Montag, 26.06.2017
Masha Qrella

Wissen um die Geschichte und Biografie des Anderen.

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Masha Qrella, fotografiert von Diana Näcke

 „Willkommen in der Disco der Innerlichkeit”,  so preist das Label Masha Qrellas neues Album an, was eine schöne Beschreibung für Qrellas Gesamtwerk ist, dieses Mal aber nicht ganz zutrifft. Denn „Keys“ klingt einerseits sehr vertraut und typisch Qrella-esk, ist aber doch ganz anders: Zum Beispiel hat Masha die Platte allein aufgenommen und produziert (also ja, Innerlichkeit), die Songs aber drängen ganz klar nach draußen, ins Freie, auf die Tanzfläche, in die Clubs. „Keys“ präsentiert Masha Qrellas poppige Seite – die es schon immer gab, ganz nebenbei -, bringt große Melodien und Momente des Glücks. Kein Wunder, dass Dirk von Lowtzow beim Anhören der Platte durchs Zimmer tanzte, das werdet ihr auch tun.

“Keys” ist dein bisher poppigstes und eingängigstes Album – hat sich deine Arbeits-/Herangehensweise ans Musikmachen verändert? Wenn ja, wie?
Masha Qrella: Ich glaube meine Songs waren auch früher schon in der Anlage ziemlich poppig, nur nicht so ausformuliert. Ich hatte immer großen Respekt vor ersten Entwürfen, Songskizzen. Oft fand ich sie stärker als die “produzierten” Songs und hatte das Gefühl, im Produktionsprozess geht mehr verloren als dazu kommt. Deshalb ist mein erstes Album “Luck” auch ein Album voller Skizzen. Das ist das Besondere und Schöne an dem Album, gleichzeitig aber auch etwas, das man nicht so oft wiederholen kann. Mein zweites Album „Unsolved Remained“ war experimenteller, von Kooperationen mit Künstlern wie Rechenzentrum und dem Einfluss elektronisch generierter Musik geprägt. Danach lag der Fokus mehr beim Songwriting. Bei “Keys” kommt vieles zusammen. Ich hab zum ersten Mal ein Album nicht nur selbst aufgenommen, sondern auch selbst gemischt und fühlte mich dem Produktionsprozess nicht mehr so ausgeliefert. Ich konnte mehrere Versionen eines Stückes aufnehmen, ohne dabei die Vision für den Song zu verlieren, aber auch für das Album als Ganzes.

Hast du in der Entstehungsphase von “Keys” andere Musik gehört? Wenn ja, welche? Wer beeinflusste, oder sagen wir beeindruckte dich in dieser Zeit?
Wenn ich selber Songs schreibe, höre ich fast gar keine Musik. Die Inspiration für Songs kommt eigentlich immer aus der Begegnung mit Menschen. Aber ich hab Phasen, in denen ich viel Musik höre. Als ich in den Wedding gezogen bin, war der absolute Dauerbrenner ein Album, das mir ein Freund zum Einzug geschenkt hat: “Too Slow to Disco”, eine Kompilation von Westcoast-Songs. Ein bisschen von dem Spirit hört man vielleicht auch auf “Keys”. Wie auch eine andere Platte, die ich zum Einzug geschenkt bekommen habe: “The English Reviera”von Metronomy. Ich liebe diese Platte, vor allem den Song “The Look”. Auch für die Simplizität und Transparenz des Sounds. Jedes Instrument, jede Stimme hat seine Bühne, seinen Moment. Nichts ist aufgepumpt, verfremdet oder verschraubt. Ich glaube, die Soundvorstellung für “Keys” ist stark davon beeinflusst. Als ich mich mit der Frage beschäftigt habe, wer “Keys” mischen könnte, habe ich nachgeschaut, wer “The English Reviera” produziert hat. Ich war total geflachstdass es der Sänger Joseph Mount selbst war und dachte mir: Das macht total Sinn und so mach ich das auch.

Wem spielst du neue Songs als erstes vor? Oder hältst du sie unter Verschluss, bist du denkst, dass das Album fertig ist?
Nur meine Band hört manche der Songs in frühen Stadien oder auch ganz vertraute Freunde. Dem Label hab ich das Album zum ersten Mal geschickt, als es gemastert werden musste.

Welcher Song vom neuen Album ist dir am wichtigsten und warum?
Kann ich gar nicht so genau sagen. „Ticket To My Heart“ steht vielleicht exemplarisch für vieles, was für mich und dieses Album eine große Rolle gespielt hat. Es ist ein Liebeslied und eine Momentaufnahme, aber auch eine Liebeserklärung an die Performancegruppe Gob Squad, ein Hinterfragen von Rollen und Klischees, ein Perspektivwechsel. „Keys“ wiederum ist die melancholische, zweifelnde Kehrseite, vielleicht der Schlüssel zu diesem Album. „DJ“ ist ein Song über Berlin und meinen langjährigen Freund Hannes Lehmann, den ich kenne und mit dem ich Musik gemacht habe, seit ich 16 bin, und der auch jetzt wieder bei meinen Live-Konzerten dabei ist. So hat jeder Song seine Geschichte und ich bin dankbar für diesen Spiegel einer für mich sehr wichtigen Zeit.

Im Video zu “DJ” bist du sehr präsent – musste dich die Regisseurin überreden oder hattet ihr gemeinsam die Idee?
Sie musste mich nicht überreden. Ich bin gern vor ihrer Kamera. Ich mag den Blick, den sie auf mich hat. “DJ” ist eine Hommage an die Zeit, die wir drei (Hannes Lehmann, der DJ aus dem Video, Diana Näcke, die Regisseurin und ich) zusammen verbracht haben. Ein Abend, an dem wir Hannes beim Auflegen begleitet haben, die Kamera immer dokumentarisch, so als wäre sie gar nicht da. Auch ich hab mich nur kurz vor schwarzen Mullton gesetzt und den Song einmal gesungen. First Take. Ich liebe so etwas. Aber in der ganzen Leichtigkeit der Entstehung liegt eine Vertrautheit und gemeinsam verbrachte Zeit, Wissen um die Geschichte und Biografie des Anderen. Darum geht’s auch in diesem Song, der sowohl Hannes’ als auch meine Geschichte erzählt.

Das „DJ“-Video wird auf dem New York City Independent-Film-Festival laufen – wie wurde man auf dich aufmerksam, oder bewirbt man sich?
Die Regisseurin des Videos hat es bei verschiedenen Filmfestivals eingereicht. Neben dem New York City Independent Film Festival ist es unter anderem. auch vom Hong Kong Arthouse Filmfestival ins Programm genommen worden. Die Verbindung aus Noir-Stil, dokumentarischer Erzählweise, aber auch das lesbare Filmzitat („Kes“des britischen Filmemachers Ken Loach) und der Bezug zur englischen Subkultur Northern Soul – das alles greift die melancholische Tristesse des Songs auf, der eigentlich von Berlin erzählt und dem Zustand, in dem man sich in dieser Stadt wieder finden kann und macht den Song universeller, lesbarer. Gleichzeitig bleibt das Video aber total bei Hannes und mir. Es ist einfach ein tolles Musikvideo.

Stand von Anfang an fest, dass “Keys” der Albumtitel wird? Ich finde das ja ein sehr starkes Bild mit den Schlüsseln…
Ich hatte kurz überlegt, das Album “Ticket To My Heart” zu nennen, aber ich fand “Keys” auch das stärkere Bild und eigentlich auch den zentraleren Song des Albums, mit dem Berlinbezug und auch der melancholisch skeptischen Sicht. Auch im Hinblick auf das Cover waren da sofort mehrere Ebenen. Hinter den einzelnen Buchstaben von KEYS, durch die man jetzt wie durch ein Schlüsselloch schaut, verstecken sich vier Charaktere, deren Identität sich später durch ein Video auflösen wird. Jeder Song könnte außerdem ein Schlüssel zu einer Geschichte sein…

Du hast “Keys” wie bereits angesprochen allein produziert. Nochmals etwas konkreter: worin bestehen für dich die Vorteile im Selbermachen? Was machst du heute anders als früher mit Mina oder Contriva?
Das mit Contriva und Mina ist mittlerweile so lange her, dass ich das gar nicht mehr richtig sagen kann. Es hat mit dem, wie ich jetzt arbeite und schreibe nicht mehr viel zu tun. Ich arbeite gern und immer wieder auch mit anderen Leuten zusammen, aber im Fall von „Keys“ hatte ich eine so klare Vision, dass ich mich nicht in die Situation begeben wollte, meine Vision von den Songs irgendwie verteidigen zu müssen.

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Masha Qrella, fotografiert von Diana Näcke

In der letzten Spex hält Kerstin Grether ein flammendes Plädoyer für die Band als “Bande” – kannst du das nachfühlen? Ist man als SolokünstlerIn autark oder eher autistisch?
Bands sind toll. Die „Bande“ kann ich mehr als nachvollziehen. Auch ich habe ein besonderes Verhältnis zu der Zeit und den Bands, in denen ich gespielt habe. Die Identifikation damit war sogar so groß, dass ich mich noch Jahre später in Interviews darauf bezogen habe, obwohl es die Bands schon gar nicht mehr gab und meine Soloalben eine komplett eigene Sprache gesprochen haben. Mich beeindruckt auch das Prinzip des “Künstlerkollektivs”. So wie es Rechenzentrum mal waren oder Gob Squad sind. Im Moment würde mich so ein genreübergreifendes Kollektiv tatsächlich mehr interessieren als ein ausschließlich musikalisches. Und was das Arbeiten als Solokünstlerin betrifft – Ich liebe es, stundenlang allein im Proberaum/Studio zu sein und an Songs zu arbeiten. Das hat sicherlich auch eine eskapistische Komponente, aber keine autistische. Ich kann einfach die Tür zu machen und bin dann allein mit mir und der Musik.

Kürzlich erschien ein aufrüttelnder Artikel über die (beschämend untergeordnete) Rolle von Frauen in der deutschen Indie-Landschaft. Beklagt wurde struktureller Sexismus und das Ungleichgewicht von männlichen und weiblichen Acts zum Beispiel auf Festivals. Wie siehst du das?
Es stimmt schon, dass vor allem auf der Business-Seite deutlich mehr Männer als Frauen sind und es gibt Situationen, in denen mich das nervt. Ich hatte allerdings mit dem Support von Gudrun Gut für mein erstes Album eine starke Frau hinter mir. Mir ist das gar nicht aufgefallen, es war einfach so. Frauen versus Männer in der Musik – das war für mich sehr lange gar kein Thema. Als ich
angefangen habe Musik zu machen, bin ich selbstverständlich davon ausgegangen, dass ich den gleichen Zugang zur Musik habe wie Jungs. Mit dem zweiten Album bin ich dann zu Morr Music gewechselt. In der Firma arbeiten tatsächlich nur Männer. Aber das war die Plattform, die für das Album damals richtig war. Für mich war das in erster Linie ein anderes Indie-Label, mit dem ich mir vor allem international mehr Reichweite erhofft habe. Aber mir hat der persönlich Support und die Begeisterung, die ich von Gudrun Gut und Chrissie Kiefer, die damals die Promo für mein erstes Album gemacht hat, gefehlt. Ich bin später immer wieder auf die “untergeordnete Rolle” oder die Klischeeposition, die man als Frau in der Popmusik hat angesprochen worden. Diese Fragen haben mich für das Thema sensibilisiert. Aber trotzdem hat es für mich aus anderen Gründen nicht so eine Rolle gespielt. Ich bin im Osten aufgewachsen, und klar gab es da auch Sexismus und Ungleichgewicht, aber man konnte da als Kind auch komplett anders aufwachsen. Meine Kindheit war von meinem großen Bruder und seinen Freunden geprägt und meine Mutter hatte in der Familie alles andere als eine untergeordnete Position. Ich bin einfach in dem Glauben aufgewachsen, Jungen und Mädchen können das Gleiche machen. Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Du hast ein Album mit Weill/Loewe-Stücken aufgenommen, machst Filmmusik, unlängst bist du im HAU mit einem Song für Heiner Müller aufgetreten – gibt es für dich spürbare Grenzen zwischen Indiepop und “E”-Musik?
Ich gerate gerne in andere Kontexte, mich inspiriert das. Und gleichzeitig gibt es für mich keine wirkliche Trennung. Ich kann nur schwer aus einer distanzierten Position heraus kreativ sein. Ich muss etwas finden, das mich persönlich betrifft und das Thema zu meinem macht.

Im Presseinfo zu „Keys“ steht: “Qrellas Schüchternheit scheint endgültig verschwunden” und “willkommen in der Disco der Innerlichkeit” – empfindest du dich selbst als schüchtern oder introvertiert? Und wenn ja: Wie kommst du damit als Performerin zurecht?
Ich stehe auf Authentizität beziehungsweise glaube ich, dass mir das steht. Und dazugehören schüchterne oder introvertierte Momente.

Welche Rolle spielt Berlin für deine Arbeit?
Ich bin hier geboren, aufgewachsen und lebe hier. Früher hätte ich gesagt ich liebe Berlin, aber das tue ich glaube ich gar nicht mehr. Aber Berlin ist gewollt oder ungewollt immer präsent und ist immer wieder auch Thema in meinen Songs.

 

Masha Qrella Live:
01/04 Düsseldorf – Kassette
02/04 Offenbach – Hafen 2

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