Welt, die damit davon kommen, Koks zu nehmen, obwohl es illegal ist. Wir wollen nicht mit dem Kopf durch die Wand, sondern nur mit dem, was du an dir trägst, zum Beispiel deine Tischmanieren oder so – als ob ich mit meinen Händen esse.
Ich treffe Leute, die cool sind, und solche, die uncool sind – das Leben ist zu kurz, um sich verarschen zu lassen. Um den Slogan Arthrob, dem Plattenlabels meines Freundes Ernesto Leal zu zitieren: “Wir beschäftigen uns nicht mit Idioten!” In puncto Stil geht es mir darum, die intelligenten, rockig-nackten, progressiven und noblen Texte der Folk-Ära mit etwas Punk-Acid-House-Spirit zu verbinden.

Danielle de Picciotto: Woran arbeitest du gerade?
Kirsty Allison: Ich habe meine erste EP aufgenommen – sie erscheint passend zur “Cold Lips”-Party am 15. Juni im Londoner Club The Social. An dem Abend spielen unter anderem Sex Cells und ein neuer elektronischer Akt, auf den ich mich freue: Voodootron. Wir haben das Vergnügen das Lol Hammond und Douglas Hart auflegen, und ein Super-Special-Autor wird dabei sein. Zudem findet die Premiere des Billy Childish Kurzfilms statt. Nach einer gerade absolvierten, kleinen Tour durch Amsterdam, Berlin und Riga folgen nun Auftritte in London und auf Festivals. Im August zeige ich ein paar Kunstwerke in einer Ausstellung in der Galerie 46. Außerdem habe ich neulich für den Film “Doubleplay” mit Gil De Ray zusammengearbeitet. Ich spiele darin einen abgefuckten Filmstar namens Grace Rider.

Danielle de Picciotto: Was planst du für die Zukunft?
Kirsty Allison: Mein Roman wird nächstes Jahr veröffentlicht. Shane Rhodes von Wrecking Ball Press wird das Buch heraus bringen – Shane ist der Coolste. Dan Fante verließ Canongate, um von ihm veröffentlicht zu werden. Er hat auch Will Self, Adelle Stripe, Tony O’Neill veröffentlicht. Er ist ein großartiger Dichter, und ich bin sehr stolz darauf, dass jemand seines Formates sich so sehr darum kümmert, meine Worte zu Papier zu bringen. Darüber hinaus, lebe ich jeden Tag so, als ob es mein letzter wäre!

 

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